Erfahrungsbericht: Freiwilligendienst in Kolumbien - Nicolas hat Englisch und Deutsch unterrichtet
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Nicolas hat Englisch und Deutsch unterrichtet

Nicolas, Kolumbien, 2018, weltwärts

Nicolas hat seinen Freiwilligendienst in Kolumbien mit AFS und dem weltwärts-Programm gemacht. Er hat als Lehrassistent gearbeitet. Über seine Eindrücke und Erfahrungen in Kolumbien berichtet er hier.

AFS-Freiwilliger Nicolas mit seiner kolumbianischen Gastfamilie
Mit meiner Gastfamilie

An den genauen Ursprung meiner Entscheidung, meinen Freiwilligendienst in Kolumbien zu machen, kann ich mich nicht mehr so genau erinnern. Doch ich bin sehr froh, diese so getroffen zu haben. Ich habe mich mit meiner Gastfamilie super verstanden, in einem tollen Projekt gearbeitet und viele Freunde gefunden. Insgesamt habe ich ein sehr spannendes und glückliches Jahr verbracht, in dem ich unglaublich viel erlebt und gesehen habe.

Meine Gastfamilie

Meine Gastfamilie bestand aus: der Mutter Lucia, dem Vater Jorge, dem älteren Bruder Steveen (14 Jahre alt) und dem jüngeren Bruder Yeye (12 Jahre alt). Die Gastfamilie hat mich sehr herzlich aufgenommen und ich habe mich von Beginn an als Teil der Familie angenommen gefühlt. Zu allen konnte ich während des Jahres eine tiefe Beziehung aufbauen. Mit meiner Gastmutter Lucia habe ich vor allem am Anfang sehr viel geredet, da sie sich immer Mühe gegeben hat, mir unbekannte Wörter zu erklären und mein zu Beginn sehr stockendes Spanisch zu verbessern. Außerdem hat sie mir auch in den ersten Wochen Spanischunterricht gegeben.
 
Mein Gastvater Jorge war auch sehr nett und immer darum besorgt, dass ich mich wohlfühle. Er hat seinen eigenen Schreibwarenladen, was nichts Ungewöhnliches hier ist, da sich fast an jeder Ecke im Dorf und auch in den größeren Städten ein Laden, eine Bäckerei oder eine Apotheke befindet. Meine Gastmutter hat ihn regelmäßig beim Verkauf unterstützt oder in der nächsten großen Stadt die Waren besorgt. Mit meinen beiden Gastbrüdern Yeye und Steveen habe ich mich von Anfang an gut verstanden. Gemeinsam sind wir manchmal Fußballspielen oder ins Schwimmbad gegangen. Außerdem haben sich beide auch echt für die deutsche Kultur interessiert und Yeye hat sogar etwas Deutsch gelernt.
 
Nachmittags, wenn ich von der Arbeit nach Hause kam, gab es eigentlich immer Mittagessen. Dies ist im Grunde immer ähnlich aufgebaut: Als Vorspeise gab es meistens eine Suppe und im Hauptgang entweder Fleisch oder Hühnchen. Dies wurde meist mit Reis, manchmal auch mit Kartoffeln oder Pasta serviert. Außerdem gab es dann noch als Beilage einen kleinen Salat, „yuca“ (eine essbare Pflanze) oder „plátano“ (gekochte Banane). Getrunken wurde fast immer ein Saft aus Orange, „guanábana“, „lulo“ oder anderen hier typischen Früchten, die echt lecker schmecken. Zum Frühstück gab es verschiedene Sachen, zum Beispiel eine Suppe aus Mais, Rührei, „arepa“ (kleiner Pfannkuchen aus Mais) oder „caldo“ (Suppe aus Kartoffeln, Brot und Ei). Abends habe ich öfters Sandwiches für die ganze Familie gemacht.
 
Insgesamt war meine Beziehung zur Gastfamilie über das Jahr hinweg sehr gut und es gab nie Streitigkeiten oder Probleme. Im Gegenteil, wir haben gerne gemeinsam Sachen unternommen, zum Beispiel sind wir nach San Gil ins „centro comercial“ gefahren oder in umliegenden „pozos“ (Badestellen an Flüssen) oder Flüssen schwimmen gegangen. Der Abschied im Juli war dann auch besonders hart, da zu der Zeit alles echt viel Spaß gemacht hat und ich aus meinem gewohnten Umfeld einfach herausgerissen wurde. Unter Tränen verließ ich schließlich das Haus, aber ich habe fest vor, sobald es möglich ist, meine Gastfamilie wieder zu besuchen. Zum Glück können wir regelmäßig miteinander telefonieren.

Meine Einsatzstelle

AFS-Freiwilliger Nicolas mit Schülerinnen und Schülern bei seiner Verabschiedung
Abschied vom Projekt

Ich arbeitete an dem „Colegio“ und der Grundschule von Mogotes als Lehrassistent für Englisch. Beide Einrichtungen waren innerhalb von 5 Minuten von mir zu Hause zu Fuß erreichbar. Meinen Stundenplan habe ich mir so gestaltet, dass ich morgens in der Grundschule unterrichtet habe und später dann ans „Colegio“ gegangen bin.
 
In der Grundschule unterrichtete ich insgesamt 12 Stunden in der Woche. Mit mir im Klassenzimmer waren die Klassenlehrerinnen der jeweiligen Klasse, diese haben zwar kein Englisch gesprochen, waren aber ein große Hilfe, die Klasse in den Griff zu bekommen und den Unterricht zu strukturieren. Die vierten und fünften Klassen bestanden aus jeweils drei Klassen pro Jahrgangsstufe, mit jeweils um die 30 Schülern. Somit unterrichtete ich in jeder Klasse zwei Stunden pro Woche. Dabei ging es vor allem um erste Vokabeln wie Zahlen, Tiere und ähnliches, was ich den Schülern in erster Linie durch Arbeitsblätter, kleine Aufgaben und Spiele beigebracht habe.
 
Sobald ich in der Grundschule fertig war, ging ich zu Fuß zum nahegelegenen Colegio, in welchem es zwei Englischlehrer gab. Dort unterstützte ich diese bei ihrer Arbeit, zum Beispiel beim Korrigieren der Übungen oder auch in der Aussprache. Diese Arbeit war nicht so anstrengend und hat mir besonders am Anfang sehr geholfen neue Leute kennenzulernen, die schnell zu Freunden wurden. Allerdings habe ich mich in den letzten Monaten immer mehr gelangweilt, da die Englischlehrer auch oft keine Verwendung für mich hatten. Einer AFS-Freiwilligen aus Belgien, die an der Grundschule die Erst - und Zweitklässler unterrichtet hat, erging es ähnlich. Nachmittags gab ich dann am „Colegio“ einmal die Woche Deutschunterricht für Leute aus dem Ort und dem „Colegio“ (Schüler und Lehrer), welche tatsächlich Interesse hatten. Somit kam ich auf eine Arbeitszeit von ca. 33 Stunden die Woche: Der Unterricht ging jeden Tag von 7 Uhr bis 13 Uhr abzüglich 1 Stunde Pause, plus Vorbereitungszeit (ca. 6h/Woche) und Deutschunterricht.

Land und Leute in Kolumbien

AFS-Freiwilliger Nicolas mit Schülerinnen und Schülern seiner 11. Klasse
Mit den Schülerinnen und Schülern meiner 11. Klasse

Mogotes hat ca. 14 000 Einwohner, wobei viele nicht direkt im Dorf leben, sondern auf dem Land. Zum Teil haben auch einige Schüler eine sehr lange Anfahrt, da die Dörfer und Städte insgesamt viel weiter auseinander liegen; so liegt zum Beispiel San Gil, der nächste größere Ort, ca. eine Stunde mit dem Auto entfernt. Somit hat Mogotes ein ziemlich großes Einzugsgebiet. Die meisten Häuser sind einstöckig (das Haus in dem ich lebte mit drei Stockwerken war eine echte Ausnahme). Der Park bildet das Zentrum des Ortes, hier befinden sich die Kirche, kleinere Restaurants und verschiedene Läden. Insgesamt befindet sich eigentlich fast an jeder Ecke ein Laden oder Supermarkt. Die Wirtschaft Mogotes basiert zum größten Teil auf der Landwirtschaft, wobei die am meisten produzierten Güter Kaffee und vor allem Zuckerrohr sind. Zuckerrohr wird dann weiter zu „panela“ verarbeitet, mit welchem zum Beispiel auch Kaffee gesüßt wird, oder „guarapo“ hergestellt wird, ein alkoholisches Getränk.
 
Insgesamt kamen mir die Leute alle sehr fröhlich vor, wobei ich über das Colegio schnell Kontakte zu Gleichaltrigen der 11. Klasse knüpfen konnte. Gemeinsam sind wir oft in „pozos“ oder nahegelegenen Flüssen schwimmen gegangen. Wir haben gemeinsam Billard, Tischtennis oder Fußball gespielt. Anfang des Jahres war in Mogotes nicht so viel los, da fast alle Elftklässler des vergangenen Jahres zum Studieren in andere Städte gegangen sind. Doch zum Glück blieb mein bester Freund Luis Carlos unter mir wohnen (Meine Gastfamilie und ich wohnten im zweiten Stock). Er besucht dieses Jahr das Sena (Berufsschule) in San Gil. Über ihn lernte ich neue Leute von dort kennen und wir unternahmen an den Wochenenden oft etwas zusammen. Zum Beispiel spielten wir gemeinsam „micro“ (Fussball auf einem kleinen Feld) oder gingen abends aus. Die Musik ist sehr vielseitig, es gibt Reggaeton, Bachata, Merengue, Vallenato, Salsa und noch ganz viele andere Musikrichtungen. Außerdem wird zu den meisten dieser Musikrichtungen auch in Paaren getanzt, was echt witzig ist. Die Mädchen waren auch echt offen, mir die Grundlagen beizubringen, und ich konnte auch Fortschritte erzielen.
 
An Weihnachten und Silvester wurde eine große Bühne im Park aufgebaut, und bis um 6 Uhr morgens getanzt. Die Musik begeistert generationsübergreifend. Außerdem fanden an meinem letzten Wochenenden noch „ferias“ in Mogotes statt, das Dorffest. Tagsüber gab es verschiedene Darbietungen und Angebote, zum Beispiel einen speziellen Essensmarkt, Umzüge und Pferdedarbietungen, und das Fest dauerte bis in die Nacht.

Betreuung durch AFS

Nach meiner Ausreise aus Deutschland war sofort AFS Kolumbien für mich zuständig. Sie haben uns sehr herzlich in Bogotá empfangen. Daraufhin wurden wir (am Anfang waren es ca. 30 AFS-Freiwillige in Kolumbien, die meisten aus Deutschland, aber Einzelne z.B. auch aus Belgien) in das AFS Büro in Bogotá gebracht. Dort fand für die nächsten zwei Tage das Ankunftsseminar statt. Am nächsten Tag haben wir viel über die Kultur geredet und über Dinge, die wir im Projekt, der Familie oder mit Freunden beachten sollten. Dies war wirklich interessant und hilfreich und ab und zu begegneten mir tatsächlich Situationen, die dort besprochen wurden. Außerdem haben wir eine Fahrradtour in Bogotá gemacht, wobei wir auch etwas über die Geschichte der Stadt und Kolumbiens erfahren konnten.
 
Am nächsten Tag sind wir dann alle in die verschiedensten Teile Kolumbiens weitergereist. Für mich ging es mit dem Flugzeug weiter nach Bucaramanga, eine der größten Städte Kolumbiens, und mit über einer Million Einwohnern die Hauptstadt der Region Santander. Insgesamt sind wir dort zu neunt angekommen, allerdings lebten, abgesehen von mir und einer anderen Freiwilligen, welche in Socorro lebte, alle direkt in Bucaramanga. Emma kam erst im November nach Mogotes.
 
Während meiner Zeit vor Ort in Mogotes hatte ich nicht viel Kontakt zum Komitee in Bucaramanga, dessen Ehrenamtliche regelmäßig die Projekte der anderen besuchten, da Mogotes über vier Stunden Fahrt entfernt liegt. Eigentlich war ich nur auf der Willkommens– und der Verabschiedungsveranstaltung. Allerdings war ich in Mogotes auch so sehr beschäftigt, da ich viel mit meiner Familie und Freunden unternommen habe. Außerdem habe ich auch keine Kontaktperson gebraucht, da ich nie Probleme mit meiner Gastfamilie, im Projekt oder mit AFS hatte.
 
Über das Jahr hinweg habe ich noch am Zwischenseminar und am Abschlussseminar in Bogotá teilgenommen. Dabei konnten wir unsere gemachten Erfahrungen reflektieren und uns mit den Anderen austauschen. Außerdem konnte ich während dem viertägigen Zwischenseminar einige Mitfreiwillige noch etwas besser kennenlernen, was dann auch dazu führte, dass ich diese von da an öfter getroffen habe und wir auch gemeinsam gereist sind. Während des Abschlussseminars wurden wir auf den kommenden Kulturschock in Deutschland vorbereitet und natürlich sind wir alle gemeinsam zum Flughafen mitgegangen, um uns von denen zu verabschieden, welche direkt nach Deutschland zurück geflogen sind. Dies war ein sehr emotionaler Moment für alle Beteiligten. Ich hatte meinen Rückflug um einen Monat nach hinten verschoben und bin in dieser Zeit mit ein paar Freunden an der Pazifikküste Kolumbiens und in Ecuador gereist. Mit AFS Deutschland hatte ich während meines Aufenthalts keinen Kontakt.

Sprache und Kommunikation

Als ich in Kolumbien ankam, konnte ich kaum Spanisch, obwohl ich es von der 8. bis zur 10. Klasse in der Schule hatte. In den ersten Wochen habe ich mit Händen und Füßen und mit Hilfe des Google-Übersetzers kommuniziert, da vor Ort auch fast niemand Englisch sprach. Dies hat auch ganz gut funktioniert. AFS Kolumbien hatte für alle einen Sprachkurs vor Ort vorgesehen. Während die Freiwilligen in Bogotá zwei Monate an der Uni unterrichtet wurden, hat mir meine Gastmutter etwas Sprachunterricht gegeben, da es in Mogotes keine andere Möglichkeit gab. Dies war natürlich nicht allzu umfangreich, doch insgesamt habe ich besonders in den ersten beiden Monaten große Fortschritte, vor allem durch alltägliches Sprechen, gemacht.
 
Es hat auch sehr geholfen, dass sowohl Freunde als auch Kollegen im Projekt Freude daran hatten, mir unbekannte Wörter zu erklären. Allerdings hatte ich am Anfang besonders in der Grundschule Schwierigkeiten, den Kindern Englisch auf Spanisch beizubringen. Zum einen, da ich vieles sehr umständlich erklärt habe, aber auch, da ich die Kinder teilweise kaum verstanden habe, worauf sie natürlich wenig Rücksicht genommen haben. Doch durch gut vorbereiteten Unterricht und mit Hilfe der Klassenlehrer war auch dies zu schaffen.
 
Am „colegio“ konnte ich mich mit den beiden Englischlehrern, die ich im Unterricht unterstützen sollte, auf Englisch unterhalten, was immer gut funktioniert hat. Im Verlauf des Jahres hat sich mein Spanisch laufend verbessert und schon nach drei Monaten war ich soweit, dass ich fast alles verstanden habe. Im neuen Jahr habe ich dann gemerkt, dass ich mich auch immer besser verständigen konnte. Gegen Ende hatte ich überhaupt keine Schwierigkeiten mehr, wodurch manche Freundschaften und die Beziehung zu meiner Familie eine neue Qualität bekommen haben.

Globales Lernen und Entwicklungspolitik

Globales Lernen bedeutet für mich die Entwicklung eines ganzheitlichen Blicks auf die Welt. Empathische und offene Sichtweisen sollen gefördert werden, um so ein gerechteres und friedlicheres Miteinander weltweit zu verwirklichen.
 
Mein Freiwilligendienst in Kolumbien, die gemachten Erfahrungen und die Begegnung mit vielen neuen Menschen haben mir gezeigt, wie verschieden Lebensweisen und Gesellschaften sein können, aber auch, dass sich alle in Wünschen und bestimmten Werten ähnlich sind. Durch meinen Englischunterricht habe ich die Welt nicht großartig verändert, jedoch hat ein kultureller Austausch begonnen, durch welchen sowohl ich als auch meine Freunde und Familie in Kolumbien viel gelernt haben. Durch meine Berichte von Erfahrungen an meine Familie, Freunde und Bekannte in Deutschland wird dieser Austausch fortgesetzt. Des Weiteren wird diese Erfahrung mich und die vielen Mitfreiwilligen ein Leben lang prägen und uns eine neue Entscheidungsbasis bieten, auch in Bezug auf unsere kommenden beruflichen Rollen in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft.
 
Ich hoffe, dass ich in der kommenden Studentenzeit an der Uni mit Menschen aus unterschiedlichen Kulturkreisen zusammen arbeiten kann, da dies sicher sehr bereichernd sein wird. Sobald ich mich selber an den Uni-Alltag gewöhnt habe, hoffe ich zum Beispiel als Kontaktperson für Austauschstudenten tätig zu werden. Außerdem könnte ich mir vorstellen auf den AFS-Seminaren zu teamen, doch zunächst möchte ich meine Erfahrungen komplett verarbeiten; dies braucht sicher noch etwas Zeit.