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Liebe für Lettland, mein Zuhause

Paula, Lettland, 2011/12,

Liebe für Lettland, mein Zuhause

Es ist Mitte August. Seit einer geschlagenen Stunde sitze ich Zuhause, starre das weiße Blatt Papier vor mir an und versuche, mein Austauschjahr, das vor anderthalb Monaten zu Ende ging, in Worte zu fassen. Es will nicht. Die zehneinhalb Monate, die ich in Lettland verbracht habe, sind als Knäuel in meinem Kopf komprimiert, machen sich dann bemerkbar, wenn mich das eine oder andere daran erinnert, und geben mir von Zeit zu Zeit ein seltsames Gefühl, das sich etwa darin ausdrückt, dass ich noch immer nicht durchdringen kann, dass es vorbei ist. Die Ankunft, die Schule, beste Freunde, Familie, Krise, Familienwechsel, Stockholm, Erlebnisse, Langeweile, Erfahrungen, Musik, Spaß, Freude, Heimweh, alle Aspekte des Jahres habe ich mir wieder und wieder ins Gedächtnis gerufen und sie doch nie in eine Ordnung bringen können. Für diesen Bericht will ich also versuchen, die wichtigsten und für zukünftige Austauschschüler vielleicht nützlichen Punkte herauszupicken.

Man fühlt alles intensiver

Rückblickend muss ich sagen, dass die beste Zeit des Jahres für mich begann, als mir klar wurde, dass es zu Ende gehen wird. Der Anfang des Austausches ist aufregend und verwirrend, man versteht so gut wie nichts, ist über alles Positive himmelhoch jauchzend glücklich, über alles Negative zu Tode betrübt. Die kleinste Meinungsverschiedenheit warf mich manchmal für Stunden aus der Bahn, das kleinste Lächeln blieb den ganzen Tag über auf meinen Lippen. Alles, was man im Ausland fühlt, scheint intensiver, bewusster. Schon ein einfaches Abendessen mit der Familie kommt einem vor wie ein Staatsbesuch, permanent fragt man sich, ob man auch alles richtig macht, wie man den Tag übersteht, ohne sich zu blamieren oder jemand anders zu verletzen. Und wenn der Tag überstanden ist, macht man sich schon beim abendlichen Zähneputzen Gedanken über den nächsten.

Nach etwa anderthalb Monaten – das ist es zumindest, was in meinem Tagebuch steht – hatte ich mich soweit eingelebt. Ich hatte keine Angst mehr, in der Schule den Klassenraum nicht zu finden oder zu spät zu sein und von allen angestarrt zu werden. Ich hatte mich an die Haustiere und meine Gastfamilie gewöhnt und konnte sie in etwa einschätzen. Ich hatte gelernt, mit einigen Angewohnheiten „der Letten“ umzugehen, die mich zu Anfang noch verwirrt oder gestört hatten.

Abschied von Deutschland

Langsam verlor ich die Lust daran, immer nur Fragen zu Deutschland zu beantworten. Ich wollte in Lettland leben, mich mit Lettland beschäftigen und nicht mehr ständig an Zuhause denken. Das fiel mir erst einmal gar nicht so leicht – ich schränkte beispielsweise meinen Internetgebrauch und das regelmäßige Skypen mit meinen Eltern auf ein Minimum ein, was nicht ganz einfach war. Doch es gab mir den Anstoß, mehr Kontakte in der Schule zu finden, mehr mit lettischen Freunden zu unternehmen. Um ganz in Lettland anzukommen, musste ich mich erst von Deutschland verabschieden.

Weihnachten in Lettland

Weihnachten markierte für mich in meinem Austauschjahr einen Knotenpunkt. Es war wunderschön: Familiär, eingeschneit, mit Kerzenlicht und einer Unmenge von Essen – mindestens neun Speisen müssen es sein, sonst bringt das neue Jahr Armut mit sich. Ich hatte das Gefühl, endlich ein Teil der Familie geworden zu sein. Man muss erwähnen, dass die Winterferien trotz allem nicht leicht waren – der lettische Winter ist hart, lang und vor allem dunkel, was nicht zur guten Stimmung beiträgt – doch der Weihnachtsabend war mit Abstand einer der schönsten in meinem Austauschjahr.

Stillstand ist gefährlich

Eine der wohl größten Gefahren für mich war in Lettland der Stillstand. Frei haben, faulenzen, nichts zu tun – all jene Dinge, die ich in der Heimat eher vermisst hatte, boten in Lettland plötzlich Raum für Langeweile, Heimweh, Grübeleien. Wann immer ich ein paar Tage zu Hause verbrachte, ohne etwas zu unternehmen, fühlte ich mich taub und frustriert, auch, weil viele meiner Pläne um die Mitte des Austauschjahres herum sich zwar gut anhörten, allerdings nie verwirklicht wurden. Denn es ist in Lettland wirklich nicht einfach, Freunde zu finden.

Einerseits halte ich die lettischen Jugendlichen für wesentlich höflicher und hilfsbereiter als die deutschen. Anderseits drängte sich mir im Winter der Gedanke auf, dass einige zwar freundlich waren und Fremde nicht direkt abwiesen, sie aber dennoch nicht zu nahe an sich heranlassen wollten. Ein deutscher Freund und ich stellten im Sommer die Faustregel auf: Bis ein Lette mit dir etwas unternehmen will und es ernst meint, dauert es im Durchschnitt acht Monate. Natürlich ist diese Aussage nicht allzu ernst zu nehmen. Auch in Lettland fand ich wunderbare Freunde, mit denen ich ausgehen und meinen Spaß haben konnte, die offen und warmherzig waren und mir, wann immer ich Probleme hatte, zur Seite standen.

Freundschaften in Lettland

Die Zeit, die man in Lettland braucht, um wahre Freundschaft zu schließen, ist länger als in Deutschland, wo jeder Neuankömmling zuallererst beschnüffelt und auf ein Bier eingeladen wird. Doch wenn sie dich schließlich als einen der Ihren akzeptieren – kleine Anmerkung: Hierbei spielen Fortschritte im Erlernen der Landessprache eine wesentliche Rolle – bist du Teil einer Gemeinschaft, die zusammenhält, dich wertschätzt und jeden akzeptiert, egal wie verschieden man auch sein mag. Was wichtig ist, ist zu zeigen, dass man sich Mühe gibt. Die meisten Letten würden lieber ein noch so stockendes Gespräch auf Lettisch führen als ein perfekt fließendes auf Englisch.

Auch Akzeptanz ist ein großes Thema – im Austauschjahr im Allgemeinen und speziell in Lettland. Letten haben ein anderes Konfliktverhalten als Deutsche, was möglicherweise der Unterschied war, der mich persönlich immer wieder am meisten an meine Grenzen brachte. In Deutschland und in meiner Familie Zuhause werden Konflikte angesprochen, diskutiert und manchmal so lange durchgekaut, bis der kleinste Konflikt zu einem ausgewachsenen Streit geworden ist. Manchmal scheint es, als würden Deutsche – und ich schließe mich selbst in dieser Hinsicht keineswegs aus, im Gegenteil – das Problem geradezu suchen. Das Klischee vom meckernden Deutschen ist also meiner Meinung nach keineswegs an den Haaren herbeigezogen. Dennoch – die erste Regel bei Schwierigkeiten lautete für mich schon immer: Rede darüber!

Lettisches Konfliktverhalten

Und genau aus diesem Grund bereitete mir das lettische Konfliktverhalten immer wieder Bauchschmerzen. Denn so, wie Deutsche Konflikte oft zu suchen scheinen, halten Letten sich so weit wie möglich davon fern. Probleme werden erst angesprochen, wenn es wirklich nicht mehr anders geht, und auch dann sind Diskussionen sehr schwierig zu führen (was man auch daran sieht, dass Gespräche und Diskussionen über aktuelle Themen im lettischen Schulunterricht praktisch nicht vorhanden sind). Man stelle sich also vor: Man hat Wut im Bauch, weil jemand einen verärgert hat und man diesen Ärger sehr lange heruntergeschluckt hat, also konfrontiert man denjenigen. Allerdings scheut man sich noch immer vor Meinungsverschiedenheiten, was – besonders wenn beide Extreme aufeinandertreffen – ein rationales Gespräch fast unmöglich macht. Streits häufen sich an.

Dieses Phänomen war wohl auch ein Grund dafür, dass ich Ende Februar die schwere, aber längst überfällige Entscheidung traf, die Gastfamilie zu wechseln. Wie es genau dazu kam, muss ich hier nicht aufrollen. Es sei aber gesagt, dass ich, wenn deutsche Mitschüler mit Fragen wie „War die erste Familie denn so scheiße?“ reagieren, wenn ich ihnen vom Familienwechsel erzähle, nur den Kopf schütteln kann. Es gibt Familien, es gibt Austauschschüler, und ob das Verhältnis zwischen beiden stimmt, ist eine Frage von harter Arbeit, Akzeptanz und letzten Endes auch einer guten Portion Glück. Für einige mag es unlogisch klingen, dass ich in Verbindung mit meiner ersten Gastfamilie zwar von wunderbaren Erfahrungen wie Weihnachten schreibe, aber gleichzeitig glaube, dass der Wechsel sehr angebracht war und eigentlich schon früher nötig gewesen wäre. Doch ich habe in meiner ersten Gastfamilie für ein halbes Jahr gelebt, mit guten und schlechten Tagen, Spaß und Ärger. Am Ende hat es nicht funktioniert.

Die neue Gastfamilie

Mit dem Familienwechsel begann für mich eine wundervolle Zeit. In meiner neuen, sehr jungen Gastfamilie hatte ich eine vierjährige Gastschwester, mit der ich mich nach kürzester Zeit gut verstand und die mir schon nach einem Monat mehr Lettisch beigebracht hatte, als sämtliche Lehrer und Mitschüler in einem halben Jahr – ganz einfach dadurch, dass sie mit mir sprach, ohne jedes zweite Wort auf Englisch oder gar Deutsch zu wiederholen. Meine Gasteltern waren beide noch recht jung, sehr aktiv und offen und zu Anfang immer besorgt um mich, was manchmal zu Missverständnissen führte, da ich es bereits gewöhnt war, frei meiner Wege zu gehen. Nach kürzester Zeit jedoch fassten wir Vertrauen zueinander und ich begann, mich auch in dem neuen Zuhause – zum Glück hatte ich nicht die Schule oder die Stadt wechseln müssen – heimisch zu fühlen.

Ich gewöhnte mich nicht nur an das äußerst kalorienbedachte Essen, die häufigen Ausflüge in die Natur und den gelegentlichen Kinderlärm; ich genoss es geradezu. Dazu kam, dass der kalte, sich in die Länge ziehende Winter endlich ein Ende gefunden hatte und mein Lettisch endlich so gut war, dass ich mich ohne Probleme oder Ausflüchte ins Englische unterhalten konnte. Auch in der Klasse hatte ich mich vollkommen integriert und war nun jeden Tag unterwegs, allein, mit Klassenkameraden oder auch anderen Austauschschülern – ich hatte meinen Rhythmus gefunden. Tatsächlich habe ich mich selten an einem Ort so zu Hause gefühlt wie im Sommer im Rigaer Stadtpark, am Kanal mit Blick auf das Opernhaus. Diesen Platz verbinde ich mit Sonne, mit Freunden, Entspannung, Rückzug und mit dem Gefühl, endlich angekommen zu sein.

Es gibt immer Dinge, die man bedauert. Nicht früher mehr Lettisch gesprochen zu haben. Probleme nicht früher erkannt und Menschen nicht früher angesprochen zu haben. Nicht wahrgenommene Möglichkeiten, manchmal die Entscheidung, die Flucht zu ergreifen, anstatt noch einmal Gas zu geben. Jeder Mensch macht Fehler. Oft hatte ich in meinem Austauschjahr das Glück, großartige Menschen zu kennen, die mir auch den dümmsten Fehler verziehen, mir unter die Arme griffen und mich wieder aufrichteten. In anderen Fällen, und das ist eine jener großen Erfahrungen, die man machen muss, konnte mir niemand helfen, sodass ich meine Probleme selbst lösen musste. Jedes dieser Erlebnisse, so unangenehm manche von ihnen auch waren, hat dazu beigetragen, dass ich an jedem Tag wuchs und lernte, mit anderen, aber auch mit mir selbst besser zurecht zu kommen. Das Leben so zu nehmen, wie es kommt, ohne ständig nach einem Schuldigen zu suchen. Mich für mich selbst zu verantworten, ohne mich schuldig zu fühlen. Ich selbst zu sein.

Freunde, Erfahrungen und Wissen

Was ich aus Lettland mitnehme, ist so viel mehr, als ich in Worte fassen kann. Freunde – die besten, die es gibt. Erfahrungen, die ich ohne mein Austauschjahr vielleicht nie gesammelt hätte. Wissen – über Menschen, Kultur, Sprache und so vieles mehr, und nicht zuletzt mich selbst. Gedanken und Ideen, die den Weg in meinen Kopf wohl nie gefunden hätten. Bewusstsein darüber, dass jeder Mensch Gründe hat für das, was er tut. Liebe für Deutschland, mein Zuhause Liebe für Lettland, mein Zuhause. Musik, die mich immer begleiten wird. Geschichten, die ich immer erzählen werde. Menschen, die mich nie verlassen werden.