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Eine wunderschöne und lehrreiche Erfahrung, die mich geprägt hat

Laura, Mexiko, 2012/13, weltwärts

Eine wunderschöne und lehrreiche Erfahrung, die mich geprägt hat

Ein Berg in Mexiko, wo Laura seinen weltwärts Freiwilligendienst absolvierte

In Mexiko ist einiges doch sehr anders als in Deutschland, und Calnali ist aufgrund seiner speziellen Lage, also sehr weit weg vom Stadtleben, nochmal ein besonderer Fall. Es hat ca. 4000 Einwohner, liegt in der sogenannten „Sierra Hidalguense“, also in den Bergen auf ca. 1000 Metern in einem kleinen Tal, und alles ist das ganze Jahr lang grün. Es waren nicht nur die großen Unterschiede, wie Sprache, Essen oder Klima, die anfangs alles noch sehr ungewohnt und seltsam machten, sondern vielmehr kleinere Dinge, die einem nicht so bewusst waren.

Was für mich auch sehr neu war, war die wahnsinnige Aufmerksamkeit auf den Straßen. Ich, als praktisch einzige Ausländerin in Calnali weit und breit, war für die Leute dort natürlich eine Attraktion, und daraus machte auch keiner ein Geheimnis. Was in Mexiko auch sehr anders war, war das Gefühl für Zeit. Pünktlichkeit kannte dort so gut wie keiner, wenn man sich also verabredete, konnte man davon ausgehen, dass man sich erst 1 bis 2 Stunden nach der verabredeten Uhrzeit traf.

Meine Arbeitsstelle

Laura arbeite im Rahmen ihres Projekts in einem Haus auf einer Ranch in Mexico

Meine Arbeitsstelle war die kleine Organisation „Asesoría Social Productiva A.C.“(ASPAC), die im Grunde nur aus drei Leuten besteht, Gaby Vazquez, ihr Mann Eduardo Salas und die jeweilige Freiwillige. Hauptsächlich versucht die Organisation, mit Kursen zu Themen wie Kindererziehung, gewaltfreie Ehe, Selbstverwirklichung etc. für die indigene Landbevölkerung die generelle Lebenssituation der Menschen in Calnali zu verbessern. Außerdem organisiert das Projekt Workshops, um den Leuten Anregungen und Ideen für eine eigene Geschäftsidee zu liefern und unterstützt sie anschließend beim Ausbau ihrer Ideen. Dadurch, dass wir bei ASPAC nur zu dritt waren, war das Arbeitsklima sehr positiv, für mich waren Gaby und Lalo nicht nur Chefs oder Kollegen, sondern vielmehr sehr gute Freunde, mit denen ich auch außerhalb der Arbeit sehr viel Zeit verbracht habe. Zunächst hat mich Gaby hauptsächlich im „Büro“ eingesetzt. Das „Büro“ war bei ihr zu Hause im Wohnzimmer, sprich, in ihrem sehr urigen Haus auf der riesigen Ranch inmitten wahnsinnig vieler Orangen-, Mango-, Maracuja-, Mandarinen-, Avocado- und Bananenbäumen.

Sie wollte mir zuerst Zeit zur Eingewöhnung geben, um mir dann nach und nach mehr Aufgaben auch außerhalb des Büros zu geben. Ab Oktober wurde ich dann auch jeden Donnerstag in einer IMSS-Klinik im ca. 15 Minuten entfernten San Andres eingesetzt, in der die Leute kostenlos behandelt und auch mit Medikamenten versorgt werden. In San Andres, ein sehr kleines Dorf mit ca. 1000 Einwohnern, leben hauptsächlich Indigene, so dass es bei meiner Arbeit in der Klinik durchaus vorkam, dass die Patienten kein Spanisch, sondern nur die von den Azteken gesprochene und bis heute erhaltene Sprache „Nahuatl“ konnten.

Meine Aufgaben in der Klinik

Laura und ein Kind während ihrer Mitarbeit bei einem Projekt in Mexiko

Zu meinen Aufgaben in der Klinik gehörten beispielsweise Aufklärung für Schüler und junger Mütter, Impfen von Kindern, das Wiegen und Blutdruckmessen von Patienten und vor allem auch viel Papierkram, sprich, das Übertragen von handgeschriebenen Daten auf den Computer. Um von der Tatsache, eine Deutsche Freiwillige in Calnali zu haben, die andere Dinge kennengelernt und erlebt hat, zu profitieren, wurde ich dann ab Dezember jeden Dienstag in eine Secundaria, eine mit etwa der deutschen Realschule vergleichbaren Schule, im ca. 40 min. entfernten Papatlatla geschickt, um Workshops zu von mir gewählten Themen zu geben. Dabei ist es wichtig zu erwähnen, dass es in den sogenannten „Communidades“ rund um Calnali, zu denen Papatlatla gehört, sehr viele Probleme wie sexueller Missbrauch, Gewalt in Familien, Drogen-und Alkoholkonsum gibt und die Jugendlichen dementsprechend auch sehr verschlossen, schüchtern und schwer zur Teilnahme an Spielen, Gesprächen usw zu animieren sind.

Ich habe mir meine Themen mithilfe meiner Chefin Gaby selbst ausgesucht und vorbereitet. Dabei waren zum Beispiel die Themen „Freiheit“, „Kulturelle Vielfalt“, „Kommunikation“, „Vertrauen“, „Reisen“ und „Teamwork“. Da ich in Deutschland selbst schon oft Übungen zu einigen dieser Themen gemacht habe, habe ich versucht, mir dies zunutze zu machen. Allerdings musste ich oft feststellen, dass dies nicht immer funktionierte. So haben vor allem die von mir geplanten Vertrauensübungen ganz und gar nicht funktioniert. Auf die Frage, warum die Schüler denn nicht an den Übungen teilnehmen, bekam ich die Antwort, dass sie schlicht und ergreifend kein Vertrauen haben. Weder zu sich selbst noch zu anderen Personen. Das war für mich dann doch zunächst ein relativ großer Schock und ließ mich etwas mehr über die tatsächliche Situation meiner Schüler nachdenken. Man sieht diesen Jugendlichen ihre Situation natürlich nicht auf den ersten Blick an.

Umso überraschter war ich, als ich eines Tages von meinen Schülern dazu eingeladen wurde, mir das Dorf und ihre Häuser anzuschauen. Sie lebten größten Teils in Häusern, die weder Glas in den Fenstern noch eine feste Türe hatten. Für mich war das ein großer Vertrauensbeweis dieser drei Schülerinnen und ich bin sehr froh, diese Erfahrung gemacht zu haben, da ich die Reaktionen der Klasse in meinen Workshops besser verstehen und interpretieren konnte.

Musikalische Früherziehung

Nachdem meine Chefin rausgefunden hatte, dass ich sehr musikalisch bin und ich auch in Deutschland schon Musikunterricht gegeben hatte, durfte ich ab Januar jeden Mittwochnachmittag musikalische Früherziehung geben. In meiner Gruppe waren 10 4- oder 5-jährige Kinder aus dem Kindergarten des Sohnes meiner Chefin. Wir haben zunächst viel gesungen, getanzt und musikalische Spiele und Übungen gemacht. Nach einiger Zeit haben wir für die, die auch wirklich regelmäßig gekommen sind, in Mexiko-Stadt ein „Xylofono“ also ein Glockenspiel gekauft, welches ab da auch jede Stunde zum Einsatz kam. So haben wir langsam aber sicher kleinere Lieder geübt und auch Noten gelernt.

Im Büro meiner Chefin war ich drei Mal die Woche. Wie schon erwähnt, war dies bei ihr zuhause, etwa eine halbe Stunde zu Fuß von meinem zuhause im Zentrum Calnalis entfernt. Dort bereitete ich meinen Unterricht für die Schule und die Musikalische Früherziehung vor und half ihr bei den bestehenden Projekten. Wir besprachen auch oft Probleme zu den bestehenden oder Ideen für neue Projekte. Dabei war meiner Chefin immer sehr wichtig, meine Meinung zu den verschiedenen Dingen zu hören, da sie der Ansicht ist, dass ich als Deutsche durch andere Erfahrungen geprägt bin Im Büro meiner Chefin war ich drei Mal die Woche. Wie schon erwähnt, war dies bei ihr und somit zu neuen Denkanstößen beitragen kann.

Ich war Teil der Organisation

Lauras Klasse in Mexiko, wo sie mit AFS einen weltwärts Freiwilligendienst machte

Das gefiel mir an meinem Projekt mit am besten, dass ich immer das Gefühl hatte, ich bin Teil der Organisation und meine Meinung zählt und wird sehr ernst genommen. Außerdem war ich fast immer an der Kaffeeproduktion meiner Chefs beteiligt, die von der Pflanze bis zur fertig etikettierten Tüte auf der Ranch stattfindet. Dabei konnte ich einiges lernen, vor allem natürlich, wie Kaffee verarbeitet wird, aber auch, wie viel Arbeit und Sorgfalt dahinter steckt und wie die Preise bei uns in Deutschland bei fair hergestelltem Kaffee eigentlich sein müssten.

Wie man sieht, war mein Projekt sehr vielseitig und somit auch nie langweilig. Ich hatte immer die Möglichkeit, eigene Ideen einzubringen und umzusetzen. Dabei war ich ausreichend beschäftigt und ausgelastet, aber meist nicht überfordert oder sehr gestresst. Ich hatte meine Freiheiten, aber auch immer eine helfende Hand, wenn ich sie brauchte.

Sehr viel gelernt

Laura und ihre Gastfamilie aus Mexiko in einem Garten

Während meiner Zeit in Mexiko habe ich sehr viel gelernt. Dazu gehört natürlich die Sprache, die ich jetzt ziemlich gut beherrsche, mit der es anfangs aber doch manchmal schwierig war. Ich konnte, als ich nach Mexiko kam schon etwas Spanisch, da ich als Austauschschülerin vier Monate in Peru gewesen bin. Dennoch war ich anfangs manchmal etwas überfordert, da in Calnali fast niemand Englisch kann und es bei wichtigen Fragen so manchmal zu Missverständnissen kam. Das war vor allem in meiner Gastfamilie der Fall. Aber nach und nach lernte ich immer mehr dazu, sodass die Missverständnisse weniger, und tiefgründigere Gespräche mehr wurden. Eigentlich alle Leute in meinem mexikanischen Umfeld hatten großes Verständnis für mein am Anfang doch recht beschränktes Spanisch und halfen mir immer, so gut sie konnten. Natürlich waren immer wieder einige Lacher mit dabei, die mich dann für den Rest meines Jahres begleiteten, aber das war nie böse, sondern eher liebevoll gemeint.

Seit ich wieder in Deutschland bin, frage ich mich, wie ich mich verändert habe und wie sich Deutschland für mich verändert hat. Ich hatte, als ich zurückkam, einen sehr großen Kulturschock. Die Sachen, die mir am Anfang in Mexiko so komisch vorkamen, waren nach einem Jahr dort ganz normal. Umso mehr kamen mir so viele Sachen in Deutschland komisch vor. Manche störten mich sogar richtig. So stört es mich beispielsweise nach wie vor, wenn sich viele Deutsche immer und überall über eher belanglose Sachen aufregen und sich auch sehr hineinsteigern. Ich habe in Mexiko gelernt, dass es oftmals sehr viel schlauer ist, ein Problem zu lösen, anstatt sich stundenlang darüber aufzuregen. Natürlich gibt es auch viele Dinge, die ich an Deutschland zu schätzen gelernt habe.

Ich bin dankbar

Mein Freiwilligendienst war für mich eine wunderschöne, lehrreiche Erfahrung, die mich sehr geprägt hat und durch die ich viel Neues kennenlernen und lernen durfte. Ich bin wahnsinnig dankbar, dass ich die Chance hatte, ein anderes Land mit seiner Kultur, seinen Leuten, seiner Natur und seiner Geschichte kennenzulernen und dass ich diese Erfahrungen an die Menschen hier in Deutschland weitergeben kann. Mein Entschluss, für ein Jahr ins Ausland zu gehen, habe ich keine Sekunde bereut.