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There is no hurry in life

Astrid, Ghana, Republik, 2014/15, weltwärts

Astrid berichtet über ihren weltwärts Freiwilligendienst, den sie 2014 mit AFS in Ghana gemacht hat. Dort arbeitete sie in einem Projekt mit Straßenkindern.

Ich war voller Erwartungen und bestimmter Vorstellungen als ich vor nun schon rund einem Jahr, nach einem 6-stündigem Flug von Frankfurt aus am Kotoka Flughafen in Accra, der Hauptstadt Ghanas, ankam. Nach zwei Afrika-Reisen mit meiner Familie dachte ich bereits zu wissen, was mich erwarten würde und musste mir schließlich eingestehen, dass ich mich selbst vollkommen falsch eingeschätzt hatte: Als Tourist mit allem Komfort durch ein Land zu reisen ist noch einmal etwas komplett anderes als ein Land und seine Kultur zu erleben, wenn man dort „lebt“. Und so kam es, dass ich in Ghana wirklich und wahrhaftig den ersten totalen Kulturschock meines Lebens hatte. Alles easy war es überhaupt nicht, im Gegenteil vieles ist unglaublich anders gewesen: das Wetter, das Essen, die Sprachen, die Menschen und ihre Lebensweise. Doch glücklicherweise gab es viele unheimlich freundliche Leute, die mir halfen das Einleben ein wenig zu erleichtern und mich wissen ließen, dass man in Ghana mehr als willkommen ist.

Das Land

Haupttransportmittel der Ghanaer sind die sogenannten „Trotros“, oftmals aus Deutschland, den Niederlanden oder Belgien stammende ausrangierte Kleinbusse, die hier nicht mehr durch den TÜV kommen und auf unseren Straßen nicht mehr fahren dürften, wo ich mit vielen anderen Leuten dicht zusammen gedrängt manchmal wirklich stundenlang im alltäglichen Stau während der Rush-Hour in Accra stand. Segenssprüche und Gottesbekenntnisse, aber auch einer meiner ghanaischen Lieblingssprüche „There is no hurry in life“ schmücken die Trotros oftmals. Genaue Abfahrtszeiten gibt es nicht und der Zielort wird vom „Mate“, dem Gehilfen des Fahrers, der für das Geld einsammeln zuständig ist, oftmals nur im Vorbeifahren aus dem Fenster geschrien.

Das Essen

Was das Essen anbelangt, so gab es beinahe ausschließlich warme deftige Mahlzeiten, wie Suppen und Eintöpfe und auch sehr viel Reis und Bohnen, mit viel Fleisch (insbesondere Hühnchen oder Ziege) und frisch gefangenem Fisch. Für mich als Vegetarierin nicht immer ganz einfach und etwas, an das ich mich anpassen und gewöhnen musste. Das Essen war für mich vor allem anfangs oft noch ungewohnt scharf. Gegessen wurde meistens mit der Hand. Wichtig war dabei, dass auch nur ausschließlich die rechte benutzt wurde. Wie Ghanaer allerdings sogar Suppen mit der Hand essen können, ist mir auch noch immer ein Rätsel.

Da das Trinken aus dem Wasserhahn wegen der Gefahr auf Verunreinigung in Ghana nicht empfohlen wird, trinken die meisten Menschen aus den sogenannten „Water-Sachets“, Platstiktütchen, in denen sich 500ml stilles Wasser befindet und die mit den Zähnen an einer Seite aufgerissen werden, bevor direkt daraus getrunken wird; die günstigere Variante zum Wasser aus der Plastik- oder Glasflasche. Auch das musste erst einmal gelernt sein, ohne die Hälfte des Wassers zu verschütten.

Die Menschen

Während meines Auslandaufenthaltes habe ich viele unglaublich verschiedene Menschen kennen gelernt, weshalb es falsch wäre zu sagen, der typische Ghanaer ist so oder so. Man sollte nicht verallgemeinern, aber kann einiges an der ghanaischen Kultur generalisieren. Zum Beispiel, das Familie und Religion eine große Rolle spielen. Doch was zum Beispiel die Art der Gottesdienste anbelangt, gibt es wieder unglaublich viele Unterschiede. So habe ich Gottesdienste verschiedenster christlicher Glaubensgemeinschaften besucht, wobei keiner dem anderem glich. Familie spielt meiner Meinung nach zwar eine wichtige Rolle in der ghanaischen Kultur, jedoch auch auf andere Art und Weise als in Deutschland. So geht es weniger darum viel Zeit mit der Familie zu verbringen und gemeinsame Aktivitäten durchzuführen, sondern viel mehr um die gegenseitige Unterstützung der Familienmitglieder.

Die Eingewöhnung in dieser neuen so anderen Kultur fiel mir vor allem in den ersten Tagen sehr schwer und ich hatte sehr mit dem Heimweh zu kämpfen, doch mit der Zeit änderte sich dies, was ich vor allem meinen neu gewonnen Freunden, aber auch den vielen Verwandten und Bekannten aus Deutschland, die mir immer wieder Mut zugesprochen haben, zu verdanken hatte. Wenn es mal schwierig wurde, dann hieß das immer, dass es Zeit war etwas Neues zu lernen. Die ghanaische Kultur mag zwar anders sein, besser oder schlechter als die deutsche ist sie aber nicht.

49 Sprachen, über 100 Dialekte

Twi ist nach Englisch die meistgesprochene Sprache in der ehemaligen britischen Kolonie, die auch oft als „Goldküste“ bezeichnet wird. Von AFS wurde uns ein Sprachkurs angeboten, um ein paar Grundkenntnisse in Twi zu erlernen, der in den ersten zwei Monaten unseres Aufenthaltes in Ghana jeden Samstag stattfand. Gerufen wurde ich in Ghana von den meisten Menschen auch mit meinem lokalen Namen in Twi, „Akua“, was so viel wie „Mittwoch“ bedeutet, da dies der Wochentag ist, an dem ich geboren wurde. Insgesamt gibt es in Ghana 49 Sprachen und über 100 verschiedene Dialekte, so dass es für mich nach wie vor ein Rätsel ist, wie die Leute wissen, in welcher Sprache sie sich mit ihrem Gegenüber unterhalten sollen.

Mit meiner Gastfamilie, bestehend aus meinem Gastvater, der gleichzeitig auch mein Projektdirektor war, einer gleichaltrigen Gastschwester und einem älterem Gastbruder, habe ich in einem kleinem grün gestrichenem Haus in Teshie, einem Vorort östlich Accras nahe dem Meer und an ein paar schönen Stränden gelegen, gewohnt. Morgens wurde ich meistens zwischen 5 und 6 Uhr von einem krähendem Hahn vorm Haus und den ersten Sonnenstrahlen, die durch das vors Fenster gehängte Tuch schienen, geweckt. Dann stand ich auf, um von einem unserer beiden riesigen Polytanks Wasser zu holen und mich im „Bad“ (einem einfachem Fliesenboden mit Loch als Abfluss) der täglichen „Icebucket-Challenge“, sprich Dusche mit Eimer und eiskaltem Wasser, zu stellen. Auch für die hinter einem einfachem Vorhang verborgene Toilette mussten wir deshalb immer erst Wasser in Eimern zum Durchspülen holen.

Mein Projekt

Mein Projekt die Street Academy, eine Schule mit Sport und Kulturangeboten für Straßenkinder, wurde im Jahre 1986 von meinem Gastvater gegründet. Ziel ist es, bedürftigen Kindern eine grundlegende Schulausbildung zu ermöglichen, bevor sie soweit sind eine richtige öffentliche staatliche Schule zu besuchen, sowie während verschiedener Nachmittagsaktivitäten ihre Talente in den Bereichen Sport, Kultur und Musik zu fördern. Außerdem werden ihnen Schuluniformen und Bücher zur Verfügung gestellt, bekommen zwei Mahlzeiten am Tag, falls nötig medizinische Hilfe und haben die Möglichkeit an Exkursionen teilzunehmen. Meine Aufgabe war es insbesondere den Lehrern beim Unterrichten der Kinder zu assistieren, was mich jedoch nicht wirklich ausgelastet und ein wenig unterfordert hat, weshalb ich mir andere Aufgaben selber auf Eigeninitiative suchen musste.

Nach dem Unterricht war schließlich immer „Tidy-up“-Time, in der alle zusammen aufräumten, die Trennwände und Tische zur Seite gestellt wurden und die Kinder mit Reisigbesen den Boden vom roten Sand des Arts Centres befreien. Anschließend fanden verschiedene „After-School-Activities“ statt: Trommeln und Tanzen, Tischtennis, Boxen, Hockey und Fußball – jedes Kind konnte seine eigenen persönlichen Talente erproben. Bei Events am Wochenende, wie z.B. einem Fußballturnier gegen verschiedene andere Schulen, konnten die Kinder dann ihr Können auch einmal richtig unter Beweis stellen. Auch Exkursionen, wie beispielsweise zum Kakum National Park, einem Nationalpark mitten im tropischem Dschungel der Central Region, werden für die Kinder angeboten.

Betreuung durch AFS

Wenn es mal Probleme gab, egal ob mit meiner Gastfamilie bzw. Unterkunft oder meinem Arbeitsplatz, konnte ich mich immer an AFS wenden. Das AFS Office in Accra war von meinem Arbeitsplatz aus zu Fuß zu erreichen, so dass ich viele Nachmittage dort zusammen mit den Ehrenamtlichen von AFS Ghana, aber auch den anderen Freiwilligen aus Deutschland und anderen Ländern verbracht habe, um mich auszutauschen und einfach Zeit zusammen zu verbringen. Wenn ich mit Sorgen zum AFS Office kam, verließ ich es nach den vielen Gesprächen jedes Mal wieder mit einem besseren Gefühl. Geholfen hat mir auch mein Betreuer Jesse, der selber mal ein Auslandsjahr in Deutschland gemacht hat und ähnliche Erfahrungen wie ich bereits gemacht hatte, sich also immer gut in meine Situation hineinversetzen konnte.

Neue Sichtweisen

Mein Aufenthalt in Ghana hat meine Sichtweise auf die Entwicklungspolitik im Allgemeinen, sowie auf die Berichterstattung und Bewertung aus und von Ländern des globalen Südens in vielerlei Hinsicht verändert. Viele Dinge hinterfrage ich nun mehr, sehe sie kritischer. Ich selber betrachte es als meine persönliche Aufgabe und die aller anderen Menschen, die Teil eines solchen entwicklungspolitischen Freiwilligendienstes sind bzw. waren, anderen Menschen von unseren Erlebnissen und Erfahrungen zu berichten, um Vorurteile abzubauen und einen kritischen Blick auf vieles zu schärfen. Mir selbst hat der Freiwilligendienst in Ghana in dieser Hinsicht geholfen und mich auf lange Sicht geprägt.