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Ein wunderbares Jahr in Indien

Marlene, Indien, 2012/13, weltwärts

Ein wunderbares Jahr in Indien

Ich habe von August 2012 bis Juli 2013 ein wunderbares Jahr in Indien erleben dürfen. Mein Projekt war eine Schule, in der ich die 4. – 7. Klasse auf Englisch unterrichtete. Indien ist ein sehr schönes Land mit den vielfältigen Landschaften und unterschiedlichsten Menschen. Auf den Straßen ist immer etwas los, man wird ständig von neugierigen Leuten angesprochen und man bekommt eigentlich alles, was man will, wenn man nur weiß, wo man suchen muss. Zu Beginn war so viel Neues auf einmal eine starke Herausforderung. Ich wusste gar nicht, wo ich hinschauen soll, geschweige denn die Straße überqueren. Jeder Händler hat mich zugetextet, weil ich mit Neugier seine Waren angeschaut habe. Mit der Zeit jedoch gewöhnte ich mich an den lauten, chaotischen Straßenverkehr, an die vielen Menschen, an das bunte Treiben. Es ist total spannend, überall passiert etwas.

Mein Projekt

Indische Schüler mit Maske

Meine Schule war relativ klein. Ich hatte Klassen von zwei bis zehn Schülern. Das hatte den Vorteil, dass ich wirklich zu jedem meiner Schüler eine persönliche Beziehung aufbauen konnte, war jedoch im Unterricht auch anstrengend, weil jeder Schüler als Individuum wahrgenommen werden wollte. In Indien hängt der Leistungsstand der Schüler extrem davon ab, wie gut die Lehrer sind. Die Schüler an meiner Schule hatten sehr Glück mit ihren Lehrern. Die meisten waren engagiert, beherrschten ihr Fachgebiet und schlugen wenig. Schlagen ist zwar in Indien gesetzlich verboten, jedoch leider immer noch Schulnormalität. An meiner Schule waren nur muslimische Kinder, weil auch Urdu, die Sprache der Muslime, unterrichtet wurde. Insgesamt lernten die Schüler drei Schriften und Sprachen: ihre Muttersprache Urdu, Kannada die Landessprache vom Bundesstaat Karnataka und Englisch. Das Englisch meiner Schüler war schon vor meiner Ankunft gut genug, dass sie mich nach der Eingewöhnungsphase relativ gut verstanden haben. Ich habe meinen Unterricht auf Englisch gehalten, jedoch nur selten trockene Grammatik unterrichtet. Mir war viel wichtiger mit den Schülern kreative, interessante Dinge zu machen, die sie zum Denken anregen. Deshalb habe ich viel gebastelt und gemalt; meist auch im Zusammenhang mit einer Geschichte oder Thema.

Leben in der Gastfamilie

Indische Hochzeit

In meiner Gastfamilie und Dorfgemeinschaft war ich sehr gut integriert. Jeder kannte mich und ich war auf vielen Feierlichkeiten. Meine Gasteltern konnten beide kein Englisch und ich konnte kein Kharvi-Konkani, die Sprache ihrer Kaste. Wir hatten so zu Beginn einen sehr kleinen gemeinsamen Sprachwortschatz. Doch umso größer dieser wurde und umso besser wir uns im Alltag des anderen auskannten, desto tiefer wurde unsere Beziehung. Am Anfang lag auf beiden Seiten sehr viel Toleranz den anderen machen zu lassen und etwas Mal nicht zu verstehen.

 

Als ich das erste Mal ein Wochenende reisen wollte und meine Gastfamilie darüber informierte, waren sie zuerst sehr besorgt. Ein Mädchen, das alleine unterwegs ist bzw. mit Leuten, die sie nicht kennen und möglicherweise sind da auch Männer dabei. Nein, das kannten sie davor noch nicht. Ich denke ich verdanke es dem Vorbereitungsseminar der Partnerorganisation für Gastfamilien, dass sie es mir erlaubt haben. Ich bekam jedoch regelmäßig Anrufe, wo ich sei, ob es mir gut gehe und ich schon gegessen hätte. Doch das ist vollkommen in Ordnung. Mit der Zeit gewöhnte sich meine Gastfamilie daran, dass ich selbstständiger bin als die indischen Mädchen aus dem Dorf. Meine Gewohnheiten und Verhaltensweisen waren für meine Gastfamilie teilweise sehr ungewohnt. Sei es jetzt, dass ich mir auch abends die Zähne putze oder dass ich keine Religion praktizierte oder dass ich ab und zu reiste. Sie begegneten mir jedoch immer tolerant und interessiert. Auch für mich war es eine neue Erfahrung, Dinge hinnehmen zu müssen. Manchmal konnte man mir einfach nicht erklären, warum man jetzt dieses oder jenes machte, aber es war nun mal so.

Wie verständigen?

Sprachen waren ein vielfältiger und interessanter Aspekt meines Freiwilligendienstes. In Indien werden mehr als 100 Sprachen gesprochen. Mit fünf von ihnen hatte ich zu tun: Englisch, Hindi, Urdu, Kannada, Kharvi-Konkani. Wenn es möglich war, habe ich mich in Englisch verständigt. Ich habe auf Englisch unterrichtet und auch sonst im Projekt Englisch gesprochen. Meine muslimischen Schüler sprachen muttersprachlich Urdu, was ich teilweise verstanden habe, da ich Sprachunterricht in Hindi bekommen habe und diese Sprachen sehr ähnlich sind.

Lebensqualität zu schätzen lernen

Ein Elefant und eine Gruppe von Indern

Ich habe in diesem Jahr nicht die Welt verändert. Ein Anspruch, den ich auch nie hatte. Doch habe ich mich persönlich in diesem Jahr sehr weiterentwickelt und eine andere Perspektive kennen gelernt. Auch den Menschen, mit denen ich zu tun hatte, vor allem in der Gastfamilie und im Projekt, aber auch den Menschen, mit denen ich unterwegs auf der Straße gesprochen habe, öffnete ich den Blick auf eine ganz andere Kultur.

 

Meine neu gewonnene Perspektive lässt mich meine eigene Kultur und Lebensweise in einem anderen Licht sehen und ich bewerte unsere Lebensqualität, unseren persönlichen wie räumlichen Freiraum, den Luxus und den Konsum ganz anders. Man lernt zu schätzen, was nicht überall Normalität ist und man wirft einen kritischen Blick auf Lebensgewohnheiten, die nachhaltig und global keinen Sinn mehr ergeben.