• Kontakt
  • Facebook
  • Twitter
  • Youtube
  • Blogger

Ein lekker Stipendium

Julia, Niederlande, 2008/09,

Ein lekker Stipendium

Fünf Monate Niederlande, das bedeutet für mich fünf Monate flaches, grünes Land, jeden Tag acht Kilometer mit dem Fahrrad zur Schule “fietsen”, Hagelslag und Pindakaas (Brot mit Erdnussbutter und allen erdenkbaren Sorten Schokostreuseln) , Stamppot, Zwarte Piet und Sinterklaas, Kanäle und Grachten, Amsterdam, “lekker gezellig”, “kopje thee met koekje dabij”, HEMA und Albert Heijn, ständig neue Leute aus allen Teilen der Welt kennenlernen und noch so vieles mehr und doch kann ich es noch nicht richtig in Worte fassen...

Meine Gasteltern

Seit dem 24. August 2007 lebe ich zusammen mit meiner amerikanischen Gastschwester Lizz bei einem älteren Ehepaar, das selbst schon zwei erwachsene Kinder hat, in Wageningen, Gelderland. Meine Gasteltern arbeiten beide sehr viel; deshalb hatte ich vor allem am Anfang Schwierigkeiten, wirklich mit ihnen in Kontakt zu kommen. In den ersten Monaten gab es deswegen auch immer wieder Probleme, aber wir geben uns alle Mühe und mittlerweile unterhalten wir uns viel und unternehmen Dinge gemeinsam. Meine Gasteltern sind echt lieb und ich bin ihnen wirklich dankbar, dass ich bei ihnen leben darf. Viele Deutsche denken, dass es zwischen den Niederlanden und Deutschland nicht so sehr viele Verschiedenheiten gibt, aber es ist meiner Meinung nach schon anders und es macht Spaß, diese kleinen Unterschiede zu entdecken.

DEN Niederländer gibt es natürlich genauso wenig wie DEN Deutschen, aber man kann auch nicht wie Prinses Máxima in einer Rede letzten September behaupten, die niederländische Identität bestehe nicht. Niederländer rühmen sich ihrer Toleranz und Offenheit, doch eigentlich bin ich in dieser Hinsicht bisher (leider) eher auf etwas gestoßen, was man mit Gleichgültigkeit umschreiben kann. Immigranten werden geduldet, aber ansonsten wird genauso wie in Deutschland (und sogar noch schlimmer) gegen den Islam gehetzt und alles den Marrokanern und Türken und neuerdings auch den Polen in die Schuhe geschoben. Niederländer sind radikal zu allem und jedem und zudem so direkt, dass es manchmal fast beleidigend ist.

Die Sinterklaasfeierlichkeiten

Doch was ist niederländisch? Ganz sicher Sinterklaas, was am 5. Dezember gefeiert wird und schon Wochen vorher begeistertes “Pepernoten-Gooien” in der Schule und sonstwo auslöst (Pepernoten sind kleine halbkugelförmige Kekse, die ein bisschen wie Pefferkuchen schmecken und sich besonders gut zum Werfen und darauf ausrutschen eignen). Kleine Kinder verkleiden sich als Zwarte Piets (Sinterklaas Helfer) und am dritten Sonnabend im November kommen die beiden mit dem Schiff in den meisten Häfen der Niederlande an, denn die Sage besagt, dass Sinterklaas und Zwarte Piet jedes Jahr aus Spanien angesegelt kommen, um den Kindern ihre Geschenke in die Schuhe zu stecken. Böse Kinder werden in einen Sack gesteckt und wieder zurück nach Spanien genommen... Lizz und ich haben diese ganzen Sinterklaasfeierlichkeiten sehr genossen und freuen uns schon auf Koniginnendag am 30. April.

Alles ist lekker

Am Anfang hat es mich große Mühe gekostet, mit den Menschen in meiner Umgebung auch wirklich aktiv Niederländisch zu sprechen, weil jeder sofort beginnt, Englisch zu sprechen, wenn er weiß, dass man nicht aus Holland ist. Aber mit ein bisschen Beharrlichkeit waren meine Mitschüler und auch alle anderen dazu zu bringen, durchgehend Niederländisch zu sprechen, weil man es anders ja nicht lernt. Meine Gastfamilie unterstützt Lizz und mich sowieso konsequent, Niederländisch zu sprechen und wir beide sprechen inzwischen auch untereinander in der neuen Sprache. Man kann natürlich behaupten, dass Niederländisch und Deutsch sich nicht so sehr voneinander unterscheiden, aber ich finde, das trifft nur bedingt zu. Es gibt sehr viele Wörter, die nur gleich klingen, aber etwas ganz anderes bedeuten und auch viele Laute werden anders ausgesprochen. Lustig war anfangs, dass hier alles “lekker” sein kann: man kann lekker zu Hause bleiben, lekker schlafen, auch mal lekker essen und wenn jemand ein “lekker ding”ist, bedeutet das, dass er oder sie besonders anziehend oder attraktiv ist...

Schule und Freunde

Ich treffe viele neue Leute, auch weil mein Gatvater, der an der Universität Wageningen arbeitet, oft Austauschstudenten zum Abendessen (in Holland meist schon 18.00 Uhr oder früher! Und natürlich “lekker gezellig”, gemütlich!) einlädt. In der Schule ist es ein bisschen schwieriger, richtig gute Freunde zu finden, denn am Anfang haben unsere Mitschüler sich zwar für Lizz und mich interessiert, doch nachdem Dinge wie Name, Herkunft und wie es uns in den Niederlanden gefällt, ausgetauscht waren, auch schnell wieder in Ruhe gelassen. Doch zum Glück wird es jetzt jeden Tag ein bisschen besser; ich habe Leute, mit denen ich mich unterhalten und zur Schule fahren kann. Ansonsten habe ich wirklich gute Freunde durch AFS, die mich wirklich verstehen und mit denen man tolle Dinge anstellen kann. Und Lizz und ich sind beinahe wie Schwestern geworden, die sich einmal schrecklich auf den Keks gehen können und sich ein andermal sehr gut verstehen.

Mit richtig großem Heimweh hatte ich noch nicht zu kämpfen; nur manchmal vermisse ich ein bisschen vertraute Orte, Menschen, Abläufe. Aber ein Austauschjahr soll ja schließlich auch nicht so wie zu Hause in Deutschland sein. Und auch wenn ich mal sehr selten frustriert oder verzweifelt wegen etwas bin, liegt trotzdem über allem ein positives Grundgefühl. Ich bin wirklich gerne hier!

Diese Monate im Ausland haben mich verändert; ich würde nicht behaupten, unbedingt erwachsener geworden zu sein, aber anders. Ich lerne, mich auf Menschen einzulassen und werde selbstständiger. Mein Jahr ist das, was ich daraus mache und ich hoffe, dass ich noch fünf weitere schöne Monate haben werde!

DANKE!!!