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Verona - mein italienisches Märchen, das ich immer wieder gern erzähle

Frieda, Italien, 2012/13, Schuljahr im Ausland mit AFS-Stipendienfonds-Stipendium

Verona - mein italienisches Märchen, das ich immer wieder gern erzähle

Die zehn Monate in Verona waren eine wunderbare Zeit für mich. Ich sage von Herzen „Danke“ allen Menschen, die mir diese Erfahrungen ermöglicht haben. Danke, das ist mehr als nur ein Wort. In meinem „Danke“ ist mein neues Wissen eingeschlossen, dass ich mein Leben lang weitergeben möchte. Es ist das Wissen, dass es das Schönste im Leben ist, sich in Gemeinschaft mit anderen Menschen zu erleben. In einer Gemeinschaft, die geprägt ist von Achtung und Respekt vor dem jeweils anderen. In meinem Italienjahr habe ich erfahren, dass wir Menschen mit unserem Bedürfnis nach Liebe und einem friedlichen Leben alle miteinander verbunden sind. Dabei ist es egal in welchem Teil der Welt und unter welchen Umständen wir leben.

Neben diesem guten Gefühl für unsere weltweite menschliche Gemeinschaft, empfinde ich auch, dass die Erlebnisse des vergangenen Jahres mich selbstbewusster gemacht haben. Meine Freundinnen sagen, dass ich seitdem ein „Hoppla, hier komme ich“ ausstrahle. Ja, es ist kein bisschen übertrieben. Zum ersten Mal in meinem Leben fühle ich mich wohl in der Schule. Ob es in der Italienisch-, Englisch- oder Musikstunde ist, seit meinem Auslandsjahr gehöre ich zu den besten Schülern. Ich habe Spaß am Lernen und fühle mich auch in anderen Schulsituationen beweglicher und stressresistenter.

Ich habe mich weiterentwickelt

Dieses Jahr in Italien hat mir nicht nur super Fremdsprachenkenntnisse wachsen lassen, sondern mich in meinem ganzen Denken weitergebracht. Es waren insbesondere die wahrgenommenen kulturellen Unterschiede und Gemeinsamkeiten, die mir immer wieder Denkanstöße gegeben haben. Ich habe festgestellt, dass es im Grunde viele Gemeinsamkeiten gibt. Das hat sicher damit zu tun, dass Italien und Deutschland europäische Länder sind und der Gedanke der Demokratie und Gleichberechtigung in beiden Ländern auch gelebt wird.

Aber auch die Prägung der Länder durch den christlichen Glauben bringt viele Gemeinsamkeiten mit sich. Eine intensive Erfahrung konnte ich bei der Beerdigung des Vaters meiner Gastmutter machen. Kurz vor meiner Abreise hatte ich in Deutschland die Beerdigung meines Patenonkels miterlebt. Es waren viele Menschen in der Kirche und auf dem Friedhof versammelt. Ich habe damals einige Musikstücke auf der Geige gespielt und es war gut für mich, auf diese Weise Abschied nehmen zu können. Aus dieser Erfahrung heraus, habe ich meiner Gastfamilie angeboten, auch für Ihren Verstorbenen zu spielen. Es war für mich ein bewegendes Erlebnis zu sehen, wie auch hier eine große Familie und viele Nachbarn aus der Gemeinde zum Abschiednehmen zusammen kamen. Ich konnte erleben, wie die Gebete und die Geigenmusik die Trauernden anrührten und es uns allen gut tat. Ich bin sehr froh über diese gemeinsame christliche Tradition, die verstorbene Menschen so ehrenvoll auf ihrem Weg zu Gott zu verabschiedet.

Das Schulsystem

Bei den kulturellen Unterschieden fällt mir als erstes das Schulsystem ein. Ja, der italienische Schulunterricht, der war doch sehr gewöhnungsbedürftig für mich. Es ist ein Frontalunterricht ohne dass ein nennenswerter Dialog mit den Schülern geführt wird. Den Erfahrungsaustausch über Gehörtes und Gelerntes, den in Deutschland die Schüler und Lehrer auf Augenhöhe miteinander führen, habe ich vermisst.

Auf der anderen Seite war das musikalische Gymnasium, das ich in Verona besuchen durfte, eine wunderbare Erfahrung für mich. Hier gab es spezielle Angebote wie Instrumentalunterricht, Chorsingen und Orchester und ich konnte mich hier ganz breit musikalisch entfalten.

Die Rolle der Frau

Gewundert habe ich mich ein bisschen über die noch sehr vorherbestimmte Rolle der Frau. Ich selbst habe das in punkto Kleidung erlebt. Meine Schulkleidung, Leggins und Boots, wurden nur naserümpfend von meiner Gastmutter akzeptiert. Solche Sachen sieht man einfach nicht an jungen italienischen Damen. Meiner kleinen Gastschwester habe ich aber mit meinem Mut zu den ungewöhnlichen Kleidungsstücken auch ein wenig imponiert. Und natürlich war ich damit einverstanden, mich von meiner Gastmutter auf den Familienfesten im Rock oder Kleid vorzustellen zu lassen. :-)

Manchmal werde ich gefragt, ob ich mich mit Deutschland nun mehr oder weniger verbunden fühle als vor meinem Austauschjahr. Ich kann sagen, dass ich mich nach meinem Jahr in Italien jetzt richtig in Deutschland zu Hause fühle. Zu Hause, damit meine ich, dass ich hier einen Punkt habe, mit dem ich kulturell ganz inniglich verbunden bin. Seien es die familiäre Gebundenheit oder aber der besondere Umgang mit der klassischen Musik – hier gibt es einfach viel Vertrautes. Von diesem „Zu-Hause-Gefühl“ - Punkt ausgehend tausche ich mich mit der Welt aus. Mit allen Freunden in Italien auf Italienisch und mit den mit mir in Italien gewesenen anderen ASF-Austauschschülern in englischer Sprache. Ich fühle mich großartig.

Verabredungen in Italien

Manche Dinge aus Deutschland lernt man erst schätzen, wenn sie nicht mehr einfach da sind. Mir erging es so mit Verabredungen. Alle in dieser Zeit in Verona wohnenden AFS-Austauschschüler hatten sich befreundet und wir unternahmen auch viel gemeinsam. Das war aber nicht einfach. Kaum eine Verabredung wurde eingehalten. Mal war dies oder mal war das oder es kamen manche einfach immer zu spät. Diese Gebundenheit an das gegebene Wort oder die zeitliche Verabredung scheint in anderen Kulturkreisen nicht so wichtig zu sein. Als ich wieder zu Hause war, fand ich es sehr angenehm, dass ich mich ohne nachzufragen auf Verabredungen verlassen konnte.

Etwas sehr Schönes und Beeindruckendes ist nach meinem Aufenthalt passiert. Es gab während meines Aufenthaltes insgesamt sechs Austauschfamilien in Verona. Von meiner Gastmutter wurden die verschiedensten Ausflüge mit allen Gastschülern zusammen mit ihren Familien organisiert. So lernte ich auch die anderen Familien kennen und hatte dann neben meiner Gastfamilie auch noch zwei stellvertretende Gastfamilien, die ich gern und oft besucht habe. Es ist, als ob mit meinen Kontakten zu den drei Familien ein Samen von Freundschaft zwischen alle gelegt wurde. Kaum waren wir Austauschschüler wieder nach Hause gefahren, rückten alle Gastfamilien noch näher zusammen. Ich habe gehört, dass sie gemeinsam in den Urlaub fahren und zusammen in die Oper gehen. Für mich ist das ein Spiegelbild für das Leben überhaupt. Etwas geht zu Ende und etwas Neues beginnt. Mein Aufenthalt in Italien ist zu Ende gegangen und eine Freundschaft zwischen den Gastfamilien in Verona hat begonnen.

Ich bin selbständiger geworden

Zusammenfassend kann ich sagen, dass ich ein unbeschreiblich schönes Jahr in Verona verbracht habe. Ich habe viele kleine Hürden überwunden und bin selbstständiger geworden. Ich habe eine andere Kultur kennengelernt und sehe meine eigene mit neuen Augen.

Ich habe zuverlässige Verabredungen, die ich in Deutschland kaum beachtet habe, schätzen gelernt. Ich habe Erfahrungen gesammelt und Begegnungen gemacht, die mich empathische und kommunikative Fähigkeiten gelehrt haben. Das Leben in meiner italienischen Gastfamilie hat meinen Horizont erweitert und mich verändert. Ich habe es gelernt, mehr Rücksicht zu nehmen und anderen immer respektvoll zu begegnen. Die Menschen in Italien haben mich tief beeindruckt und ich genieße die vielen neuen Freundschaften.

Ein gelungenes Austauschjahr dank AFS

Ich hoffe, dass diese Möglichkeiten des Austausches wie sie die Organisation AFS jungen Menschen bietet, auch in Zukunft erhalten bleibt. AFS ist wirklich etwas Besonderes. Immer wusste ich, dass AFS ein Ansprechpartner für mich ist und so im Hintergrund ein „wachendes Auge“ war. Das gab mir bei allen Erfahrungen mit manchmal umwerfender Eindrücklichkeit das beruhigende Gefühl von Sicherheit. Ja, diese absichernde Begleitung im Alltäglichen und geistige Unterstützung durch viele Menschen war wesentlich für mein gelungenes Austauschjahr. Grundlegend aber war die großzügige finanzielle Unterstützung, die ich bekommen habe. Ohne das Stipendium hätte es kein Auslandsjahr für mich gegeben. Ich danke den ASF-Stipendiengebern sehr.

Mein intensives Arbeiten am Instrument in Vorbereitung auf ein Musikstudium erlaubt mir zeitlich leider kein festes Engagement für AFS. Ich unterstütze AFS gern indirekt und erzähle viel über mein wunderbares Auslandsjahr und kann immer wieder junge Erwachsene dafür begeistern.