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Ein unvergessliches und tolles Auslandsjahr!

Timo, Mexiko, 2012/13,

Seit fast zwei Monaten bin ich nun schon zurück von meinem Freiwilligen sozialen Jahr, dass ich im Rahmen des IJFD-Programms des Bundesministeriums für Familie in Mexiko durchführte.

Bewerbung/ vor dem Jahr

Meine Bewerbung für dieses liegt nun schon zwei Jahre zurück. AFS war die einzige Organisation bei der ich mich im August 2011 für eine Teilnahme an einem freiwilligen sozialen Jahr bewarb. Auf Informationsseiten und Foren im Internet stieß ich bei meiner Suche nach Angeboten immer wieder auf Projekte die von AFS betreut werden, viele von diesen sprachen mich sehr an. Da es sich bei AFS um eine der größten Entsender für entwicklungspolitische Dienste handelt, erhoffte ich mir dadurch eine große Projektauswahl, eine gute Betreuung bzw. Vorbereitung und den Kontakt mit andern Freiwilligen.

Meine Hauptmotivation für ein Freiwilliges soziales Jahr war, nach der Schule Erfahrungen zu sammeln und etwas zu erleben, anstatt sofort weiter theoretisch zu studieren. Ein Freiwilliges soziales Jahr erschien mir dabei für mich die ideale Möglichkeit nicht nur etwas zu erleben und zu lernen sondern auch für das Gastland, oder zumindest nur für wenige Menschen in diesem, einen sinnvollen Beitrag zu leisten. Außerdem waren die geringen Kosten und das Förderkreis-Prinzip ein weiteres schlagendes Argument für mich die staatlich geförderte Variante, um das Ausland kennen zu lernen und seinen Horizont zu erweitern.

Das Auswahlseminar

Bei meinem Auswahlseminar in Magdeburg erfuhr ich schon sehr viel über AFS und die Möglichkeiten aber auch Grenzen der internationalen Entwicklungshilfe. Ich konnte mit anderen Bewerbern reden und mich mit ihnen über Vorstellungen und Motivationen austauschen. Während des Wochenendes habe ich schon ziemlich schnell bemerkt, dass AFS die passende Organisation ist: Die Stimmung war, obwohl einige zu Beginn ziemlich angespannt waren, locker und lustig. Trotzdem merkte ich, dass neben dem Spaß auch entwicklungspolitische Themen und interkulturelles Lernen bei AFS im Vordergrund stehen.

Dass ich im schulischen Bereich arbeiten möchte war mir schon vor dem Auswahlseminar klar. Seit vielen Jahren hatte ich als Nachhilfelehrer gejobbt und wusste, dass mir diese Arbeit liegt und sehr viel Freude bereitet. Meine Länderwünsche Chile und Paraguay konnten leider nicht erfüllt werden: Nachdem ich zuerst eine Absage bzw. einen Platz auf der Nachrückerliste angeboten bekam, erhielt ich 2 Wochen später einen Anruf aus Hamburg, ob ich nicht nach Mexiko fahren wolle.

Obwohl ich meine Länderzusage für Mexiko schnell bestätigt hatte, kamen mir schon bald Zweifel, ob Mexiko das richtige Land für mich wäre. In den Nachrichten ist die Berichterstattung über Mexiko ja nicht gerade positiv und auch die Reisehinweise des Auswärtigen Amtes zur Sicherheitslage in Mexiko klingen nicht gerade optimistisch. Glücklicherweise habe ich meine Entscheidung dann jedoch nicht geändert. Die zwei Vorbereitungsseminare in Hessen haben mir auch sehr geholfen, Ängste und Vorbehalte gegenüber der Auslandserfahrung in Lateinamerika abzubauen. Auch eine tolle Gruppe von anderen deutschen Freiwilligen gefunden zu haben mit der ich mich auf Anhieb gut verstand und austauschen konnte, gab mir Mut, das Jahr anzutreten.

Mexiko

Mein Eindruck von Mexiko änderte sich sehr schnell nach meiner Ankunft Ende August 2012. Auf einem Seminar in Cuernavaca wurden die AFS-Deutschland-Gruppe und die AFS’ler aus allen anderen Teilen der Welt nun noch einmal mit letzten Hinweisen von den sympatischen AFS-Mexiko-Teamern versorgt. Nach den ganzen Kriminalitätsgeschichten von denen man schon hörte, war das Verlassen des Hoteles schon ein eigenartiges Gefühl. Als ich dann jedoch meine Gastfamilie und mein Projekt kennenlernte, änderte sich mein Mexikobild und auch meine Angst vor der Kriminalität ging spürbar zurück, weil ich wusste, nie alleine in der Fremde zu sein.

Nach einigen Tagen musste ich feststellen, dass ich mir Mexiko generell komplett anders vorgestellt hatte. Klar, nicht jeder Mexikaner trägt Sombrero und trinkt täglich Tequila, aber dass insbesondere in der Hauptstadtregion wo ich wohnte das Leben der Jugendlichen so nah an dem der Jugend in Deutschland dran ist, hätte ich nicht gedacht. Besonders die riesigen Einkaufszentren, die größer und edler als in Deutschland aussahen und die schick und modern angezogenen Mexikaner haben mich überrascht. So wohlhabend hatte ich mir Mexiko ehrlich gesagt nicht vorgestellt. Nach anfänglicher Euphorie habe ich natürlich dennoch schnell die Schattenseiten Mexiko-Stadts erlebt: Die Armut und die extremen Ungleichheiten zwischen den einzelnen sozialen Schichten haben mich sehr betroffen gemacht. Die mexikanische Mentalität das Leben trotz Armut und großen Problemen zu lieben und zu feiern, fand ich dabei bewundernswert.

Atizapán – Mein Wohnort

Ich wohnte mit meiner perfekt für mich ausgewählten Gastfamilie in Atizapán de Zaragoza, einem Vorort eine Busstunde (manchmal auch drei, kommt auf den Verkehr an) nordwestlich vom Districto Federal (D.F.). Viel zu sagen gibt es zu dieser Stadt nicht: Ein Haus reiht sich an das Andere, auf 500.000 Einwohner kommen vielleicht 4 Bäume und auch sonst gibt es kaum sehenswertes in der Stadt, in der ich mich in den meisten Stadtviertel relativ sicher gefühlt habe. In einer typischen Wohnstadt der unteren Mittelschicht zu wohnen, fand ich jedoch sehr interessant anstatt langweilig, weil ich glaube, so einen Einblick in das Leben der typischen Mexikaner bekommen zu können. Die Zeit in Atizapán war dank meiner gleichaltrigen Schüler und Freunde die ich dort kennenlernte jedenfalls toll und sehr abwechslungsreich.

Gastfamilie

Meine Gastfamilie war super, etwas besseres hätte ich mir nicht vorstellen können. Schon wochenlang bevor hatte ich fast dreimal pro Woche mit meiner 20-jährigen Gastschwester und ihren schon sehr alten Eltern geskypt und uns war klar, dass wir super mit einnander auskommen werden. Beatriz, meine Gastschwester hat mir auch sehr geholfen, Leute in meinem Alter kennenzulernen. Die dreiköpfige Familie war eher ruhiger Natur und für mexikanische Verhältnisse recht klein. Typische mexikanische Familien-Fiestas habe ich also eher bei anderen befreundeten Familien erlebt. Zum quirligen mexikanischen Großstadtleben waren meine Gasteltern ein prima Ausgleich, weil man mit ihnen einfach stundenlang am Tisch sitzen und quatschen oder Brettspiele spielen konnte. Das Haus der Familie war nicht wirklich groß, aber sehr gemütlich eingerichtet. Ich hatte auf der gegenüberliegenden Seite ein kleines, eigenes Häuschen unter der Waschküche mit eigenem Bad. Da es da unten jedoch relativ kalt, kahl und einsam war, habe ich die meiste Zeit oben im „Haupthaus“ verbracht und war nur zum Schlafen in meinem kleinen Extrahaus.

Arbeit

Von meinem Haus brauchte ich mit dem Bus ca. 45 Minuten bis zu meinem Arbeitsplatz, einer Escuela Normal im Zentrum Atizapáns. Manchmal hat mich auch meine Gastschwester mit dem Auto mitgenommen, da sie selbst Schülerin in meiner wöchentlichen Englischklasse war. Die Arbeit an der Schule als Deutsch- und Englischlehrer hat mir sehr viel Freude bereitet, da ich nette Kollegen und super Schüler hatte. Viel Arbeit gab es unter der Woche nicht, ich unterrichte teils eigenständig teils mit Hilfe einer Tutorin die mich stets in schulischen Fragen beriet Englisch in einer Klasse für zukünftige Englischlehrer. Da deren Englischniveau sehr niedrig war, hatte ich kaum inhaltliche Schwierigkeiten, den Unterricht zu planen. Obwohl meine Klassen reguläre Pflichtklassen waren, hatte ich sehr viel Freiheit diese zu planen; Rahmenpläne gab es nicht und es zählte nur das Ergebnis des Abschlussexamens. Mit so viel Verantwortung hätte ich ehrlich gesagt nicht gerechnet, durch die Hilfe meiner Kollegen (insbesondere der Tutorin) und auch meiner Chefin, der Direktorin, habe ich mich dann aber schnell ans unterrichten gewöhnt und hatte großen Spaß dabei.

Samstag gab es schon mehr Arbeit: Ich habe sechs Stunden Deutsch und Englisch im an die Schule angeschlossenen Sprachzentrum mitgearbeitet und Schüler aller Altersklassen (10 – 45 Jahre alt) unterrichtet. Besonders deutsch zu unterrichten hat mir sehr viel Spaß gemacht, weil es einfach toll war zu sehen, wie leicht sich meine Schüler für Themen begeistern lassen, die sie im mexikanischen Alltagsleben ja nur begrenzt benötigen.

Die Betreuung durch AFS

Die Betreuung von AFS Mexiko war alles in allem meiner Meinung nach zufriedenstellend. Mein Komitee war das Komitee Toluca, das die Freiwilligen aus dem gesamten Bundesstaat „Estado de México“ betreute. Zuerst fand ich das etwas unpraktisch, als jemand der von Mexiko-Stadt eine Stunde und von Toluca drei Stunden entfernt wohnt, in diesem Komitee zu sein, später fand ichs dann jedoch sehr gut: Das Komitee Toluca war das größte und aktivste Komitee Mexikos und hatte viele Seminare, Ausflüge und Veranstaltungen organisiert.

Dadurch hatte man stets Kontakt zu den anderen AFSern, was sehr interessant war, neben der mexikanischen Kultur auch noch etwas aus Norwegen, Thailand oder Japan berichtet zu bekommen. Von den Seminaren erfuhr ich manchmal erst eine Nacht vorher, dass ich am nächsten morgen in Toluca sein muss: Bei meiner wichtigen Samstags-Arbeit und dem dreistündigen Anfahrtsweg war mir das dann manchmal schon zu spontan. Ansonsten kann ich mich über die Betreuung von AFS Mexiko jedoch in keinster Weise beklagen, sowohl die Teamer als auch die Komitee-Leiter waren ausgesprochen herzliche und witzige Menschen, mit denen es immer eine Freude war Zeit zu verbringen.

Sprache

Von einem Freund, der Mexiko schon mal bereiste, wurde mir damals versichert, dass man mit Englisch ganz gut zu Recht kommt in Mexiko. Das mag vielleicht für ein Hotel an der Ruta Maya stimmen, in 99% aller anderen mexikanischen Orte ist jedoch spanisch Pflicht. Glücklicherweise hatte ich mich entschieden, einen halbjährigen Spanischkurs an einer Volkshochschule zu besuchen, der mir schon erste Grundkenntnisse vermittelte. Basissätze konnte ich also schon vor Ankunft ganz gut ausdrücken. Dass ich nach diesem Jahr nun nahezu fließend Spanisch spreche, macht mich schon ein wenig stolz und zeigt mir, wie wichtig es ist, in Projekt und in der Familie Spanisch zu sprechen.

Um meine Spanischkenntnisse zu verbessern, bot mir meine Arbeitsstelle einen Spanischkurs an. Bis zum Ende meines Jahres hatte ich zweimal die Woche diesen Kurs, in Form von Einzelunterricht bei der stellvertretenen Schulleiterin. Ob man die einstündige, wöchentliche Plauderei als Unterricht bezeichnen kann lasse ich mal dahin gestellt, jedenfalls war sie sehr nett und konnte mir in allen Fragen rund um die spanische Grammatik helfen, falls ich mal Fragen hatte. Generell liebten es die Mexikaner, für die ein nicht spanischsprachiger Ausländer ja eine Rarität darstellte, mein Spanisch zu korregieren oder mir bei meinen Berichten, die ich auf Arbeit zu schreiben hatte, zu helfen.

Entwicklungspolitik

Internationale Politik interessierte mich zwar schon länger, im Bereich der Entwicklungspolitik und der internationalen Zusammenarbeit in diesem Themenfeld war ich jedoch eher uninformiert. Schon auf dem Auswahlseminar wurden uns dann einige Dinge erklärt, wie z.B. wie und von wem das weltwärt bzw. IJFD-Programm finanziell gefördert wird.

Ich fand es dabei gut, dass uns sowohl auf dem Auswahlseminar, als auch auf den beiden Vorbereitungswochen stets klar gemacht wurde, dass wir mit einem Freiwilligen sozialen Jahr einen kleinen Beitrag in einem Projekt leisten können, jedoch aber nicht mit der Illusion in unser Gastland fahren sollten, wir könnten dort die Welt retten. Dies hat sich für mich auch während meines Auslandsjahres bestätigt: Ich glaube schon, als Englisch- und Deutschlehrer im Bereich Bildung etwas bewirkt zu haben bei vielen Schülern, das meine Schule sich jedoch nach meiner Zeit dort sehr verändert hat oder Mexiko nun weniger Probleme hat kann ich aber natürlich nicht sagen.

Globales Lernen

Wichtiger ist an Stelle des entwicklungspolitischen Aspekts deshalb meiner Meinung nach das globale Lernen, das sowohl bei mir, als auch auf mexikanischer Seite stattfand. Es war toll, zu sehen, wie sehr sich die Mexikaner doch von den Mexikanern unterscheiden, die wir uns in Deutschland gerne klischeemäßig vorstellen. Und auch viele meine mexikanischen Bekanntschaften, für die Deutschland ein sehr entferntes Land mit ernsten, biertrinkenden und Hitler-verehrenden Menschen war, konnten durch meinen Aufenthalt in Mexiko ihr Weltbild ändern. Viele meiner Freunde und Schüler dort, meinten zu mir, sie würden auch gerne mal ins Ausland fahren, auch wenn das finanziell bei den meisten natürlich schwierig wird.

Um meine Erfahrungen dieses unvergesslichen und tollen Auslandsjahres weiterzugeben, möchte ich mich weiterhin bei AFS engagieren, weil mich die Organisation sehr überzeugt hat. Außerdem werde ich mir anschauen, was für Möglichkeiten an meiner Hochschule geboten werden.