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Ich liebe beide in ihren eigenen Weisen

Paula, Brasilien, 2008/09,

Fünf Monate sind schon vorbei. Es ist die Hälfte meines Austauschjahres in Deutschland. Immer, wenn ich daran denke, wirkt die Zeit jedoch anders. Ich habe schon so viel gemacht und erlebt, versucht und geschafft (oder nicht), geschmeckt und gerochen, aber trotzdem ist meine Zeit hier viel zu kurz und ich habe viele von meinen Plänen nicht verwirklicht.

Um die Zeit länger erscheinen zu lassen, lebe ich noch einmal in meinen Gedanken meine kleine Geschichte hier durch. Zum Beispiel die Aufregung im Flughafen, als ich meine Familie verlassen habe. Ich habe die anderen Austauschschüler getroffen, dann in Frankfurt wurden wir getrennt. Danach kamen die fünf Stunden im Zug mit meiner „Regionsgruppe“, das erste Mal im ICE! Als ich raus kam, da standen sie, nach Größe geordnet: Mami, Lotti, Dörthe und Johni (meine Gastmutter und drei von den fünf Gastgeschwistern). Papi, Moritz, Fredi und Großmama habe ich erst später kennen gelernt.

Meine ersten Tage in Deutschland

Wir fuhren nach Hause, aßen und ich ging ins Gastzimmer, denn meines sollte noch gestrichen werden. Die erste Nacht weinte ich wie ich nie im Leben geweint hatte und konnte nur denken: „Was zum Teufel mache ich hier? Ich will wieder nach Hause!“. Am nächsten Tag ich bin um 16 Uhr aufgestanden. Auf mich wartete der erste Konflikt zwischen den Kulturen: die Dusche. Es dauerte eine Weile, bis ich sie verstanden und akzeptiert hatte. Dann wollte ich aufs Klo, aber wo war’s? Im Badezimmer habe ich es nicht gefunden. Na klar, die Deutschen haben eine getrennte Toilette. Sonntag wurde ich dann „ihm“ vorgestellt: Dem Sonntags-frühstuck, mit Brötchen und Eiern, Müsli und Marmelade, Milch und Saft und Tee…das werde ich nie vergessen.

Meine erste Woche war schon voller Neuigkeiten, wie z. B. die Schule. An den ersten Tagen bin ich mit Lotti zur 9. Klasse gegangen, erst am Donnerstag ging ich in die 10. Klasse. In der Woche hatte ich auch das AFS-Survival Treffen, wo ich die anderen Austauschschüler und Betreuer kennen lernte. Freitag war der Hochpunkt, ich bin nach Hamburg mit der U-Bahn gefahren und habe meinen ersten Döner gegessen. Das ist ja eine Erfahrung!

Das AFS-Camp

Die zwei Wochen bis zum ersten AFS-Camp gingen schnell. Ich war immer müde und brauchte viel Schlaf. Deutsch war immer noch nicht eine gewöhnliche Sprache für mich und ich gab viel Mühe, alles zu verstehen. Freundschaften hatte ich noch nicht beschlossen, deswegen fühlte ich mich ein bisschen einsam. Das AFS-Camp war dann entspannend. Da habe ich alle Austauschschüler Norddeutschlands getroffen. Die Aktivitäten waren lustig und die Ostsee war einfach fantastisch. Die folgenden Wochen, bis zu den Herbstferien, trafen sich die AFS-Schüler unseres Komitees ganz oft, wir hatten immer was zu tun. Ich hatte schon feste Termine, da ich Fußball und Tennis mit Lotti angefangen hatte. Wir haben zusammen mein Zimmer (endlich) gestrichen. Nach einem langen Arbeitsnachmittag, saß Lotti, zu Tode erschöpft, auf einem Stuhl. Leider hat sie vergessen, dass sie den Farbdeckel darauf gelassen hatte.

Als die Ferien kamen, waren sie gut gebraucht. Die Schule war anstrengend, weil hier der Unterricht länger ist und ich alles nicht verstehen konnte. Schon am zweiten Tag sind Mami, Moritz und ich nach Würzburg gefahren, wo Moritz wohnt und studiert. Wir sind da zwei Tage geblieben und dann fuhren Mami und ich zurück. Nun passierte der Gipfel der Ferien: Ein Fernsehteam kam zu uns und die haben eine Sendung über das Austauschschülerleben mit mir gemacht. Als die Anrufe von Fans und die Presskonferenzen vorbei waren, sind Papi, Mami, Dörthe, Johni und ich zu unserem Haus in Stralsund gefahren.

Die Weihnachtszeit

Danach war der Spaß vorbei: Die Schule hatte schon wieder angefangen. Ich habe angefangen, ein paar Arbeiten mitzuschreiben und meine Noten waren eigentlich gar nicht schlecht. Nur Deutsch konnte ich nicht so gut und Geschichte war/ist/wird für immer mein größtes Problem sein. Die Tage kamen und gingen ohne mich merken zu lassen, dass sie schon vorbei waren. Im November hatte ich meinen ersten Kontakt mit dem weihnachtlichen Hamburg, als ich auf den Dom gegangen bin. Dort habe ich Bratwurst gegessen, bin mit dem Riesenrad gefahren und habe das härteste aber süßeste Herz gesehen – das Lebkuchenherz. Und erst da habe ich gelernt, dass es „Mutzen“ gibt, die man isst, statt sie auf den Kopf zu setzen. In der folgenden Woche haben Lotti und ich einen Tanzkurs angefangen und es gab „Backen bei Birgit“: Die Austauschschüler haben sich getroffen und Lebkuchen-häuschen, Kekse und Dominosteine gebacken.

Dann kam das zweite AFS-Camp, diesmal in Tönning (Nordsee). Noch lustiger als das andere, denn es war auch das erste Mal, dass ich Schnee in Deutschland gesehen habe. Nach den Aktivitäten haben wir noch Zeit gefunden, um einen Schneeballkrieg zu machen. Die zwei Wochen, die dem Camp gefolgt haben, waren chaotisch. Zuerst kam Agathe, eine Französin, die bei uns für drei Monate wohnen sollte. Mit ihr sind wir zum Weihnachtsmarkt gefahren. Glühwein, Mandeln und all solche Sachen, die es in Brasilien nicht gibt, weil das Wetter so warm ist. In den Weihnachtsferien sind wir nach Dänemark gefahren und haben Fredi besucht, da sie im Moment da wohnt.

Silvester

Zusammen mit den Weihnachtsferien kam das Kochen und Backen, das Einkaufen, die 40-Personen-Familie, das endlose Essen, das Singen und das Chaos. All das kann in ein Wort übersetzt werden: Die Weihnachtstage. Natürlich dazu gab es auch ein paar Kerzen und den Tannenbaum. Danach haben wir ein paar Ruhetage gehabt. Ich habe Silvester mit Leuten aus Brasilien gefeiert und am Ende der Ferien fuhr ich für drei Tage nach Prag.

Seit das neue Schulhalbjahr angefangen hat, geht alles besser und besser. Ich bin auf zwei Konzerten gewesen, habe mehr Freunde und mein Deutsch ist viel besser geworden. Aber ich glaube das Beste sind meine Eroberungen: Immer, wenn jemand mich den Weg fragt oder Hilfe im Bahnhof beim Fahrkartekaufen braucht, ich fühle mich schon als ein kleines Teil Deutschlands. Ich denke immer: „Ja ja, ich habe selbst so viele Male den Weg gefragt oder den falschen Bus genommen oder solche Dinge gemacht.“

Deutsche und Brasilianer sind sehr verschieden

Die Deutschen sind immer noch ein Fragezeichen für mich. Die sehen total anders aus und haben auch total verschiedene Haltungen und Beziehungen miteinander, als die Brasilianer es haben. Auch meine Familien in Brasilien und hier sind total anders, eine ist klein, die andere groß, die Gewohnheiten und die Erziehung haben auch Unterschiede. Aber ich liebe beide in ihren eigenen Weisen.

Paula aus BRASILIEN, 2008/09