AFS-Erfahrungsbericht Schüleraustausch Indien
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Ein Land über welches man viele Mythen hört

Lea-Sophie, Indien, 2014, Schuljahr im Ausland mit Robert Bosch-Stipendium

Ein Abenteuer. Ein für immer in meiner Erinnerung bleibendes Abenteuer und Erlebnis. Ein Land über welches man viele Mythen hört. In welchem Kühe heilig seien, viel Armut und Verschmutzung herrsche, Yoga, Meditation und Spiritualität die Verbindungen zu Gott, aber auch zu sich selbst bieten solle. Ein Land in welchem die Frauen anscheinend unsicher und für die Hausarbeit bestimmt seien. In welchem das Essen scharf, vielfältig, ölig und so sehr anders sein solle. In welchem Elefanten und nicht Autos als Haupttransportmittel für Menschen genutzt werde. Ein Land, über welches man viel hört, viel vermutet und doch so wenig weiß. Indien.

 

Es ist ein sehr geheimnisvolles Land, über welches man vieles zu wissen glaubt. Doch dann, wenn man es wagt, sein Wissen infrage zu stellen, es wagt, die Wahrheit herausfinden zu wollen und sich schließlich auf die Reise in das, wie viele sagen, „verschmutzte und für Frauen unsichere“ Indien zu machen, erlebt man die Kultur, die Spiritualität, die Gastfreundlichkeit der Menschen, und vor allem die Schönheit dieses Indiens. Genau dies war der Grund warum ich mich auf den Weg begeben habe.

Warum Indien?

Im letzten Jahr (2013) habe ich mich dazu entschlossen: Ein Jahr Indien. Eines welches mir die Wahrheit offenbart, einen Einblick in eine ganz andere Kultur ermöglicht und mich für immer verändern wird. Als meine Freunde von dieser Entscheidung erfuhren, waren viele geschockt. Manche scherzten: „Pass auf, dass du dort nicht vergewaltigt wirst“; Andere sagten: „Ein Jahr in einer anderen Kultur und Familie. Ohne deine Freunde und Familie zu sehen, die du hier in Deutschland hast. Das ist echt sehr mutig.“; Einige fragten: „Sind die Menschen dort nicht alle sehr religiös und Vegetarier?“ und überlegten: „Ist es dort nicht sehr dreckig und überall kann man Zeichen der Armut sehen?“. „Pass auf dich auf und bitte komm heil wieder zurück.“, war glaube ich der meistgesprochene Satz.

Auf geht´s

Und dann kam der Tag an dem das Erlebnis begann: 3.Juli.2014. Flughafen Frankfurt. Als es kein Zurück, nur noch diese eine Richtung, dieses eine Ziel gab. Indien. Am Flughafen trafen auch die anderen Austauschschüler zusammen, welche anscheinend genauso neugierig und aufgeregt wie ich waren. Wir verabschiedeten uns von unseren Familien und waren bereit. Bereit nun in das Flugzeug zu steigen und Deutschland hinter uns zulassen. Ohne zurück zu blicken ging ich meinen Weg. Und endlich, nach Stunden im Flugzeug, landeten wir in Delhi. Selbst der Geruch war ganz anders. Es war stickig und schwül.

 

Als wir das Gebäude verließen wartete ein AFS-Betreuer, welcher uns abholte und zu einem Hotel brachte, auf uns. (In diesem fand unsere Arrival Orientation statt.) Doch auch die Blicke der Inder und Bettler warteten auf uns. Die Menschen starrten uns an, als wären wir nicht von dieser Welt. Mir fielen sofort das Chaos und die Unordnung, die auf den Straßen herrschte, auf. Der Linksverkehr und der Fahrstil, ließen alles noch verworrener wirken. Und der Lärm, der dauerhaft und anscheinend niemals zu endenden hupenden Fahrzeuge, begleitete uns bis zum Hotel; zur Orientation: Mit Austauschschülern, welche aus Italien, Frankeich, China, Japan, den USA und vielen anderen Ländern kamen. Es waren unvergessliche Tage, in denen tiefe Freundschaften entstanden, welche ein Leben lang bestehen werden.

Anand wird mich ein Leben lang willkommen heißen

Inzwischen sind schon mehr als fünf Monate vorüber. Das heißt, dass schon mehr als die Hälfte der Zeit in Indien vergangen ist. Unfassbar, wie die Zeit vergeht! Doch ich erinnere mich noch genau an den liebevollen, indischen Empfang meiner Gastfamilie und an die Ankunft in meinem neuem zu Hause, in Anand. Der „Milchstadt“ Indiens. Sowohl die Gastfamilie, als auch die Stadt werden nicht nur diese 10 Monate einen Platz für mich bereithalten, sondern mein Leben lang werden sie mich willkommen heißen. Es gab oft ungewöhnliche Situationen wie zum Beispiel: zum Essen auf den Küchenboden sitzen und mit nur der rechten Hand essen oder von Älteren (deutlich älteren Personen) die Füße berühren, um ihnen Respekt zu zeigen und ihren Segen zu erhalten. Auch das Hören einer anderen Sprache, ohne einen Hauch von dem Gesagtem zu verstehen, war mir fremd. Einer der Hochpunkte ist, wenn ich Teile der gesprochenen Sprache, in meinem Staat Gujarat: Gujarati, verstehe und mich sogar selbst in dieser unterhalten kann! Ich fühle mich dadurch wie eine richtige Inderin. Inzwischen bin ich schon ein festes Familienmitglied und habe mich hier gut eingelebt.

„Was magst du in Indien?“

Genauso in der Schule. In meiner ziemlich kleinen Klasse, mit nur 8 Schülern, haben wir oft eine Menge Spaß und reden viel. Das Schulsystem ist sehr verschieden, doch ich habe mich, mit der Hilfe der anderen Schüler, gut anpassen können. Noch immer wird oft gefragt, woher ich komme und wie ich heiße. Und natürlich fehlt niemals die Frage: „Wie und was magst du in Indien?“ Einer der Hauptpunkte meiner Antwort für „Was magst du in Indien?“ ist: das Essen. Es ist sehr ölig, scharf, mit vielen Gewürzen zubereitet und normalerwiese vegetarisch. Was für mich als Vegetarierin perfekt ist. Das Kochen selbst bezeichne ich als eine Kunst. Mit viel Liebe und Geduld bereitet meine Mom die verschiedenste Speisen zu. Es ist ein aufwendiger und beeindruckender Prozess. Täglich bekommen die Kühe etwas zu essen, welche in Scharen und vereinzelt auf den Straßen schlendern. Diese werden auch als „Mutter Indiens“ bezeichnet. Mindestens genauso oft, wie eine Kuh, kann man Hunde, Amul Shops und Pani-Puri-Stände (etwas zu Essen) entdecken.

 

Wenn ich mich außerhalb des Hauses befinde, um Pani-Puri zu genießen oder Street shoppen zu gehen, dann oftmals nur mit Familienmitgliedern oder guten Freunden von mir und der Familie. Niemals würden meine Eltern zulassen, dass ich in eine annähernd gefährliche Situation komme. So musste ich einen Teil meiner gewohnten Freiheit aufgeben. Anfangs war es kaum auszuhalten und die Tage vergingen nur langsam. Dann suchte ich mir Aktivitäten, welche einen Aufenthalt außerhalb des gewohnten Umfeldes ermöglichten. So besuchte ich für zwei Monate eine Tanzklasse für traditionellen indischen Tanz, startete nach den zwei Monaten Sport im Fitnessstudio und gehe nach der Schule zum Hindi Unterricht. Ich sagte mir, dass ich nicht auf meine Figur achten möchte, da das Essen ein Teil der Kultur ist, doch ohne Sport würde ich wahrscheinlich eine Diät anfangen. Aber umso mehr ich mich auf die Kultur und Sprache einlasse, umso mehr lerne und erfahre ich. Täglich erlebe ich neue Situationen.

Ich bin stolz auf mich

Ich blicke zurück auf die bisher vergangenen Monate und sage, dass ich stolz auf mich bin. Es gab viele Höhen und Tiefen, die mich manchmal bis zu meinen Grenzen brachten,  doch alle habe ich gemeistert. Kein anders Land ist für mich so verschieden von Deutschland wie Indien. Ich bin froh, dies alles erleben zu dürfen. Nicht jeder hat eine solche Chance im Leben. Doch wenn man sie hat, dann sollte man diese Gelegenheit nutzen. Es ist für mich der beste Weg, eine andere Kultur zu erforschen, internationale Freundschaften zu schließen und mich selbst richtig kennenzulernen. Ich möchte an meine Eltern an dieser Stelle einen Dank richten, da sie mich so oft unterstützt haben und mir immer helfen. Und natürlich auch einen sehr großen Dank an die Robert-Bosch-Stiftung, welche mir dieses Auslandsjahr durch ein Stipendium ermöglicht hat. Danke!

Mein Rat an künftige AFSerinnen und AFSer

Nun möchte ich auch den zukünftigen Austauschschülern einige Worte mit auf den Weg geben: Es gibt kein perfektes Auslandsjahr oder eine perfekte Gastfamilie. Doch jeder kann sein Auslandsjahr zu einem perfekten Erlebnis und Abenteuer machen. Gestaltet eure Tage mit Freude und auch in schwierigen Situationen, welche 100 prozentig kommen werden, lächelt und sagt: „Ich habe es bis hierher geschafft, also werde ich alles andere auch schaffen!“ Lasst euch nicht von all den Vorurteilen blenden, welche in Massen existieren. Ihr habt die Möglichkeit, euch ein klares Bild von einem Land zu erschaffen, da ihr es selbst erleben könnt. Die Frage „Wie magst du Indien?“ habe ich in diesem Bericht nicht beantwortet, denn jeder sollte es selbst erleben und eine eigene Antwort auf diese Frage bereit haben. Ich sage nur so viel: Es ist ein Abenteuer. Ein für immer in meiner Erinnerung bleibendes Abenteuer und Erlebnis.