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Die Erfahrungen haben mein Denken beeinflusst

Friederike, Mexiko, 2012/13, IJFD

Die Erfahrungen haben mein Denken beeinflusst

Land und Leute

Frewilligendienst in Mexico: Friedericke mit zwei Mädchen in der Natur

Oft ist in Mexiko genau das Gegenteil normal wie in Deutschland. Gruppe- Individuum, Respekt vor der Meinung der Autorität- Entscheidungsfreiheit und Mitrederecht, unpünktlich- pünktlich, indirekte- direkte Kommunikation, alles dauert lange- wird schnell erledigt. An diesen Kontrast muss man sich anfangs ziemlich gewöhnen. Mit 18 können wir ja eigentlich tun oder lassen, was wir wollen. Auch wenn wir noch daheim wohnen. In Mexiko muss man die Eltern um Erlaubnis bitten, solange man die Füße unter ihren Tisch stellt und sich nicht selbst versorgen kann. Und wenn die Mutter dich nicht gehen lässt, musst du das akzeptieren und daheim bleiben.

Überhaupt wird eher mehr Zeit in der Familie als mit Freunden verbracht. Anfangs habe ich mich dadurch ziemlich eingeschränkt gefühlt, doch man lernt es irgendwie auch zu schätzen. Schließlich kann deine Cousine auch zur Freundin werden und auf eine Weise fühlt man sich so sehr geborgen und beschützt. Ich glaube, wenn man versucht, so wie die Mexikaner selbst zu denken, kann man ihre Kultur am besten verstehen und das alles toll finden. Außerdem findet man immer Leute, die die gleichen Ansichten wie man selbst hat, und es ist fabelhaft, enge Freundschaften mit Menschen zu schließen, die ewig weit weg wohnen.

Arbeitsplatz

Friedericke während ihres Projekts, den sie mit AFS in Mexiko machte, mit ihren Schülerinnen

Meine Arbeit bestand darin, zukünftigen Kindergärtnerinnen Englischunterricht zu geben. Dabei standen vor allem die Kommunikation und das Sprechen im Mittelpunkt. Meine Schüler lernten samstags in Englischkursen die Grammatik und waren darin recht gut. Doch ihnen fehlt die Möglichkeit, das Gelernte anzuwenden und sie sind außerdem sehr schüchtern, um zu sprechen, da sie Angst vor falscher Aussprache haben. Montags bis Donnerstag gab ich jeweils 50 Minuten Unterricht pro Tag. Samstags hatte ich eine kleine Nachhilfegruppe, mit der ich 5 Stunden am Stück arbeitete. Am Anfang war das ziemlich schwierig, denn ich konnte mich ohne Sprachkenntnisse kaum durchsetzen und die Schüler begannen, das auszunutzen. Mit zunehmendem Selbstvertrauen wurde es leichter, sich durchzusetzen und Respekt zu verschaffen. Schwierig war es dann nicht mehr, die Stunden vorzubereiten. Alle Inhalte fand ich im Internet oder in Büchern, die mir ein Englischlehrer der Schule lieh.

Das Schöne an meiner Arbeit war auch, dass mir die Schule die Möglichkeit bot, Folkloretanzunterricht zu nehmen, Saxofon zu lernen und in der Schulband mitzuspielen. So versuchten sie mich richtig in die Gemeinschaft zu integrieren und ich konnte mehr über mexikanische Kultur und Traditionen lernen.

Gastfamilie/ Unterkunft

Ich hatte zwei Gastfamilien, da ich nach 6 Monaten gewechselt habe. Beide Familien bedeuten für mich sehr unterschiedliche Dinge und ich habe zwei völlig verschiedene Erfahrungen gemacht. Während der ganzen ersten Zeit lernte ich bereits meine zweite Gastfamilie kennen, denn die Tochter wurde zu meiner besten Freundin, und ich verbrachte viel Zeit bei ihr. Schon vor dem Wechsel wollten mich alle adoptieren und sagten, dass sie mich bei ihnen im Haus haben möchten, weil sie mich als Person gerne hätten. Das ist doch super! Da findest du am anderen Ende der Welt Menschen, die dich genauso gerne haben wie deine eigene Familie. Sie haben mich dann auch super herzlich aufgenommen und in die Familie integriert. Ich weiß nicht, wie meine Gastmutter das geschafft hat, aber sie hat mich tatsächlich wie ihre eigene Tochter behandelt. Das war so wunderschön, denn in Mexiko ist die Familie das Allerwichtigste, und ich hatte wirklich das Gefühl dazuzugehören. Das bedeutete natürlich auch, kräftig im Haushalt mit anzupacken und vielleicht Dinge zu tun, die einem nicht so gefallen. Telenovelas schauen zum Beispiel.

Die AFS-Freiwillige mit Familie in Mexiko

Und wenn es in die Kirche ging, ging ich selbstverständlich mit. Ich habe die Menschen so sehr lieben gelernt, einfach deshalb, weil sie mich eingeladen haben, kennenzulernen wie ihr Leben ist. Sie haben sich nicht verstellt, waren sie selbst und haben mich mitgenommen. Das war das Beste, was hätte passieren können! Meine Gastschwester ist für mich eine Seelenverwandte und ich konnte mit allem zu ihr kommen. Sie hat mir immer zugehört und weitergeholfen. Im Ganzen war die Familie sehr tolerant mit mir, hat versucht, meine Sichtweisen nachzuvollziehen und zu verstehen. Außerdem war es toll, dass sie viel Interesse zeigten und die andere Kultur kennenlernen wollten, viele Fragen stellten und das fremde Essen probierten.

Weil mir meine Familie wirklich sehr ans Herz gewachsen ist - ich glaube sogar, dass meine deutsche Mutter fast ein bisschen neidisch ist - war der Abschied von ihnen besonders schwierig. Alle waren sehr emotional, sentimental und am Weinen. Keiner wollte gehen und es gab Umarmungen, Küsschen und noch mehr Umarmungen. Es war furchtbar für mich zu gehen, denn wir haben uns wirklich sehr aneinander gewöhnt.

Betreuung

Wer mit AFS ins Ausland geht, wird von Anfang an und bis zum letzten Tag betreut und kann sich immer auf eine helfende Hand verlassen, wenn diese nötig ist. Der Verein hilft, das Visum zu beantragen, sucht die Flüge heraus und bereitet in Vorbereitungsseminaren intensiv auf den Auslandsaufenthalt vor. Ich fand es toll, dass wir als Gruppe deutscher Freiwilliger so richtig zusammengewachsen sind. Noch in Deutschland haben wir uns richtig gut verstanden und ich hab mich mit den anderen irgendwie auf einer Wellenlänge gefühlt. Auch in Mexiko hat sich das nicht verloren, und wir haben den Kontakt untereinander gehalten. AFS Mexiko hat dann die Betreuung übernommen. Es gab ein On-Arrival, Midstay, Vor-End-Of-Stay und End-Of-Stay Camp. Außerdem hat AFS einige Reisen organisiert: nach Oaxaca, Guanajuato, Tolantongo und auf die Ruta Maya.

Freiwillige Friederike, die mit AFS im Ausland war, mit Freunden nach einem Fußball-Spiel in Mexico

Bei diesen Gelegenheiten sind wir aus der Gruppe immer wieder zusammengekommen und haben auch die anderen Austauschschüler getroffen, die aus der ganzen Welt nach Mexiko gekommen sind. Das war super, denn so konnten wir vom Erlebten erzählen, konnten uns austauschen und mit Leuten reden, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben und sich in der gleichen Situation befinden. Hier war es, wo man mal richtig ehrlich und offen sprechen konnte und gute Zuhörer gefunden hat, die einen verstanden haben. Auf den AFS Seminaren gab es auch immer viele Einheiten und Spielchen zu kulturellen Differenzen, um den Aufenthalt zu reflektieren. Auch das hat sehr viel geholfen, über die Zeit nachzudenken und mit Herausforderungen, Schwierigkeiten und Problemen klarzukommen. AFS hat mich im Ausland super begleitet! Ich hatte in meinem Komitee mehrere Ansprechpartner, die ich auch persönlich kannte und an die ich mich mit allen Fragen und Zweifeln wenden konnte. Als ich die Gasfamilie wechselte, waren zwei Koordinatorinnen schnell vor Ort und haben das in die Wege geleitet.

Sprache und Kommunikation

Dadurch, dass ich alleine in meiner Stadt war und fast keiner richtig Englisch konnte, habe ich fast nur Spanisch geredet und das war mein Glück. Ich lernte ziemlich schnell und hatte bald viele Wörter, konnte mich fast überall verständigen, an Gesprächen teilnehmen und sogar Witze machen. Das ganze hat vielleicht so drei bis vier Monate gedauert. In der ersten Zeit war es wirklich anstrengend, den ganzen Tag der fremden Sprache ausgesetzt zu sein, doch dann wurde es ganz normal und es machte mir Spaß. Klar lief der ganze Lernprozess nicht immer ohne Schwierigkeiten ab. Dinge mussten mir oft mehrfach erklärt werden und vor allem in den ersten Wochen brauchten alle sehr viel Geduld mit mir. Es ist eben so, dass kleine Feinheiten den Unterschied machen, die man erst nicht versteht. Ein „mhm- ja ok“ heißt eigentlich nein und nur ein „ja!“ ist ein ja. Auch wenn ich aus Versehen mal neue Worte erfand oder die Worte umdrehte, war das immer mal wieder ein Grund zum Lachen. Doch es hieß, sich nicht entmutigen zu lassen, da drüber zu stehen, mitzulachen und einfach immer weiter zu sprechen.

Entwicklungspolitik

Globales Lernen bedeutet für mich, die eigenen Denkweisen zunächst auszublenden, um zu versuchen, sich in Denkschemen fremder Kultur hineinzudenken. Menschen fühlen sich wohl, wenn sie sich in ihrer Kultur wiederfinden. Deshalb kann man auf keinen Fall „einfach mal drauf los entwickeln“, sondern muss den kulturellen Hintergrund verstehen und berücksichtigen.

Friedericke und Freunde in tradionell mexikanischem Outfit

Die Erfahrungen, die ich im Ausland gemacht habe und die Eindrücke, die mir für immer im Kopf bleiben werden, haben mein Denken sehr beeinflusst. Nun möchte ich das Erlebte weitergeben und mit anderen teilen. Ich spreche mit meiner Familie, Freunden und Bekannten. Wir diskutieren über Themen wie kulturelle Unterschiede und angepasste Entwicklung. Ich hoffe, sie dadurch etwas auf globale Unterschiede aufmerksam zu machen und zu sensibilisieren. Vielleicht verändern sie ihr Denken etwas, legen Vorurteile ab oder möchten sich bald sogar selbst engagieren. Ich möchte sie so gern für die mexikanische Kultur begeistern, die mich selbst so sehr geprägt hat. Außerdem werde ich mich ehrenamtlich als Freiwilliger in Deutschland für AFS engagieren. Ich möchte Teamer werden, weitere Generationen auswählen, auf die Ausreise vorbereiten, Teilnehmern Ängste und Sorgen nehmen und später sehen, wie sie verändert wieder zurückkommen. AFS steht für interkulturelles Lernen, das für mich der erste Schritt zur globalen Entwicklung ist. Weil ich die Ziele der Organisation überzeugt vertrete und selbst so tolle Erfahrungen im Ausland gemacht habe, möchte ich mich nun weiter für AFS engagieren und aktiv im Verein einbringen.