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Elf Monate pures Leben!

Christian, Kenia, 2011/12, IJFD

Elf Monate pures Leben!

Von August 2011 bis Ende Juni 2012 lebte, arbeitete und lernte ich elf Monate lang in Mombasa, Kenia im Rahmen meines Internationalen-Jugendfreiwilligendienstes.

Land und Leute

Bereits nach kurzer Zeit gelang es mir einen Überblick über Kenias nationale Identität zu erhalten und so musste ich mich schnell von meinen stereotypen Vorstellungen zu Beginn des Aufenthaltes verabschieden. Zwar gibt es viele Menschen, die in Armut leben, was aber nicht zwangsläufig bedeuten muss, dass sie derart stark darunter leiden, wie es hierorts gerne dargestellt wird, um bspw. Spendengelder zu sammeln. Ebenso wenig kann ich an dieser Stelle die landläufige Meinung „die Menschen sind da so glücklich, obwohl sie nichts haben“ unterstützen. Vielmehr zeichnet sich der Umgang mit Armut und sozialen Problemen durch eine viel größere Gelassenheit/Abgestumpftheit aus, da es dort ein so alltägliches Phänomen ist. Darüber hinaus erfuhr ich völlig überraschend für mich, was die verschiedenen Stämme Kenias unterscheidet. So lebte ich zu Beginn des Dienstes für ca. viereinhalb Monate bei einer Suaheli-Familie und kam passend zum Ramadan an. Das hieß natürlich fasten, auf dem Boden und mit Fingern essen und ganz neue leckere Gerichte ausprobieren. In meiner zweiten Gastfamilie vom Stamm der Luya hingegen war das Essen mit Fingern nur bei Sima üblich und auch setzten wir uns zu den Mahlzeiten auf die Couch. Ebenso unterschied sich der Kleidungsstil: Während sich die Frauen in meiner ersten Familie verhüllten, wenn sie das Haus verließen, war das für meine zweite Gastmutter aufgrund ihrer kulturellen Identität nicht angebracht.

Interessant war auch, dass man des Öfteren gefragt wurde welchem Stamm man denn angehöre. Am Anfang vermochten einen diese Frage noch zu verwirren, doch sobald man sich über das (leider) sehr stark ausgeprägte Stammesbewusstsein der Leute im Klaren war, meisterte man auch diese Herausforderung mit Leichtigkeit.

Kommunikation mit Einheimischen

Darüber hinaus etwas verstörend, war das ständige Laufen eines Fernsehgeräts oder die absolute Priorität eines Handyanrufs. Wenn man versuchte ein Gespräch aufzubauen, erleichterte das Dröhnen des ersteren diesen Prozess nicht gerade; und wenn man es dann tatsächlich erfolgreich soweit geschafft hatte, war es meist so, dass das Gespräch durch zahlreiche Handyanrufe und SMS unterbrochen wurde. Sich hieran zu gewöhnen fiel etwas schwerer, weil es sich zu den elementarsten deutschen Höflichkeitsregeln ziemlich konträr verhält.

Gerade zu Beginn des Aufenthaltes fiel es aufgrund dieser und anderer Hürden zunächst einmal schwer wirkliche Freundschaften zu gleichaltrigen Kenianerinnen und Kenianern aufzubauen. Nachdem man sich allerdings eingelebt hatte und mit den kulturellen Unterschieden umzugehen wusste, nahm auch der Kontakt zu anderen jungen Leuten zu und man unternahm vom am Strand Fußball spielen, Diskussionen unterm Sternenhimmel führen bis hin zum ausgelassenen Feiern viel miteinander. Eine Tiefe, wie in der Beziehung zu meinen Freunden hier in Deutschland, vermochte ich in dem Jahr allerdings nicht ganz herzustellen.

Arbeitsplatz

Neben diesen eher dem Privatleben zuzuordnenden Aspekten möchte ich an dieser Stelle auch gerne noch etwas über meine Arbeit berichten. Mein Projektorganisation war die „Muslim Education & Welfare Association“ (MEWA). Hierbei handelt es sich um eine verhältnismäßig große Organisation mit einem Krankenhaus, einer Bibliothek, einem Computerzentrum und auch einer Drogentherapieklinik, die auch meinen Arbeitsplatz darstellte.

Hier übernahm ich mehrheitlich administrative Aufgaben (Neustrukturierung der Patientenakten, Verbesserung der Dokumentation, Überarbeitung des Behandlungsplans, Verantwortung über die wöchentlichen Finanzen etc.), setzte mich aber nach einiger Einarbeitung auch im therapeutischen Bereich mit ein (Leitung von Gruppenstunden, Aufnahmegespräch mit neuen Patienten etc.). Hierfür benötigte ich ca. 40 Stunden pro Woche. Darin enthalten sind aber auch die für einen solchen Arbeitsplatz unerlässlichen, aber natürlich nicht offiziellen Stunden, in denen man sich bspw. mit einem Suchtkranken zusammen setzt und einfach probiert eine Beziehung zu ihm aufzubauen. Da an den Wochenenden öfters Strandausflüge und Familientherapietage anstanden, galt es auch hier manchmal einsatzbereit zu sein. Insgesamt hielt sich der Arbeitsaufwand an Wochenenden aber noch in einem erträglichen Maße. Zu beachten ist allerdings, dass sich die Patienten für drei Monate in der Klinik befinden und daher jeden Tag betreut werden müssen. Da stellen auch Feiertage keine Ausnahmen dar und aufgrund der dünnen Personaldecke musste ich bereit sein, auch an vielen dieser Tage zu arbeiten.

Dieser Mangel an qualifizierten Therapeuten machte sich besonders in der ersten Hälfte meines Aufenthaltes stark bemerkbar. So war es über einen Zeitraum von ca. zwei Monaten an einer amerikanischen Freiwilligen und mir die Therapiestunden einigermaßen in Gang zu halten, da in dieser Periode, vielleicht an fünf Tagen mal ein Therapeut das Zentrum besuchte. In dieser Phase war sowohl meine Motivation, als auch meine Fähigkeit die Situation zu meistern an einem Tiefpunkt. Die Überforderung in dieser Zeit resultierte hauptsächlich daraus, ohne tiefgehende Kenntnisse über Suchtkrankheiten die Patienten einigermaßen zu beschäftigen, die Ordnung ohne viel exekutive Gewalt aufrecht zu erhalten (als Freiwilliger hat man z.B. nicht das Recht jemanden aus dem Programm zu entfernen, obwohl dies angebracht wäre) und gleichzeitig die Missstimmung von Patienten und Familien zu ertragen.

Auf der anderen Seite gab es auch Zeiten, in denen sich die Arbeitsbelastung viel zu gering hielt. Besonders gegen Ende, hatten wir viele neu eingeführte Strukturen übernommen (z.B. Computertraining für den Kassenwart), sodass meine Anwesenheit gar nicht mehr erforderlich gewesen wäre. Insgesamt fühlte ich mich in der Zeit tendenziell unterfordert, was vor allem daran liegt, dass ich einige der Aufgaben, die hätten gemacht werden müssen (mehr Unterrichtsstunden!), aufgrund mangelnder Qualifikation nicht übernehmen konnte – oder zumindest nicht in einem solchen Maße übernehmen konnte wie eine ausgebildete Fachkraft.

Dennoch war diese Arbeitsstelle sowohl eine Bereicherung für mich als auch umgekehrt, da ich viel lernen konnte und wir zusammen ein paar wichtige Reformen in der Entzugsklinik auf den Weg brachten.

Gastfamilie

Ebenfalls eine Bereicherung war das Leben in meinen beiden Gastfamilien. Wenn ich auch keine allzu tiefe Verbindung zu beiden aufbauen konnte, machte es mir dennoch Spaß viele neue Dinge zu entdecken und zu lernen in einer Intensität, wie es anders wohl kaum möglich gewesen wäre. So beherrsche ich nun den Umgang mit Babys, lernte mich in einer mir unbekannten Sprache zu verständigen, erlebte ganz andere Tagesabläufe und Charaktere, feierte mir zuvor unbekannte Feste und hatte eine Menge Spaß und auch ein bisschen Streit. Sowohl das Einleben als auch der Abschied aus meinen Gastfamilien fiel mir nicht schwer.

Neben der Gastfamilie als Stütze war AFS/OFIE unser anderer Ansprechpartner im Falle von auftauchenden Problemen. Da ich allerdings keine ernstlichen Probleme zu verzeichnen hatte, blieb der Kontakt zu AFS/OFIE auf einige Besuche beschränkt. Wenn ich jedoch Fragen hatte, standen mir die Leute immer zur Seite und hatten den einen oder anderen Tipp parat. Besonders im On-Arrival-Camp konnte ich davon profitieren. Das Mid- und End-Stay-Camp waren aus inhaltlicher Sicht eher mau (mehr entwicklungspolitische Themen bitte!), konnten dafür aber auf anderer Ebene punkten, da man endlich mal Zeit hatte sich mit allen anderen Freiwilligen auszutauschen.

Sprache

Aus sprachlicher Sicht war der Freiwilligendienst ebenfalls eine Bereicherung. Wenn auch nicht in dem Maße, wie ich es mir zunächst erhofft hatte. Dadurch, dass viele Menschen Englisch sprechen ist dies oft die erste Wahl in Gesprächen, was auf jeden Fall zu einer signifikanten Verbesserung des englischen Sprachvermögens führte. Gleichzeitig entflieht man dadurch aber auch der Zwangssituation die Landessprache zu lernen. In diesem Falle Kisuaheli. Da ich jedoch die ersten viereinhalb Monate in einer Suaheli-Familie wohnte, die kaum Englisch beherrschte geriet ich hier immer wieder in die Situation mein Kisuaheli zu trainieren und kann zum Abschluss des Jahres sagen, dass ich in der Landessprache ein relativ ordentliches Niveau erreichen konnte, das z.B. ausreichte, um mich mit Menschen zu verständigen, die kein Englisch sprachen. Zeitung lesen und Nachrichten gucken und in vollem Umfang verstehen, blieb mir jedoch bis zum Schluss verwehrt. Anzumerken bleibt auch noch die sprachliche Vielfalt Kenias. Hierdurch landeten auch noch ein paar Begrüßungen in Kiluya, Kiluo, Kikalenjin und Gikuyu in meinem Kopf.

Andere Menschen reagierten auf mangelnde Sprachkenntnis meinerseits häufig mit einem Wechsel ins Englische, wodurch das Lernen doch etwas erschwert wurde.

Neben den normalen Gesprächen mit Freunden und Bekannten hoffe ich, mein Wissen unter anderem als Teamer bei Auswahlen oder als Länderberater weitergeben zu können. Auch Info-Veranstaltungen in Schulen würde ich gerne mitgestalten.

Insgesamt war das Jahr für mich einfach wunderbar. Neue Perspektiven auf alte Dinge wurden aufgeworfen. Ein vorher bloß unbewusstes Heimatgefühl erwachte und ein neues kam hinzu. Meine Familie ist wieder mehr in den Fokus meiner Aufmerksamkeit gerückt. Meine spirituelle Seite hat sich vom Krankenbett erhoben. Neue Freundschaften wurden geschlossen. Atemberaubende Momente puren Glücks durfte ich genauso erleben, wie Momente tiefer Trauer. Gefühle waren halt immer dabei. Und das ist wichtig! Es war grandios!