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Es ist nicht ein Jahr in einem Leben, es ist ein Leben in einem Jahr

Maria, Indien, 2013/14, Schuljahr im Ausland mit dem Stipendium der Robert Bosch Stiftung

Heute ist der erste Weihnachtstag. Mein erster Weihnachtstag in Indien ohne meine Familie. Ich befinde mich mitlerweile seit 5 Monaten im fernen Indien, genauer gesagt im grossem Neu Delhi. Es ist viel passiert, viel Gutes, Schlechtes, Aufregendes. Wenn ich meine jetztige Erfahrung in einem Satz beschreiben muesste wuerde ich sagen, dass es so ist als wenn man laufen lernt. Man arbeitet sich Schritt fuer Schritt vom Boden hoch in eine neue Welt.

Ich bin in meiner 3. Familie und am Ende der Woche werde ich in meine 4. Einziehen. Die letzen Monate, die letzten Familien waren eine harte Zeit fuer mich, doch ich wuerde nichts davon eintauschen was ich gelernt habe. Vorallendingen habe ich gelernt zu akzeptieren, das beste daraus zu machen und das zu schaetzen was ich hatte oder habe. Viele Menschen sagen, dass was man hatte wird einem erst bewusst wenn man es verliert. Ich kann es Ihnen bestaeigen.

Der Abschied von Familie und Freunden

Doch fangen wir mal am Anfang an. Nach einem ziemlich dramatischem Abschied von Freunden und Familie sitze ich mit den den anderen Austauschschuelern im Flugzeug. Voller Eupheurie, Freude aufs Neue, Abenteuer und Erfahrungen. Wir verlassen den Flughafen mitten in der Nacht und ich habe das Gefuehl die Luft schnuert mir die Kehle zu. Wer schonmal in Delhi im Sommer war kennt das Gefuehl. Mitten in der Nacht 30 grad, hohe Luftfeuchtigkeit und eine Luftvermutztung, dass man nicht in der Lage ist einen klaren Blick zu fassen. Da sind wir also in Indien. In Asien oder wie ich es beschreiben wuerde im kaltem Wasser. Nach einem Ankunftscamp ist es so weit der grosse Moment. Die Familie. Als ich in meiner Familie ankam waere ich am liebsten weggerannt. Keine richtige Dusche, nur ein Eimer. Ameisen ueberall, Kakerlaken auf der Toilette und geschlafen habe ich auf dem Boden. Doch ich habe schnell bemerkt, dass das sehr nebensaechlich erscheint, denn es kommt auf die Menschen drauf an und sie waren wundervoll, auch das ist mir erst im Nachhinein aufgefallen.

Denn nach einer Woche musste ich diese Familie verlassen, weil der Schulweg zu weit war. Da begann mein Traum zum Albtraum zu werden Die naechsten 3 Monate waren fuer mich ein einziger Kampf. Kampf gegen mich selbst, Gedanken des Aufgebens. Schule war jeden Tag wie eine Erloesung, weil ich mein Zuhause verlassen durfte und fuer ein paar Stunden Ablenkung hatte. An dem Punkt habe ich gelernt, wie viel Schule doch eigentlich bedeuted. Dann kam meine Erloesung.

Reise nach Ahmedabad

Es ging auf eine Reise nach Ahmedabad, wo wir mit allen Austauschschuelern ein paar Tage verbracht haben und das Navratri Festival erleben durften. Das war so mit das Beste was ich erleben durfte. Urlaub. Einfach geniessen. Wir haben getanzt, Sehenswuerdigkeiten angesehen und einfach eine tolle Zeit zusammen verbracht. 1 Woche nach meiner Ankunft war es endlich so weit. Der ersehnte Umzug. Umzug in eine neue Familie, neue Menschen und eine neue Religion. Nach 3. Monaten mit Hindus lebe ich jetzt mit Sikhs, meinen Grosseltern, meinem Bruder und einem Hund. Ich habe sehr viel Zeit mit Religion verbracht, mit Sikhism. Ich habe viel ueber Familien gelernt und vieles verstanden. Auch hier hat es einige Zeit gedauert bis ich angekommen bin. Bis wir uns kennengelernt haben und ich meinen Platz gefunden habe aber es hat sich gelohnt. Ich habe sehr viel ueber den Stand der Frau in Indien gelernt.

Das ist der Punkt was ich nie verstehen werde. Warum die Frau so behandelt wird, wie sie behandelt wird. Das Leben einer Indischen Frau ist sehr einfach zu beschreiben. Schule wird abgeschlossen. College und ein Paar Jahre Arbeit. Im Alter von 26, spaetestens 28 muss geheiratet werden, hoechst wahrscheinlich eine arangierte Ehe. Dann gibt die Frau ihr Leben auf und lebt fuer ihren Mann und Familie. Auch wenn sie andererseits sehr modern sind, gibt es in dieser Hinsicht wenig Aenderung. Maedchen werden immer noch getoetet, weil sie aus Geldmangel nicht verheiratet werden koennen und eine unverheiratete Frau ist undenkbar. So wirklich kann ich das gar nicht in Worte fassen damit wuerde ich wohl mehr als ein Buch fuellen doch diese Ansichten sauge ich foermlich in mir auf, das macht naemlich einen der groessten Kulturunterschiede aus.

Als Mädchen in der indischen Familie

Als Maedchen, Tochter einer Indischen Familie musste ich mich sehr veraendern. Freunde treffen ist fuer mich ein Seltenheit oder einfach mal rausgehen. Mein Bruder darf das, doch ich als Maedchen verbringe die meiste Zeit zu Hause. Auch mein Aussehen musste ich sehr veraendern. Da ich mit meinen Grosseltern lebe trage ich meisten lange indische Kleidung und meine Harre sind zusammengebunden. Wenn mein Grossvater, vater, Grossmutter, Mutter oder sogar mein Bruder etwas moechte bin ich diejenige die sofort aufspringt und es besorgt. Da ich als Tochter der Familie den anderen Mitgliedern Respekt geben muss. Wenn ich erlich bin habe ich mich am Anfang wie eine Angestellte gefuehlt. Das hat sich mit der Zeit gelegt und ich bin gewoehnt daran. Auch wenn ich mich daran gar nicht so gerne gewoehnen moechte.

Meine Famile hat einen Vollzeitangestellen. Er lebt mit uns und ist fuers Putzen zustaendig. Fuer einen Lohn, wovon wir in Deutschand unter keinen Umstaenden leben koennten laesst er sich alles gefallen. Allen Aerger, jeder noch so kleinster Fehler wird ihm zugeschrieben. Manchmal empfinde ich Mitleid, doch auch das ist weniger geworden, wie das Mitleid fuer die Armen Menschen auf der Strasse. Am Anfang war ich immer sehr bedrueckt doch mit der Zeit uebersieht man das Leiden. Auch wenn ich es immer noch sehe, viele sehen es nicht mehr. Wir haben einen Tag ein Auffanglager fuer Strassenkinder besucht und spaetestens da ist allen bewusst geworden wie gut es uns doch geht im viel zu perfekten Deutschland.

Neue Dinge für mich entdeckt

Das Indische Teenagerleben hat sich auch sehr anders herausgestellt als erwartet. Ich wuerde sagen es eksistiert nicht. Das Leben mit 16 dreht sich immernoch hauptsaechlich um Familie und Schule. Fuer mich ist es so, wie ich mit 10 gelebt habe. Ausfluege werden grundsaetzlich mit der Familie unternommen. Freunde treffen kommt vielleicht einmal alle 8 Wochen vor oder gar nicht. In Deutschland war ich sehr wenig Zuhause immer irgendwo mit Freunden unterwegs, habe Sport gemacht. Momentan lese ich sehr viel und die Ausfluege begrenzen sie auf den Gurudwara, Sikhism Tempel. Doch auch das habe ich gelernt zu akzeptieren und geniessen. Ich hatte seit 5 Monaten kein Interner also konzentriert man sich auf andere Dinge, ich habe das Lesen und Zeichnen fuer mich entdeckt. Eines, was alle Inder lieben ist Tanzen und Singen. Sobald irgendwo ein bisschen Musik gespielt wird beginnt das Tanzen. Auch ich habe meinen Spass daran entdeckt obwohl ich es nie so wirklich mochte doch Indicher Tanz ist toll. Am liebsten habe ich es auf Familienfesten traditionelle Keidung zu tragen, zu tanzen und das indische Essen zu geniessen.

An dieser Stelle moecht ich hinzufuegen, dass sich in Indien alles ums Essen dreht, sei es in der Mittagspause oder mit dem Freunden Strassenessen zu geniessen, was ich liebe! Auch wenn ich die naechste Woche mit meinenm Magen zu kaempfen habe, kann ich es nicht lassen. Man sieht es mir auch an, das gute indische Essen, ich esse uebrigens nurnoch mit Haenden! Eines meiner zahlreichen Veranderungen oder Dinge der Normalitaet. Inder sind sehr traditionell. Sie legen wert auf tradtionen, was ich sehr bewundernswert finde. Doch manchmal wuensche ich mir mehr Offenheit fuer neues. Momentan kann ich die Schwulenbewegung mitverfolgen. Als wir das Thema in der Schule diskutierren wollten, wurde uns das unterlassen aufgrund der Sorge von Beschwerden. Denn diese Themen werden lieber totgeschwiegen als diskutiert.

Indische Transportmittel

Was ich immer noch sehr aufregend finde sind die Indischen Transportmittel. Mit Rikshwa oder Auto-Rikshwa, rostenden Bussen oder der Metro. Es ist jedes Mal aufregend mit den Fahreren ueber den Preis zu disskutieren in meinem gebrochenem Hindi. Ich werde in Indien wohl immer ein Auslaender bleiben, weil ich mit meiner Hautfarbe und Augen sehr stark auffalle. Auch wenn ich mich nicht mehr so fuelhe, wie ein Auslaender. Natuerlich bin ich kein Inder aber nach 5 Monaten habe ich doch scho viel gelernt ueber das Denken, Sprache und Verhalten. Meine Freunde sagen mir schon, dass ich zu indisch bin, weil ich das Verhalten und denken so aufgesogen habe.

Manchmal komme ich mir eher vor als wuerde ich ein Jahr schauspielern. Meine Persoenlicheit hat veraendert oder eben auch nicht. Ich kann es nicht genau sagen. Ich fuehle mich mittlerweile angekommen, ich habe laufen gelernt und bin neugierig es zu verbessern. Auch wenn ich gerade momentan meine Freunde und Familie vermisse, bin ich mir sicher, dass noch viele Dinge kommen werden. Und dann freue ich mich auch schon darauf meine Liebsten in die Arme zu schliessen und da weitermachen, wo ich vor kurzem aufgehoert habe. Doch dann mit einem erweitertem Horizont, neue Ideen und Blickwinkel.

Der Westen ist wie ein anderer Planet

Eine ehemalige Austauschschuelerin sagte mal: ‘Es ist nicht ein Jahr in einem Leben, es ist ein Leben in einem Jahr’. Dieses Zitat beschreibt es ganz gut in meinen Augen. Und hiermit moechte ich mich bei Ihnen, der Robert Bosch Stiftung, bedanken fuer dieses Leben. Fuer dieses Leben in einem Jahr. Ohne Ihre Unterschuetzung waere mir es nicht moeglich gewesen. Ich habe vieles gelernt und werde noch vieles lernen. Meine Klassenlehrerin betont gerne, das der Westen wie ein anderer Planet ist. Dieser Vergleich gefaellt mich ganz gut, weil es das ist. Eine andere Welt!

Vielen Dank!