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Mein Freiwilligendienst in Mombasa

Manuel, Kenia, 2010/11, weltwärts

Mein Freiwilligendienst in Mombasa

Land und Leute

In meinem Auslandsjahr als Freiwilliger in Mombasa, Kenia habe ich meiner Meinung nach das Gastland sehr viel besser kennen gelernt als ich es vorher kannte. Natürlicherweise habe ich viel über die Geschichte des Landes u.a. gelernt, aber viel wichtiger und eindrucksvoller war es, die Mentalität "einer" Gesellschaft kennen zu lernen, welche sich quasi am anderen Ende der Welt befindet. Durch regen Kontakt mit "Einheimischen", ob Arbeitskollegen, Freunde oder Verwandte, wurde mir vor Augen geführt, dass es einfach mehrere Arten gibt das Leben auf dieser Erde zu leben. Dies drückt sich u.a. in der Einstellung zur Arbeit/Beruf, Religion & der Familie aus, aber auch im Angesicht von Problemen und schwierigen Lebenslagen. Meine Erfahrung war, dass es für einen KenianerIn viel länger geht, bis sie/er sich daruber beschwert was sie/ihn beschaftigt und dass man im Allgemeinen nicht mal daran denkt aufzugeben bei hartnackigeren Aufgaben.

Diesbezüglich habe ich auch Veränderungen an mir bemerkt. Z.B. bin ich doch ziemlich 'relaxter' als meine deutschen Freunde/Familie in Stresssituationen, und im Allgemeinen nehme ich mir mehr Zeit fur das, was ich tue, ohne jede Minute daran zu denken, wer und was auf mich wartet. Manche wurden dies sicherlich als schlechte Eigenschaft oder gar Faulheit o.a. bezeichnen, wenn man nicht alle Termine auf die Minute einhalten kann. Ich dagegen bin der Meinung, dass man so nur das Leben mehr genießen kann und sich vor etwaigen späateren Folgeerscheinungen schützen kann, welche ich auch aus persönlichem Hintergrund kenne und auf die ich gerne verzichte, wenn man dafur nur darauf verzichtet, am heutigen Tage nicht alles machen und jeden zufrieden stellen kann.

Außerdem heißt zu-spät-kommen nicht kein Interesse zu haben, sondern einfach, dass man vorher auch etwas wichtiges zu tun hatte....... Zusätzlich habe ich die fast allgegenwärtige grundsätzliche Aufgeschlossenheit und Gastfreundschaft gegenüber Fremden kennen und sehr zu schätzen gelernt, sodass ich mir diesbezüglich auch fest vorgenommen habe, diese mir entgegengebrachten "Leistungen" (auch wenn es eigentlich keine Leistung war, sondern eine Selbstverständlichkeit) weiterzugeben. Damit meine ich, dass ich versuche, allgemein unvoreingenommener zu sein und jeder Person, egal welcher Herkunft, sozialer Stellung, Religionszugehörigkeit, etc. den gleichen Respekt zu zollen.

Arbeitsplatz

In meiner Einsatzstelle "Eco Ethics", wo ich genau ein Jahr gearbeitet habe, habe ich in der Regel 40 Stunden in der Woche gearbeitet. Oftmals bin ich jedoch freiwillig oder auf Anweisung über diese Regelarbeitszeit hinaus, da ich noch Arbeit im Büro hatte, oder wir am Wochenende eine Veranstaltung beziehungsweise ein Event hatten, auf dem wir die Organisation entweder repräsentieren sollten oder selbst etwas organisierten. Dazu kam täglich noch etwa eine Stunde Arbeitsweg. Da ich nicht allzu weit weg vom Stadtzentrum gewohnt habe und das Büro noch zu Fuß erreichbar war, bin ich jeden Morgen und Abend ungefähr eine halbe Stunde gelaufen.

Im Allgemeinen bin ich in der Einsatzstelle sehr gut klar gekommen. Das war vor allem auch dem guten Arbeitsklima und der professionellen Arbeit des ca. 10-köpfigen Teams zu verdanken, die mich auch sehr herzlich aufgenommen haben und mir bei jeglichen Problemen zur Seite gestanden sind. Trotzdem muss ich ehrlicherweise zugeben, dass es für mich als unausgebildeter Freiwilliger nicht immer einfach war, mit meinen Kollegen mitzuhalten. Auf jeden Fall hat mich dieses hohe Niveau und die anspruchsvolle Arbeit viel lernen lassen und mich persönlich gesehen sehr schnell und weit nach vorne gebracht (mit einer Persönlichkeitsentwicklung zur gleichen Zeit hier in Deutschland konnte ich das gar nicht entwickel. Diese hat in diesem Zusammenhang aber wirklich ihren Namen verdient!). So hat meine Arbeit in der Organisation also damit angefangen, dass mir ein "Entwicklungshelfer" aus den USA sein Projekt vorgestellt hat und mich gefragt hat ob ich nicht Lust hatte ihm und seiner kenianischen Partnerin, die ebenfalls als Volunteer gearbeitet hat, bei der weiteren Umsetzung seines "Green Economy"-Konzeptes zu helfen. Dabei ging es um die Einführung einer Alternativ-Währung, welche auf die Lokalitäten eines Slums in Mombasa begrenzt war. Die Idee war dabei einfacher als die Umsetzung, da es bei vielen Bewohnern, welche schon oft von Lokal-Politikern oder anderen einflussreichen Leuten benutzt bzw. umgangen wurden, doch recht viel Skepsis vorhanden war.

Tiefer Einblick in die Gesellschaft

Insgesamt war dies jedoch eine tolle Erfahrung und vor allem nach so kurzer Zeit schon ein interessanter und tiefer Einblick in die Gesellschaft. Mir wurde so sehr schnell bewusst, wie der Großteil der kenianischen Bevölkerung lebt, fernab von staatlichen Einrichtungen, wie Schulen, Polizei oder Krankenhäuser, welche eigentlich jedem Bürger zustehen sollten.

Nach dieser ungefähr 2-monatigen "Eingewohnungszeit" in meiner Einsatzstelle und dem Gastland wurde ich von meinem Chef, dem Executive Director der NGO, dazu angehalten doch ein wenig Eigeninitiative einzubringen und sozusagen ein eigenes Projekt zu starten. Dass sich internationale Freiwillige eigenständig engagieren, neue Ideen und auch einen "bereichernden" Einfluss auf die Zielgruppen, aber auch die Organisation selbst ausüben sei bei Eco Ethics-Kenya gewünscht und deshalb auch in meiner Situation angebracht. Da ich schon vorher in andere Programme der Institution "reinschnuppern" konnte, wie z. B. dem Jugendprojekt, bei dem versucht wird die allgegenwärtigen selbstständigen Jugendgruppen mit den verschiedensten Mitteln zu unterstützen finanziell auf eigenen Beinen zu stehen, umwelt- und gesundheitsschädliche Produktionsmethoden zu unterbinden und gleichzeitig ökologisch sinnvolle & nachhaltigen Alternativen anzubieten/fordern, war ich hier an einer weiteren Zusammenarbeit interessiert. Ausschlaggebend hierfür war auch mein vorheriges Engagement in dem heimischen Weltladen in Deutschland, weil ich dadurch die Idee bekam die eigen hergestellten vielfaltigen Kunstprodukte der Jugendlichen auch mehr zu vermarkten.

Aufbau einer Internetpräsenz

Geplant und erhofft war unter anderem eine Internetpräsenz einzurichten, welche das Projekt bewirbt und gleichzeitig die Moglichkeit bietet es direkt zu unterstutzen indem man Waren online bestellt. Auserdem wurden mit Hilfe von lokalen Unterstützern "capacity building"-Maßnahmen nach dem Prinzip der Hilfe zur Selbsthilfe durchgeführt, um die Produktionsmöglichkeiten der Gruppen zu stärken und ihnen neue kreative Ideen zu geben. Diesbezüglich sollten die verschiedenen Jugendgruppen zu einer Assoziation zusammengefasst und registriert werden, sodass die Grundlage fur ein erfolgreiches Abschneiden am Markt ermöglicht wird. Hierbei wurde mir bei so gut wie allen Aktivitäten freie Hand gegeben und allgemein ein sehr großes Vertrauen in mich gesetzt, was mich auf der einen Seite natürlich gefreut hat und mir viele Freiräume einbrachte, so dass ich das Projekt genau nach meinen Vorstellungen umzusetzen versuchen konnte, aber auf der anderen Seite war ich somit vielleicht auch ab und an leicht überfordert, da ich größtenteils auf mich alleine gestellt war und aber das in mich gesetzte Vertrauen nicht enttäuschen wollte.

Nach mehreren Monaten Arbeit jedenfalls an diesem Projekt (Mombasa Artists for Change ¨ Empowering Youth Entrepreneuship) und mehreren Teilerfolgen, aber ohne den großen Durchbruch, war es wiederum mein Vorgesetzter der für mich eine andere Aufgabe vorgesehen hatte. Und zwar organisiert Eco Ethics-Kenya jedes Jahr als offizieller Veranstalter (mit dem Ministry of Fisheries Development) in Kenia den "World Oceans Day". Dieses Event von nationaler Bedeutung (aufgrund der Küste zum Indischen Ozean und dem damit verbundenen Tourismus-Potential und der Abhängigkeit von der Fischerei) zieht immer mehrere hundert bis tausende Leute aus der Umgebung Mombasas an, und dessen politischen Stellenwert vor allem durch die Anwesenheit von Landespolitikern unterstrichen wird, ist eine der wichtigsten Aufgaben im Bereich von Eco Ethics-Kenya. Eingelernt und "unter Aufsicht" von erfahreneren Kollegen sollte ich also das diesjährige Sekretariat führen und damit alle Aktivitäten und Planungen vorab und die Organisation am 8. Juni selbst, dem offiziellen Tag des Ozeans, leiten und lenken. Auch wenn mir hier keine freie Hand gewährt wurde wie zuvor, so hatte ich doch eine enorme Verantwortung und damit Riesen-Bürde zu tragen. Grundsätzlich hatte ich immer einen Ansprechpartner im Notfall, aber gleichzeitig war ich auch der Hauptansprechpartner fur alle "Stakeholder", und darunter waren Einige, von staatlichen Behörden uber zivil-gesellschaftliche Organisationen bis hin zu privaten Institutionen und Unternehmen.

Letztendlich war es trotz, oder vielleicht gerade wegen der großen Belastung eine unvergleichbare Erfahrung, vor allem für mich als Person und meine individuelle Entwicklung. So bin ich sehr glücklich daruber, einfach so ins kalte Wasser geworfen zu werden und dieser anspruchsvollen, aber unvergesslichen Aufgabe anvertraut worden zu sein.

Gastfamilie/Unterkunft

Der Tag an dem uns unsere Gastfamilie vorgestellt wurden, war wohl der aufregendste bis zu diesem Zeitpunkt in meinem Leben. Schließlich hatte ich ein ganzes Jahr vor, mir mit diesen Personen um mich herum, und so empfand ich den ersten Tag in eben dieser Familie als grundlegend und sehr einflussreich im Bezug auf den gesamten Kenia-Aufenthalt. Und trotz, dass meine Gastfamilie nun aus einem komplett anderen kulturellen Umfeld (afrikanischarabisch und muslimisch) als ich kommt, war es doch nie ein großes Problem sich dort einzufinden und sich mit den (Un)Gewohn(t)heiten dieser Kultur auseinander zusetzen. Ganz im Gegenteil empfand ich es als großes Privileg, und mein Interesse daran war auch das gesamte Jahr über vorhanden.

Besonders heraushebenswert finde ich an dieser Stelle die Frömmigkeit und Selbstverständlichkeit, die der Glaube an Gott bzw. Allah spielt. Auch hier habe ich gänzlich unvoreingenommen aber offen fur neue Erfahrungen an vielen religiösen/spirituellen Aktivitäten teilgenommen, und größtenteils wurde mir auch mit Offenheit begegnet, was mich wiederum sehr beeindruckte und verleitete mich, mehr mit dem Thema zu beschäftigen. So habe ich zurückblickend ein teilweise sehr Koran-konformes Leben geführt, ohne jemals ein gläubiger Mensch gewesen zu sein.

Zusammengefasst war das Einleben in der Familie also recht unkompliziert, aber natürlich nicht immer ohne Probleme. Ich dachte, dass sich mit der Zeit auch ein engeres Verhältnis mit meiner Gastmutter aufbauen wurde, wie ich es eher mit den Gastbrudern hatte (Mein Gastvater arbeitet das ganze Jahr uber in Saudi-Arabien). Leider kann ich es mir nicht genau erklären, warum diese Beziehung nie wirklich tiefgründig und innig wurde. Ob es nun tatsachlich daran lag, dass es für muslimische Frauen allgemein schwierig ist, eben eine solche Beziehung zu einem (nichtmuslimischen) Mann aufzubauen oder ob es auch von mir verschuldet war, da ich wahrscheinlich auch vorher schon nicht der größte Familienmensch war und wohl zu wenig Zeit innerhalb der Familie und Verwandtschaft verbracht habe, und das in einer Gesellschaft, in der diese eine so herausgeordnete Rolle spielt und fast über allem steht. Letztendlich war das Zusammenleben jedoch so gut wie frei von Konflikten, sowieso kulturellen Konflikten, und stellte so im Allgemeinen eine tolle & stabile Grundlage für meinen Kenia-Aufenthalt dar, worüber ich unglaublich dankbar bin und hoffentlich nie vergessen werde.

Sprache und Kommunikation

Als wir in Kenia ankamen, gehörte auch ein 10-tagiger Einführungskurs in Kiswahili zu unserer Begrüßsung. Dieser bildete also sozusagen die Grundlage, mit Ausnahme einiger Wörter die wir schon auf der Vorbereitung in Deutschland, fur das Erlernen der afrikanische Sprache. Da es in Kenia jedoch aufgrund der kolonialen Vergangenheit zwei offizielle Amtssprachen gibt, konnten wir uns anfangs sehr gut auf Englisch durchschlagen. Allgemein war es jedoch ein Trugschluss davon auszugehen, dass es egal ist ob man Englisch oder Kiswahili kann. Wie schon angesprochen ist Englisch eben immer noch die Sprache der Weißen und weckt damit oftmals Erinnerungen an die Kolonialzeit, weshalb es recht schwierig ist, im ersten Moment Kontakt zu einem Einheimische aufzunehmen, ohne dabei wie ein Tourist heruber zu kommen, was man als Freiwilliger ja eigentlich nicht will.

Dies und das Interesse an einer neuen Sprache veranlasste einige von uns weiterhin einen Sprachkurs, auf unsere eigenen Kosten, zu belegen. So sind wir in Mombasa 2-3 mal in der Woche zu demselben Lehrer fur ca. 4 Monate, bis es uns zu teuer wurde und wir mit der Hoffnung aufgehört haben, dass wir es auch so im Umgang mit anderen Leuten lernen konnten. Leider muss ich heute zuruckblickend sagen, dass es wohl mein größter Fehler während des Aufenthaltes war, nicht richtig Kiswahili gelernt zu haben, da es eigentlich keine sehr schwere Sprache ist. Aaber wenn man es kann, begegenen einem die Leute ganz anders und die Sprache kann einem das Land viel näher bringen. Letztendlich war Englisch die Sprache mit der ich mich hauptsächlich verständigte, konnte damit so gut wie alles machen und hatte fast nie große Verständigungsschwierigkeiten und meine Kenntnisse haben sich auch sehr stark verbessert.

Aber ich bin mir sicher wenn ich die "Sprache der kleinen Leute" besser gekannt hätte, wäre mir einiges leichter gefallen, und das Land wäre mir heute auch noch intensiver in Erinnerung geblieben!