340 Tage pures Leben

Lisa, Kolumbien, 2014, AFS-Teilstipendium

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Ein Auslandsaufenthalt ist eine Schule fürs Leben

So kann ich mein Austauschjahr in wenigen Worte zusammenfassen. Wenn man nach seinem Austauschaufenthalt gefragt wird, wie es denn so war, kann man diese Zeit nicht einfach in einem Satz zusammenfassen. Einem gehen die verschiedensten Erinnerungen durch den Kopf, die man nun mit sich trägt und versucht die richtigen Worte zu finden, was einfach unmöglich erscheint. Während seines Auslandsaufenthalts lernt man die unterschiedlichsten Dinge, man lernt mit Menschen umzugehen, in einer anderen Sprache zu kommunizieren, mit anderen Traditionen und Essgewohnheiten klar zu kommen, bisher fremde Menschen in sein Herz zu schließen und diese lieben zu lernen, neue Freunde zu finden, mit komischen Seitenblicken umzugehen. Man lernt, dass einem so gut wie nichts in seinem Leben peinlich sein muss, Fehler zu machen, sich zu entschuldigen auf seine eigene Art und Weise, ein neues Zuhause zu finden, oft am anderen Ende der Welt, alleine und selbstständig Reisen zu planen, laut in den Straßen nach Herzenslust zu singen und zu tanzen, typische Ausdrücke zu benutzten, die nur in diesem Land oder auch nur in der einen Region bekannt sind. Man lernt auch, dass ein Wort in einer Region heißen kann, dass man doch gerne Rühreier mit Schinken essen möchte und in einer anderen Region, die nur 150km entfernt liegt, bedeutet dieses eine Wort, dass man eine Glühbirne benötigt. Man lernt über sich selbst und seine Sprachprobleme zu lachen und man lernt sich selbst der Gehweise und dem Klamottenstil der anderen anzupassen, Hilfe anzunehmen.

"Die Eindrücke in dem vergangenen Jahr haben mich sehr verändert."

In dem vergangenen Jahr haben verschiedene Eindrücke aus Deutschland und aus Kolumbien mich verändert und mich zu der Person gemacht, die ich jetzt bin. Innerhalb des Jahres haben sich die beiden Länder in mir verbunden und ich kann nun nicht mehr sagen, ob ich von meinen Eigenschaften mehr Deutsche oder Kolumbianerin bin. Ich bin wohl im Herzen mehr Latina als Deutsche, das kann ich doch sicher sagen, da ich mein kolumbianisches Leben mehr vermisse, als mein deutsches Leben. Zurückkommen nach einem großartigen Jahr ist keine leichte Sache, für niemanden. Schon der Schritt sich in so ein Abenteuer zu wagen, fällt einem manchmal schwer, wenn man dann auf einmal in Frankfurt am Flughafen sitzt, auf seinen Flieger wartet und einem bewusst wird, dass man seine Familie und Freunde für längere Zeit nicht mehr sehen wird und man sich selbst fragt, was man da eigentlich vorhat. Alleine in ein völlig fremdes Land zu reisen, ohne jegliche Sprachkenntnisse und dann auch noch mit fremden Personen zusammenleben zu müssen?!

"Nach bereits einem Monat war ich schon sehr selbstständig."

Aber als ich damals in Pereira, dort wo ich meinen Austausch verbrachte, ankam, wusste ich, dass ich alles richtig gemacht hatte und sich die zahlreichen Streitereien mit meinen Eltern gelohnt hatten. Wenn man ein Austauschjahr beginnen möchte, dann sollte man nicht aufgeben, nur weil die Eltern nein sagen. Heutzutage gibt es viele Möglichkeiten an Geld zu kommen. Meine Eltern hatten mir die Bedingung gestellt, dass ich mindestens ein Stipendium bekommen müsste, damit ich ins Ausland gehen könne. Ich habe mich nicht unterkriegen lassen, stundenlang im Internet gesucht und mehreren Leuten geschrieben. Am Ende bekam ich zwei Stipendien, eins von AFS selbst und ein anderes von einer anderen Organisation, die mir glücklicherweise am Ende mein Austauschjahr ermöglichten. Wenn man gerade wie ich nach Lateinamerika geht, fällt einem sofort auf, dass es oft sehr ungeordnet zugehen kann, von Pünktlichkeit kann in den meisten Fällen auch nicht gesprochen werden und von einem geregelten Tagesablauf schon gar nicht. Am Anfang war ich sehr auf meine Familie angewiesen, die mir die Stadt zeigte, damit ich mich zurecht fand und sich mit mir abends an den Tisch setzten und mir jeden Tag neue spanische Wörter beibrachten. Nach ungefähr einem Monat hatte ich mich eingelebt und ich bin alleine auf die Straße, um mich mit Freunden zu treffen oder diese zu besuchen. Man lernt einfach mit der Zeit selbstständiger zu werden, obwohl die Mütter dort ihre Kinder sehr schützen. Ich bin in diesem Jahr noch selbstständiger geworden, habe meinen Tagesablauf selbst bestimmt, bin alleine zum Sport, auch wenn ich noch nicht ausreichend Spanisch sprach, bin einige Male alleine über das Wochenende daheim geblieben, da ich Pläne hatte und meine Familie auf die Finca fuhr. In solchen Situationen lernt man dann auch, alle Schränke zu durchwühlen in der Küche und alles mögliche zusammen in der Pfanne anzubraten, damit dann irgendwann eine Soße für den Reis oder die Nudeln entsteht, in der Hoffnung, dass das auch schmeckt.

"Man wird durch den Charme und die Lebensfreude in einen Bann gezogen."

Ein Austauschjahr ist eigentlich kein Reiseprogramm und man sollte sich nicht zu viel erhoffen, da die Regeln was Reisen in der Schulzeit betrifft, doch sehr streng sein können und meistens auch sind. Dennoch hatte ich das große Glück viel reisen zu dürfen mit meiner Familie oder auch eigenständig, da es oft verlängerte Wochenenden gab, durch die vielen Festtage, da in Kolumbien wirklich alles gefeiert wird und ich die letzten 7 Wochen Ferien hatte und mitten im Schuljahr mehrfach Ferien und sogar mehr als 2 Monate Sommerferien. Ich nutzte so gut wie alle Möglichkeiten zum Reisen und das Land besser kennen zu lernen. Auch meine Gastmutter war immer darum bemüht mir die verschiedenen Lebensweisen Kolumbiens zu zeigen. Mich näher an das Armenviertel und die Menschen zu bringen und das Dorfleben kennen zu lernen, das manchmal doch noch sehr traditionell ist. Zu sehen wie sich ca. 15 Menschen in ein Auto quetschen und sich hinten auf die Trageflächen stellen ohne jegliche Sicherung, kann auf den ersten Blick sehr erschreckend wirken. In Deutschland unvorstellbar, in Kolumbien täglich mehrfach zu sehen. Ich habe auf all meinen Reisen versucht Gespräche mit den Einheimischen zu führen, um mehr von deren Region und den typischen Dingen dort zu erfahren. Einmal führte ich ein Gespräch mit einem Freund meiner kolumbianischen Familie. Dieser meinte, dass die Leute hier für alles dankbar sind, was sie besitzen und für jeden Fortschritt den das Land macht. Sie wissen das alles zu schätzen, aufgrund der Geschehnisse in der Vergangenheit, und zeigen gerne Reisenden ihre Kultur und möchten ihr Wissen weitergeben. Von dem ersten Moment an, an dem man dieses Land betritt, versprüht es sofort seinen Charme und man wird von der Lebensfreude der Menschen in den Bann gezogen. Ich hatte mein ganzes Leben das Gefühl kein richtiges Zuhause zu haben, keinen Ort an dem ich wirklich sein möchte. In diesem Jahr habe ich diesen Ort gefunden, in einem fremden Land, 10 000 km von meinem Geburtsort entfernt.

Vielen Dank an AFS

Am Ende kann ich sagen, dass man in den Vorbereitungscamps darauf vorbereitet werden kann, wie es am Anfang sein könnte, oder welche Dinge passieren könnten, auf welche Dinge man achten sollte, auch wenn sie am Ende nicht stimmen, da jede Familie andere Regeln hat und jeder anders lebt. Aber niemand kann einen darauf vorbereiten, wie man sich am Ende fühlen wird und mit welchen Gefühlen man in den Rückflieger steigt und mit welchen Dingen man nach dieser Erfahrung zu kämpfen hat.

 

„Colombia - the only risk is wanting to stay!“ – Einen Monat nach meiner Rückkehr vermisse ich dieses Land jeden Tag mehr und ich hoffe, dass sich der Tag meiner Rückkehr bald nähert. Vielen Dank an AFS für eines der besten Jahre meines Lebens, das mir ein neues Zuhause geschenkt hat!