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Ganz viel Kühe, Essen und nette Leute

Clara, Indien, 2014, Kurzzeitaustausch mit dem Stipendium der Robert Bosch Stiftung

„Mensch, ist das alles unübersichtlich und ungeordnet hier … man kann ja gar nicht unterscheiden, wer Lehrer_in und wer Schüler_in ist, wenn jede_r trägt, was er_sie will!“- diese und ähnliche Gedanken gingen mir durch den Kopf, als ich nach diesem Sommer wieder die altbekannten Gemäuer meiner Schule betrat. Doch wie kommt es, dass mir nun das Fehlen einer Schuluniform unangenehm aufstößt? Vor einigen Monaten habe ich mich noch vehement gegen die Einführung eines Dresscdoes gewehrt. Die Antwort ist gar nicht so schwer: Ich habe meinen Sommer nicht in einem der normalerweise angesteuerten südeuropäischen Touristenorten verbracht, sondern in einem Land, über 6.000 Kilometer entfernt von meinem Lebensmittelpunkt, genannt Indien. Und Indien zeigt einem eine völlig neue Art zu leben. Indien verändert, Indien prägt.

Aber bevor ich mich in Details verliere, fange ich lieber noch einmal etwas allgemeiner an. Mir wurde es, u.a. auch durch die große Unterstützung der Robert-Bosch-Stiftung, ermöglicht, Indien für zwei Monate zu erleben. Einzutauchen in den typischen Alltag, mitzumachen bei den religiösen Bräuchen und einiges zu lernen über diese faszinierende Kultur. Ge- und begleitet wurde ich hierbei von einer wunderbaren Gastfamilie, die neben den vielen neuen Freund_innen, die ich gefunden habe, und meiner tollen Schule der Hauptgrund dafür ist, wieso Indien für mich von einem fremden Land zu einem zweiten Zuhause geworden ist.

Als ich Deutschland am 16. Juli gen Indore, meiner Stadt in Indien, verließ, flog ich jedoch nicht komplett ins Unbekannte. Nehal war meine Austauschpartnerin, sie hatte mich zuvor für zwei Monate in Deutschland besucht. Sie war mir eine stetige Freude und ist für mich über die Zeit eine wirklich enge und wichtige Freundin und Schwester geworden.

Indisches Essen

"Ich hatte zwar größtenteils keine Ahnung, was ich da esse, es hat aber jedes mal gut geschmeckt." - das schrieb ich in einem meiner ersten Blogeinträge über das indische Essen und ich muss sagen, dieser Satz hat bis zum Ende seine Gültigkeit behalten! Es gibt vor allem zwei Dinge, die man über indisches Essen wissen sollte. Zum einen sind da die Gewürze - es gibt so viele davon! Europäische Küche erscheint im Gegensatz zu diesem grandiosen Geschmackserlebnis komplett ungewürzt. Vor allem und ganz besonders in Indore gibt es dabei eines, nämlich Curry. Und zwar nicht nur ein bisschen, sondern unglaublich viele – und das überall. Es gab kein Gericht, das nicht scharf gegessen wurde und sogar die Gurken wurden nicht ohne Curry verzehrt! Ich muss sagen, es hat ein wenig gedauert, bis ich mich an diese andauernde Schärfe bei der Nahrungsaufnahme gewöhnt habe, aber nach einiger Zeit war das überhaupt kein Problem mehr. Jetzt verschärfe ich mir sogar alles, was ich hier in Deutschland zu mir nehme! Zum anderen wurde auch quasi durchgehend vegetarisch gegessen.

Die Großfamilie zumindest, in der ich gelebt habe, hat sich komplett vegetarisch ernährt und auch fast alle meiner dortigen Freund_innen haben auf den Fleischkonsum verzichtet. Für mich persönlich war das wie im Paradies! Ich bin auch in Deutschland Vegetarierin, aber hier ist das der fleischlastigen Küche wegen immer eine Form des Verzichts. Und dann kam ich nach Indien, wo die sonst so routinierte Frage „Ist das denn vegetarisch?“ auf einmal komplett unnötig war. Diese Normalität von Vegetarismus in der Gesellschaft war wirklich wunderschön und gehört mit zu den Dingen, die ich am meisten vermissen werde. Einfach weil dieses Bewusstsein, sich um die Lebewesen in seiner_ihrer Umgebung zu kümmern und ihnen ihr Recht auf ein würdiges Leben anzuerkennen, ja als selbstverständlich anzusehen, hier in Europa einfach komplett fehlt beziehungsweise nur eine Randerscheinung ist und noch lange nicht salonfähig.

Umweltschutz

Was mir dabei aber paradox erschien und auch bis zum Ende kaum Sinn für mich gemacht hat, ist, wie einerseits diese große Achtung für die Mitbewohner_innen unserer Erde zusammen geht mit der Respektlosigkeit der Umwelt gegenüber andererseits. Das mag zwar ein hartes Wort sein, trifft es meiner Meinung aber doch am besten. Ich persönlich erachte Klimaschutz und Umweltschutz als sehr wichtig, gerade essentiell für das Weiterbestehen unserer Spezies, während in Indien solche Begriffe noch immer Fremdwörter sind. Natürlich werden solche Probleme wie Umweltverschmutzung oder das Sauber- und Instandhalten von Straßen und Gehwegen durch die riesige Bevölkerungszahl und die große Armut sehr verstärkt und ein promptes Lösen ist kaum möglich.

Darauf war ich ja auch gefasst, was mich dann aber schockiert hat war, dass nicht nur die Handlungsunfähigkeit des Staates und die schwierige wirtschaftliche Situation Indiens die Ursache für eben jene Umweltverschmutzung ist, sondern viel mehr die Einstellung der Menschen. Ich bin mir sicher, das ist nichts Indienspezifisches, sondern diese Haltung lässt sich an sehr vielen Orten der Erde finden und es ist eher Deutschland, das eine Ausnahme bildet. Doch Leute, die ihren Müll einfach so, ohne Nachzudenken auf den Boden, aus dem Autofenster oder auch vor die Haustür werfen, Plastiktüten, die zu jeder erdenklichen Gelegenheit verteilt werden und diese Selbstverständlichkeit, den Roller auch zu benutzen, wenn das Ziel nur 300m entfernt ist, das sind Dinge, an die ich mich auch nach zwei Monaten kaum gewöhnen konnte.

Land der Kontraste

Doch Indien ist eben ein Land der Kontraste. Neben der Tierfreundlich- und Umweltunfreundlichkeit habe ich in Indien viele weitere Dinge gefunden und gesehen, die hier als gegenteilig gelten würde. Das intensive Nutzen von Internet, sozialen Netzwerken, Smartphones sowie das übermäßige Telefonieren, das dazu führte, das gefühlt jedes dritte Gespräch von einem Anruf (der natürlich immer sofort angenommen wurde) unterbrochen wurde, auf der anderen Seite die tief verwurzelte Religiosität in der indischen Gesellschaft, die eng verbundenen Großfamilien oder auch der regelmäßige Gang zum_r Schuster_in oder zum_r Schneider_in, verbindet Moderne und Tradition auf eine Weise, die das bayrische „Laptop und Lederhose“ weit in den Schatten stellt.

Schule

Interessant war auch, wie ambitioniert all meine Mitschüler_innen waren, wenn es um ihre Zukunftspläne ging. Schule ist in Indien sehr viel wichtiger als in Europa, was vielleicht daran liegt, dass Bildung der Weg aus sowie der Schutz vor der allgegenwärtigen Armut ist. Während der Prüfungswoche beispielsweise war kein_e Schüler_in zu sehen, der_die nicht nur jeden Tag, sondern auch jede Nacht vor seinen_ihren Büchern saß und lernte und lernte und lernte. Die Schule gab sogar freie Tage, damit die Schüler_innen noch mehr für ihre Prüfungen lernen konnten. Diese Disziplin, mit der ein_e jede_r sich zwang, stundenlang am Stück zu lernen, passte nur zu gut in den durchdisziplinierten Aufbau des indischen Alltags und ist in Deutschland kaum anzutreffen.

Doch auf der anderen Seite war bis zur derzeitigen Elterngeneration die Hälfte der Gesellschaft kaum am Schmieden von Zukunftsplänen interessiert. Von den Rollenbildern her könnte Indien meiner Meinung nach mit dem Deutschland der 50er Jahre verglichen werden. Die vielen Mütter, die ich kennen gelernt und die alle als Hausfrau arbeiten oder mein kleiner Gastbruder, den es so unglaublich schockierte, als ich ein „Männer“-T-Shirt zum Schlafen trug. Geschlechtsspezifische Stereotype sind weiterhin unglaublich tief in der Gesellschaft verankert.

Die indische Großfamilie

Ein weiterer Unterschied zwischen den sozialen Konstrukten der jeweiligen Länder ist das Konzept der Großfamilie. Ich habe es geliebt! Zunächst einmal war die Bezeichnung 'cousin' zwar vorhanden, wurde aber nie benutzt. Jede_r deiner Cousins und Cousinen war dein 'Brother' oder deine 'Sister', nicht nur deine Tante oder dein Onkel, sondern jede_r Verwandte oder Familienfreund_in in dem Alter wurde 'auntie' oder 'uncle' genannt und auch in der Generation darüber war jede_r dein Großvater ('dadaji') oder deine Großmutter (dadiji'). Was diese Begriffe zeigen, ist, dass die Beziehungen zueinander nicht ganz klar benannt und aufgezeigt werden, wie ich es von Deutschland gewohnt war, sondern stattdessen alle zusammen gehören. Familie ist neben der Schule das Wichtigste überhaupt. Unser Haus war quasi nie leer, immer war gerade ein Brother, eine Sister oder irgendjemand anderes auf einen Sprung vorbei gekommen und langweilig wurde einem nie. Diese Nähe führte auch dazu, dass es um einiges häufiger Familienfeste gab, als ich es von Deutschland gewohnt bin. Wir gingen oft in Hotels/Restaurants essen und hatten richtig Spaß.

Neben solchen Verabredungen, boten auch die zahlreichen hinduistischen Festivals die Möglichkeit, sich als Großfamilie zu treffen. Vergleichbar mit den deutschen Feiertagen sind die dortigen Festivals eigentlich nicht. Während hier höchstens ein morgendlicher Kirchgang üblich ist, ging in Indien meistens der gesamte Tag für die diversen zelebrierten Traditionen drauf. Zum Beispiel gab es das 'Rakhi' Festival, bei dem sich unsere ganze Familie getroffen hat und alle Sisters ihren Brothers Armbändchen ('Rakhis') umbanden und im Gegenzug kleine Geschenke bekamen. Es war wirklich unglaublich nett, wie sehr ich gleich in die familiären Traditionen eingebunden wurde und auch meinen Brothers Rakhis gebunden habe.

Ein Letztes, nach dem ich mich sicherlich zurücksehnen werde, ist die große Gastfreundschaft, die ich von allen Seiten erlebt habe. Mein Priester, der mich immer mit einer frisch geflochtenen Blumenkette und einem breiten Lächeln begrüßte, meine Tante, die mich oft zu sich einlud und mich immer mit ihrem unfassbar leckeren Essen überhäufte, mein Vater, der gerne mal um zwölf Uhr nachts mit mir und meinem Bruder Eis essen ging oder auch unser Fahrer, der zwar nur Hindi sprechen konnte, sich aber trotzdem immer bemühte, mit mir soviel wie möglich zu kommunizieren - nur sehr wenige Beispiele von all dem, was ich vermissen werde oder viel mehr schon vermisse.

Fazit

Zwei Monate nach Indien zu gehen war eine der besten Entscheidungen meines Lebens, es war nicht nur der Sommer, in dem ich am meisten Spaß hatte, sondern auch der, in dem ich am meistens gelernt habe. Ich bin allen Menschen und Organisationen (AFS und die Robert-Bosch-Stiftung) hier in Deutschland dankbar, dass sie mir diesen Austausch ermöglicht haben. So wie den Menschen in Indien, die dafür gesorgt haben, dass er so perfekt war.

Indien, ich komme wieder!