AFS-Erfahrungsbericht Schüleraustausch Irland
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Zum Essen in Irland gibt es ein Schlagwort: POTATOES.

Johanna, Irland, Republik, 2017, Schuljahr im Ausland

Die häufigste Frage, die man nach einem Auslandsjahr gestellt bekommt, ist: „Und? Wie war‘s?“. Zufälligerweise ist das auch die Frage, auf die es keine Antwort gibt. Ein Jahr (oder gut, dann eben zehn Monate) ist einfach zu lang, um es auf einen Satz zusammenzufassen. Inzwischen weiß ich allerdings eine Antwort: „Ich würde es jederzeit wieder tun“.

 

Vor einem Jahr bin ich also aufgebrochen in das turbulenteste Jahr meines Lebens und seit gut zwei Monaten bin ich zurück- und immer noch habe ich nicht alles verarbeitet, was passiert ist. Ich habe eine Menge erlebt.

Ankommen als Austauschschülerin in Irland

Der Startschuss eines Auslandsjahres ist ja irgendwie der Flug- mein erster ging allerdings gar nicht nach Irland: Es ging nach London. Dort hatten alle Irland- und Großbritannien- Nicht-mehr-ganz-Hopees noch ein letztes Vorbereitungscamp mit Interstudies, der Irischen Partnerorganisation, wo wir nochmal letzte Tipps bekommen haben. Interstudies habe ich auf ihre Art als eine gute Organisation erfahren, aber meiner Meinung nach ticken sie in einigen Dingen anders, als ich AFS erfahren habe und ich mag die AFS-Art ein wenig lieber.

 

Erst danach ging es nach Dublin, wo unsere Gastfamilien schon am Flughafen auf uns warteten. Es war unglaublich aufregend, aus der Sicherheit zu kommen und im Gewimmel nach Menschen zu suchen, die man bis dahin nur von Fotos kannte. Zum Glück habe ich meine Gasteltern recht schnell erkannt und wir sind mit dem Auto in meine neue Heimat gefahren: ein kleines Reihenhaus in Dundalk an der Ostküste Irlands.

Meine irische Schule

Schon zwei Tage später sollte mein erster Schultag sein, also stand erstmal Uniform kaufen an. In der Schule habe ich dann festgestellt, dass Schuluniformen einen eindeutigen Vorteil haben: Auch wenn man neu ist, gehört man irgendwie schon von Anfang an dazu.

 

Meine Schule war eine katholische Mädchenschule, was schon eine Umstellung war, aber die meisten meiner Klassenkameradinnen waren sehr nett und haben mich sofort willkommen geheißen. Ich war im Transition Year, das heißt im optionalen Zwischenjahr zwischen Mittel- und Oberstufe, in dem es viele Projekte und Praktika gibt. Wir haben zum Beispiel die jährliche Talentshow der Schule organisiert.

 

Außerdem gibt es in Irland auch andere Fächer als ich aus Deutschland kannte: Wir hatten Computer Studies (wo man gelernt hat, mit Microsoft Office umzugehen), Coding (wo wir kleine Computerspiele programmiert haben), Home Economics (Kochen) und Speech and Drama. Biologie, Chemie und Physik werden außerdem im Transition Year noch unter Science zusammengefasst. Ich habe keines dieser Fächer selbst gewählt, da Transition Years eigentlich alle die gleichen Fächer haben. Nur hatte ich statt Irisch und Französisch immer Resource mit den anderen Austauschschülern, wo wir in der Bibliothek gelesen haben. Das war relativ langweilig, aber leider waren meine Klassenkameradinnen schon so fortgeschritten in beiden Sprachen, dass es mir unmöglich gewesen wäre, noch einzusteigen, besonders bei einer so komplizierten Sprache wie Irisch! Am Ende des Jahres konnte ich gerade einmal bis 10 zählen und mich vorstellen, und dafür hatte ich eine Menge üben müssen...

 

Außerdem gibt es noch jede Menge Aktivitäten, die zum Beispiel in der Mittagspause stattfinden, wie Schulsportmannschaften oder Kammerchor und Orchester, bei letzteren habe ich auch mitgemacht. Leider bestand das Orchester nach einer Weile nur noch aus mir und einer anderen Deutschen, weil unsere irischen Schulkameradinnen keine Zeit oder Lust mehr hatten, aber da es in meiner Schule eigene kleine Musik-Übungsräume gab, haben wir eigentlich auch gut alleine spielen können.

Vieles vom Leben findet abends statt

Jeden Tag hatten wir von 9 Uhr bis etwa 4 Uhr nachmittags Schule, nur mittwochs hatten wir um 1 aus. Ich war es von meiner deutschen Schule gewohnt, dass man nur 2 mal die Woche nachmittags Unterricht hat, also hatte ich fast erwartet, dass nach der Schule nichts mehr vom Tag für Freizeit übrig bleibt, aber das war zum Glück nicht der Fall. Vieles vom Leben findet stattdessen abends statt, zum Beispiel hatte ich Geigenunterricht um 8 Uhr abends, was für mich in Deutschland undenkbar gewesen wäre. Wenn die Schule aus ist, bleiben die Iren gerne in der Stadt und gehen Bummeln oder in Cafés, dass Freunde sich zu Hause treffen ist eher die Ausnahme und passiert mehr bei Verwandten oder Nachbarn.

Die Aufführungen von „Sister Act“ waren auf jeden Fall eines der besten Erlebnisse in meinem Auslandsjahr

Meine Lieblingsfächer in der Schule waren Home Economics und Speech and Drama. In diesem Fach führen die Transition Years jedes Jahr ein anderes Musical auf, in diesem Jahr durften wir „Sister Act“ spielen. Jeder Schüler musste irgendwie mithelfen- ob als Schauspieler, Tänzer, im Chor, oder im Hintergrund beim Bühnenbild, den Kostümen oder im Management. Das bedeutet also, obwohl das Fach sehr nach Theater klingt, gibt es auch Möglichkeiten für Menschen, die so etwas nicht so gerne machen.

 

Für mich war aber von Anfang an klar, dass ich auf der Bühne stehen wollte und ich habe es tatsächlich (ich weiß immer noch nicht ganz, wie) geschafft, eine der Hauptrollen zu ergattern: Ich durfte Sister Mary Robert spielen. Dadurch wurde die Zeit vor dem Musical natürlich relativ stressig mit Proben, Text lernen, singen und tanzen üben. In der letzten Woche vor den Aufführungen haben wir den ganzen Tag manchmal bis 5 und länger geprobt und ich bin zu Hause nur noch ins Bett gefallen, aber es war es wert und die Aufführungen haben riesigen Spaß gemacht.

 

Außerdem hatte ich durch das Musical auch mehr Chancen, Freunde mit ähnlichen Interessen in der Schule zu finden und wusste, worüber ich mit Mitschülerinnen reden konnte. Bis dahin war es mir nämlich oft schwer gefallen, einfach so mit meinen Klassenkameradinnen zu plaudern. Die Aufführungen von „Sister Act“ waren auf jeden Fall eines der besten Erlebnisse in meinem Auslandsjahr und ich bin immer noch stolz, dass ich als Austauschschülerin trotz der leichten Sprachbarriere (die sich aber sehr schnell gegeben hat) mitspielen durfte.

Meine zweite Gastmutter hat mich wie ein eigenes Kind behandelt

Das beste Erlebnis war allerdings nicht „Sister Act“- es war mein Gastfamilienwechsel. Leider war mir schon relativ früh klar, dass ich in meiner ersten Gastfamilie nicht ein ganzes Jahr verbringen wollen würde- wir hatten keine gemeinsamen Interessen, über die wir uns hätten unterhalten können, außerdem ging es meiner Gastmutter gerade selber nicht sehr gut. Ich möchte darauf hier gar nicht näher eingehen, es hat eben einfach nicht gut zusammengepasst. Beide Seiten haben sich wirklich Mühe gegeben und auch meine Betreuerin hat sich bemüht, eine Lösung zu finden, nur leider war die einzige Lösung für mich eine neue Gastfamilie. Nachdem ich noch 2 Monate lang versucht hatte, zurecht zu kommen, aber es nicht funktioniert hat, hat sich meine Betreuerin um die Suche nach der neuen Gastfamilie gekümmert. Im späten November bekam ich endlich die lange ersehnte Nachricht „übermorgen ziehst du um“.

 

So bin ich von der Stadt aufs Dorf gezogen und habe plötzlich fast direkt am Meer in einer fünfköpfigen Familie gewohnt. Auf einmal hatte ich eine Gastmutter, die mich wie ein eigenes Kind behandelt hat und 4 Schwestern, von denen zwei sogar an meine Schule gingen (die ich nicht wechseln musste). Die neue Familie war perfekt, besonders, einfach normal behandelt zu werden, und nicht wie ein Gast, hatte mir in der ersten Familie sehr gefehlt. Meine kleine 11-jährige Schwester hat mich immer beschäftigt gehalten (denn Langeweile ist immer schlecht im Auslandsjahr), wir sind zusammen durchs Haus getobt, haben Brettspiele gespielt und Filme geschaut. Mit meiner Gastmutter konnte ich mich super einfach unterhalten und bereits an meinem ersten Abend hat sie mich umarmt und gesagt „du kannst mich auch einfach umarmen, wenn du deine Familie vermisst“. Die Familie bestand allerdings nicht nur aus dem Haushalt: Meine Gastmutter hat selber 6 Geschwister, die auch Familie haben, und zwei von meinen Tanten haben in der gleichen Straße gewohnt und oft auf uns aufgepasst oder mit uns gegessen. Außerdem gab es so oft Besuche von Verwandten, denen ich vorgestellt wurde, dass ich irgendwann gar nicht mehr mitkam, wem ich denn schon begegnet war und wem nicht. Besonders an Weihnachten war reges Kommen und Gehen. Von allen wurde ich sehr lieb willkommen geheißen und ich habe mich rundum wohl gefühlt.

Weihnachten mit meiner Gastfamilie

Weihnachten in Irland war anders als in Deutschland, aber es hat mir auch sehr gut gefallen. Die Weihnachtsbäume sind auf der Insel fast alle künstlich und werden Jahr für Jahr wieder zusammengeschraubt- dafür stehen sie aber auch schon in manchen Haushalten ab Anfang November. Weil meine kleine Schwester noch an den Weihnachtsmann geglaubt hat, haben wir alle Briefe an Santa geschrieben.

 

An Heiligabend sind wir in die Kirche gegangen und durften dann schon ein Geschenk, das unter dem Weihnachtsbaum lag, aufmachen. Über den gesamten Dezember hinweg kamen nämlich immer mehr von den Familienmitgliedern an die anderen hinzu. Danach mussten wir erstmal schlafen gehen und wurden am nächsten Morgen um 7 von meiner kleinen Schwester geweckt: Santa war da! Meine Eltern hatten Geschenke aus Deutschland geschickt, aber auch meine Gastmutter hatte beigesteuert und ich war einfach überwältigt davon, wie gut sie schon wusste, was mir gefallen würde, obwohl wir uns noch nicht mal einen Monat lang kannten.

 

Dann wurde der Tag im Schlafanzug und mit den neuen Geschenken verbracht, bis es abends Zeit wurde fürs Christmas Dinner: wir haben uns fein gemacht und dann mit so vielen Verwandten zu Besuch, wie normalerweise in unserem Haus lebten, zu Abend gegessen. Es gab ganz typisch eine große Auswahl aus Truthahn, Stuffing, Gravy, Roast Potatoes (die beste Art, Kartoffeln zu essen), Ofengemüse und vielem mehr, alles von meiner Gastmutter und den Tanten selbst gemacht. Meine Schwester hat den Nachtisch beigesteuert und wir haben uns noch lange unterhalten und an Christmas Crackers gezogen.

Die tägliche Dosis Kartoffeln...

Zum Essen in Irland gibt es ein Schlagwort: POTATOES. Kartoffeln sind immer noch das Hauptnahrungsmittel auf der Insel, sogar, wenn man Lasagne isst, gibt es gekochte Kartoffeln als Beilage. Ein typisches irisches Essen besteht aus meiner Erfahrung nach aus Fleisch, Kartoffeln und Gemüse in verschiedensten Kombinationen (ich wusste nicht, wie viele Arten es gibt, Kartoffeln zu essen). Warm gegessen wird normalerweise abends und ohne große Planung, man geht eben in den Laden und schaut, welches Fleisch gerade im Angebot ist. Mittags isst man in der Schule ein Packed Lunch oder kauft sich etwas aus der Kantine, das Schulgelände zu verlassen, ist verboten. Was für mich am Anfang extrem ungewohnt war, ist, dass Kartoffelchips nicht als Fernsehessen angesehen werden, sondern als einfacher Snack für zwischendurch. Man hat oft 25g-Packungen Chips in seiner Brotdose und wenn man zwischendurch hungrig ist, macht man sich eben ein Crisp Sandwich- sogar, wenn man sich auswärts ein belegtes Brötchen bestellt, liegen fast immer noch Chips mit auf dem Teller. Es ist eben die einfache Möglichkeit, nicht bis zum Abendessen auf die tägliche Dosis Kartoffeln warten zu müssen. ;-)

Meine Freizeit in Irland

In meiner Freizeit habe ich weiter fotografiert und Geigenunterricht genommen und dabei auch ein Augenmerk auf irische Traditionals gelegt. Außerdem wollte ich schon das ganze Jahr lang Irish Dancing lernen, habe aber nirgendwo eine Schule gefunden- erst zwei Monate vor Ende meines Jahres hat meine Gastmutter eine für mich ausfindig gemacht, aber dann habe ich mit Begeisterung getanzt. Ich war die einzige Anfängerin, also hat mir die Lehrerin im Einzelunterricht erste Tänze beigebracht, aber ich hatte einen Riesenspaß und wünschte, ich hätte die Schule eher gefunden. Zum Abschied hat mir die Lehrerin sogar ein paar gebrauchte Schuhe geschenkt, jetzt kann ich zu Hause weitermachen. 

 

Außerdem war ich jeden Freitag bei einer Jugendgruppe im örtlichen LGBT support center, wo wir immer eine Menge Spaß hatten. Dort habe ich auch viel mehr Freunde als in der Schule gehabt, und wir haben Ausflüge, zum Beispiel zu einem Jugendball oder zur Veröffentlichung der nationalen LGBTI+ Jugendstrategie gemacht. Tatsächlich waren Freitage meine liebsten Tage der Woche, einfach, weil ich diese Gruppe und unsere Jugendleiter so gerne mochte.

 

Ansonsten habe ich einfach viel Zeit zu Hause verbracht und mit meiner kleinen Gastschwester gespielt oder sie zu Gymnastikwettbewerben begleitet. Wir haben auch gerne in der Familie gebacken und so wurde ich regelrecht verwöhnt, was das angeht. Fast jeden Sonntag nach der Kirche gab es selbst gemachte Scones und am Wochenende hat meine Gastmutter auch gerne mal für alle Pfannkuchen zum Frühstück gemacht oder typisch irischen Apple Pie als Nachtisch.

 

Außerdem habe ich viel Zeit am Strand verbracht. Schwimmen konnte man zwar nie, weil es immer zu kalt war, aber um herumzuwaten muss es ja nicht wärmer als 20° Celsius sein (wärmer wird es auch im Sommer nur selten). Im Winter gab es für Irland sehr untypisch auch Schnee. Das ist in Irland so selten, dass sogar wegen nur 2 cm die Schule für mehrere Tage ausfällt, keine Busse mehr fahren und die Iren wortwörtlich das Brotregal im Supermarkt leerkaufen. Also waren wir zu Hause und haben Schneemänner gebaut und im Schnee gespielt, besonders meine kleine Schwester und ich waren selig.

 

Ausflüge mit Interstudies und St Patrick´s Day

Sightseeing durfte natürlich auch nicht fehlen: Interstudies hat jeden Monat einen Ausflug zu einer Sehenswürdigkeit angeboten. Sie fanden normalerweise samstags statt und haben um die 30 € gekostet. Auf diese Art habe ich zum Beispiel die Cliffs of Moher, den Giant‘s Causeway und das Titanic Museum Belfast besuchen können, was mir sonst vermutlich nicht möglich gewesen wäre. Außerdem habe ich an einem drei-Tages-Trip in Dublin teilgenommen, wo wir uns die Stadt angeschaut haben und zum Beispiel bei einer keltischen Show zu Abend gegessen haben.

 

Übrigens- am berühmten St Patrick‘s Day haben wir natürlich die Parade angeschaut- allerdings war es so kalt und windig, dass wir uns schnell in ein Café verzogen und dann zu Hause mit Verwandten Rugby geschaut haben- also ein typisch irischer Tag.

„Zuhause ist der Ort, den du vermisst, wenn du nicht dort bist“

Rückblickend habe ich so viel erlebt, dass ich hier ewig weiterschreiben könnte. Deswegen ein Rat: Falls ihr überlegt, ein Auslandsjahr zu machen und euch nicht sicher seid, ich sage; tut es. Irgendjemand hat mal gesagt, man bereut mehr die Dinge, die man nicht gemacht hat, als die Dinge, die man gemacht hat, und ein Auslandsjahr ist eines der Dinge, die man bereut, nicht getan zu haben. Irland war nicht meine Erstwahl und ich wollte auch eigentlich in ein Land, wo ich eine neue Sprache lerne, aber jetzt habe ich so viele neue Erfahrungen gemacht und so viele Leute in Irland, die ich liebe und unglaublich vermisse, dass ich froh bin, dort gewesen zu sein. Natürlich habe ich mich noch oft geärgert und tue es immer noch, dass ich nicht woanders hin konnte, aber egal wie, ich bin froh, dass ich meine Freunde und Familie in Irland habe.

 

„Zuhause ist der Ort, den du vermisst, wenn du nicht dort bist“. Als AFSer hat man davon eben immer einen, egal, wo man gerade ist.