AFS-Kurator Ulrich Voss: „Ohne meine Erlebnisse als 16-jähriger AFSer hätte ich vieles nicht angepackt"“
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Interview mit Ulrich Voss, AFS-Kurator: „Ohne meine Erlebnisse als 16-jähriger AFSer hätte ich vieles nicht angepackt“

Ulrich Voss ist AFS-Kurator und Unternehmensberater

Ulrich Voss (USA, 1982/83) gehört seit zehn Jahren dem AFS-Kuratorium an und bringt hier die internationale Perspektive ein, die er als langjähriges Mitglied des Board of Trustees (BoT) von AFS International beisteuern kann.
 
Zu einem AFS-Treffen im vergangenen November in Frankfurt kam „Uli“ sportlich mit dem Fahrrad angeradelt. Wir haben mit ihm über sein AFS-Jahr in Minnesota und dessen langfristige Auswirkungen auf seinen Lebensweg gesprochen und ihn gefragt, wie wichtig es ihm ist, dass seine Kinder ähnliche Erfahrungen sammeln können. Außerdem haben wir uns die aktuelle Lage des internationalen AFS-Netzwerks erklären lassen.

Ulrich Voss wuchs im Münsterland auf und verbrachte sein AFS-Jahr 1982/83 in New Ulm, Minnesota/USA. Er hat in Darmstadt und Harvard (USA) studiert und ist heute Unternehmensberater. Der 54-Jährige hat vier Kinder, von denen bereits eines mit AFS unterwegs war. Er lebt mit seiner Familie in Kronberg bei Frankfurt.

Dein Austauschjahr mit AFS liegt nun 37 Jahre zurück. Hast du noch Kontakt zu jemandem aus deinem Jahr in den USA – deiner Gastfamilie oder Freunden vielleicht?

Mit meinen Gasteltern, die selbst keine Kinder hatten, bin ich regelmäßig im Austausch, wir schreiben uns E-Mails, telefonieren miteinander – alle 2 bis 3 Jahre sehen wir uns entweder in den USA oder in Deutschland. Hoffentlich macht COVID-19 das nicht zunichte!

Wie beurteilst du dein Austauschjahr heute, inwiefern hat es dich geprägt? Welchen Einfluss hatte die AFS-Erfahrung auf deinen Lebensweg und deinen beruflichen Werdegang?

Ich hätte nie gedacht, dass mich diese AFS-Erfahrung so lange und so tief prägt. Es war für mich ein „Eye Opener“ und „Stepping Stone“ für Weiteres.  Im Studium und auch beruflich hatte ich einige Stationen im Ausland – einige Jahre in den USA – darunter ein Studium in Harvard, aber auch Frankreich, Schweiz und Kenia waren dabei.  Ohne meine Erlebnisse und Erfahrungen als 16-jähriger AFSer hätte ich das vermutlich nicht angepackt.

Glaubst du, dass du heute ohne dein Austauschjahr da wärst, wo du jetzt bist?

Nein, ganz bestimmt nicht.  Viel mehr als meinen beruflichen Werdegang hatte das AFS-Jahr meine persönliche Entwicklung geprägt: Meine Wahrnehmung der Welt, meine Wahrnehmung meiner eigenen Person, meiner Umwelt.  Das hat auch bestimmt mein berufliches Leben beeinflusst – aber eigentlich nur über die durchlebte Persönlichkeitsentwicklung. Wenn man so will, „für den Lebenslauf“ braucht man kein AFS-Jahr, aber für den Lauf des Lebens schon.

Du bist Mitglied im Bord of Trustees von AFS International (kurz „BoT“ - siehe Kasten). Wie beurteilt das „BoT“ die derzeitige Lage des AFS-Netzwerks?

Das internationale AFS Netzwerk arbeitet seit 2017 stark daran, seine strukturellen Schwächen zu adressieren. Wir waren und sind da immer noch auf einem wirklich guten Weg, auch wenn uns die Corona-Pandemie ordentlich zurückgeworfen hat. AFS lebt von der persönlichen Begegnung und Nähe! Wir haben nun neben der strategischen Herausforderung also eine ganz operative – die aber für unser Überleben als Netzwerk ganz entscheidend ist.  Das gesamte Netzwerk ist zusammengerückt, um auch in Corona-Zeiten so gut wie möglich unsere Programme durchzuführen – auch wenn wir wohl erstmal einen Einbruch von 80% in den Teilnehmerzahlen haben werden. Gerade finanziell und organisatorisch schwächer aufgestellte Partner-Organisationen werden stark gebeutelt, einige Länderorganisationen mussten bereits aufgeben. Das Netzwerk wird also zunächst einmal kleiner. Aber wir haben auch eine riesige Chance: Wir können und müssen anders arbeiten, uns anders organisieren. Für eine globale interkulturelle Bildungsinstitution sind wir überraschenderweise geradezu mittelalterlich-kleinstaatlich organisiert. Es gibt viele Dopplungen, Ineffizienzen, ungenutzte Potentiale und durchaus auch zu viel nationalen Eigensinn. Als Netzwerk sind wir nur so stark wie das schwächste Glied in der Kette – unsere Abhängigkeit voneinander ist riesig.  Wir müssen uns auch viel stärker anderen Partnern und Programm-Formaten auch außerhalb des AFS-Netzwerks öffnen, die zu unserer Mission passen.

Das Board of Trustees (BoT) ist nach der Mitgliederversammlung von AFS International (in der alle Partner-Organisationen vertreten sind) das höchste internationale Entscheidungsgremium und mit einem Aufsichtsrat vergleichbar. Es überwacht und kontrolliert die Amtsführung des Präsidenten und CEO von AFS International, setzt und monitort die Richtlinien für die Zusammenarbeit im Netzwerk der über 50 Mitgliedsorganisationen, und unterstützt die strategische Weiterentwicklung. Die Trustees werden direkt von der Mitgliederversammlung für eine Amtszeit von zwei Jahren gewählt.

Du hast vier Kinder, von denen eins bereits mit AFS unterwegs war. Wie wichtig ist es dir, dass sie diese Erfahrung ebenfalls machen?

Ja, mein ältester Sohn war ein Jahr mit AFS in Argentinien. Er hat sich vollkommen auf das Land und seine Gastfamilie eingelassen – die Erfahrung, in sehr einfachen Verhältnissen zu leben und sich dabei sehr wohlzufühlen, war für ihn sehr eindrücklich. Wir haben als gesamte Familie im letzten Sommer mit ihm seine Gastfamilie und seine argentinischen Freunde besucht. Das war ein unbeschreibliches Erlebnis – mir hat es die Tränen in die Augen getrieben: Er hat dort eine zweite Familie und Heimat! Meine Töchter kommen in den nächsten Jahren in das „AFS-Alter“ – ich bin mal gespannt, ob sie den Schritt machen. Meine Unterstützung haben sie!

Was möchtest du Jugendlichen mitgeben, die sich heute überlegen für einen Schüleraustausch ins Ausland zu gehen? Würdest du es (abgesehen von der Corona-Lage) weiterempfehlen?

Uneingeschränkt, ja – auf alle Fälle!  Die intensive Erfahrung eines Auslandsjahrs als Schüler in einer Familie kann man nur als 15-, 16- oder 17-Jähriger machen, das Zeitfenster ist eng – aber es öffnet andere riesige Fenster für die Zukunft. Eltern und Jugendliche nehmen bei ihrer Entscheidung die deutsche schulische Perspektive viel zu wichtig. Selbst für den Fall, dass ein Schuljahr in Deutschland wiederholt werden muss:  Das ist es auf alle Fälle wert!

AFS bedankt sich für das Interview. Die Fragen für AFS stellte Stefanie Lohrmann (09/2020).