"Das Auslandsjahr hat mir so viele wunderschöne Einblicke ermöglicht."

Anna, Japan, 2012, Schuljahr im Ausland mit dem AFS-Stipendienfonds

Mein japanischer Alltag

Die Austauschschülerin Anna mit ihren japanischen Schulfreundinnen

Morgens um 6:15 Uhr kommt meine Gastmutter Naoko-san in mein Zimmer gestürzt und ruft: „Anna, wach schnell auf! Ich hab schon wieder verschlafen!“. In derselben Sekunde springe ich auf und sage: „Ha~i.“ (Jawohl). Etwas gehetzt ziehe ich mir meine Schuluniform an bleibe dann aber doch kurz vor dem Spiegel stehen, um zu schauen, ob meine dunkelrote Krawatte auch sitzt. Dann denke ich mir, wie viel schöner die Sommerschuluniform doch ist. Mit der blauen Schleife. Erst in Japan habe ich gelernt, wie man Krawatten bindet. Ich muss auch zugeben ich wusste nicht wie man Schleifen so schön bindet. Schnell laufe ich die Treppen runter in die Küche. Es riecht lecker nach frisch gebratenem Gemüse und Fleisch. Naoko-san fragt mich ob ich lieber Reis oder Brot essen möchte. Da ich eh schon verschlafen habe, nehme ich lieber Brot. Das kann ich schneller essen. So läuft das meistens. Einige Minuten später kommt meine Gastmutter mit ihrer kleinen 6-jährigen Tochter Riho auf dem Arm hinunter in die Küche. Riho geht sofort auf das Sofa zu, um weiter zu schlafen. Ihre Mutter ruft sie: „Riho! Komm essen!“. Daraufhin kommt keine Antwort. „Riho-chan, ich esse dir jetzt alles weg!“, rufe ich. Sofort ist sie hellwach und setzt sich neben mich. Herr Sakai kommt wegen seiner Arbeit nur am Wochenende nach Hause. Er ist sehr lustig. Es ist schade, dass wir nicht viel Zeit miteinander verbringen können. Während ich esse habe ich immer ganz interessante Unterhaltungen mit Naoko-san. Ich freue mich jeden Tag morgens etwas Neues von ihr zu lernen. Als es Zeit wird verlasse ich das Haus mit der Lunchbox, die Naoko-san mir jeden Morgen macht, in der Hand.

Der Schulweg

Heute ist es wieder verdammt knapp. Mit der großen, schweren Tasche um die Schulter laufe ich los. 70% des Inhalts sind gar keine Bücher sondern Sportzeug, denn nicht nur habe ich fast jeden Tag Sportunterricht sondern ich habe jeden Tag nach der Schule noch meine Clubaktivität, in meinem Fall Kyudo, japanisches Bogenschießen. Aus der Puste, aber noch rechtzeitig, schaffe ich es in den Bus. Er ist voll von Schülern verschiedener Schulen. Ich finde es jeden Morgen interessant die verschiedenen Schuluniformen zu beobachten. Nicht nur steht oft der Name der Schule im Wappen auf der Uniform, manche Schulen haben auch eine Brosche mit dem Jahrgang des Schülers, wodurch ich herausfinden kann ob diese Leute älter oder jünger oder genau so alt sind wie ich. Auch kann ich durch ihre großen Sporttaschen herausfinden welchem Club sie angehören. Wie jeden Morgen im Bus lese ich das Schild, auf dem der Name des Busfahrers geschrieben ist. Dies ist eine gute Übung chinesische Schriftzeichen zu lernen. Nun muss ich einmal umsteigen. Im zweiten Bus muss ich ca. 40 Minuten fahren. Diese Zeit verbringe ich meistens damit zu schlafen. In deutschen Verkehrsmitteln hätte ich mich niemals getraut zu schlafen. Aber in Japan ist dies das normalste überhaupt. Außerdem muss ich eh bis zur letzten Station fahren. Im schlimmsten Fall muss mich Herr Yano, der Busfahrer wecken, indem er durch das Mikrofon „Annaaaa! Wach auf, wir sind schon da!“, ruft. Dies kommt öfters mal vor. Ich hätte mich in Deutschland auch bestimmt nicht mit einem Busfahrer einfach mal so anfreunden können glaube ich. Aber da ich DIE Ausländerin bin, die immer dieselbe Strecke fährt, fällt es niemandem schwer mich anzusprechen.

Lehrer und Schüler

Anna beim Sportunterricht in Japan

Ich freue mich immer, wenn Menschen so viel Interesse an einer anderen Kultur zeigen. Da es in Japan so gut wie nur Japaner gibt, finden sie alles, was anders ist unglaublich interessant. Es kommen aber auch die seltsamsten Fragen, wie z.B. Fragte mich meine Freundin beim Zähneputzen nach dem Essen unserer Lunchboxen: „Gibt es in Deutschland auch Zahnpasta?“. Nun gut, sobald ich mich höflich mit einer kleinen Verbeugung von Herrn Yano verabschiede und das Schulgelände betrete treffe ich auf den Sportlehrer, der die Schüler abfängt, die zu spät kommen und sie dann ausschimpft. Auch ihn begrüße ich natürlich mit einem höflichen „Guten Morgen!“ und einer Verbeugung. Obwohl die Lehrer, und vor allem die Sportlehrer, in Japan streng sind, hat man ein besseres Verhältnis zu ihnen, als in Deutschland. Der Lehrer in Japan ist auf einer Seite eine Respektsperson, auf der anderen jedoch ist es nicht selten, dass ich Schüler und Lehrer zusammen herumalbern gesehen habe. Manchmal gingen wir sogar mit unseren Lehrer etwas zusammen essen. Anfangs war mir diese Aufdringlichkeit unangenehm und ich habe mich auch etwas eingeschränkt gefühlt, durch die ganzen Regelungen. Doch letztendlich habe ich mich Sicher gefühlt und auch als wäre ich auf dem rechten Weg. In Deutschland musste ich immer sehr selbstständig sein. Selbst meine Eltern haben selten etwas zu dem gesagt, was ich tat. In Japan haben die Lehrer die Aufgabe auf die Schüler aufzupassen und sie auf den richtigen Weg zu lenken. Dies waren nicht nur Sachen, die mit der Schule zu tun hatten sondern auch private Angelegenheiten.

Freunde auf japanisch

Die meisten meiner Freundschaften in Deutschland waren oberflächlich. Ich hatte nur ganz wenige sehr gute Freunde. In Japan hatte ich sehr, sehr viele Freunde. Die meisten von ihnen waren keine tiefen Freundschaften aber trotzdem waren sie mir sehr viel wert. Meine besten Freunde in Japan sind alles für mich. Die Umgangsart allgemein ist sehr verschieden. Während mir hier in Deutschland wieder auffällt, dass man es sehr schwer hat so akzeptiert zu werden, wie man ist, man aufpassen muss was man sagt, um sich nicht unbeliebt zu machen und ich das Gefühl habe man darf noch nicht einmal vor Glück strahlen, weil es andere nur wütend macht. In Japan habe ich gestrahlt. Man konnte mein Glück aus weitester Entfernung sehen, hatte ich das Gefühl. Alle haben mich so gemocht, wie ich war. In Japan hatte ich das Gefühl ich gehöre immer dazu. Ich bin immer ein Teil und die Leute dort brauchen mich. Ich habe viel in Japan zurückgelassen. Alles, was ich gelernt habe, alles Faszination, Ehrgeiz, Moral, Lebenseinstellung, und alle wichtigen Momente die ich dort hatte sind alle dort geblieben. Während in Japan Konflikte kaum, bzw. wenn dann nicht öffentlich, auftreten, gibt es in hier jeden Tag irgendwelche Mädchen, die sich fertig machen. In Japan wird solchen Dingen eher aus dem Weg gegangen und irgendwann vergessen. In Deutschland ist Lästern an der Tagesordnung. Wenn ich in Japan nur eine kleine Sache gesagt habe, dann haben die anderen immer einen Finger auf ihren Mund gelegt und mir damit signalisiert, nicht weiter zu reden. Aber worauf ich stolz bin ist, dass ich mich inzwischen gut durchsetzen kann und überzeugend diskutieren kann. Selbst wenn ich dies in Japan nie anwenden musste.

Eine zweite Familie

Die Austauschschülerin Anna im Kimono

Ganz besonders unterschiedlich waren meine Familien. Meine Gastmutter war erstaunlicher Weise meiner echten Mutter sehr ähnlich, z.B. lesen beide gerne, spielen beruflich Musik, usw. aber waren sich doch innerlich verschieden. Ich glaube wäre meine Gastmutter in Deutschland groß geworden, wäre sie genau wie meine Mutter. Andersherum genau so. Wahrscheinlich war dies der Grund warum ich meine Gastmutter nie mit dem Titel für Mutter angesprochen habe. Ich habe sie immer nur Naoko-san (Frau Naoko) genannt. Ich liebe starke Frauen und das ist Naoko-san auch, genau wie meine Mutter. Sie hatte stets die Oberhand in der Familie, was zu vielen lustigen Situationen führte, wenn sich mein Gastvater mal wieder beschwert hat darüber, dass er zu sehr von ihr unterdrückt wird. Alles spricht dagegen, dass Japaner und vor allem die Frauen dort ruhig und schüchtern sind und sich nie durchsetzen können. Sie gehen zwar Konflikten wo oft es geht aus dem Weg aber sie können auch ganz anders. Vor allem die Frauen in Kumamoto müssen wohl besonders stark sein. Ich liebe Japan nicht nur für ihr faszinierendes Land sondern vor allem wegen der Menschen. In Japan fühle ich mich zu Hause. Das Auslandsjahr hat mir so viele wunderschöne Einblicke ermöglicht. Ich kann den nächsten Schritt, den ich in die Zukunft gehen will schon sehen. Ich weiß nicht, was mit mir wäre, wenn ich das alles nicht hätte erleben dürfen.