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Ohne unsere Gasttochter war es so still

Gastmutter Edeltraut, Malaysia, 2009-2011,

Ohne unsere Gasttochter war es so still

Wir kamen im August 2008 aus dem Sommerurlaub zurück, wo wir auch unseren erwachsenen Sohn David in Freiburg besucht hatten. Zuhause angekommen, Schule und Arbeit wieder aufgenommen, erzählte der Chef meines Mannes, seine Familie freue sich wieder auf einen neuen Austauschschüler. Das war die Geburt des Gedankens, eine Austauschschülerin aufzunehmen. Schnell waren Seiten im Netz über Organisationen wie AFS, Rotary u.s.w. gefunden. Wir haben uns dann für AFS entschieden. Einer der Gründe dafür war, wir konnten die Jugendlichen die ganzen 10 Monate, die sie in Deutschland waren, begleiten und viel zusammen erleben.

Gastschülerin Annie aus Malysia auf einem Pferd

Unsere erste Austauschschülerin hieß Annie, sie war 17 Jahre und sie kam aus Malaysia. Annie kam zu uns im Februar 2009 und blieb bis Januar 2010. Annie war ein sehr fröhliches, sich für alles Neue interessierendes Mädchen. Besonders unsere kahlen Laubbäume wurden von ihr im Februar sehr bestaunt, bis eines Tages die Frage kam, warum wir in Deutschland soviele tote Bäume haben…

Viel gereist und geredet

Ob wir mit ihr beim Bauern Erdbeeren pflücken gingen oder mit ihr den Gletscher auf den Groß Glockner betraten, ob wir ihr Berlin zeigten oder einfach nur die Halligwelt vor unserer Tür, sie hat alles in sich aufgesaugt. Wir haben viel über ihre Familie geredet und uns über so manche Sitten und Gebräuche aus ihrer Heimat gewundert. Sie war sehr gläubig, als Muslimin hat sie mehrmals am Tag gebetet. Sie aß kein Schweinefleisch, worauf wir kurzerhand unseren Speiseplan änderten. Fortan gab es bei uns viel Fisch und Geflügel.

AFS-Gastschülerprogramm: Annie in traditioneller Kleidung aus Malaysia

Obwohl sie islamischen Glaubens war und sie Vieles zum ersten Mal sah und erlebte, hat sie sich fantastisch in unserer europäischen Welt angepasst. Annie trug, wie es beim Islam normal ist, immer wenn sie draußen war, ein Kopftuch, Mütze oder Cappi. So auch beim Ausflug auf die Hamburger Hallig. Sie trug ein Cappi, hatte aber nicht mit so viel Wind gerechnet. Nach ca. 20 Minuten hatte der Wind ihre Kopfbedeckung ins Watt geschleudert und nachdem wir die Mütze wieder eingefangen hatten, wobei wir alle einen heiden Spass hatten, konnte sie ihr Cappi nicht mehr gebrauchen, weil es voller Watt-Matsch war. Seitdem hatte sie dann draußen keine Kopfbedeckung mehr auf. Erst kurz vor ihren Abflug nach Hause kam wieder ihr Tuch auf den Kopf.

Der erste Schnee

Der Höhepunkt war aber im Dezember, als der erste Schnee kam. Sie war in der Schule und konnte sich überhaupt nicht auf den Unterricht konzentrieren. Ich bekam mehrere SMS von ihr mit dem Text: „Es schneit – wie schön!“ Am Nachmittag war sie die ganze Zeit draußen: Schnee räumen, Schneeballschlacht mit Nachbarn u.s.w. Das war so schön zu sehen, noch nie hatten wir erlebt, dass sich jemand so sehr über Schnee freuen konnte. Als sie nach Hause fuhr, haben wir ihr die Frage gestellt, was an ihrem Aufenthalt in Deutschland das Beste war. Sie antwortete: Der Schnee!

Neue Austauschschülerin

Kaum war Annie abgereist, wurde es im Haus sehr still. Schnell wurde in der Familie beschlossen, wir machen es noch einmal. Ein Anruf in Hamburg bei AFS und wir hatten die nächsten Austauschschüler in der E-Mail-Post. Nun musste alles sehr schnell gehen. Wir hatten uns für Akari aus Japan entschieden. Einen Monat später, im Februar 2010 war sie hier und blieb bis Januar 2011. Wir haben unsere schnelle Entscheidung nie bereut. Akari war ein sehr stilles Mädchen mit sehr wenigen Englischkenntnissen, das war eine große Herausforderung. Zusammen mit der Schule wurde ein Plan aufgestellt, wann wer mit ihr Deutsch lernt. Die ganze Klasse hat mitgezogen und wie es im Mai auf Klassenfahrt nach Berlin ging, sprach sie die ersten deutschen Sätze. Sie war dabei, wie unsere Tochter Diana konfirmiert wurde. Akari, im traditionellen japanischen Kimono, sah mindestens genauso schön aus wie unsere Tochter.

Wir konnten unsere erste Gasttochter, Annie, nicht richtig loslassen. Als wir von ihr nach ihrer Rückkehr nach Malaysia hörten, sie habe im Mai ihre ersten Semesterferien, haben wir ihr ein Flugticket geschickt und sie kam uns noch einmal für vier Wochen besuchen. Es waren sehr schöne Wochen, die wir zusammen erleben durften, Akari aus Japan, Annie aus Malaysia und unsere Tochter Diana wurden ein richtig gutes Trio. Akari und Annie sind heute immer noch befreundet.

Fußball-Weltmeisterschaft

Akari war ganz anders als Annie, aber eines hatten sie gemeinsam: ihre Neugierde und Freude an allem Neuem. Mit Akari haben wir die Fußball-Weltmeisterschaft erlebt und wenn sie vorher nicht einmal wusste, dass die Japaner dabei waren, so kannte sie hinterher fast alle deren Namen. Ihr Geburtstag im Juni stand voll im Trend und Farben der Weltmeisterschaft. In den Herbstferien sind wir mit Akari nach Bayern zum Schloss Neuschwanstein gefahren - ein Muss für jeden Japaner. Aber auch einfache Sachen wie Weihnachtsplätzchen backen, Weihnachtsmarktbesuch oder ein Weihnachtskonzert in der Kirche fanden ihre Zustimmung. Jetzt studiert sie die deutsche Sprache in Japan. Es ist schön, dass wir den ersten Baustein dafür zusammen mit ihr legen konnten.

Wir haben zu beiden Mädchen noch einen guten Kontakt und verfolgen aus der Ferne gespannt mit, wie ihr Leben verläuft.