AFS-Erfahrungsbericht Schüleraustausch Indien
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Es ist nicht ein Jahr in einem Leben, es ist ein Leben in einem Jahr

Maria, Indien, 2013, Schuljahr im Ausland mit Robert Bosch-Stipendium

Heute ist der erste Weihnachtstag. Mein erster Weihnachtstag in Indien ohne meine Familie. Ich befinde mich mittlerweile seit 5 Monaten im fernen Indien, genauer gesagt im großen Neu Delhi. Es ist viel passiert, viel Gutes, Schlechtes, Aufregendes. Wenn ich meine jetzige Erfahrung in einem Satz beschreiben müsste, würde ich sagen, dass es so ist, als wenn man laufen lernt. Man arbeitet sich Schritt für Schritt vom Boden hoch in eine neue Welt.

Ich bin in meiner 3. Familie und am Ende der Woche werde ich in meine 4. einziehen. Die letzen Monate, die letzten Familien, waren eine harte Zeit für mich, doch ich würde nichts von dem eintauschen, was ich gelernt habe. Vor allen Dingen habe ich gelernt, zu akzeptieren, das beste daraus zu machen und das zu schätzen, was ich hatte oder habe. Viele Menschen sagen, dass was man hatte, einem erst bewusst wird, wenn man es verliert. Ich kann es ihnen bestätigen.

Der Abschied von Familie und Freunden

Doch fangen wir mal am Anfang an. Nach einem ziemlich dramatischem Abschied von Freunden und Familie sitze ich mit den anderen Austauschschülern im Flugzeug. Voller Euphorie, Freude aufs Neue, Abenteuer und Erfahrungen. Wir verlassen den Flughafen mitten in der Nacht und ich habe das Gefühl, die Luft schnürt mir die Kehle zu. Wer schonmal in Delhi im Sommer war kennt das Gefühl. Mitten in der Nacht 30 Grad, hohe Luftfeuchtigkeit und eine Luftverschmutzung, dass man nicht in der Lage ist, einen klaren Blick zu fassen. Da sind wir also in Indien. In Asien, oder, wie ich es beschreiben würde, im kalten Wasser. Nach einem Ankunftscamp ist es soweit - der große Moment. Die Familie. Als ich in meiner Familie ankam, wäre ich am Liebsten weggerannt. Keine richtige Dusche, nur ein Eimer. Ameisen überall, Kakerlaken auf der Toilette und geschlafen habe ich auf dem Boden. Doch ich habe schnell bemerkt, dass das sehr nebensächlich erscheint, denn es kommt auf die Menschen drauf an, und sie waren wundervoll, auch das ist mir erst im Nachhinein aufgefallen.

Denn nach einer Woche musste ich diese Familie verlassen, weil der Schulweg zu weit war. Da begann mein Traum zum Albtraum zu werden Die nächsten 3 Monate waren für mich ein einziger Kampf. Kampf gegen mich selbst, Gedanken des Aufgebens. Schule war jeden Tag wie eine Erlösung, weil ich mein Zuhause verlassen durfte und für ein paar Stunden Ablenkung hatte. An dem Punkt habe ich gelernt, wie viel Schule doch eigentlich bedeutet. Dann kam meine Erlösung.

Reise nach Ahmedabad

Es ging auf eine Reise nach Ahmedabad, wo wir mit allen Austauschschülern ein paar Tage verbracht haben und das Navratri Festival erleben durften. Das war so mit das Beste, was ich erleben durfte. Urlaub. Einfach genießen. Wir haben getanzt, Sehenswürdigkeiten angesehen und einfach eine tolle Zeit zusammen verbracht. 1 Woche nach meiner Ankunft war es endlich so weit. Der ersehnte Umzug. Umzug in eine neue Familie, neue Menschen und eine neue Religion. Nach 3 Monaten mit Hindus lebe ich jetzt mit Sikhs, meinen Großeltern, meinem Bruder und einem Hund. Ich habe sehr viel Zeit mit Religion verbracht, mit Sikhism. Ich habe viel über Familien gelernt und vieles verstanden. Auch hier hat es einige Zeit gedauert, bis ich angekommen bin, bis wir uns kennengelernt haben und ich meinen Platz gefunden habe. Aber es hat sich gelohnt. Ich habe sehr viel über den Stand der Frau in Indien gelernt.

Das ist der Punkt, den ich nie verstehen werde. Warum die Frau so behandelt wird, wie sie behandelt wird. Das Leben einer indischen Frau ist sehr einfach zu beschreiben. Schule wird abgeschlossen. College und ein paar Jahre Arbeit. Im Alter von 26, spätestens 28 muss geheiratet werden, höchstwahrscheinlich eine arrangierte Ehe. Dann gibt die Frau ihr Leben auf und lebt für ihren Mann und ihre Familie. Auch wenn sie andererseits sehr modern sind, gibt es in dieser Hinsicht wenig Änderung. Mädchen werden immer noch getötet, weil sie aus Geldmangel nicht verheiratet werden können und eine unverheiratete Frau ist undenkbar. So wirklich kann ich das gar nicht in Worte fassen, damit würde ich wohl mehr als ein Buch füllen, doch diese Ansichten sauge ich förmlich in mir auf, das macht nämlich einen der größten Kulturunterschiede aus.

Als Mädchen in der indischen Familie

Als Mädchen, Tochter einer indischen Familie, musste ich mich sehr verändern. Freunde treffen ist für mich eine Seltenheit oder einfach mal rausgehen. Mein Bruder darf das, doch ich als Mädchen verbringe die meiste Zeit zu Hause. Auch mein Aussehen musste ich sehr verändern. Da ich mit meinen Großeltern lebe, trage ich meistens lange indische Kleidung und meine Haare sind zusammengebunden. Wenn mein Grossvater, Vater, Großmutter, Mutter oder sogar mein Bruder etwas möchte, bin ich diejenige, die sofort aufspringt und es besorgt. Da ich als Tochter der Familie den anderen Mitgliedern Respekt geben muss. Wenn ich ehrlich bin, habe ich mich am Anfang wie eine Angestellte gefühlt. Das hat sich mit der Zeit gelegt und ich bin gewöhnt daran. Auch wenn ich mich daran gar nicht so gerne gewöhnen möchte.

Meine Famile hat einen Vollzeitangestellen. Er lebt mit uns und ist fürs Putzen zuständig. Für einen Lohn, von dem wir in Deutschand unter keinen Umständen leben könnten, lässt er sich alles gefallen. Allen Ärger, jeder noch so kleinste Fehler wird ihm zugeschrieben. Manchmal empfinde ich Mitleid, doch auch das ist weniger geworden, wie das Mitleid für die armen Menschen auf der Straße. Am Anfang war ich immer sehr bedrückt, doch mit der Zeit übersieht man das Leiden. Auch wenn ich es immer noch sehe, viele sehen es nicht mehr. Wir haben einen Tag ein Auffanglager für Straßenkinder besucht und spätestens da ist allen bewusst geworden, wie gut es uns doch geht im viel zu perfekten Deutschland.

Neue Dinge für mich entdeckt

Das indische Teenagerleben hat sich auch sehr anders herausgestellt, als erwartet. Ich würde sagen, es existiert nicht. Das Leben mit 16 dreht sich immernoch hauptsächlich um Familie und Schule. Für mich ist es so, wie ich mit 10 gelebt habe. Ausflüge werden grundsätzlich mit der Familie unternommen. Freunde treffen kommt vielleicht einmal alle 8 Wochen vor oder gar nicht. In Deutschland war ich sehr wenig Zuhause immer irgendwo mit Freunden unterwegs, habe Sport gemacht. Momentan lese ich sehr viel und die Ausflüge begrenzen sich auf den Gurudwara, Sikhism Tempel. Doch auch das habe ich gelernt zu akzeptieren und zu genießen. Ich hatte seit 5 Monaten kein Internet, also konzentriert man sich auf andere Dinge, ich habe das Lesen und Zeichnen für mich entdeckt. Eines, was alle Inder lieben, ist Tanzen und Singen. Sobald irgendwo ein bisschen Musik gespielt wird, beginnt das Tanzen. Auch ich habe meinen Spass daran entdeckt, obwohl ich es nie so wirklich mochte, doch indischer Tanz ist toll. Am liebsten habe ich es, auf Familienfesten traditionelle Keidung zu tragen, zu tanzen und das indische Essen zu geniessen.

An dieser Stelle möchte ich hinzufügen, dass sich in Indien alles ums Essen dreht, sei es in der Mittagspause oder mit dem Freunden Straßenessen zu geniessen, was ich liebe! Auch wenn ich die nächste Woche mit meinem Magen zu kämpfen habe, kann ich es nicht lassen. Man sieht es mir auch an, das gute indische Essen, ich esse übrigens nur noch mit den Händen! Eine meiner zahlreichen Veränderungen oder Dinge der Normalität. Inder sind sehr traditionell. Sie legen Wert auf Tradtionen, was ich sehr bewundernswert finde. Doch manchmal wünsche ich mir mehr Offenheit für Neues. Momentan kann ich die Schwulenbewegung mitverfolgen. Als wir das Thema in der Schule diskutieren wollten, wurde uns das untersagt, aufgrund der Sorge vor Beschwerden. Denn diese Themen werden lieber totgeschwiegen als diskutiert.

Indische Transportmittel

Was ich immer noch sehr aufregend finde, sind die indischen Transportmittel. Mit Rikshwa oder Auto-Rikshwa, rostenden Bussen oder der Metro. Es ist jedes Mal aufregend mit den Fahrern über den Preis zu diskutieren in meinem gebrochenen Hindi. Ich werde in Indien wohl immer ein Ausländer bleiben, weil ich mit meiner Hautfarbe und meinen Augen sehr stark auffalle. Auch wenn ich mich nicht mehr so fühle, wie ein Ausländer. Natürlich bin ich kein Inder, aber nach 5 Monaten habe ich doch schon viel gelernt über das Denken, die Sprache und das Verhalten. Meine Freunde sagen mir schon, dass ich zu indisch bin, weil ich das Verhalten und Denken so aufgesogen habe.

Manchmal komme ich mir eher vor, als würde ich ein Jahr schauspielern. Meine Persönlicheit verändert sich oder eben auch nicht. Ich kann es nicht genau sagen. Ich fühle mich mittlerweile angekommen, ich habe laufen gelernt und bin neugierig, es zu verbessern. Auch wenn ich gerade momentan meine Freunde und Familie vermisse, bin ich mir sicher, dass noch viele Dinge kommen werden. Und dann freue ich mich auch schon darauf, meine Liebsten in die Arme zu schließen und da weiterzumachen, wo ich vor Kurzem aufgehört habe. Doch dann mit einem erweiterten Horizont, neuen Ideen und neuem Blickwinkel.

Der Westen ist wie ein anderer Planet

Eine ehemalige Austauschschülerin sagte mal: ‘Es ist nicht ein Jahr in einem Leben, es ist ein Leben in einem Jahr’. Dieses Zitat beschreibt es ganz gut in meinen Augen. Und hiermit möchte ich mich bei Ihnen, der Robert Bosch Stiftung, bedanken für dieses Leben. Für dieses Leben in einem Jahr. Ohne Ihre Unterstützung wäre es mir nicht möglich gewesen. Ich habe vieles gelernt und werde noch vieles lernen. Meine Klassenlehrerin betont gerne, dass der Westen wie ein anderer Planet ist. Dieser Vergleich gefällt mir ganz gut, weil es das ist. Eine andere Welt!

Vielen Dank!