Schüleraustausch Interview: Queer in Argentinien
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Interview: Queer und Schüleraustausch

Tim mit dem klassischen argentinischen Mate-Tee
Tim mit dem klassischen argentinischen Mate-Tee

Wer in jungen Jahren ins Ausland geht, lernt die Welt aus einer neuen Perspektive kennen - und häufig auch sich selbst. Viele Jugendliche werden durch den Auslandsaufenthalt außerdem selbstbewusster und mutiger und erfahren in AFS einen Ort, der Menschen jeglicher sexueller oder geschlechtlicher Orientierung akzeptiert. Kein Wunder also, dass Jugendliche sich hier sicher fühlen, wenn sie sich outen.

 

Einer, der diese Erfahrung gemacht hat, ist Tim, der 2012/13 ein Schuljahr in Argentinien verbracht hat. In dieser Zeit ist er selbstbewusster geworden und hat sich während und nach seinem Austausch als schwul geoutet. Wie es ihm dabei erging, erzählt er uns in einem Interview.

Hallo Tim, danke, dass du dir Zeit für unser Interview genommen hast. Stell dich doch bitte kurz vor.

Gerne. Mein Name ist Tim, ich bin 21 und war 2012/13 für ein Schuljahr in Argentinien. Seit ich 16 bin, weiß ich, dass ich schwul bin und habe mich 2013 geoutet.

Wusstest du denn schon vor deinem Austausch, dass du schwul bist?

Ja und Nein. Ich hab es damals zwar schon vermutet, aber ich war mir definitiv nicht sicher, ob ich schwul bin. In meinem Austauschjahr in Argentinien habe ich es dann für mich entdeckt.

Hast du dich denn vor deiner Gastfamilie und deinen Freunden in Argentinien geoutet?

Tim mit seiner Gastfamilie
Tim mit seiner Gastfamilie

Vor meiner Gastfamilie in Argentinien habe ich mich während des Auslandsjahrs nicht geoutet, weil ich mir nicht sicher war, wie sie reagiert hätten, da Argentinien ein sehr katholisch geprägtes Land ist.

Bei einem späteren Besuch allerdings schon. Vor meinen argentinischen Freunden habe ich mich anfangs nicht geoutet, da wusste ich das selber aber auch noch nicht so richtig. Als ich dann meinen Freund in Argentinien kennengelernt habe und wir zusammengekommen sind, haben wir unserem Freundeskreis von unserer Beziehung erzählt.

Fiel dir das denn damals schwer? Hattest du deinen Freunden gesagt, dass sie deiner Gastfamilie nichts sagen sollen?

Schwer fiel es mir eigentlich nicht, weil es wirklich gute Freunde waren, zu denen ich heute immer noch ab und an Kontakt habe. Und da mein Freund und ich eine Menge darüber geredet haben und das auch gemeinsam unseren Freunden erzählt haben, war man damit nicht alleine – das hat echt geholfen. Meine Freunde sind total gut damit umgegangen, als ich es ihnen gesagt habe. Alle haben gesagt, dass sie das total okay finden, manche sogar richtig cool und der ein oder andere war echt überrascht.

Nach meinem letzten Besuch 2015 habe ich es im Anschluss meiner Gastmutter auch per WhatsApp geschrieben. Ich schrieb ihr, dass ich „anders als ihre anderen Kinder sei“ und ihre Reaktion war toll! Sie antwortete „Warum anders? Liebe ist Liebe: Sie lieben jemanden und du liebst jemanden, es ist egal, wer das am Ende ist. Du bist und bleibst mein Sohn“. Das war einfach toll.

Wenn sie heute erfährt, dass ich einen neuen Freund habe, muss ich ihr immer direkt ein Foto von uns schicken und sie freut sich dann mit mir (lacht).

Wie hast du denn den Umgang in deinem Gastland mit dem Thema empfunden?

Jugendliche sind sehr offen und gut damit umgegangen (Internet, Facebook, etc.), sie wachsen durch das Internet mit dem Thema auf. Sie haben meinen Freund und mich da auch unterstützt und darauf geachtet, was sie im Internet geschrieben oder welche Fotos sie veröffentlicht haben.

Bei meinen Gasteltern und Gastgroßeltern ist es eher schwerer, eigentlich ähnlich wie bei Groß- oder Urgroßeltern hier in Deutschland. Die haben einfach nicht so viel Kontakt zu dem Thema.

Hast du dir Unterstützung in Fragen wie "Kann ich gut in das Land gehen, kann ich mich dort outen?" "Wie gehe ich mit Reaktionen um?" von AFS oder QueerTausch geholt?

Auf einem AFS-Camp als Ehrenamtlicher
Auf einem AFS-Camp als Ehrenamtlicher

Damals habe ich das nicht gemacht. Heute, als ehrenamtlicher Mitarbeiter, rate ich allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern zum Beispiel bei den Lateinamerika-Vorbereitungen, dass sie sich bei QueerTausch beraten lassen sollen, wenn sie Fragen haben. Die sind einfach sehr engagiert und wissen auf wirklich viele Dinge eine Antwort.

 

Aber auch ich bin immer für Fragen da und sage ihnen, dass sie sich bei mir melden können, wenn etwas passieren sollte. Gerade, da ich viele der Teilnehmerinnen und Teilnehmer durch die Vorbereitungen kenne, ist es schön, wenn sie jemanden kontaktieren können, den sie auch kennen.

Hast du dich denn in deinem Austauschjahr wohl gefühlt?

Absolut. Auch, weil ich einen festen Freund in Argentinien hatte. Aber manchmal eben auch nicht, weil er halt nach außen immer nur mein Kumpel war. Das Doppelleben war manchmal einfach echt schwer.

Wie empfindest du den Umgang bei AFS mit dem Thema LGBT, würdest du sagen, dass AFS ein sicherer Ort ist für (junge) Menschen jeglicher sexueller Orientierung?

Ja, auf jeden Fall! Jugendliche sind generell schon toleranter und AFSerinnen und AFSer sind da nochmal besonders toll. Wir sind ja eh schon offen für andere Kulturen und dann spielt die sexuelle Orientierung nur noch eine sehr geringe Rolle. Wichtig ist einfach, was du für ein Mensch bist. In meinem lokalen Komitee erfahre ich einen tollen Rückhalt, sie stehen geschlossen hinter mir auch in Konfliktsituationen. Es spielt für sie gar keine Rolle, wen ich liebe, nur was für ein Mensch ich bin.

Hast du denn das Gefühl, dass deine Erfahrungen im Schüleraustausch dazu beigetragen haben, dass du deinen Freunden und Familien sagen konntest, dass du schwul bist?

Ja, ich finde schon. Vor meinem Austauschjahr war ich echt sehr schüchtern und bin nicht so richtig aus mir rausgekommen. Heute bin ich viel selbstbewusster und offener - das ist ein genereller Effekt im Schüleraustausch, aber das hat mir da sicherlich auch geholfen.

In Argentinien fing mein Leben, bzw. meine Geschichte nochmal richtig an, weil ich mich seitdem anders ausleben konnte und heute sein kann, wer ich bin.

Was ist dein Rat an queere Jugendliche, die überlegen einen Austausch zu machen, aber noch unsicher sind?

Tim mit anderen AFSerinnen und AFSern
Tim mit anderen AFSerinnen und AFSern

Auf jeden Fall machen! Man wird selbstbewusster, mutiger und lernt, zu sich selbst zu stehen. Das ist am Anfang vielleicht erst mal ein Kulturschock, weil man auch mit vielen Dingen konfrontiert wird, die ungewohnt sind. Aber es bringt einen einfach so viel weiter. Ihr seid in guten Händen und habt engagierte AFSerinnen und AFSer an eurer Seite, die euch nicht alleine lassen und für euch da sind.

Vielen Dank, dass du dir die Zeit genommen hast und viel Spaß bei deinem nächsten Besuch in Argentinien.

Lust bekommen auf einen Schüleraustausch mit AFS?

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Du bist lesbisch, schwul, bi- oder transsexuell und hast Fragen, ob und wie das eine Rolle im Schüleraustausch spielt? Informiere dich hier weiter

 

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