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Ein absoluter Glückstreffer

Vinzent, Indien, 2013/14, weltwärts

Als ich mir damals aussuchen konnte für welches Gastland ich mich bewerben möchte, hatte ich eigentlich keinen richtigen Favoriten. Indien habe ich zufälligerweise auf die Liste gesetzt, denn es war mir eigentlich nur wichtig ein Land mit einer völlig anderen Kultur kennenzulernen. Deswegen habe ich auch keinem der von mir ausgesuchten Länder eine Präferenz gegeben. An dieser Stelle gilt also AFS mein Dank, dass es dann Indien geworden ist, ich kann mir nicht vorstellen, wo es schöner sein könnte.

Eingewöhnung

Natürlich kostet es am Anfang etwas Kraft sich in die neue Kultur hineinzuversetzen und man versteht viele Dinge überhaupt nicht. Dann darf man allerdings nicht den Fehler machen, über die Dinge die man nicht versteht, zu urteilen, denn so kommen nur unbegründete Vorurteile zustande, über die man sich schnell aufregen kann. Vielmehr war es für mich gerade am Anfang wichtig, ungewohntes erst einmal bedingungslos zu akzeptieren und mir erst, nachdem ich die Dinge verstanden habe, eine Meinung darüber zu bilden. Was grade in meinem Dorf ein echter Glückstreffer war, war die Tatsache, dass ich sehr viel mit Leuten in meinem Alter unternehmen konnte. Über meinen Gastbruder, der in der Kirche sehr aktiv war, habe ich direkt am ersten Tag Kontakt zu Gleichaltrigen herstellen können. Fast täglich habe ich mich abends mit ihnen zum Badminton/ Cricket/ Volleyball spielen getroffen und auch abgesehen davon viel Freizeit mit ihnen verbracht. Sogar nachdem mein Gastbruder ausgezogen ist, hatte ich stets einen engen Kontakt zu der Jugend.

Gemeinschaft & Religion

Darüber hinaus wurde ich auch in die Dorfgemeinschaft sehr gut aufgenommen, was daran lag, dass ich öfter mit meiner Gastfamilie in die Kirche gegangen bin. Es war für mich anfangs unglaublich, wie schnell man von den Menschen aufgenommen wird und auf wie viel Gutmütigkeit und Offenheit man stößt. Ich denke gerade dadurch, dass ich so schnell aufgenommen wurde, hatte ich gar nicht die Gelegenheit einen wirklichen Kulturschock zu erleiden und so konnte ich mich schnell an das neue Umfeld gewöhnen. Was mir besonders aufgefallen ist, ist dass sich die Religion in Indien in fast allen Bereichen des Alltags wieder finden lässt. So sind Autos und Rikshas mit Swastikas und Bildern von Göttern, mit Moscheen, Kreuzen, Halbmonden und Segensgrüßen, je nach Religion, unterschiedlich verziert.

Die Menschen tragen religiöse Tattoos und Tempel/ Kirchen/ Moscheen sind viel mehr das Zentrum, als ich es aus Deutschland gewohnt war. Darüber hinaus fand ich auch sehr erstaunlich, wie stark die Familie und die Gemeinschaft, im Gegensatz zum Individuum, in den Vordergrund gestellt werden. In Indien ist es üblich, mit der kompletten Familie in einem Haus zu wohnen. Das beinhaltet also manchmal: Großeltern, Eltern, Kinder, Ehefrau, Enkel, Tanten und Onkels, Nichten und Neffen etc... je nach Familienkonstellation. Doch eines ist immer sicher: Jedem, der irgendwie mit einem verwandt ist, wird bedingungslos Obdach gewährt.

Projekt

Wie die meisten anderen Freiwilligen in meinem Jahrgang, war auch ich als Lehrer in einer Grundschule tätig. Auch hier muss ich sagen: Ich war vollstens zufrieden! Vom ersten Tag an, wurde ich komplett in den Unterricht eingespannt und unterrichtete täglich sieben Unterrichtsstunden lang Schüler von der zweiten bis zur siebten Klasse. Am Anfang fühlte ich mich etwas ins kalte Wasser geworfen, aber schnell wurde mir klar, dass ich viel Glück gehabt habe, denn mir wurde nie langweilig und ich fühlte mich tatsächlich wie ein vollwertiges Mitglied der Grundschule.

Unterrichtet habe ich hauptsächlich Englisch. So habe ich den unteren Klassen viele Vokabeln beigebracht und in den oberen Klassen konnten wir auch einfache Grammatik und Aussprache verbessern. In meiner Schule gab es dank der vorherigen Freiwilligen auch viele Bücher und Hefte mit Aufgaben, sodass ich mir eigentlich nie Sorgen machen musste, irgendwann einmal nichts mehr unterrichten zu können. Abgesehen vom Englischunterricht habe ich auch Computerunterricht gegeben. Ich habe mit den Schülern das Schreiben mit einer Tastatur trainiert, wir haben am Computer gezeichnet, ich habe computerbezogenes Vokabular beigebracht und wir haben auch gerne mal auf dem Computer einen englischen Kinderfilm geguckt. Zwischendurch haben wir auch viel gesungen und Spiele gespielt und ab und zu gemalt, sodass es weder für mich, noch für die Schüler langweilig wurde.

Es hat nicht lange gedauert, bis ich die Kinder in mein Herz geschlossen habe und auch wenn sie mich manches Mal einiges an Nerven gekostet haben, vermisse ich sie jetzt sehr stark und hoffe, dass ich sie bald noch einmal wieder sehen kann.

Gastfamilie

Als wäre es nicht Glück genug so ein tolles Land und Projekt zu haben, hatte ich auch noch eine gute Gastfamilie. Meine Gastfamilie lebt in einer Art Siedlung, die mit dem Fahrrad 5 bis 10 Minuten von der Schule entfernt liegt, in einem schönen Haus mit großem Garten, wo einiges an Obst und Gemüse angebaut wird. Ich habe ein eigenes, kleines Zimmer bekommen, das außer einem Bett, einem kleinen Tisch und einen Tisch für die Wäsche nicht viel beinhaltet hat, aber völlig ausreichend war. Unser Haus war immer sauber und wir hatten zwei Bäder: Eines mit indischer und eines mit europäischer Toilette. An die gängige Duschpraxis (mit einem kleinen Eimerchen gießt man sich Wasser aus einem großen Bottich über den Kopf) habe ich mich schnell gewöhnt.

Essenstechnisch war meine Gastfamilie fantastisch. Es wurde immer frisch und abwechslungsreich gekocht und mir hat es immer hervorragend geschmeckt. In ganz wenigen Fällen musste ich mich aber erst selber überwinden. So zum Beispiel als es einmal Ziegenhirn mit Ei zum Frühstück gab oder als ich im Innereiencurry etwas entdeckt habe, von dem ich schwer vermute, dass es die Eierstöcke des Rindes gewesen sein könnten. Diese Blockaden waren allerdings reine Kopfsache, denn geschmeckt hat es immer gut und diese „Kuriositäten“ kamen tatsächlich so gut wie nie auf den Tisch. Meine Gastfamilie war auch sehr tolerant, wenn ich ihnen gesagt habe, dass ich etwas nicht mag, doch das kam wirklich selten vor. Lediglich meine Abneigung gegen Bananen war für sie ein großes Rätsel. Deswegen habe ich den Leuten immer gesagt ich sei gegen Bananen allergisch, denn sonst wären mir immer wieder welche untergejubelt worden.

Außerdem hat meine Gastfamilie auch einen großen Teil dazu beigetragen, dass ich integriert wurde, denn sie haben mich immer auf Feste wie Hochzeiten oder Familientreffen mitgenommen, wofür ich sehr dankbar bin. Dementsprechend traurig war dann auch für mich der Abschied, als es nach 11 Monaten zu Ende war, aber ich bin mir sicher, dass ich sie bald wieder besuchen werde.

Organisation

Die AFS-Partnerorganisation in Indien heißt FSL India und war unser direkter Ansprechpartner und Organisator. Von FSL hat jeder Freiwillige einen Coordinator zugeteilt bekommen, der einen monatlich in Projekt und Gastfamile besucht hat, der als Ansprechpartner für Probleme fungiert hat und der den Freiwilligen betreut hat. Dem Coordinator musste man immer seine ausgefüllten Wochenberichte geben und den Monatsreport zuschicken. Ich persönlich war mit meinem Coordinator sehr zufrieden. Er hatte immer ein offenes Ohr für mich, hat sich öfter bei mir erkundigt, wie es mir geht und stand mir immer unterstützend zur Seite. Ich muss allerdings auch sagen, dass ich nie ein wirklich ernstes Problem gehabt habe und niemals auf wichtige Hilfe von meinem Coordinator angewiesen war. Ich glaube allerdings, dass Godfrey sich in einem solchen Fall als kompetent erwiesen hätte.

Sprache

Ich hatte anfangs gehofft, in Indien eine neue Sprache erlernen zu können, doch da wusste ich noch nicht was mich erwarten würde. Die offizielle Amtssprache in Indien ist „Hindi“, in dem Bundesstaat Karnataka in dem ich aber gelebt habe, wurde Kannada gesprochen. Diese Sprache haben zum Beispiel meine Schüler und Lehrer benutzt. In meiner Gastfamilie und in der Kirche sah es allerdings anders aus, denn die Christen sprechen untereinander Konkani, welches mit Kannada kaum verwandt ist. Spricht man allerdings mit Leuten aus dem Dorf, wie zum Beispiel dem Ladenbesitzer oder dem Riksha-Fahrer, verwendet man die lokale Sprache Tulu.

Da meine Gastfamilie aber ursprünglich aus einem anderen Staat, nämlich Kerala kommt, wurde sich mit Verwandten in der dortigen Sprache Malayalam unterhalten. Somit hatte ich ständig eine gigantische Anzahl an Sprachen um mich herum, dass es kaum möglich war, eine vernünftig zu lernen. Allerdings wurde ich von einer ehemaligen Lehrerin meiner Schule in Kannada unterrichtet, wodurch ich wenigstens die Schriftzeichen gelernt habe, was mir extrem weiter geholfen hat, denn dadurch konnte ich Dinge wie Busschilder und Speisekarten lesen und war nicht immer auf fremde Hilfe angewiesen. Am Ende konnte ich kleine Brocken Kannada sprechen. Ich weiß allerdings, dass es Freiwillige in meiner Gruppe gibt die sich schon sehr passabel mit Einheimischen auf Kannada unterhalten konnten.

Neue Denkweisen

Auf jeden Fall hat mein Indienaufenthalt meinen Sinn für das globale Denken geschärft. Ich habe erkannt, dass wir in Deutschland so viele Privilegien genießen dürfen, weil wir in einem Industriestaat leben, die vielen anderen Menschen verwehrt bleiben und ich habe gelernt, dass dies ungerecht ist. Ich hoffe, mich in Zukunft weiter engagieren zu können, um diese Ungerechtigkeit ein Stückchen zu verringern. Außerdem glaube ich jetzt Dinge aus einem andern Blickwinkel betrachten zu können. In vielen Situationen stelle ich mir vor, wie man in Indien darüber gedacht hätte und dadurch eröffnen sich einem völlig neue Denkweisen. Auf der anderen Seite hoffe ich aber auch Menschen in Indien zu anderem Denken angeregt zu haben. Nur wenn wir verstehen wie Menschen in anderen Kulturen denken und leben, haben wir die Chance eines Tages friedlich miteinander auszukommen.

Und um diesen Gedankenaustausch zu fördern ist ein FSJ genau der richtige Weg. Alles in allem muss ich sagen, dass mein FSJ ein absoluter Glückstreffer war. Ich habe ein atemberaubendes Land mit faszinierenden Menschen kennen gelernt. Ich hatte ein Projekt, das mich glücklich gemacht hat, ich habe Freunde kennengelernt und wurde mit offenen Armen empfangen. Ich hatte nie ein ernsthaftes Problem und fühle mich trotzdem durch meine Erfahrungen und das Erlebte gestärkt. Ich glaube Dinge aus einem anderen Blickwinkel betrachten zu können und wurde auf die Ängste und Sorgen anderer Menschen sensibilisiert. Ich würde also jedem Menschen, der die Möglichkeit dazu hat, einen Freiwilligendienst in Indien empfehlen. Für mich war es die richtige Entscheidung!