Erfahrungsbericht Auslandsjahr
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Ich bin weltoffener und flexibler im Umgang mit anderen Menschen geworden

Sabine, Ungarn, 2013, Schuljahr im Ausland mit AFS-Stipendium

Nun ist es bereits über einen Monat her, dass ich mich mit Tränen in den Augen von all meinen neuen Freunden und meiner ungarischen Gastfamilie verabschiedete. Mein Auslandsjahr, welches so unendlich viele Begegnungen, Wendungen und Erfahrungen für mich bereithielt, ist nun zu einer meiner unglaublichsten Erinnerungen geworden.

Schule und Gastfamilien in Ungarn

Die anfängliche Umstellung auf das Leben in einem anderen, mir selbst noch völlig unbekannten Land war ziemlich schwer. Der andere Geschmack des Essens, das hitzige/feurige Temperament der Ungarn, die besondere Rolle der Männer innerhalb der Familie, all dies war ungewohnt und neu für mich.
 

Während es große Schwierigkeiten in meiner ersten Gastfamilie gab, welche mich gefühlt nur als Deutschnachhilfelehrerin meiner Gastschwester ansah, nahm mich meine Schulklasse vom ersten Tag an wunderbar auf. Von Anfang an fühlte ich mich in meiner Schule wohl und fand auch gute Freunde, die mir später durch alle Höhen und Tiefen meines Jahres hindurch helfend zur Seite standen und mit denen ich sicherlich noch lange enge Kontakte pflegen werde.

 
Meine Schule, die einem Schloss oder einem Museum sehr ähnlich sah, war sehr streng. Das Lernverhalten der dortigen, nur mit einer Aufnahmeprüfung angenommen, Schüler hat mich sehr beeindruckt. Die Lehrer hatten hohe Anforderungen, unangemessenes Verhalten (wie das Reden im Unterricht) wurde nicht geduldet. Auch während des Sportunterrichtes herrschte ein beinahe militärisches Regime. Während der großen Mittagspause musste ein Schüler mit Schuluniform vor dem Lehrerzimmer stehen, um die Lehrer herein- und herauszulassen. Trotz der hohen und strengen Anforderungen, die auch bei mir nicht sonderlich entschärft wurden, wurde meine zweisprachige Schule, in der ich begann, neben Ungarisch auch Russisch zu studieren, immer mehr zu meiner Zufluchtsstätte, während sich die Lage Zuhause zusehends verschlechterte.
 
Nach sechs Monaten hielt ich es schließlich nicht mehr länger aus und holte mir Rat von AFS. Nach nur einer Woche hatte man bereits eine neue Familie für mich gefunden, die mich wie ein weiteres Familienmitglied behandelte. Überglücklich erlebte ich die letzten vier Monate in Ungarn wie im Traum!

Hilfsbereitschaft der Ungarn

Der einzige Albtraum, der während dieser Zeit geschah, war die Tatsache, dass ich mein Portemonnaie verlor: Ich befand mich mit einigen weiteren Austauschschülern auf dem Rückweg des AFS-Abschlusstreffens. Wir beschlossen, noch gemeinsam in ein Café zu gehen, ehe ihr Zug abends abfahren würde. Als ich nach meinem Geld suchte, durchfuhr mich ein übler Schreck: mein Portemonnaie befand sich nicht mehr in meiner Tasche! Ich hatte es im Bus vergessen!
 

Ich bin wohl die einzige Austauschschülerin dieses Jahr in Budapest gewesen, die zur Polizei musste... Gott sei Dank tauchte mein Portemonnaie ohne große Probleme wieder auf. Als ich am Nachmittag auf Facebook ging, hatte ich eine Nachricht erhalten, jemand habe es gefunden. Überglücklich traf ich mich mit der Person und erhielt mein Portemonnaie unbeschadet zurück.
 

Dies ist nur eines der Beispiele für das freundliche und höfliche Wesen der Ungarn, die zuvorkommend und sehr hilfsbereit sind.

Die neue Welt unvoreingenommen und aufgeschlossen betrachten

Dass man während eines Auslandsjahres selbstständiger wird, ist allgemein bekannt. Die Ungarn jedoch machen dies besonders leicht. Da sie es für so gut wie unmöglich halten, Ungarisch zu erlernen, sind sie von jedem noch so kleinen Versuch schwer beeindruckt, was das Selbstvertrauen und auch das Selbstwertgefühl steigert. Ich denke, ich habe mich während dieses Jahres sehr zum Positiven weiterentwickeln können, bin reifer und erwachsener geworden. Zudem habe ich eine Menge über meinen Charakter herausgefunden, was mir vorher noch gar nicht allzu bewusst gewesen war.
 

Eine Sache, die ich nie vermutet hätte, ist der unglaubliche Nationalstolz der Ungarn. Obgleich sie in allen anderen Bereichen sehr aufgeschlossen und tolerant sind, ist dies das einzige Thema, über das sich mit ihnen nicht diskutieren lässt. Zwar bin ich der Ansicht, dass sie es teilweise etwas damit übertreiben – beim »Eurovision Song Contest« beispielsweise gefiel meiner Gastschwester der ungarische Kandidat nicht, dennoch durfte sie nichts gegen ihn sagen, aus dem einfachen Grund, weil er aus demselben Land kam wie sie –  allerdings bin ich der Meinung, dass die Auffassung, stolz auf sein Heimatland sein zu können, etwas sehr Gutes ist. Anfangs war dies zwar noch etwas ungewohnt für mich, da wir Deutschen etwas Derartiges so ausgeprägt nicht kennen, mittlerweile jedoch finde ich es eher schade, dass wir Deutschen in der Hinsicht noch immer eher zurückhaltend sind. Es war schließlich schon ziemlich peinlich, als während des AFS-Abschlusstreffens jede Nation die jeweilige Nationalhymne sang und wir Deutschen statt dessen ein Fußballlied anstimmten und – da dies natürlich sofort aufflog – auf Nachfrage nicht einmal den Text unserer Hymne vollständig aufsagen konnten.
 

Auch hatte ich ungewohnte Zeiten des Zwiespaltes, beispielsweise wenn die ungarische Nationalhymne gesungen wurde. Einerseits fühlte ich mich (und fühle mich noch immer) als Ungarin, andererseits verspürte ich gerade in solchen Momenten eine große, unleugbare Verbundenheit zu Deutschland. Allerdings denke ich, dass dies wohl unausweichlich ist, wenn man sich tatsächlich auf das Auslandsjahr, die fremde Kultur und das ferne, unbekannte Land einlässt. Es ist meine Überzeugung, dass dies das Allerwichtigste als Austauschschüler ist: die neue, noch unerforschte Welt, unvoreingenommen und aufgeschlossen betrachten zu können. Nicht alles, was man dort sieht und erfährt, muss einem gefallen, auch mir ging es da nicht anders.
 
Beispielsweise bin ich mit dem ungarischen Konfliktverhalten überhaupt nicht einverstanden: Da die Ungarn ein sehr aufbrausendes Temperament besitzen, liefern sie sich häufig auch wegen Nichtigkeiten Wortgefechte. Außerdem nehmen sie alles sehr persönlich und es fehlt ihnen an der sarkastischen Ader, die uns Deutschen eigen ist. Auch Metaphern verstehen sie nicht sonderlich gut, weshalb es häufig zu Missverständnissen kommt. Der ungemeine Stolz der Ungarn und die Tatsache, dass sie sehr nachtragend sind, gestaltet es schwierig, diese wieder aus der Welt zu schaffen.
 
Dennoch ist es eine unglaublich tolle Erfahrung, ein Jahr im Ausland zu verbringen, selbst wenn es schwierige Situationen zu meistern gibt und man auch vielleicht nicht mit allem einverstanden ist, was man dort erlebt. Ich selbst bin weltoffener und flexibler im Umgang mit anderen Menschen geworden. Auch habe ich gelernt, die Deutschen mit den Augen einer anderen Nation betrachten zu können, was meiner Meinung nach sehr positiv ist, da man ansonsten bei gewissen Themen (wie beispielsweise dem Nationalstolz) immer die „Scheuklappen“ des Heimatlandes aufhat. Die Bereitschaft, andere Sichtweisen zu akzeptieren und eventuell selbst einzunehmen, wächst immens.

Ich konnte durch AFS Kontakte in die ganze Welt knüpfen

Außerdem hat es mir sehr gut getan, mich mit den anderen Gastschülern austauschen zu können – und nicht unbedingt nur mit den Deutschen. Durch das weltweite Netz, über welches AFS mittlerweile verfügt, war ich in der Lage, mit Menschen aus aller Welt Kontakte zu knüpfen. So habe ich viele asiatische Freundinnen gewonnen und auch über Südamerika viel dazu gelernt. Ein Jahr mit AFS im Ausland zu verbringen, bedeutet schließlich nicht, sich nur auf das Gastgeberland zu beschränken. Zwar sollte man sich auf die Gastnation konzentrieren und sich auch viel Mühe geben, die dort gesprochene Sprache zu erlernen, ganz gleich wie schwer es ist. Ungarisch gehört zu den schwersten Sprachen der Welt, weshalb es viele Austauschschüler aufgegeben haben, sie erlernen zu wollen. Ich finde dieses Verhalten allerdings falsch, schließlich ist es eine der Aufgaben eines Austauschschülers, die jeweilige Sprache zu lernen!
 
AFS bietet jedoch eine optimale Möglichkeit, auch über andere Länder und Kontinente etwas zu erfahren. Zumal man durch den Austauschschülerstatus ohnehin bereits über ein sehr gutes Thema verfügt, um sich in ein Gespräch mit den Anderen zu vertiefen. Ich finde es sehr interessant, mit jemandem aus einer völlig anderen Kultur zu sprechen, mit dem man sich in der gleichen Lage befindet und seine Sichtweise zu erfahren. Ich habe so vieles während dieses Jahres dazu gelernt, sowohl an Wissen als auch an Charakterstärke, bin reifer und verantwortungsbewusster geworden und habe viele neue Freunde gefunden, dass ich mir gar nicht vorstellen könnte, wie mein Leben wohl verlaufen wäre, hätte ich damals nicht den zugegebenermaßen riskanten Schritt gewagt, mich für ein Auslandsjahr zu bewerben.

Bei AFS gut aufgehoben

Ich möchte hiermit ganz herzlich allen danken, die mir dieses Jahr ermöglicht haben! Vielen Dank auch dafür, dass Sie uns finanziell unterstützt und mir somit meinen Traum, im Ausland zu leben und eine fremde Kultur zu erleben, ermöglicht haben. Ich bin wirklich froh, dass ich mich damals bei AFS beworben hatte und nicht bei einer anderen Organisation, denn bei euch fühlte ich mich vom Start bis zum Ende gut aufgehoben. Ich fand es sehr gut, dass ihr mich mein Jahr über gut begleitet habt und mir auch in Ungarn selbst mit Rat und Tat zur Seite gestanden habt! Nun, da ich wieder in Deutschland bin, würde ich gerne AFS ein wenig von dem zurückgeben, was ihr mir gegeben habt. Im September diesen Jahres werde ich daher am Bildungsherbst teilnehmen.