Erfahrungsbericht Auslandsjahr
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„Kaum zu glauben, wenn ein Traum laufen lernt.“

Sven, Hongkong, 2015, Schuljahr im Ausland mit Mercator-Stipendium

Hier bin ich also. Ein Jugendlicher aus einer 180.000-Einwohner-Stadt im Westen Deutschlands, in Hongkong, dieser Metropole mit sieben Millionen Einwohnern, um das zu verwirklichen, was seit Jahren in meinem Kopf sitzt und erst im zweiten Versuch geklappt hat, den Lebenstraum, ein Jahr im Ausland zu verbringen. Und ich genieße jede einzelne Minute in Hongkong. Ich bin so dankbar, dass ich hier sein darf. Dass ich die einzigartige Chance haben darf, mir in zehn Monaten ein neues Leben aufzubauen.

Hongkong

„So groß und doch so übersichtlich“, habe ich mir zuerst gedacht. In meiner Heimatstadt haben wir zig Buslinien und man kommt nie dorthin, wohin man eigentlich will, und hier komme ich mit neun U-Bahnlinien überall billig, schnell und bequem hin. Trotz meiner Vorbereitung im Vorfeld, haben mich Hongkongs Ausmaße schlicht überwältigt. Besonders beeindruckt hat mich, wie dicht alles beieinander liegt. Da wären Berge von 800 Metern Höhe, dicht bewaldet, grün, ein dünner Streifen urbaner Landschaft, Wolkenkratzer, Straßen, Malls, Autos… und überall Menschen. Ein Stückchen Menschlichkeit, umzingelt von Natur. Unausweichlich limitiert auf das bisschen Erde, das der Mensch nutzen kann. Dafür aber maximal. Und doch übertrifft die Natur ihn wieder in der Größe seiner Spuren. Den besten Blick auf Hongkong bietet eben doch nur ein Gipfel.

 

Das habe ich schnell gemerkt: Hongkong ist eine riesige Stadt. Sieben Millionen Einwohner sind viele. 1100 km² Fläche ist groß. Und doch ist Hongkongs Zivilisation so unglaublich dicht beieinander. Da fährt man also auf der Stonecutters Bridge und überquert somit den Hafen, einen der weltgrößten, um vielleicht zwei Kilometer weiter weg Hongkong Island in all seiner Pracht, oder auch nur eine Nebelwand, zu bestaunen. Diese Stadt raubt mir heute, nach über vier Monaten, immer noch den Atem. Und ich hoffe, dass dies niemals endet. Denn es erinnert mich jedes Mal daran, wie unwirklich es ist und wie dankbar und glücklich ich Kleinstadtjunge bin, das alles zu sehen.

 

Während ich zu Beginn oft mit Freunden die Stadt besichtigt habe, habe ich dafür nun nur noch wenig Zeit. Ab und an besuche ich noch meine Lieblingsorte und treffe meine Freunde, aber unter der Woche bin ich, wie auch die „Locals“, die Einheimischen, mit Lernen beschäftigt. Natürlich nicht so sehr und umfangreich, da ich weniger Fächer und Prüfungen habe. Das war anfangs anstrengend, mit der Zeit habe ich aber gelernt, Zeit besser einzuteilen und habe so mehr vom Tag.

Kulturelle Unterschiede

Abgesehen von diesen Kleinigkeiten, musste ich mich gar nicht groß umstellen. Es gibt einfach wenig „strukturelle Unterschiede“, nach meinen Erfahrungen. Das Leben in einer Stadt kenne ich schon, mit Englisch kommt man normalerweise aus, die Gesellschaft ist sehr offen, und die tiefen Kulturunterschiede bekommt man erst nach und nach zu Gesicht, sodass man sich langsam anpassen kann. Das soll jetzt nicht heißen, dass es keine Unterschiede zwischen Hongkong und Deutschland gäbe, sondern einfach, dass ich keinen Kulturschock und gerade durch mein Umfeld die Möglichkeit hatte, die Kultur Stück für Stück zu entdecken. Und doch freue ich mich, wenn ich eine Schwelle meistere.

 

Das sind oft kleine Dinge. Es ist der Test, für den ich eine gute Note bekomme. Der Lehrer, der mich für meine Motivation lobt (übrigens eine Sache, die ich ganz sicher nicht „lernen“ musste). Das Treffen, das ich endlich wieder mit einem Freund habe. Ein gutes Essen. Der unvergessliche Moment mit meinem besten Freund. Das Video vom Drachenumzug wieder zu sehen (live war selbstredend besser). Die Gastgeschwister, die mich umarmen und „I love you, Sven“ sagen. Ja, es ist sogar das angestrengte Zuhören in der Schule. Denn ich habe es irgendwie mit harter Arbeit, Beharrlichkeit und Hilfe geschafft, in diesem Klassenraum 8000 Kilometer von zu Hause entfernt zu sitzen.

Die Menschen

Der gegenseitige Respekt ist etwas, das ich an den Hongkongern bewundere. Junge Menschen stehen wie selbstverständlich für kleine Kinder, Mütter oder Ältere auf. Und diese zeigen sich auch dankbar. Braucht es doch nicht mehr als ein kleines „Danke“ zur richtigen Zeit, um eine respektvollere Gesellschaft zu erschaffen. Andererseits ist es aber auch so, dass Hongkonger wenig Emotionen zeigen. Das ist in der Tat manchmal seltsam, macht sie auf der anderen Seite aber sympathisch: Sie erschlagen dich nicht mit ihren Problemen, solange sie dich nichts angehen oder sie dir wirklich vertrauen. Insofern fühle ich mich hier wohl, da ich von Haus aus ähnlich bin und mich ganz gut mit hiesigen Normen und Werten identifizieren kann.

Das Schulsystem

Natürlich gibt es auch Seiten, die ich nicht ganz teile, wie zum Beispiel das Schulsystem. Allerdings bin ich nicht lange genug hier, um mit dem Finger darauf zeigen zu können. Und ich erlebe jeden Tag Neues, sodass sich meine Einwände vielleicht bald als ganz falsch erweisen. Ich kann aber beruhigt sagen, dass das Schulsystem den vielleicht größten Unterschied darstellt. Es ist sehr fordernd und basiert auf Tests - damit auf Lernen - weshalb Hongkonger Schüler sehr damit beschäftigt sind. Zudem nimmt Schule einen weitaus höheren gesellschaftlichen Stellenwert ein als in Deutschland. Eltern erwarten die besten Noten von ihren Kindern, da nur das eine gute weitere Karriere gewährleistet. Daher geben sie oft auch Geld für die besten Nachhilfelehrer aus, was zu einem starken neuen Wirtschaftszweig führt. Die Plakate der Lehrer, die darauf zum Teil fast Popstar-mäßig aussehen, säumen die gesamte Stadt. Im Gegensatz zu Deutschland ist Nachhilfe hier aber nicht auf schlechte Schüler limitiert – im Gegenteil nehmen gerade die guten Unterricht, um noch besser zu werden.

 

Der Unterricht ist sehr frontal und theoretisch, daher schreibt man meistens nur das ab, was der Lehrer diktiert oder in seiner PowerPoint-Präsentation steht. Besonders wichtig ist der Matheunterricht, der sehr anspruchsvoll ist. Während in Deutschland eher das Wissen gelehrt wird, wie die Formel zustande kommt und wie sie notfalls auch ohne Taschenrechner gelöst kann, wird man hier darauf gedrillt, so viele komplizierte Berechnungen so schnell wie möglich anzustellen, und sich dabei voll und ganz auf den Taschenrechner verlassen. Das führt sich in allen weiteren Fächern fort. Anstatt selbstständig Ziele zu erarbeiten, kopiert man. Multiple Choice Fragen sind sehr geläufig, auch in Mathe. Das bildet sehr belastbare Menschen aus.

 

Außerdem sind Uniformen Pflicht. Für mich heißt das ein ‚natürlicher‘ Haarschnitt, ein schwarz-weiß gestreiftes Hemd (kurz im Sommer), eine schwarze lange Hose, schwarze Socken und Schuhe aus Leder. Zu besonderen Anlässen wie der monatlichen Versammlung, gehört auch eine schwarze Krawatte. Zweimal die Woche versammelt man sich zudem auf dem Schulhof, um die Flagge Chinas zu hissen und diversen Ansprachen zuzuhören.

 

Neben dem Lernen betreiben viele Jugendliche noch Sport. Allerdings nicht wie in Deutschland üblich im Sportverein, sondern im Schulteam, in dem sie oft auch an Turnieren teilnehmen. Gerne spielen sie Basketball oder Volleyball als Teamsport und Badminton und Tischtennis einzeln oder mit Partner. Auch der Sport nimmt eine besondere Rolle ein. Viele Schulen legen großen Wert auf ihre Teams und organisieren Schwimm- und Leichtathletikwettbewerbe. Dabei kämpfen Schüler nicht nur für sich selbst, sondern auch für ihre „Häuser“, denen sie, ganz ähnlich wie bei Harry Potter, angehören. Und so ist der schnellste Weg, Freundschaften mit Mitschülern zu knüpfen der Sport.

Freizeit

In ihrer raren Freizeit gehen die meisten Jugendlichen mit ihren Freunden Essen. Korean Barbecue und Hot Pot, mit Fondue vergleichbar, sind dabei die häufigsten und praktischsten Küchen. Das Essen wird dabei direkt vor einem zubereitet, und währenddessen hat man Zeit, zu reden oder Fotos zu machen. Bevor ich das nicht selber ausprobiert hatte, konnte ich mir nicht vorstellen wie großartig das ist. Nun weiß ich: Das werde ich in Deutschland vermissen.

 

Viele Jugendliche spielen natürlich auch Videospiele, auf allen denkbaren Plattformen. Sie gehen shoppen, schauen Serien und Filme. Letzteres tun sie besonders häufig im Kino, ganz egal, ob westliche oder asiatische Produktionen.

 

Fotografie und Radfahren sind derzeit angesagte Aktivitäten, für die Jugendliche eine Menge Geld ausgeben. Mit ihren Familien gehen sie gerne auch auf Reisen, sehr oft nach Europa und in die USA, aber auch nach Japan, Korea oder Taiwan.

Freundschaften schließen

Ich muss ehrlich gestehen, dass meine besten Freundschaften mit Locals allesamt außerhalb der Schule entstanden sind. Zum einen durch gemeinsame Freunde, die einen einander vorstellen, und zum anderen durch den Mut, Leute einfach „anzuquatschen“. Kontakt zu anderen Menschen herzustellen ist das, was Austauschschülern so unendlich viel leichter fällt. Weil das Jahr, schon nach kurzer Zeit, die Person verändert; sie öffnet. Weil es sie aber auch, so oberflächlich das klingen mag, interessanter macht. Doch bald schon merkst du, wer wirklich an dir interessiert ist, und wer nicht. Und mit denen zu sprechen, DIE an dir als Mensch, deiner Meinung und deinen Erfahrungen interessiert sind, ist ein Segen. Denn aus denen werden Freunde. Die Leute, die das Leben liebenswert machen. Die sich um dich sorgen und um die du dich sorgst. Es entstehen Freundschaften, die das Wort „Grenzen“ nicht kennen. Es entsteht Familie.

Mein Rat an zukünftige Austauschschüler

Das ist es auch, was ich zukünftigen AFSern ans Herz legen möchte: Gleichheiten zu erkennen, und Unterschiede zu feiern. Ist es doch das, was uns ausmacht: sich gleichen und sich gleichzeitig unterscheiden. Beides identifiziert uns. In der Gleichheit eint uns unsere gemeinsame Herkunft, dass wir Menschen sind. In den Unterschieden spiegelt sich unser Kern, geformt durch unsere persönliche Herkunft. Wir erfahren durch Kontakt mit anderen also auch mehr von uns, unterstützen Völkerverständigung und genießen unser Leben. Der Mensch ist doch schließlich ein Gruppenwesen.

 

Zum Schluss möchte ich noch einmal besonders der Stiftung Mercator danken, die mir das Stipendium bewilligt hat, welches die Verwirklichung meines Traumes erst möglich gemacht hat. Demselben Ziel wie die Stiftung Mercator folgend, zu einer besseren Völkerverständigung und einem bereichernden interkulturellen Austausch beizutragen, hoffe ich, diesem Ziel gerecht zu werden und mit meinem Beitrag jetzt und in Zukunft zu helfen, die deutsch-chinesischen Beziehungen zu einer tiefen Freundschaft aufzubauen.