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Mein Abenteuer

Miriam, Vereinigtes Königreich von Großbritannien und Nordirland, 2011/12, Community Service Program

Mein Abenteuer

Nach dem Abitur entschied ich mich dazu, nicht gleich mit dem Studium zu beginnen, vielmehr wollte ich für ein paar Monate in ein anderes Land reisen und einen ganz neuen Alltag und eine fremde Kultur erleben. Da ich schon immer für England und den englischen `way of life` schwärmte, machte ich es mir zur Aufgabe, gezielt nach einem sozialen Projekt auf der britischen Insel zu suchen. Schnell stieß ich während meiner Recherchen auf AFS. Diese Organisation bot soziale Dienste in verschiedene Länder, unter anderem Großbritannien, an und machte mich gleich neugierig. Auf mehreren Vorbereitungsseminaren erfuhr ich mehr über das englische Land, den sozialen Dienst, meine Rechte und Pflichten als Freiwilliger und auch über die Schwierigkeiten, die eventuell während meines Aufenthaltes auf mich zukommen würden.

Neben der Angst vor vielem Neuen und Unbekannten, überwog dann doch die Neugier auf den neuen Lebensabschnitt, den ich nun beginnen würde. Endlich auf eigenen Beinen zu stehen und etwas ganz neues auszuprobieren: Nach 13 Jahren Schule und einem sicheren und eher behütetem Leben zu Hause mit meiner Familie war das genau das, wonach ich mich sehnte und so entschied ich mich, meinen Community Service bei Vitalise in der Jubilee Lodge zu absolvieren.

Arbeit und Leben in der Jubilee Lodge

In der Lodge angekommen wurde ich dann auch sofort in meine neue Arbeit hineingeworfen. Vitalise ist ein britisches Unternehmen, welches Ferien für behinderte Menschen und ihre Betreuer anbietet. Dabei können die Behinderten, die vom staff einzig `guests` genannt werden mit ihren Betreuern oder auch alleine das Center besuchen, wo sie individuelle Pflege von Pflegepersonal erhalten. Insgesamt gibt es in diesem Center ungefähr 20 Mitarbeiter und 20 Freiwillige, die aus der ganzen Welt kamen. So wohnte ich mit jungen Menschen zwischen 17 und 26 aus aller Herren Länder, wie Ecuador, Peru, Ghana, Südkorea, Japan, Australien oder auch Schweden, zusammen. Natürlich birgt der Zusammenprall der vielen verschieden Nationalitäten und Lebensweisen auch einige Schwierigkeiten. Manche konnten nur sehr wenig Englisch, sodass die Verständigung ab und zu problematisch war und bei der Arbeit zu Missverständnissen führte.

Miriam und ihre Freundinnen mit AFS als Freiwillige in Großbritannien

Doch nach kurzer Zeit erkannte ich die Vorteile die es bringt, mit so vielen unterschiedlichen jungen Menschen auf einem Flur zu wohnen und zu arbeiten. Gerade auch durch die Arbeit mit Behinderten, welche teils Verständigungsprobleme hatten, lernten wir, dass Worte manchmal gar nicht so wichtig sind und Körpersprache und ein freundliches Lächeln viel mehr Bedeutung haben. Außerdem befanden wir uns alle in der gleichen sozialen Situation und konnten uns gegenseitig bei Heimweh oder ähnlichem helfen. Und ich lernte so viel über die anderen Nationen, zum Beispiel wie man in Ghana in schwierigen Situationen handelt, wie man in Peru Weihnachten feiert oder wie man in Australien oder Südkorea mit Behinderten umgeht. Und natürlich hatte ich immer jemanden, mit dem ich etwas unternehmen konnte, denn irgendjemand hatte immer Zeit und Lust.

Leaning by doing

Eine lange Einarbeitung erhielt ich für meinen Aufgabenbereich nicht, vielmehr stand bei Vitalise das Prinzip `learning by doing` im Vordergrund. Jeder Freiwillige erhielt einen Mentor, der ihm die wesentlichen Dinge in der Pflege und im Kontakt mit den Gästen vermitteln sollte. So lernte ich von meinem Mentor John, einem älteren, lebenslustigen, quirligen Herrn, wie viel Freunde die Arbeit mit behinderten Menschen bereiten kann. Während er mit mir das Kapitel durchging, wie man Männer morgens verletzungsfrei rasiert, erklärte er mir nebenbei, wie sehr er die Arbeit schätze. Auch erzählte John mir, dass behinderte Menschen ein genauso tolles und erfülltes Leben wie wir führen und sie auf keinen Fall unser Mitleid haben wollen. Johns Erklärungen halfen mir später gut, um manch eine Situation besser zu verstehen und das Verhalten mancher Gäste zu interpretieren. Trotzdem ist man natürlich am Anfang manchmal überfordert oder hilflos, gerade wenn man, wie ich, noch nie mit Behinderten zusammen gearbeitet hat, geschweige denn Kontakt mit Behinderten oder Erfahrungen mit dem Ausführen von körperlicher Pflege hat. Aber glücklicher Weise waren die Gäste sehr verständnisvoll und hilfsbereit und unendlich geduldig, wenn ich ihnen erklärte, dass ich noch nie einen Stomabeutel entleert habe oder noch nie einen Katheterbeutel ausgewechselt habe.

Momente der Dankbarkeit

An eine Situation zu Beginn meiner Arbeit erinnere ich mich hierbei noch genau. Ich sollte morgens zu einem Gast gehen und ihr bei der körperlichen Hygiene und beim Anziehen helfen. Bei diesem Gast handelte es sich um Margareth, einer etwa 55-jährigen netten Dame mit der Huntington Krankheit, welche dazu führt, dass man mehr und mehr seine Muskeln nicht mehr kontrollieren kann und ungewollte Bewegungen ausführt. Margareth konnte ihre Beine nicht mehr bewegen. Auch das Sprechen fiel ihr schwer, neben Lauten benutze sie fast nur eine Tastatur, die seitlich an ihrem Rollstuhl befestigt war und auf der sie Buchstaben mit der Nase eintippte.

An diesem Morgen wollte ich Margareth beim Duschen helfen und sie nach dem Abtrocknen sofort anziehen. Doch Margareth drehte, als ich ihr den Pullover über den Kopf ziehen wollte, immer nur den Kopf weg und deutete ins Bad. Ich ging im Kopf sämtliche Sachen durch, die sie vielleicht haben wollen könnte und fragte sie jedes Mal, doch bei jeder Frage verneinte sie. Ich war schon ganz verzweifelt und hätte ihr am liebsten einfach den Pullover über den Kopf gezogen, auch Margareth war schon ganz niedergeschlagen, bis mir eine Creme auffiel, die neben dem Spiegel stand und die bei rollstuhlabhängigen Patienten die Durchblutung in den Beinen förderte.

In Ihrem Auslandsjahr arbeitet Miriam in einer Einrichtung für behinderte Menschen

Endlich, freute ich mich, hatte ich Margareths Anliegen herausgefunden und auch sie war sichtlich erleichtert. Als Margareth später schließlich angezogen und fertig fürs Frühstück war, baute ich ihre Tastatur am Rollstuhl an und plötzlich begann sie die Worte `Thank you` einzutippen. Da war ich mit einem Mal ganz gerührt und spürte Tränen aufsteigen, denn trotzdem Margareth so einen anstrengenden und mühevollen Morgen mit mir gehabt hatte, hatte sie meine Hilfe geschätzt und sich sogar bedankt. Solche Momente erlebte ich während meines achtmonatigen Aufenthaltes immer wieder und solche Situationen haben mir schließlich gezeigt, wie wichtig das eigene Verhalten gegenüber anderen Menschen ist und wie bedeutsam es ist, das Tun anderer wertzuschätzen.

Positive Arbeitsatmosphäre

Ich hatte den Eindruck, dass unter den Mitarbeitern ein sehr gutes Arbeitsklima herrschte. Alle versuchten freundlich und hilfsbereit zu sein und bei Problemen gemeinsam nach einer Lösung zu suchen. Auch unter den unterschiedlichen Arbeitsbereichen, wie Küche, Reinigungspersonal und Pflegepersonal gingen alle kollegial miteinander um. Diese positive Einstellung war ein Grundpfeiler der Einrichtung, denn schließlich sollte sich diese Atmosphäre auch auf die Freiwilligen und die Gäste übertragen und ihnen somit einen schönen und unvergesslichen Urlaub bereiten.

Insgesamt arbeitete ich 40 Stunden in der Woche, wobei ich in jeder Woche zwei zusammenhängende Tage frei hatten, die aber nicht unbedingt immer auf die Wochenendtage fielen. Als Freiwilliger arbeiteten wir entweder in der Frühschicht, die von 7.30 bis 17.30 ging oder in der Spätschicht, die von 17.00 bis 23.00 stattfand. Die Frühschicht begann immer mit der Übergabe der Vorkommnisse der vergangenen Nacht. Eine Krankenschwester übermittelte uns, ob es einem Gast besonders schlimm ergangen sei oder ob wir bei jemandem auf etwas Besonderes acht geben müssten.

Danach erfolgte die Übergabe auf die Kurzzeitfreiwilligen, das waren Freiwillige, die für ein oder zwei Wochen zu Vitalise gekommen waren, um uns für kurze Zeit zu unterstützen. Danach wurden wir in morninggroups aufgeteilt, die meist aus fünf bis sechs Personen bestanden und denen je nach Ausbuchung des Centers bis zu sieben Gästen zugeschrieben waren. Von acht bis zehn Uhr weckten wir dann mit den anderen Mitgliedern unserer morninggroup die uns zugeteilten Gäste auf. Das umfasste je nach Wunsch eine Dusche im Bad oder das Waschen im Bett. Danach wurde beim Eincremen, Anziehen, Schminken oder Packen der Sachen für den Tag geholfen. Je nach Behinderungsgrad konnte das pro Gast bis eineinhalb Stunden dauern. Waren wir mit unserer morninggroup fertig, ging es dann in den Frühstücksraum, wo wir anderen Gästen beim Frühstück halfen, Essen anreichten oder neben den Gästen selbst Frühstück aßen.

Trips durch London

Montags bis donnerstags ging es dann gegen halb elf auf einen Trip, der im Vorfeld organisiert worden war. Meistens fuhren wir in ein Shoppingcenter, sahen Städte in der Umgebung an oder nahmen die Möglichkeiten Londons wahr, indem wir dort zu Sehenswürdigkeiten, Museen oder Theatern fuhren. Da auf den Trips eins- zu- eins Begleitung vorgesehen war, hatte man hier auch die Möglichkeit mehr Zeit mit einem einzelnen Gast zu verbringen, sich intensiv mit ihnen zu unterhalten und mehr über ihre Lebensgeschichte zu erfahren. Mein Lieblingsausflug war der theatre- Trip. Ungefähr einmal pro Monat organisierte die Lodge einen Ausflug zu den Musicalshows von London. Da wir Freiwilligen als Begleiter der Gäste galten, mussten wir demnach nur sehr wenig Eintritt zahlen, hatten aber die Chance großartige Musicals, wie Mamma Mia, Phantom der Oper oder König der Löwen zu schauen. Nach einer mitreißenden Darbietung dann aus dem Theater zu kommen und die glitzernden Lichter des nächtlichen Londons zu sehen, hatte immer eine ganz besondere Atmosphäre.

Urlaub

Freiwillige Miriam bei ihren Reisen am Meer

Neben meinen zwei freien Tagen in der Woche hatte ich auch insgesamt 23 Urlaubstage, die sich aus meinem achtmonatigen Aufenthalt errechneten. Die Zeit nutze ich um England und ganz Großbritannien kennen zu lernen. Dass ich immer mit anderen Freiwilligen zusammen reisen konnte, erleichterte vieles und machte die Fahrten noch schöner und erlebnisreicher, da die Erlebnisse meiner Meinung nach erst richtig zur Geltung kommen, wenn man sich mit jemanden darüber austauschen und die Erinnerung teilen kann. Das nahe liegende London ermöglichte uns viele Tagesausflüge und so fuhren wir unter anderem nach Cambridge und Oxford, Windsor, Dover und Canterbury. Daneben nutze ich meinen Urlaub um nach Schottland und Wales zu fahren und um Manchester und Liverpool zu besichtigen.

Natürlich war der Aufenthalt in der Lodge am Anfang eine große Umstellung für mich. Zum Beispiel musste ich plötzlich mein Zimmer mit einer Australierin teilen und auch die Duschen und Toiletten sollten von allen gemeinsam genutzt und sauber gehalten werden. Essen gab es hauptsächlich zu festen Zeiten, wobei es sich hierbei auch um typische britische Gerichte handelte, die sich doch sehr von den deutschen unterscheiden. Auch zum nächsten Supermarkt brauchte man zu Fuß 25 Minuten. Doch ich gewöhnte mich schnell an die neuen Umstände und lernte dafür andere Dinge schätzen, wie immer andere junge Leute in meinem Alter um mich zu haben und die Nähe Londons auszunutzen. Eine große Umstellung war für mich auch, Weihnachten ohne meine Familie verbringen zu müssen. Aber ebenfalls aus diesem Umstand versuchte ich das Beste zu machen und fuhr am 24. Dezember mit einem anderen lieben Deutschen erst ins Ballett zum `Nussknacker` und dann auf den deutschen Weihnachtsmarkt, der im Hyde Park aufgebaut war.

Insgesamt kann ich durchweg positiv auf meinen Community Service in der Jubilee Lodge zurückblicken. Auf der einen Seite kamen selbstverständlich Veränderungen auf mich zu und auch manche Probleme musste ich lösen. Auf der anderen Seite hatte ich diese Herausforderungen auch gesucht und die Bewältigung dieser machte mich zu einem reiferen, toleranteren und mehr selbst reflektierenden Menschen. Ich kann die Arbeit in dem Holidaycenter für Behinderte nur weiterempfehlen und wünsche jedem eine gleichsam erlebnisreiche und aufregende Zeit.