Erfahrungsbericht Auslandsjahr

Hier brauchst du keinen Anschnaller, willkommen in Kolumbien!

Clara, Kolumbien, 2016, Schuljahr im Ausland mit AFS-Stipendium
AFSerin Clara und ihre Gastschwester nehmen an der Osterprozession teil und tragen Weihrauch
Clara und ihre Gastschwester bei der Osterprozession

Zuallererst möchte ich mich ganz herzlich beim AFS Stipendienfonds für mein großzügiges Stipendium bedanken!
 

Nachdem mein Flugzeug in Bogotá, Kolumbien, gelandet war, ich im Taxi zum AFS Willkommenscamp saß und den Anschnaller suchte, drehte sich der Taxifahrer lachend um und sagte: „Hier brauchst du keinen Anschnaller, willkommen in Kolumbien!“. Dann drehte er einen Salsa auf und reihte sich ins Verkehrschaos der kolumbianischen Hauptstadt ein.

 

Zum Glück ist es hier in Popayán, wo ich lebe, alles ein bisschen ruhiger. Zwar gibt es auch hier viele verrückte Motorrad- und Autofahrer, aber immerhin läuft der Verkehr ein bisschen flüssiger. Die öffentlichen Verkehrsmittel sind hier kleine klapprige Busse, die oft ihre Türen und Fenster nicht schließen können und jeden Tag ihre Routen fahren. Innerhalb dieser Routen kannst du ein- und aussteigen wo du möchtest. Wenn du einsteigst grüßen dich immer alle freundlich und eine Fahrt kostet nur 1500 Pesos, ca. 0,50€.

Unterschiede beim Essen

Beim Essen gibt es ein paar Unterschiede, die mittlerweile für mich aber schon normal sind.

Fast jedes Essen besteht aus viel Fleisch, vielen Bohnen, sehr sehr sehr viel Reis und einem leckeren, frischgepressten Saft. Am Anfang war es wichtig, dass ich immer aufgegessen und das Essen gelobt habe. Aber mittlerweile kann ich meiner Mutter auch ruhig sagen, dass ich heute mal kein Fleisch möchte und dann kocht sie für mich auch mal Nudeln mit Tomatensauce.

Stoffmäßig ist meine Klasse richtig fit

AFSerin Clara mit den zwei 11. Klassen ihrer kolumbianischen Schule
Clara mit den Schülerinnen und Schülern der 11. Klassen

Was die Schule angeht, gibt es natürlich auch ziemlich viele Unterschiede...Zum einen haben wir hier natürlich eine Schuluniform. Zu Beginn fand ich das komisch, aber es bringt doch viele Vorteile mit sich und ich habe mich schnell daran gewöhnt. Die Schule fängt immer um 7 Uhr morgens an und am Morgen wird oft mit allen gebetet.

 

Stoffmäßig ist meine Klasse richtig fit, vor allem in Mathe, Chemie und Physik, dafür ist in Englisch das Niveau, wie zu erwarten, nicht so gut. Nachmittags bin ich von der Schule aus in Tanzen (vor allem Salsa) und im Fußballverein. Da habe ich mir dann ziemlich schnell einen Bänderriss zugezogen, sodass ich auch schon Erfahrung mit den kolumbianischen Krankenhäusern gemacht habe. Wenn wir Chemie oder Physik haben, gehe ich immer in die Vorschule, um beim Unterricht der Kinder mitzuhelfen, weil es in diesen Fächern sehr schwierig für mich ist, etwas zu verstehen.

 

Klassenstufen meiner Schule gehen von Vorschule bis 11. Klasse . Nach der 11. Klasse wird direkt angefangen zu studieren und viele sind erst 16 Jahre alt, wenn sie an die Uni kommen.

Ich fühle mich wie ein richtiges Familienmitglied

Ich lebe mit meinen Eltern Juan Carlos und Jimena (38,42), meinem Bruder Juan José (16), meiner Schwester Valeria (17) und unserem Hund Berlin in einem bewachten Wohnkomplex, was hier völlig normal ist. Wir haben zwei Autos, aber dafür keinen Ofen und auch keine Spühlmaschine! Allerdings habe ich mein eigenes Zimmer, worüber ich sehr froh bin.

Die Beziehung zu meinen Eltern ist sehr gut, mit meinem Vater konstant gut und mit meiner Mutter ist es immer phasenweise gut und manchmal ein bisschen schlechter. Mit meinen Geschwistern meistens gut, aber natürlich verkracht man sich auch manchmal. Meine Schwester und meine Mutter streiten oft und dann wird manchmal tagelang nicht geredet, anstatt sich mal hinzusetzen und über die Probleme zu reden, aber das ist in Kolumbien unüblich!

Meine Eltern kümmern sich immer sehr lieb um mich und unterstützen mich bei allem, was ich mache.

Es ist schon so, dass das Verhältnis von Kindern und Eltern nicht wirklich auf Augenhöhe ist, so wie ich das aus Deutschland gewohnt bin und Widerrede ist hier meistens nicht erwünscht.

Der Vater ist die wichtigste Person in der Familie, mein Vater ist aber sehr cool und offen und ich kann sehr gut mit ihm reden und auch mal diskutieren.

Was ich aber auf jeden Fall sagen kann, ist, dass ich mich wie ein richtiges Familienmitglied fühle!

Trotzdem vermisse ich natürlich auch meine Familie aus Deutschland. Und nach jedem Streit, jeder Sache die blöd gelaufen ist, jeder Verletzung vermisst man seine wirkliche Familie um so doller. Hier in der Ferne vergisst man halt, dass auch zu Hause nicht immer alles perfekt lief.

Am Anfang hatte ich sehr starkes Heimweh, aber mit der Zeit wurde es immer weniger, und auch jetzt über Weihnachten war es gut auszuhalten.

Was für mich eine große Veränderung war, ist so viel Zeit zu haben. Oft auch ein bisschen zu viel...Fernseher, Radio und Smartphone sind hier wirklich die ganze Zeit in Benutzung und da musste ich mich erst einmal dran gewöhnen.

Meine bisher schönsten Erlebnisse

AFSerin Clara entzündet eine Kerze auf der Straße am Fest Noche de velitas
Clara am Fest Noche de velitas

Die bisher schönsten Erlebnisse waren, als wir mit AFS in ein naheliegendes Dörfchen „Silvia“ gefahren sind. Dort sind wir geritten und haben uns die typischen Trachten angeguckt. Auch besonders schön war die „Noche de velitas“ (Nacht der Kerzen) am 07. Dezember. Dort stellen alle Menschen Kerzen auf die Straßen.

Jetzt freue ich mich auf die 2. Hälfte meines Auslandsjahres und bin gespannt, was noch alles neues auf mich zukommen wird! Was auf jeden Fall hilft, ist nicht immer alles Neue zu beurteilen und mit Deutschland zu vergleichen, sondern die Unterschiede einfach so zu akzeptieren, wie sie sind.