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Lehrerassistenz an der Little Flower School

Jakob, Indien, 2010/11, weltwärts

Lehrerassistenz an der Little Flower School

Der Eindruck über Indien und seine Bevölkerung hat sich innerhalb dieses Jahres bei mir wohl sehr stark geändert. Anfangs war ich extrem fasziniert von der üppigen Natur, die sich uns an der Westküste Indiens darbot. Endlose palmengesäumte Küstenstreifen, Berge und Urwälder – einen stärkeren Kontrast zum verregneten Deutschland kann es wohl kaum geben. Im Großen und Ganzen ist die Faszination für Indiens reichhaltige Natur, die Landschaften, die Architektur etc. geblieben. Etwas negativer geprägt allerdings war der Eindruck zu den Leuten dort vor Ort. Anfangs ging man mit der Vorstellung in das Gastland, dass man dort wirkliche Freunde finden würde, die vergleichbar sind zu Freunden daheim. Diese Hoffnung hat sich leider überhaupt nicht bestätigt. Es war extrem schwierig wirklichen Zugang zu einer indischen Person zu finden. Stets hatte man das Gefühl, dass der Gegenüber nicht wirklich Interesse an einem hegt und alle Gespräche sehr oberflächlich ablaufen.

Gewöhnung an den indischen Verkehr

Zu Beginn war man natürlich grenzenlos überfordert auch nur die einfachsten Dinge im indischen Alltag zu erledigen, wie z.B. mit dem Zug zu fahren. Es gibt so viele „ungeschriebene Gesetze“ und Dinge, die man einfach wissen muss, die einem aber keiner einfach so erklärt. Generell ist der indische Verkehr ein Thema für sich und wohl eins der größten Beispiele von Dingen, an die man sich einfach gewöhnt hat innerhalb des Jahres. Anfangs fragt man sich, wie man das Überqueren einer 6-spurigen Straße voller Autos, Rikshaws etc. überleben soll, vor allem weil diese keinen offensichtlichen Regeln folgen ... Später allerdings denkt man darüber gar nicht mehr nach und der Verkehr hier in Deutschland kommt einem fast langweilig vor ...

Kontakt mit Gleichaltrigen Einheimischen war eher rar gesät, in meinem Projekt gab es schlicht und einfach keine Personen in dem Alter und auf der Straße waren „Bekanntschaften“ zum kurzen „what´s your name/how are you?“-Ende verdammt. Allerdings unternahm ich sobald ich von der Arbeit frei bekommen hab immer sehr viel mit den Freiwilligen von AFS und anderen Organisationen. Sie waren mir treue Begleiter und waren meiner Meinung nach essentiell für mein Überleben in diesem Land, denn so hatte man immer jemandem zum reden oder um etwas zu unternehmen.

Arbeitsplatz

Mein Arbeitsplatz und auch meine Heimat für das Jahr in Indien war ein Waisenhaus mit angeschlossener Schule. Dabei hatten wir Freiwilligen einen sehr gefüllten Arbeitstag. Er begann meist um 7 oder 8 Uhr morgens. Es gab für die Heimkinder immer morgens vor der Schule „Study-Time“. Eine Stunde lang sollten sie noch nicht erledigte Hausaufgaben machen und sich auf die Schule vorbereiten. Dabei waren wir Freiwilligen meist anwesend und versuchten den Kindern bei ihren Hausaufgaben oder beim Lernen zu helfen.

Nach dem anschließenden Frühstück fing auch schon die Schule an. Sie ging von 9 Uhr bis 15 Uhr. In diesem Zeitraum hatten wir meist 3 Schulstunden zu halten, leider nur in den jüngsten Klassen, die in Deutschland dem Kindergarten entsprechen. Dementsprechend niedrig waren deren Englischkenntnisse (für dieses Alter sogar erstaunlich hoch!), was uns das Unterrichten nicht besonders einfach machte. Besonders die Disziplin lies meist sehr zu wünschen übrig und es war kaum möglich, die Kinder über einen längeren Zeitraum hinaus ruhig zu halten. Problem dabei war vor allem, dass die Kinder an die brutalen Züchtigungsmethoden der Lehrkräfte gewöhnt waren. Da wir uns dieser Mittel natürlich nicht bedienten, war es entsprechend schwer sich bei den Kindern Respekt zu verschaffen.

Neue Lehrkonzepte

Dennoch versuchte ich stetig neue Lehrkonzepte auf die Beine zu stellen, in der Hoffnung, das Interesse der Kinder zu wecken und sie so vielleicht etwas ruhig zu halten – ein Prinzip, das manchmal funktionierte in anderen Situationen aber mächtig in die Hose ging! Grundsätzlich war das Ziel bei diesem Unterricht einfach Englisch mit den Kindern zu reden, sie an den Klang zu gewöhnen und ihnen einfaches Vokabular beizubringen. Oft setzte ich die Prioritäten aber auch auf andere Fächer wie z.B. die Grundlagen in Mathematik: Solange ich auf Englisch unterrichtete war es im Grunde auch Englischunterricht. Nach der Schule gab es stets eine Stunde Freizeit für die Kinder, in der es Aufgabe der Freiwilligen war, mit ihnen zu spielen und auf sie aufzupassen. Das war meist die beste Gelegenheit in näheren Kontakt mit den Kindern zu kommen, da dort die Lehrer-Schüler Distanz gebrochen werden konnte. Auch lernte ich dort sehr viele Spiele der indischen Kinder und nicht zuletzt den indischen Volkssport Nummer eins: Cricket. Man kommt nicht darum herum, wenn man länger in Indien bleibt!

Nach der Spielstunde gab es Tee und danach war es für die Kinder Zeit ihr tägliches Bad zu nehmen. Wiederrum war es unsere Hauptaufgabe einfach bei den Kindern zu sein und dafür zu sorgen, dass sie auch wirklich ein Bad nahmen und sich nicht einfach drückten, denn bekanntlich ist für ein Kind Baden ein Alptraum J. Danach kam eigentlich der zweite Hauptteil unserer Tätigkeit: eine weitere „Study-Time“. Sie dauerte dann meist bis um 19 Uhr und gab den Kindern die Möglichkeit, Hausaufgaben zu erledigen und zu Lernen.

Nachhilfeunterricht

Für einige Monate während meines Aufenthalts nutzten wir diese Zeit auch, um einigen schwächeren Schülern in möglichst kleinen Gruppen Extra-Englischunterricht zu geben. So konnten wir besonders auf einzelne Schüler eingehen, was bei den großen Klassen sonst nicht möglich ist. Nach dem Abendessen gab es dann noch eine Spielstunde mit Brettspielen, Büchern etc. Hier konnten die Kinder selbst entscheiden, welche Art von Unterhaltung sie wollten. Meine Aufgabe war es wieder einmal mich unter die Kinder zu mischen und einfach mit ihnen zu kommunizieren. Danach gab es noch einmal „Night-Studytime“, also ein letztes Mal Zeit für Hausaufgaben etc. Das ging dann bis ca. 22-22:30 Uhr. Der Arbeitstag war also sehr lang.

Freizeit

Am Wochenende war der Tagesplan sehr viel flexibler und es gab mehr Zeit für Spiele und sonstige Aktivitäten. Allerdings wurde von uns erwartet, immer am Wochenende zu Arbeiten. Wir konnten uns zwei Tage während der Woche freinehmen, allerdings nicht am Wochenende. Das führte natürlich zu dem Problem, dass man kaum mit anderen Freiwilligen Unternehmungen machen konnte, da diese immer am Wochenende frei hatten und man selbe nicht. Die Arbeit war sowohl über als auch unterfordernd. Manchmal gab es schlicht zu wenig zu tun, bzw. die Aufgabe bestand eben nur daraus auf die Kinder aufzupassen. Während des Unterrichts allerdings war es genau andersherum, der Umgang mit so vielen Kindern, die nicht die eigene Sprache sprechen, ist zwangsläufig eine Überforderung, egal wie gut die Vorbereitung auch war.

Gastfamilie/Unterkunft

Zugegebenermaßen fiel mir das Einleben im meiner neuen Heimat um einiges schwerer als der Abschied. Das mag zu einem nicht geringen Anteil daran liegen, dass es für mich eben nicht nur Gastfamilie war, sondern auch Arbeitsplatz. Wenn die Gastmutter gleichzeitig deine Chefin ist, dann fühlt es sich eben nie so an wie „Ich bin gerade zu Hause und hab frei“. Man ist im Grunde immer auf der Arbeit, wenn man sich nicht gerade in seinem Zimmer einsperrt. Es gibt auch keine Familie mit der man neutral über seine Arbeit und eventuelle Probleme dort sprechen kann, da diese ja auch deine Vorgesetzten sind. Andererseits konnte man manchmal mein Heim auch als die größte Gastfamilie der Welt ansehen: ca. 85 Kinder und alle sehen dich als ihren großen Bruder (oder Uncle, wie sie es nennen) an.

Man kommt den Kindern sehr viel näher als ein Freiwilliger, der in der Schule nur unterrichtet und dann wieder nach Hause fährt. In diesem Sinne ist es auch ein Vorteil im Projekt zu wohnen. Mein Eindruck gegenüber der ganzen Heimfamilie hat sich im Großen und Ganzen während des Jahres nicht sehr stark geändert. Das ist im Grunde sehr erstaunlich, denn ich dachte am Anfang, ich würde das Verhalten und die Beweggründe für manches Handeln nach einem Jahr besser verstehen als am Anfang. Das war nicht wirklich der Fall, vieles, was mir schon anfangs komisch vorkam, blieb mir auch bis zum Ende hin unverständlich.

Sprache und Kommunikation

Englisch war ganz klar die absolute Verkehrssprache in Indien. Jedes Kind wird von klein auf darauf getrimmt zumindest grundlegende Englischkenntnisse zu erwerben. Kannada, die lokale Sprache aus dem Bundesstaat in dem ich lebte, wurde zwar auch untereinander gesprochen, allerdings gab es leider nie Bemühungen von Seiten meiner Vorgesetzten mir die Sprache zu lehren. Im Gegenteil – mein Bemühungen in den ersten Monaten, mir selbst die lokale Sprache beizubringen, wurden eher nicht so gern angesehen oder zumindest nie wirklich unterstützt. Denn: Man wollte nicht, dass ich mit den Kindern in ihrer Muttersprache redete, sondern ich sollte mit ihnen Englisch sprechen. Allerdings denke ich, dass ich das wenige Kannada, was ich mir selbst beigebracht habe, wenigstens einige Male auch in den Unterricht einbauen konnte und so vielleicht sonst unverständliche Wörter zu erklären vermochte. Den uns eigentlich versprochenen Sprachkurs habe ich leider nie genossen.

Entwicklungspolitik

Entwicklungszusammenarbeit bedeutet für mich vor allem zu wissen, wie einem Land wirklich geholfen werden kann. Das setzt natürlich wiederum voraus, dass man weitreichende Kenntnisse über Kultur, Politik und Wirtschaft des Landes besitzt. Das kann nur dadurch geschehen, dass man offen durch die Welt geht und bereit ist zu verstehen, dass es woanders eben wirklich ganz anders sein kann als daheim und nicht nur anders aussieht. Dieses grundsätzliche Verständnis zu erwerben, hat für mich fast ein Jahr lang gedauert. Ich glaube nicht, dass man das als Kurzzeittourist auch nur ansatzweise verstehen kann! Ich denke, dass „globales Lernen“ erst einmal voraussetzt, dass man diesen grundlegenden Punkt verstanden hat. Alles in Allem war es ein unvergleichliches Jahr, das ich wohl niemals vergessen werde!