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Mein Jahr als Lehrer in Panama

Lars, Panama, 2010/11, weltwärts

Mein Jahr als Lehrer in Panama

Als ich mein Abitur im Jahr 2010 machte, war für mich klar, dass ich mehr über die Welt und besonders mehr über mich lernen wollte, bevor ich mit der Universität anfange. Da tat sich auch schon ein Problem auf: ich wusste damals noch nicht, was ich machen wollte und noch weniger, warum. Ich wartete auf eine Nachricht von AFS, in der mir mein Land mitgeteilt werden sollte. Eines Tages kam ich nach Hause und alles stand im Zeichen von Janoschs Panama. AFS hatte angerufen und meiner Familie mitgeteilt, dass es für mich ein Projekt in Panama gibt: auf einmal wurde es konkret und ich nahm dankend an.

Panama

Lars' Eindrücke von seinem Freiwilligendienst in Panama

Ich bereitete mich auf das Land und mein Projekt vor, lernte Spanisch und wurde durch meine Entsendeorganisation vorbereitet. Bis zu meinem Abflug ging alles schneller als ich dachte und nach einem Abschied war ich schon in Panama. Panama? Wo liegt das eigentlich und was ist das für ein Land? Panama ist ein kleines Land, das im Norden von Kolumbien den ersten Teil der Landbrücke nach Nordamerika darstellt. Dort leben über drei Millionen Panameños (sie meinen allerdings, die Zählung sei falsch und in Wirklichkeit seien sie viel mehr) und es ist ein sehr schmales Land, sodass es für den Bau des Panama-Kanals vor über 100 Jahren ausgesucht wurde. Der Kanal schneidet jetzt einmal in der Mitte von Norden nach Süden durch das Land und hat wahrscheinlich die Geschichte des Landes wie kein anderes Ereignis geprägt: es wurde unter amerikanischer Hilfe für den Kanalbau von Großkolumbien gespaltet und erreichte Unabhängigkeit – das war übrigens die zweite Unabhängigkeit: sie sind zuvor schon einmal von Spanien unabhängig geworden.

Im 20. Jahrhundert erlangte Noriega die Macht, nachdem sein Vorgänger Torrijos durch ungeklärte Umstände bei einem Flugzeugabsturz starb: ein grausamer Diktator, der vor allem sich und seine Anhänger bereicherte – international wurde er wegen der Stabilität geschätzt. Er herrschte, bis er durch eine amerikanische Invasion entmachtet wurde. Es wurde ein demokratisches Regierungssystem etabliert: es folgte eine Zeit des ökonomischen Aufschwungs und geschichtlicher Verdrängung. Die Regierungen arbeiten gut, gemessen am Umfeld, in dem sie agieren: sie müssen durch ein Meer von etablierten Machtgefügen, ökonomischer Ungleichheit, hohen Staatseinnahmen, internationaler Verflochtenheit durch den Kanal und die panamerikanische Straße, sehr unterschiedlichen Nachbarstaaten und großen kulturellen Unterschieden zwischen den Volksgruppen und vielen anderen Faktoren lenken.

Das Land der Unterschiede

In diesem Land habe ich viele Erfahrungen machen dürfen und einige möchte ich als Schlüsselereignisse während meines Freiwilligendienstes hervorheben: Panama ist ein Land des ökonomischen Aufschwungs – ich war noch niemals in New York, aber als ich die Skyline von Panama-Stadt gesehen habe ahnte ich, wie es dort aussehen könnte. Panama ist aber auch ein Land der extremen ungleichen Verteilung. Sinnbildlich dafür war mein Spagat zwischen meiner liebevollen und wohlhabenden Gastfamilie und meinem wunderbaren Projekt, in dem ich Kinder von Landarbeitern unterrichtete. Ich lebte mit meiner Gastfamilie in den Bergen Panamas nahe der Grenze zu Costa Rica. Diese Region ist geprägt durch Landwirtschaft und das vergleichsweise kalte Klima. Zu meiner Gastfamilie gehören meine Gasteltern, zwei Gastgeschwister und zwei Angestellte, mit denen ich viel Zeit verbrachte.

Ich half bei den Arbeiten rund ums Haus, begleitete meinen Gastvater auf das Feld und in den Markt, spielte mit den jüngeren Gastgeschwistern, begleitete meine Gastfamilie bei Ausflügen und unterhielt mich mit den Angestellten. Wochentags arbeitete ich morgens als Lehrer in meiner Schule und gestaltete nachmittags ein alternatives Programm für die Schüler. In meiner Grundschule gibt es Schüler vom Kindergarten bis zur sechsten Klasse, die jeweils von einem Lehrer betreut werden. Ich übernahm sowohl den Englisch-, als auch den Computerunterricht und unterstützte die Lehrer bei ihrer Arbeit.

Organisation einer Beschäftigung für die Schüler

Nachmittags gab es keine Beschäftigung für die Schüler, sodass ich langsam Aktivitäten erarbeitete, die den Schülern Spaß machten und sie fördern sollten. Ich begann mit fortgeschrittenem Englischunterricht und arbeitete spielerisch mit ihnen am Computer. Später führte ich wöchentlich Disney-Filme auf Spanisch vor und begann Bücher zu verleihen. Über die Zeit organisierte ich stetig mehr, sodass ich hinterher mit einer „mobilen Bibliothek“ Bücher in die Schule brachte. Im Rahmen von Projekten leitete ich Teamsport an oder machte eine Einheit Deutsch, bevor ich meine Schüler mit meiner Familie in Deutschland telefonieren ließ.

Reise durch Mittelamerika

Mit dem weltwärts Freiwilligenprogramm von AFS konnte Lars mit Freunden Panama erleben

Kulturelle Unterschiede haben zu Missverständnissen und allgemeiner Belustigung beigetragen. Die Arbeit hat mich sehr mit meinen Schülern und den Lehrern verbunden und durch Gespräche nach dem Unterricht konnte ich Freundschaften schließen. Ich denke dennoch, dass ich nicht viel durch meine Arbeit bewirken konnte, dennoch habe ich das Gefühl, dass es einen Unterschied im Leben meiner Schüler ausmachen kann. Im Januar 2011 reiste ich mit zwei Freunden durch Mittelamerika. Wir dachten uns, wenn so viele interessante Länder dicht beieinander liegen, können wir auch Erfahrungen machen, die über Panamas Grenzen hinausgehen. Wir fuhren in Kleinbussen, um die Reisekosten möglichst gering zu halten und kamen zuerst in die Hauptstadt von Costa Rica – „der Schweiz Mittelamerikas“: ein hoher Bildungsstand, eine gute Infrastruktur und eine ausgeprägte Mittelschicht, sodass wir uns kurzzeitig wie in Europa fühlten. Dort besuchten wir einen anderen Freiwilligen, der uns die Stadt und die Umgebung zeigte.

Nicaragua

Schiff auf einem Fluss in Nicaragua, das Freiwilliger Lars während seiner Reisen aufgenommen hat

Eine Woche später reisten wir nach Nicaragua – ein ganz besonderes Land. Wir gelangten auf eine Vulkaninsel im größten See des Landes. Hier schien die Zeit vor Jahrhunderten von Jahren stehen geblieben zu sein, bis heute. Wir übernachteten in schönen Hostels, lebten aus dem Rucksack, sprachen mit den Bewohnern und ließen uns treiben: bis zur wunderschönen Touristenstadt Granada. Wir sahen ehrwürdige Gebäude, seltene Tiere, machten besondere Bekanntschaften, tankten für die Arbeit in unseren Projekten auf und nahmen besondere Momente für unser weiteres Leben mit.

Veränderung fängt bei jedem persönlich an

Bevor ich meinen Freiwilligendienst in Panama begann, habe ich medial viel Leid in der Welt gesehen. Ich dachte damals, ich sei schon erwachsen, doch diese Situationen passten einfach nicht in meine Welt. Wie soll ich mich verhalten? Spenden – und dann? Hat unsere Art zu leben vielleicht damit zu tun, was in der Welt passiert? Ich versuchte Antworten zu finden, jedoch war ich mit keiner zufrieden. Was hat sich in Panama geändert? Ich weiß, dass Tragödien zur Geschichte gehören – nicht zwangsweise, aber faktisch. Sie geschehen – auch ohne, dass wir davon etwas mitbekommen. Und vielen Menschen wird eine unbegreifliche Bürde auferlegt. Aber man kann auch etwas ändern. Nicht alles, aber etwas: im Kleinen in etwa durch ein weltwärts-Projekt, bei dem man Menschen begegnet, sie ein Stück begleitet und sich neue Perspektiven ergeben. Veränderung fängt bei jedem persönlich an. Im Großen dadurch, dass man die Augen nicht verschließt, sich nicht mit dem Status-quo abfindet und nicht entmutigen lässt. Ich habe mich jetzt entschlossen ein Studium der Internationalen Beziehungen in Dresden zu machen. Um eine Situation verändern zu können, muss man sie zuerst verstehen. Ich weiß nicht, wo ich einmal arbeiten werde, ich weiß aber, dass ich dieses Jahr immer in Erinnerung halten werde.

Lars und andere AFS-Freiwillige in einem Camp in Panama

Vielen Dank an meine Entsendeorganisation AFS, das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung BMZ, meine Familie und Freunde, die mich unterstützt haben und einen ganz besonderen Dank an die wunderbaren Menschen in Panama!