Erfahrungsbericht Auslandsjahr
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Es gibt einfach zu viele Geschichten die man erzählen könnte

Lotta, Kolumbien, 2014, Schuljahr im Ausland mit Karl-Heinz Frenzen-Stipendium

Vor ungefähr zwei Wochen bin ich, Lotta Buchtal aus meiner zweiten Heimat Kolumbien, aus meinem Auslandsjahr, wieder nach Deutschland gekommen, und wurde nun darum gebeten, meine Erfahrungen und meine Erkenntnisse zu schildern welche ich in dem letzten Jahr hatte. Oft werde ich hier von Freunden, Bekannten und diversen anderen Personen gefragt: “Und, wie war es denn in Kolumbien, und wie ist es wieder hier in Deutschland?“

 
Die zweite Frage ist für mich nicht schwer zu beantworten. Ich bin sehr glücklich wieder bei meiner Familie sein zu dürfen, mit meinen Freunden zusammen zu sein, doch würde ich, wenn ich die Möglichkeit hätte, sofort wieder in einen Flieger nach Kolumbien steigen.

 
Bei der nächsten Frage ist den meisten Leuten hier ist nicht klar, was für eine schwierige Frage sie mich da stellen.

Wie war mein Auslandsjahr?

Wie war mein Auslandsjahr? Wie war die Erfahrung ein Jahr auf einem völlig neuen Kontinent, bei einen neuen Familie mit einer unbekannten Sprache zu erleben? Und vor allem, was soll man diesen Leuten sagen, wenn man Geschichten von Stunden im Reservoir hätte, die Personen jedoch eine 5 Minuten Antwort von dir erwarten?

 
Es gibt einfach zu viele Geschichten die man erzählen könnte, von neu gefundenen Freunden, von der Familie, wie man mit der Sprache zurecht gekommen ist, Konflikte die man hatte, und, und, und.

 
Hier möchte ich nun anfangen mein Auslandsjahr in aller Ruhe zu beschreiben. Viele Personen gehen davon aus, dass man selber in einem Auslandsjahr nur ein Jahr lang "Ferien" hat, genauer gesagt sich nur ausruht. Doch spricht diese Aussage glücklicherweise nicht der Wahrheit zu. In einem Auslandsjahr lernt man verschiedenste Dinge über das Gastland wie auch über das eigene Land kennen. Man lernt, dass Standards, welche einem in dem eigenen Land gegeben sind, vielleicht nicht in allen Ländern gegeben sind, oder lernt generell kulturelle Unterschiede kennen.

Ich wurde nicht vor die Tür gelassen bevor ich mich nicht super aufgestylt hatte, um einzukaufen

Einer der wichtigen kulturellen Unterschiede, welche mir persönlich in Kolumbien aufgefallen sind, und mit welchen ich durchaus auch Probleme hatte, ist die doch sehr verschiedene Rollenverteilung von Mann und Frau in Deutschland verglichen mit der in Kolumbien. Wo hier in Deutschland diese bereits sehr modern ist und sehr viel Wert darauf gelegt wird Frauen wie Männer gleich zu behandeln, ist dieses Schema in Kolumbien noch nicht so ganz angekommen.

 
Für Frauen das erste Gebot ist dort nämlich: Schön auszusehen. So habe ich am Anfang einige Streits mit meiner Gastmutter gehabt habe, wie ich denn mit Flip Flops vor die Tür gehen konnte, oder wurde nicht vor die Tür gelassen bevor ich mich nicht super aufgestylt hatte, um einkaufen zu gehen. Oder als ich mit kurzer Hose und Sneakers rausging, aus dem Grund, dass ich Einlagen tragen muss, da mir meine Füße sonst sehr schmerzen, meinte sie, ich hätte doch lieber Sandalen anziehen sollen. Als ich ihr daraufhin erklärte, dass mir meine Gesundheit mehr am Herzen liege, als schön auszusehen, war diese empört und meine naja, da sind wir dann halt anderer Meinung, was mich mit offenem Mund da stehen lies. So etwas aus dem Mund meiner wirklichen Mutter in Deutschland zu hören ist für mich unvorstellbar.

 

Als ich meine Gastmutter einen Tag darauf ansprach, meinte sie nur, es könnte jeden Tag sein, dass du deinen zukünftigen Ehemann triffst, da darfst du nicht zulassen, dass er an dir vorbeiläuft. Die Rolle der Frauen dort in Kolumbien ist nunmal, dass die Frauen sich auf die Suche nach dem reichen Mann machen, und, wenn sie ihn gefunden haben, bleibt die Frau mit den Kindern im Haus und der Mann geht arbeiten, aus diesem Grunde wird von ihnen erwartet, immer wunderschön und fürsorglich zu sein.

Kolumbien ist ein Land voller Lebensfreude

Aber natürlich sind mir nicht nur diese eher negativen Sachen zugestoßen, sondern ich habe aus meinem Gastland sehr sehr und wirklich sehr viele wunderschöne Dinge mit nach Deutschland gebracht, und habe auch vor, diese in meinem Leben beizubehalten. Denn Kolumbien ist ein Land voller Lebensfreude. Um ehrlich zu sein, ist Kolumbien von allen Ländern, welche ich bereits besichtigen durfte, das strahlendste, das glücklichste und das lautest singenste und tanzenste. Und das, wo die Kolumbianer über einige Seiten ihres Landes ja nicht allzu glücklich sein können, so leben sie ihre Herzen, wie es ihnen gefällt.

 
Und ich finde das können sie. Sie dürfen sich feiern. Ihre Tänze, Gesänge und natürlich ihre heiß geliebte Fußballmannschaft. Dies ist eine der positiven Sachen an Kolumbien, welche ich bereits an Deutschland vermisse. Diese Fröhlichkeit mit der die Kolumbianer an den Tag gehen, und ohne Scham und Unangenehmlichkeiten vor allen Tanzen, lachen und ihr Leben leben. Diese Eigenschaft möchte ich unbedingt auch hier in Deutschland beibehalten. Im Supermarkt ohne Scham anfangen zu tanzen und einfach glücklich sein mit dem, was man hat.

Ich habe Deutschland sehr wertschätzen gelernt

Und alles in allem muss ich sagen, dass man durch all diese Erfahrungen, welche man im Ausland macht, ein ganz anderes Bild von Deutschland kennenlernt. Man gewinnt eine neue Sichtweise. So wie beispielsweise ich, die früher immer dachte, als ich Touristen in Deutschland sah: „Wie können diese Menschen denn nur einen Reiz darin sehen nach Deutschland zu reisen? Hier giebt es doch nichts zu sehen. Langweilen die sich nicht?“

 
Und nun, nachdem ich eine neue Sichtweise kennen gelernt habe, habe ich in Kolumbien auch meine Heimat besser kennen gelernt. Einige Male habe ich mich nach Deutschland gesehnt, die Sicherheit die einem Deutschland bietet, die Lebensabsicherung etc., etc. Oft wie nie zuvor habe ich mit Stolz von meinem "langweiligen" Deutschland geredet, und es sehr wertzuschätzen gelernt.

Ich sitze nun hier und schreibe diesen Text und kann mir unmöglich vorstellen, diese wunderschöne Erfahrung nicht erlebt zu haben

Ich kann einfach nur jeder Person, welche überlegt ein Auslandsjahr, egal ob in Kolumbien oder in irgendeinem anderen Teil der Welt, zu machen, sagen, dass ich dieses Jahr in vollsten Zügen genossen habe und euch diese einmalige Erfahrung nur empfehlen kann.

 
Nun zu einem riesigen Dank, welchen ich meinem Stipendiengeber, der Karl Heinz Frenzen Stiftung, geben möchte, denn Sie sind der Grund, dass es mir möglich war, ein so wundervolles Jahr zu verbringen, so viele Erlebnisse zu erleben, meinen Horizont dermaßen zu erweitern und dass so viele wunderschöne Erinnerungen mein Leben bereichern konnten.

 
Ich sitze nun hier und schreibe diesen Text und kann mir unmöglich vorstellen, diese wunderschöne Erfahrung nicht erlebt zu haben und möchte Ihnen hiermit meinen tiefsten Dank aussprechen. Sie haben mir mit ihrer Unterstützung ein Geschenk gemacht, welches mir niemand wieder wegnehmen kann, ein Geschenk, welches nicht nur aus der Reise, sondern aus der Person besteht, welche diese Reise aus mir gemacht hat. Vielen Dank, das Sie Menschen wie mir helfen, ihren Horizont dermaßen zu erweitern und somit einige Leben schöner machen.