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Mein Job bei AFS Ungarn

Anne, Ungarn, 2013/14, IJFD

Mein Job bei AFS Ungarn

Land und Leute

Bevor mein Abenteuer Ungarn begann, hatte ich nicht sehr viel Ahnung davon, was ungarische Menschen ausmacht und wie ihre Mentalität zu beschreiben ist. Doch schon bei meiner Ankunft am Flughafen wurde ich so herzlich aufgenommen, dass ich mich sofort wohl fühlte. Ungarn sind sehr freundliche Menschen und, was ich sehr schätze, Fremden und Ausländern gegenüber sehr aufgeschlossen und interessiert.

Worauf sich besonders Deutsche jedoch erst einstellen müssen, ist die Herzlichkeit der Ungarn bei einer Begrüßung. Es ist völlig normal, dass jeder in den Arm genommen wird und zwei Küsschen auf die Wange bekommt, egal ob Junge oder Mädchen. Und es ist auch egal, ob man sich vorher schon einmal getroffen hat oder nicht. Dementsprechend werde ich nicht vergessen wie perplex ich bei meiner Ankunft am Flughafen war, als ich zur Begrüßung „typisch deutsch“ meine Hand geben wollte und mich plötzlich in den Armen meiner vier Familienmitglieder wiederfand. Im Laufe des Jahres ist dieses Verhalten für mich ganz normal geworden und ich entdeckte, dass ich diese Sitte schnell übernahm. Diese für uns Deutsche sehr intime Begrüßung fand ich später schön, da sie eine Art Hemmschwelle überschreitet und definitiv herzlicher ist als ein deutscher Handschlag.

Arbeitsplatz

Mein Job bei AFS Ungarn bestand aus zwei unterschiedlichen Arbeitsbereichen: Entweder bin ich durch Ungarn gereist und habe in Schulen, die mich gebucht haben, eine von mir erstellte Präsentation gehalten. Oder ich habe im Büro in Budapest gearbeitet und Infoblätter erstellt. Meine Hauptaufgabe bestand darin, eine Präsentation zum Thema „Interkulturelles Lernen“ zu erstellen. Mit dieser Präsentation bin ich durch das ganze Land gereist und habe an Gymnasien sowie Gesamtschulen Unterrichtsstunden gegeben. Bereits in Deutschland wurde ich auf diese Aufgabe vorbereitet, indem ich mit meiner zukünftigen Tutorin und der damaligen Freiwilligen skypte und über meine anstehende Aufgabe informiert wurde. In den ersten Monaten meines Freiwilligendienstes war ich sehr froh, dass ich mit der anderen Freiwilligen, die noch bis Dezember im Büro war, zusammen arbeiten konnte. Gemeinsam erstellten wir die neue Präsentation und ich war froh, dass ich von ihren Erfahrungen lernen und profitieren konnte.

Ich war sehr viel unterwegs und habe die Präsentationen nicht nur in Englisch, sondern auch in Deutsch gegeben. Schnell machte ich die Erfahrung, dass es viel spannender ist, in meiner Muttersprache mit den Schülern zu sprechen, als in einer Sprache, die für beide Seiten fremd ist. Und ich musste mich darauf konzentrieren, „richtiges“ Deutsch zu sprechen und mich dem Niveau der Schüler anzupassen. Das war allerdings sehr anstrengend und jedes Mal wieder eine Herausforderung und ich denke letztendlich auch der Grund dafür, dass ich sehr bald lieber englische als deutsche Präsentationen gegeben habe. Ebenso neu war für mich der Schulalltag in Ungarn. Ich durfte immer wieder feststellen, wie aufgeschlossen und freundlich die ungarischen Lehrer sind. Sie erkannten die Chance, welche AFS den Schülern mit einem Aufenthalt als Austauschschüler in einem fremden Land gibt. Öfters blieb ich nach den Präsentationen länger in den Schulen, um den Lehrern weitere Informationen zu geben.

Ganz andere Erfahrungen machte ich leider mit den Schülern. Ungarische Schüler sind sehr an Frontalunterricht gewöhnt. Es ist neu für sie, wenn der Lehrer ein Gespräch führen möchte und die Schüler in das Unterrichtsgeschehen einbindet. Dementsprechend war es schwer, eine Verbindung zu den Schülern aufzubauen und sie zu erreichen. Hinzu kommt, dass sie sich generell kaum trauen, in einer Fremdsprache zu sprechen aus Angst sich zu blamieren. Sehr oft musste ich dies in meinen auf Deutsch gehaltenen Stunden feststellen. Durch das Wissen der Schüler, dass ich Muttersprachlerin bin, war ihr Mut deutsch zu sprechen, sehr gering. Die Angst einen Fehler zu machen war zu groß. Wenn ich merkte, dass ich den Schülern gar nichts entlocken konnte, sprach ich ein wenig Ungarisch. Mein Ziel war es, ihnen dadurch zu zeigen, dass jeder Fehler macht und das völlig normal ist. Nicht umsonst heißt es: Aus Fehlern lernt man.

Wenn ich nicht auf Reisen war und Präsentationen gehalten habe, habe ich meinen zweiten Arbeitsschwerpunkt in Budapest im Büro ausgeübt. Hier betrug meine tägliche Arbeitszeit sieben Stunden. Ich lernte jedoch schnell, dass die Uhren in Ungarn „anders ticken“. Es ist nicht schlimm, wenn man morgens etwas später kommt. Genauso gibt es keine genaue Mittagspausenbegrenzung. Man isst wann und wo und mit wem man möchte. Diesbezüglich musste ich meine deutsche Gewohnheit, immer auf die Uhr zu gucken, ablegen.

Meine Arbeit hat auf jeden Fall einhundert Prozent Einsatz, Engagement und Motivation von mir verlangt. Es gab Zeiten, in denen ich mehr als völlig ausgelastet war. Man kann es nicht als Überforderung beschreiben, da ich niemals zu viel zu tun hatte. Lediglich das viele Reisen und die Tatsache, immer wieder an einem anderen Ort zu sein und sich dort auf neue Menschen und neue Umgebungen in einem fremden Land mit einer fremden Sprache einzustellen, ist extrem anstrengend und macht auf Dauer müde. Ich habe immer die Erfahrung gemacht, dass ich als Gast in einer fremden Familie herzlich aufgenommen wurde und sich jede Familie während meines Aufenthaltes rührend um mich gekümmert hat.

Gastfamilie/Unterkunft

Zu Beginn meines Auslandsjahres musste ich die erste Woche in einer anderen Gastfamilie verbringen, da meine eigentliche Familie zu dieser Zeit noch im Urlaub war. Schon in dieser Familie habe ich mich sehr wohl gefühlt, was mir auf jeden Fall den Start in Ungarn leicht gemacht hat. Als meine „wirkliche“ Gastmutter mich dann abholte, war ich doch sehr nervös. Das Einleben in meine neue Familie ist mir sehr leicht gefallen, da ich sofort integriert wurde und ich mich jederzeit willkommen fühlte. Meine größte Angst, dass ich während des Jahres meine Familie wechseln müsste, war somit schnell hinfällig. Im Nachhinein tut es mir leid, dass ich aufgrund meiner vielen Reisen nicht so viel Zeit mit der Familie verbringen konnte, wie ich es gerne getan hätte. Dennoch denke ich, dass wir das Beste aus der gemeinsamen Zeit gemacht haben.

Gerne erinnern werde ich mich an den 7 km-Lauf auf der Margareteninsel, den ich erfolgreich mit meiner Gastmutter absolviert habe. Dazu muss ich sagen, dass ich erst in Ungarn durch ihre Zusprache und Motivation mit dem Laufen angefangen habe und wir beide unendlich viele Trainingskilometer zusammen absolviert haben. Ich war extrem stolz, als wir beide erschöpft, aber glücklich durch das Ziel liefen. Als dann schließlich der Abschied anstand, waren wir alle etwas traurig nach all der Zeit, die wir zusammen verbracht haben. Dennoch war es kein schwerer Abschied, da wir uns sicher sind, dass wir in Kontakt bleiben und es zu einem späteren Zeitpunkt zu einem Treffen kommen wird.

Betreuung

Sobald feststand, dass ich ein Jahr in Ungarn verbringen werde, habe ich mich sowohl von AFS Deutschland als auch von AFS Ungarn sehr gut betreut und vorbereitet gefühlt. Schnell wurden mir Kontaktdaten meiner Tutorin in Ungarn zugesandt und ich konnte erste Kontakte mit ihr knüpfen, um Informationen über meine künftige Arbeit zu bekommen. Dieser Austausch und auch Skype-Meetings haben mir sehr dabei geholfen, mir ein klares Bild davon zu machen, was mich in Ungarn erwarten wird. Zusätzlich wurde mir von AFS Deutschland die Möglichkeit gegeben, bei einem unserer Vorbereitungstreffen mit einem ehemaligen Freiwilligen zu skypen, der mir von seinen Erfahrungen berichten konnte. Auch dieses Gespräch war sehr sinnvoll und hilfreich, da ich Informationen und Tipps für die Reise bekam.

Mit der Betreuung und Unterstützung, die ich vor meiner Abreise bekam, war ich sehr zufrieden. Auch während meines Auslandsjahres konnte ich immer auf die Hilfe von AFS Deutschland setzen. Fragen wurden per E-Mail oder Telefon zeitnah beantwortet und ich wusste, dass in jeder Situation jemand erreichbar sein würde. Es tut gut, dieses Gefühl der Sicherheit zu haben!

Sprache und Kommunikation

Zum Zeitpunkt meiner Ankunft in Budapest hatte ich, abgesehen von ein paar einzelnen Wörtern, keinerlei ungarische Sprachkenntnisse. Dieser Tatsache wurde durch die Teilnahme an einem dreiwöchigen Sprachkurs gleich zu Beginn meines Aufenthalts entgegengewirkt. Der Kurs hat mir einen Überblick über die Grundlagen und die wichtigsten Regeln der ungarischen Sprache vermittelt. Daher halte ich es auch heute noch für sehr sinnvoll, dass die Teilnahme an diesem Kurs verpflichtend war. Nach der Einführung in die Sprache war ich in der Lage, ein paar einfache Sätze zu sprechen. Die ersten Wochen habe ich sowohl im Büro als auch in der Familie überwiegend Englisch gesprochen - der Sicherheit des Sich-Verstehens wegen. Dennoch war es bald mein Wunsch, immer häufiger in der Landessprache zu sprechen. Wir haben ungarisch, deutsch und englisch gesprochen, je nach Notwendigkeit. So konnte jeder vom anderen etwas lernen. Von der Arbeit aus bekam ich am Anfang einen dreiwöchigen Sprachkurs, in dem ich die wichtigsten Grundlagen der Sprache erlernte. Dieser Kurs gab mir den finalen Stoß meine ersten Kenntnisse anzuwenden und im Laufe der Zeit, sowie durch das stetige Üben vermehrten sich diese.

Abschließend lässt sich sagen, dass ich ein interessantes Jahr in Ungarn verbracht habe, in dem ich viel Neues und auch einiges dazu gelernt habe. Ich spreche eine weitere Sprache und habe gelernt mich in einem anderen Land zu Recht zu finden. Außerdem durfte ich viele neue Leute kennenlernen aus denen Freunde aus der ganzen Welt geworden sind. Natürlich war nicht immer alles perfekt, aber man lernt Dinge zu akzeptieren, sich mit Problemen auseinanderzusetzen und Wege zu finden, diese zu lösen. Sollte ich noch einmal vor der Entscheidung stehen einen Freiwilligendienst in einem anderen Land anzutreten, wäre ich ohne Zögern dabei.