Erfahrungsbericht Auslandsjahr
Jetzt Spenden

Mein Auslandsjahr in Hongkong

Nico, Hongkong, 2015, Schuljahr im Ausland mit Mercator-Stipendium

Jetzt ist schon bald im Januar und die Hälfte meines Austauschjahres vorbei. Ich kann es noch gar nicht so richtig fassen. In meiner bisherigen Zeit hier habe ich unglaublich tolle und viele Erfahrungen gemacht sowie unzählige tolle Leute kennengelernt. Meine Ansicht auf die Welt, auf meine Heimat und auch auf mich selbst hat sich drastisch verändert, und deshalb ist dieses Jahr definitiv die beste Entscheidung in meinem Leben. Hong Kong war schon immer interessant in meinen Augen und es war schon immer mein Wunsch hierher zu reisen. Deswegen bin ich AFS dankbar, dass sie mir diesen Traum erfüllen, und dass die Stiftung Mercator mir die finanzielle Unterstützung gegeben hat, die nötig war, um mir dieses Jahr zu ermöglichen.

Die ersten Tage

Aber ich fange mal am Anfang an. Nach der Ankunft am Flughafen habe ich ein paar der über 50 Austauschschüler aus den verschiedensten Ländern schonmal kennengelernt und dann sind wir mit dem Bus ins Camp (was eine Art Herberge ist, die Teil einer Schule ist) und hatten eigentlich gar nichts von Hong Kong wirklich gesehen oder mitbekommen. Erst am nächsten Morgen als ich die Zimmertür aufgemacht habe und die Sonne (tropische 32 Grad) mir ins Gesicht geknallt hat, habe ich gespürt, dass ich nicht mehr in Deutschland war. Trotzdem habe ich mich wie ein Fisch in einem kleinen Aquarium gefühlt. Wir konnten zwar Hong Kong schön von unseren Zimmern aus betrachten, mussten aber erst mal noch für ein paar Tage in dieser Herberge bleiben.

 

Im Camp haben sich die AFSer alle miteinander bekannt gemacht. Wir waren ziemlich nervös unsere Gastfamilien kennenzulernen und das Camp zu verlassen, um endlich Hong Kong zu erkunden. Nach dem Camp habe ich die erste Woche bei Boris, einem AFS Freiwilligen gewohnt und war eigentlich immer mit ihm unterwegs. Viele der anderen im Camp hatten Mitleid mit mir, da ich nicht wie die anderen gleich meine richtige Gastfamilie kennenlernen konnte. Aber diese ersten Wochen mit Boris waren mit die besten, die ich bis jetzt hatte, weil noch alles komplett fremd und so neu war. Ich lief durch die Straßen und konnte es noch gar nicht fassen, dass ich wirklich in Hong Kong war, dem Ort, an dem ich schon immer sein wollte. Boris hat eine Art Mentor-Rolle für mich eingenommen. Er konnte mich gut verstehen, da er selbst mal ein AFS Austauschschüler war. Er hat mir alles erklärt, was wir gesehen haben. Er hat mir Tipps gegeben, wo ich preiswert Dinge einkaufen kann, zeigte mir verschiedene Sehenswürdigkeiten, besuchte meine Schule mit mir, brachte mir die Mentalität der Leute näher und gab mir viele Ratschläge zum Austauschleben allgemein.

"Die Schönheit Hongkongs lässt sich nur schwer in Worte fassen."

Die Schönheit dieser Stadt kann man nur schwer in Worte fassen. Die Millionen Gesichter, Farben, Kontraste, alles hier in dieser Stadt tritt konträr auf. Das stressige, hektische und laute Leben, trifft auf eine unfassbar schöne und entspannte Natur. Die exotische und fern östliche Kultur trifft auf die westlichen Traditionen und Gegebenheiten (man spürt immer noch einen starken Einfluss aus der britischen Kolonialherrschaft). Riesige, majestätische Wolkenkratzer treffen auf alte und kleine Hütten und Tempel. Das sind nur ein paar der vielen Gesichter die diese Metropole bereithält.

Die Schule

Nach knapp über einer Woche fing für uns alle der wichtigste, nervigste, anstrengendste aber auch bemerkenswerteste und beeindruckendste Teil unserer Austauscherfahrung an: Die Schule. Mein erster Tag fühlte sich unglaublich falsch an. Ich fühlte mich in meiner Schuluniform wie in einem Cosplay-Kostüm, und in meiner Schule angekommen haben mich alle wie einen Außerirdischen angestarrt. Auch die Tatsache, dass der Lehrer, den ich früh vor Schulbeginn treffen sollte, nicht da war und man mich dann alleine in mein Klassenzimmer geschickt hat, erweckte in mir den Eindruck, dass meine Schule vielleicht ein bisschen unorganisiert ist. Am ersten Tag passierte noch nicht sonderlich viel. Ich habe meine Klassenlehrerinnen kennengelernt, beide lehren Englisch, und eine kommt sogar aus Jamaika und ist damit die obligatorische muttersprachliche Englischlehrerin, die so gut wie jede Schule in Hong Kong hat. Meine Klassenkameraden haben mich die ganze Zeit nur angestarrt und haben sich überhaupt nicht ansatzweise getraut, mich anzusprechen.

 

Als wir in die Halle mussten zur Schulversammlung, in der eine Zeremonie zu Beginn des neuen Schuljahres abgehalten wurde, wurde mir erst wirklich bewusst wie sehr ich in dieser Schule auffalle. Es tragen zwar alle Jungen dieselbe Uniform wie ich, aber ich bin der Einzige, der blond, blauäugig und noch dazu relativ groß ist. Der erste aus meiner Klasse, der mit mir bei dieser Versammlung gesprochen hat, war Gaby. Und das auch nur weil die Lehrerin ihm gesagt hat, dass er mir alles übersetzen soll. Der arme Junge tat mir so leid, extrem schüchtern sprach er zu mir in furchtbar gebrochenem und mangelhaften Englisch (mittlerweile ist Gaby einer meiner besten Freunde in der Klasse, sein Englisch hat sich enorm verbessert und immer wenn wir eine Versammlung in der Schule haben, übersetzt er für mich).

 

Mein erster Tag fühlte sich eigentlich voll okay an. Ich hatte schon ein paar Freunde in der Form 5 gemacht (entspricht 11 Klasse) und hatte ein gutes Gefühl bei meinen Lehrern und meiner Klasse (Form 4, entspricht 10 Klasse). Aber erst nach meinen ersten Wochen habe ich erst realisiert, wie sehr Schule das Leben der Schüler in Hong Kong bestimmt. All die zahlreichen Clubs, Versammlungen, Prüfungen und die ganzen Hausaufgaben üben einen unheimlichen Druck auf die Schüler aus. Als Europäer ist es nicht gerade einfach, sich an diesen ganzen Wahnsinn zu gewöhnen, weil sich das gesamte Schulsystem auf akademische Fächer konzentriert, in denen immer nur Auswendiglernen angesagt ist. Das hat auch immense Auswirkungen auf meine Mitschüler, die durch den starken Mangel an Freizeit kaum Gelegenheit bekommen sich frei zu entwickeln oder Erfahrungen zu machen, die einem helfen ein aufgeweckter Erwachsener zu werden. Deshalb transportieren viele der jungen Leute einen sehr naiven, fast schon kindischen Eindruck. Dafür sind Disziplin und Höflichkeit sehr viel stärker ausgeprägt.

Freizeit

Mein Alltag in Hong Kong ist extrem aufregend und sehr stressig. Ich langeweile mich so gut wie nie, ich bin eigentlich immer mit Freunden oder meiner Gastfamilie unterwegs oder mit Schulzeug gut beschäftigt. Weil die Stadt relativ klein ist, fühlt sich es teilweise so an, als ob man in einem Dorf lebt. Man trifft ständig Leute, die man kennt, in den U-Bahn Stationen oder auch in den vielen Shoppingmalls. Wir AFSer können uns dank der Nähe auch ständig treffen und was unternehmen. Zusammen gehen wir oft ins Kino, wandern, shoppen, machen Sightseeing oder hängen einfach miteinander rum und Quatschen. Manchmal organisiert AFS Veranstaltungen wie Workshops, Camps oder Events wie die AFS Intercultural Fair. Meine Gastfamilie ist sehr nett und findet es toll, dass ich viel ausgehe und versuche, viel zu erleben. Meine Gasteltern sind beide sehr beschäftigte Geschäftsleute, weswegen ich nicht sehr viel Zeit mit ihnen verbringen kann. Dafür sind aber super nett, und haben mich sogar in ihren Urlaub nach China mitgenommen.

 

Das Austauschjahr war definitiv die beste Entscheidung in meinen Leben. Viele aus meiner Familie haben mich immer gelobt, dass ich mich schon ganz erwachsen sei und sehr reif für mein Alter. Aber erst hier in Hong Kong merke ich, wie viel ich noch lernen kann, wie wichtig es ist, in eine andere, komplett fremde Kultur einzutauchen, um wirklich erwachsen zu werden. Man lernt nicht nur andere Bräuche und Sitten kennen, man lernt vor allem viel über sich selbst und überdenkt seine Sicht auf die Welt noch einmal, wenn man Menschen aus aller Welt kennenlernen kann.

Vielen Dank für diese Erfahrung

Vielen Dank nochmal an AFS, dass ihr Jugendlichen eine solche Möglichkeit bietet. Interkultureller Austausch hat in dieser Gesellschaft in unseren Zeiten, die von Misstrauen und Voreingenommenheit geprägt ist, eine umso größere Bedeutung, und es ist toll zu sehen in wie vielen Ländern AFS tätig ist. Ich wünsche der Organisation eine erfolgreiche Zukunft und hoffe, dass Austausch niemals seine Bedeutung verliert und dass mehr Jugendliche sich auf solch eine Erfahrung einlassen. Und auch an Mercator nochmal ein riesiges Dankeschön, dass sie mich unterstützen, bei meinem eigenen kleinen Abenteuer. Ich kann es nur jedem empfehlen sich auf so etwas einzulassen.