AFS-Erfahrungsbericht Schüleraustausch Ungarn

Zu Ende ist ein Jahr – mein Jahr

Maria-Josephine, Ungarn, 2015, Schuljahr im Ausland mit Mittelosteuropa-Sprachstipendium
AFSerin Maria-Josephine mit Schülerinnen aus ihrer Ungarischklasse
Maria-Josephine mit Schülerinnen aus ihrer Ungarischklasse

Am 7. Juli hieß es zurück nach Deutschland. Einerseits ein lang ersehnter, andererseits ein mit Trauer behafteter Tag. Plötzlich hieß es loslassen. Jedoch auf eine ganz andere Art, als zu Beginn meiner Reise. Man verabschiedet sich nicht nur vom Land und allem Erlebten! Man verabschiedet sich davon, ein Austauschschüler zu sein, von dem Privileg, in einer fremden Kultur aufgenommen und täglich vor neue Herausforderungen gestellt worden zu sein. Doch neben alledem, sind es vor allem die Menschen, von denen man zu viele wahrscheinlich nie wieder sehen wird, auch wenn man es nie laut aussprach. Wie oft sagte ich: „Nein, das ist kein ‚Tschüss‘, ich sage dir nur ‚Auf Wiedersehen‘!“. Ein Wiedersehen - ein neuer Grund zu reisen. Plötzlich hat man nicht nur Freunde im Gastland, sondern durch AFS Verbindungen über die ganze Welt. Denn Reisen heißt Abenteuer – und meines ist noch lange nicht vorbei!

Herausforderungen in Ungarn

„Was bleibt, ist die Erinnerung“, heißt es so schön. Erinnerung an die vielen Momente, aus denen Erfahrungen oder vielleicht ganz neue Blickwinkel entstanden. Erinnerungen an Höhen und Tiefen, die mir Grenzen aufwiesen und mich gerade dadurch zwangen, das Gehen neuer Wege zu wagen. Es ist schwer, die Frage „Wie war es in Ungarn?“ zu beantworten und meistens erzähle ich dann von unterschiedlichsten Dingen. Doch fragt man mich heute, welche wohl meine größte Hürde gewesen ist, bleibt die Antwort immer dieselbe. Nein, es war nicht die Großstadt  – obwohl ich zugeben muss, dass ich, als aus einem 200-Seelen-Dorf stammendes Landei, mich erst einmal zurechtfinden musste in Budapest. Dennoch lautet meine Antwort: Die Sprache. Ungarisch - als eine der schwersten Sprachen, die kaum ein Wort mit anderen Sprachfamilien gemein hat, war für mich eine große Herausforderung. Es war so ungewohnt, als sehr kommunikativer Mensch, der ich nun einmal bin, sich plötzlich nur mit wenigsten Wörtern und ansonsten mit Händen und Füßen zu verständigen. Noch dazu in Situationen zu geraten, die auch mit Verstehen der Sprache nicht weniger verwirrend wurden.

 
Wie zum Beispiel, als ich versuchte, das für gewöhnlich von Hand in zwei Finger breite Scheiben zu schneidende Weißbrot mit der Brotmaschine zu zerkleinern. Meine Gastmutter fiel fast in Ohnmacht, weil die Maschine nur für das Schneiden der harten Salami gedacht und alles andere viel zu gefährlich sei. Heute weiß ich das alles, doch damals ergab keines ihrer Worte für mich Sinn, geschweige denn sah ich den Zusammenhang zwischen Vokabeln, die mir schon bekannt waren. Es gibt bestimmt bei jedem Austauschschüler viel zu viele Geschichten von Missverständnissen, in denen man sich ziemlich hilflos vorkam und oft erst später über sie lachen konnte. Alles in allem führte es für mich jedoch nur dazu, noch schneller und engagierter die Sprache zu lernen. Jeder half mir und hatte Verständnis für die holprigsten und manchmal doch sehr einseitigen Konversationen. Denn natürlich kann man in Ungarn manchmal auf Deutsch oder Englisch ausweichen, jedoch versprach ich mir selbst, sobald ich das, was ich ausdrücken möchte, benennen oder beschreiben kann, verwende ich mein Ungarisch. Was sich von der ersten bis zur letzten Sekunde lohnte. Wie glücklich ich bin, diese Sprache erlernt zu haben. Sobald ich mich mit Menschen hier in Deutschland anfange auf Ungarisch zu unterhalten, spüre ich wieder diesen Platz, den Ungarn mit all seinen Menschen in meinem Herzen eingenommen hat.

Zwischenmenschliche Beziehungen

Landschaft in Ungarn
Maria-Josephine genießt einen schönen Ausblick

Ungarn – ein faszinierendes Land, das mit seinen facettenreichen Menschen Hunger auf mehr macht. Dabei ist es die Mischung aus warmer Offenheit beim Kennenlernen, der Wangenkuss, der beim alltäglichen Begegnen hilft, das Eis zu brechen, und dem ernstgenommenen festen Band, das Beziehungen und Freundschaften verbindet. Ähnlich wie in Deutschland, hat man einen engen Kreis aus Menschen, mit denen man die meiste Zeit verbringt und mit denen man alles teilt. Jedoch kann man sich ebenso auf alle verlassen, mit denen man eher selten in Kontakt steht. Vertrauen und Höflichkeit in Bezug auf das Aufeinander-Zukommen in Konfliktsituationen, sind für die Ungarn sehr wichtig. Dennoch muss man sagen, dass anders als ich es gewohnt war, oftmals Probleme nicht vollends ausdiskutiert werden und über Gewisses einfach geschwiegen wird. In Familien ist es so, dass die Wortwahl den Erwachsenen und vor allem dem Vater gegenüber mit sehr viel Respekt behaftet ist, Gesagtes ohne viel Hinterfragen akzeptiert wird und das demokratische Miteinander meist nur punktuell eine Rolle spielt. An ungarischen Schulen steht man dem Lehrer wissbegieriger und teils bewundernder gegenüber, als ich es in Deutschland je erfahren habe. Nicht nur das Aufstehen zu Beginn des Unterrichts, sondern auch das Tragen gleicher Kleidung und kleiner Symbole an Feiertagen, vermittelten mir automatisch Gemeinschaftsgefühl, ein bisschen Stolz und eine hohe Wertschätzung der Menschen füreinander.

Ein besonderes Lehrer-Schüler Verhältnis

Ich durfte an meiner Gastschule ein ganz besonderes Lehrer-Schüler-Verhältnis kennenlernen. Beispielsweise hatte ich das Glück, oder, wie es mir vorerst schien, die Qual, von national ausgebildeten Sporttrainern unterrichtet zu werden. Da in Ungarn seit einigen Jahren Sportunterricht auf der Tagesordnung steht und die eigene Gesundheit äußerst ernst genommen wird, bin ich wahrscheinlich auch einer der wenigen Schüler, die in ihrem Auslandsjahr abgenommen haben. So nahm mich meine Gastschwester auf Fitnesstage mit, bei denen hunderte Frauen, Männer und Kinder mit den unterschiedlichsten Angeboten zusammen Sport treiben konnten. Auch hier spürte ich wieder die große Motivation durch das Miteinander-Trainieren. Zensuren wurden in meiner Schule nicht nur nach Bestzeit, sondern mehr nach Leistung vergeben. Es wird sich darauf konzentriert, die richtigen Muskeln aufzubauen, statt ohne Grundlagen zu versuchen, der Erste zu sein. Wie oft wurde mir gezeigt, was es bringt, über seine Grenzen zu gehen - sowohl im Sport als auch in der Musik. Ich denke nicht nur durch das Fachwissen, sondern vor allem durch dieses sehr respektvolle Miteinanderumgehen, entsteht viel mehr Freude auf Seiten der Lehrer, sich individuell mit den Schülern auseinanderzusetzen. Eine Atmosphäre, die ich mir in Deutschland oftmals mehr wünschen würde und eine Erfahrung, die ich versuchen möchte an andere weiterzugeben.
 
Was ich mir für mein Gastland Ungarn in Zukunft erhoffe ist ein Fortschritt, der der Mittelschicht und auch ärmeren Menschen zu Gute kommt. Denn solch ein stolzer, traditionsbewusster und kulturell engagierter Staat wie Ungarn, sollte nicht nur Vorsorge für die Gesundheit seiner Bürger tragen, sondern auch den Menschen, welche bereits erkrankt sind, eine ausreichende staatliche Versorgung mittels einer gesetzlichen Krankenkasse zukommen lassen.  Zu oft wurde ich mit Altersarmut und dem nicht Behandeln von Krankheiten, aufgrund von fehlenden finanziellen Mitteln für Arztbesuche und Medikamente, konfrontiert. Eine Grundversorgung mittels einer ausreichenden Kranken- und Rentenversicherung, stand für mich vor meiner Reise nach Ungarn, einem weitentwickelten europäischen Land, nie zur Diskussion.

Danke!

Abschließend möchte ich erwähnen wie viel mir dieses Jahr in Ungarn, einem so vielfältigen Land, gegeben hat. Für diese Chance, ermöglicht durch das Mittelosteuropa-Sprachstipendium, andere Kulturen so hautnah mitzuerleben und das zusätzlich in Verbindung mit einem Musikprogramm, möchte ich mich bedanken. Es ist etwas Besonderes, dass Jugendliche auf ihrem Weg unterstützt werden. Und sich dadurch ganz neu finden und ihren interkulturellen Horizont erweitern können. Deswegen hoffe ich, dass noch viele nach mir so mutig sind und sich auch auf eine Reise innerhalb Europas einlassen. Denn hier ist der räumliche Unterschied nicht so groß und dennoch taucht man in eine so andere und aufregende Welt ein.