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Ich mag den freundlichen Umgang zwischen Jungs und Mädchen

Josefine, Ungarn, 2013/14, Schuljahr im Ausland (mit Deutsche Bank Stipendium)

Ich mag den freundlichen Umgang zwischen Jungs und Mädchen

Ich lebe jetzt bereits vier Monate in Ungarn in Balassagyarmat, einer Kleinstadt in Nordungarn. Mein allererster Eindruck von meinem neuen Zuhause war zugegeben nicht ganz so gut, wie ich es mir erhofft hatte. Ich war vom Straßen-und Gebäudezustand der Stadt ein wenig erschrocken und unser Haus war etwas unordentlich. Aber diese Einstellung legte sich bald. Die Stadt wurde in den ersten Wochen fast komplett erneuert. Sie haben die Straßen und Bürgersetige gefestigt, Bäume angepflanzt und Laternen aufgestellt. Es schien wohl eine Art Großprojekt im September gewesen zu sein. In unserem Haus habe ich mich auch schnell zurecht gefunden. Es ist zwar ab und zu unordentlich (nicht zuletzt in unserem Zimmer), aber immer in einem erträglichen Maß. Ich habe mich sehr über die vielen Haustiere und den großen Garten gefreut. Wir haben eine Ziege, die uns regelmäßig Ziegenmilch gibt, und zwei Katzen, die allerdings draußen wohnen aufgrund meiner Tierhaarallergie.

Meine Gastfamilie

Mit meiner Gastfamilie habe ich großes Glück gehabt. Sie haben mich freundlich aufgenommen und integrieren mich gut in ihr Leben. Ich habe drei Schwestern, die ich alle alle wirklich sehr gern habe. Mit meiner ältesten Schwester Ivett teile ich mir ein Zimmer. Wir machen viele Ausflüge in Städte wie Gyöngyös, Szécsény und auch Budapest. Generell versuchen sie, mir viele Erlebnisse zu bieten und viel über das Land beizubringen. Ich lerne also fast jeden Tag dazu.

Ich muss im Alltag viel auf englisch sprechen, was mir sehr großen Spaß macht. Meine Englischkenntnisse haben sich in den letzten vier Monaten sehr verbessert. Neben der Schule habe ich natürlich auch Ungarisch-Sprachunterricht bei einer Lehrerin unseres Gymnasiums. Ich kann jetzt schon sehr gut verstehen, was man mir sagt. Allerdings kann ich mich bisher nur auf eine einfache Weise ausdrücken, da mein Tempo in Sachen "Sprechen lernen" ein bisschen langsamer ist als beim Verstehen. Trotzdem macht mir die ungarische Sprache immer noch Freude und ich bin immer noch gern dabei sie zu lernen.

Seit ich hier in Ungarn lebe, fällt es mir viel einfacher Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Auch das Lernen im Generellen ist jetzt viel interessanter für mich geworden, egal in welchem Themengebiet.

In der Schule

Ich besuche dasselbe Gymnasium wie meine älteste Gastschwester, wir gehen jedoch in unterschiedliche Klassen. Sie ist in Klassenstufe 11 und ich bin in der 9. Das war am Anfang ungewöhnlich für mich, denn in Deutschland würde ich ebenfalls die 11. Klasse besuchen. Die Erklärung dafür ist letztendlich, dass nur in jener Klasse Platz für einen weiteren Schüler war und die Lehrerin gut Deutsch sprechen kann. Sie hat mir in vielen Situationen sehr geholfen und ist wie eine Mentorin für mich. Ich mag sie sehr und sie erkundigt sich regelmäßig nach meinem Befinden. Auch gibt sie mir die Möglichkeit, der Klasse und auch der Schule viel zu helfen. Zum Beispiel halte ich Reden auf Veranstaltungen oder repräsentiere unsere Schule in Grundschulen. Zuerst hatte ich einige Probleme dabei soziale Kontakte zu knüpfen, da viele Schüler Angst hatten, mit mir zu sprechen. Nach einiger Zeit habe ich jedoch einige gute Freunde gefunden. Ich verstehe mich sowohl mit den Jungs als auch mit den Mädchen gut. Allerdings sind mir bald einige Unterschiede im Vergleich zu Deutschland aufgefallen.

Einer der Bedeutensten ist die ungarische Pünktlichkeit. Im Allgemeinen sind Ungaren zwar halbwegs pünktlich, aber die Schule ist da eine große Ausnahme. Wenn ein Schüler fünf Minuten zu spät kommt, ist das normal. Aber auch 15-20 Minuten sind für den Lehrer oftmals kein Problem, während man dafür in Deutschland gehörig Strafe bekommen würde. Auch Lehrer lassen sich in den Pausen gern mal etwas länger Zeit. Am Morgen verlasse ich mit meiner Gastschwester das Haus etwa fünf Minuten vor Unterrichtsbeginn (wir wohnen zwei Minuten von der Schule entfernt). Manchmal jedoch braucht sie doch etwas länger im Bad oder beim Frühstücken. Dann gehe ich schon vor, weil ich einfach nicht unpünktlich sein kann. In diesem Fall habe ich schon oft zum Spaß gehört: "Für die ungarische Zeit bist du einfach noch zu deutsch." Die Zeiteinteilung war daher für mich am Anfang sehr gewöhnungsbedürftig. Mittlerweile habe ich aber ganz gut gelernt, mich anzupassen und wie alle anderen die Zeit nicht ganz so genau zu nehmen.

Essgewohnheiten

Auch einige Esssgewohnheiten verwundern mich noch heute. Es sind zwar nur Kleinigkeiten, aber die sind für mich trotzdem schwer zu verstehen. Es fängt schon mit der Suppe an (es gibt immer (!) eine Suppe vor dem Hauptgericht), denn in Ungarn isst man Kartoffeln und Nudeln in Kombination, was ich vorher nicht so kannte. Einige sehr spezielle Hauptgerichte sind Nudeln mit Marmelade oder süßem Mohn und Tomatensuppe mit Zucker. Es war sehr lustig für mich, als ich einmal zur Demonstration Nudeln mit Ketchup aß und in meine Tomatensuppe Käse streute, denn darauf hat mich meine Familie nur sehr erschrocken angesehen. Als Nachtisch kommen viele Süßspeisen wie Kuchen oder Torte auf den Tisch, welche mir manchmal einfach zu süß sind. Ansonten ist das Essen aber sehr lecker und keine große Umstellung für mich.

Jungs und Mädchen

Die Jungen sind hier weitaus höflicher und freundlicher im Umgang mit den Mädchen und Frauen. Als Mädchen bekommt man wirklich immer den Vortritt, es wird meist für das Mädchen bezahlt, Stühle werden zurecht gerückt, beim Grüßen wird aufgestanden, Türen werden aufgehalten, es wird einem Trinken geholt, alle körperlichen Mühen werden einem abgenommen, etc. Das war für mich am Anfang etwas wunderlich. Ich habe mich natürlich gern daran gewöhnt, finde es aber immer noch bemerkenswert.

Weiterhin ist mir aufgefallen, dass viele Jugendliche sportlich enorm aktiv sind. Es gibt viele Fußball-und Basketballgruppen und ganz besonders Handball scheint beliebt zu sein. Ich besuche fast jeden Donnerstag die lokale Sporthalle, um meinem besten Freund Tomi bei seinen Handballspielen zuzusehen.

Freizeit

Am Abend treffen sich die Jugendlichen (auch von unterschiedlichen Schulen) in einer örtlichen Kneipe und diskutieren über Verhaltensweisen der Lehrer, neugebildete Pärchen und bevorstehende Veranstaltungen im Tanzhaus oder den Discos. Dort finden manchmal Konzerte oder Elektro-Partys statt. Diese Partys werden selbst von Schülern organisiert und starten samstäglich etwa um 21 Uhr. Es gibt aber auch viele junge Leute, die sich gerne mit ihrer Religion auseinander setzen. Oft gehen Freunde zusammen in die Kirche oder besuchen das Oratórium. Dies ist ein Treffpunkt für die katholische Jugend um gemeinsam zu beten, zu singen und Spaß zu haben. Als ich das erste Mal dorthin eingeladen wurde, haben mich alle herzlich aufgenommen und wollten mich kennenlernen. Es war ein schönes Gefühl. Seitdem gehe ich öfters in dieses Gebäude.

Der Pfarrer organisierte einmal einen Ausflug ins Waisen-und Behindertenheim. Dort haben wir mit geistigbehinderten Menschen gespielt, getanzt und Bilder gemalt. Es hat mir Spaß gemacht und sich gut angefühlt. Dieser Tag wird mir sicher länger im Gedächtnis bleiben und ich habe mir vorgenommen auch später in Deutschland Tätigkeiten dieser Art zu unternehmen.

Meine guten Vorsätze für die Zeit nach dem Auslandsjahr

Ich weiß jetzt schon mit Sicherheit, dass ich in Deutschland vieles ändern werde. An meinem Verhalten im Allgemeinen, aber auch in bestimmten Situationen oder einzelnen Personen gegenüber. Ich möchte mich um viele Angelegenheiten in Zukunft allein kümmern und mehr aus meinem Leben machen. Ich merke, dass ich meine Fähigkeiten bisher nie gänzlich genutzt habe und dass ich mit ein wenig Anstrengung und Ehrgeiz eigentlich mehr erreichen könnte. Dieser Ehrgeiz entwickelt sich hier von Tag zu Tag mehr. Und auch die nötige Willenskraft ist so viel stärker als zuvor. Das gibt mir die Grundlage, um meinen gesetzten Zielen näher zu kommen.

Allen zukünftigen AFSern würde ich mit auf den Weg geben, nicht die schon vergangene Zeit im Auslandsjahr zu zählen, sondern die gesammelten Erfahrungen. Außerdem sollten sie sich selbst eine Chance geben, sich neu zu erfinden. Ein Plan am Anfang oder ein gesetztes Ziel ist immer eine gute Idee. Man wächst an der Umsetzung der Dinge, die man sich am Anfang vorgenommen hat. Und solange man sich darüber im Klaren ist, dass man zwar mithelfen und sich anpassen muss, aber auch Offenheit entwickeln wird, Fragen stellen darf und dass das Leben im Ausland für ein Jahr lang eine großartige Chance ist, macht ein Auslandsjahr Sinn und wird bleibende Eindrücke und Erfahrungen hinterlassen.

Ich glaube, das Schwierigste und die eigentliche Herausforderung eines Auslandsjahres ist es, allen Versuchungen des Heimatlandes zu wiederstehen und sich ein neues eigenes Leben woanders aufzubauen.

Letztendlich hatte ich aber bisher eine sehr erlebnisreiche und spannende Zeit hier. Dafür möchte ich mich noch einmal in aller Form bedanken. Sie haben mir die Möglichkeit geschaffen, viel zu Lernen und zu Entdecken, internationale Kontakte zu knüpfen und meinen Horizont zu erweitern. Vielen vielen Dank.