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Ein glückliches Land, voller Kultur, Farben, Festen und Lebensfreude

Miriam, Nepal, 2012,

Ein glückliches Land, voller Kultur, Farben, Festen und Lebensfreude

Es ist nicht einfach, das was man in drei Monaten in diesem Land sieht und erlebt, auf ein paar Seiten zu beschreiben. Nepal ist bunt, vielfältig und unglaublich lebendig. Es ist ein Land voller Gegensätze und dennoch voller Harmonie und Lebensfreude.

Als ich nach Verlassen des Flughafengebäudes zum ersten Mal durch Kathmandu fuhr, kam mir alles fremd vor, chaotisch und ein wenig überwältigend. Die Straßen sind vollgestopft mit Leuten in bunten Kleidern, überall preisen Händler lautstark ihre Waren an, der Verkehr ist komplett verrückt. Anstatt zu blinken, wird gehupt, immer und überall. Die Luft ist erfüllt von Staub und Abgasen. Kühe, Hühner und Ziegen laufen einem über den Weg. Ab und zu begegnet man einem Sadhu, einem heiligen Mann. Selbst gegen Ende meines Aufenthaltes gab es täglich Dinge, die mich überraschten oder faszinierten. Aber das Fremde war vertrauter geworden und das undurchschaubare Chaos ergab auf einmal ein wenig Sinn.

Meine ersten Tage verbrachte ich im Hostel der Partnerorganisation vor Ort, Ideal Friendship Nepal (IDF). Dort erhielt ich eine kurze Einführung in die Kultur und Sprache des Landes und traf auf ein paar andere Freiwillige. Außerdem fuhren wir zum Sightseeing nach Swayambunath, dem sogenannten „Affentempel“, eigentlich eine buddhistische Stupa auf einem Hügel am Rande Kathmandus.

Gastfamilie

Kurz darauf lernte ich meine Gastfamilie kennen. Schnell wurde klar, dass ich in einer relativ wohlhabenden Familie gelandet war. Ich hatte mein eigenes Zimmer und sogar eine westliche Toilette anstelle der sonst üblichen Hockklos. Die Familie besteht aus meinem Gastvater, Suresh, meiner Gastmutter, Anju, und meinen beiden Gastschwestern Anushree und Anushka. Im selben Haus wohnte auch noch ein „cousin-brother“ mit seiner Frau und ihrem kleinen Sohn.

Da meine beiden Gastschwestern auf eine Privatschule gehen, sprachen sie zum Glück perfekt Englisch und haben daher vor allem am Anfang immer viel für mich übersetzt. In den ersten Wochen hatte ich auch Nepali-Unterricht bei einem Mitarbeiter der Organisation. Dieser wurde jedoch krank, weshalb der Unterricht später andauernd ausfiel. Allein dadurch, dass meine Gastmutter ausschließlich Nepali sprach, habe ich aber mit der Zeit einige Wörter und Sätze aufgeschnappt.

Täglich "Dal Bhat Tarkari" zu essen

Ich bin wirklich froh, dass ich mich dafür entschieden habe, in einer Gastfamilie zu wohnen. Nur so bekommt man das komplette nepalesische Alltagsleben mit, das sich schon ziemlich von dem in Deutschland unterscheidet. Beispielsweise gab es in meiner Gastfamilie, wie in den meisten nepalesischen Familien, jeden Tag, morgens und abends „Dal Bhat Tarkari“, Reis mit Linsensuppe und Currygemüse. Anfangs erschien mir das ein wenig eintönig, aber nach einer Weile hatte ich mich so daran gewöhnt, dass ich es sogar vermisst habe, wenn ich am Wochenende herumgereist bin.

Wie der Großteil der Nepalesen war auch meine Gastfamilie Hindu. Jeden Morgen und Abend zelebrieren sie die „Puja“, das heißt sie verehren die Götter mit Räucherstäbchen und Glockenklingeln. Außerdem kam bei besonderen Gelegenheiten ein Priester ins Haus, der dort Rituale zelebriert hat. Ganz in der Nähe von meinem neuen Zuhause befand sich Pashupatinath, einer der wichtigsten Shiva-Tempel auf der ganzen Welt, den ich zusammen mit meiner Gastfamilie besucht habe. Zu Shiva Ratri, im Februar, versammeln sich dort tausende Sadhus aus ganz Indien und Nepal. Das ist echt ein faszinierender Anblick!

Obwohl ich mich in meiner Gastfamilie sehr wohl gefühlt habe, war es manchmal nicht ganz einfach sich daran zu gewöhnen, dass man insgesamt weniger Freiheiten hatte als in Deutschland. Beispielsweise erwarteten meine Gasteltern, dass ich nach Hause kam, bevor es dunkel wurde, das heißt ungefähr um 19:30. Nach einer Weile verstand ich jedoch auch warum. Nach 20 Uhr fahren kaum mehr Busse, es gibt fast nirgendwo Straßenlaternen und wenn es dunkel wird werden die ganzen wilden Hunde auf Kathmandus Straßen ziemlich lebendig. Davon abgesehen gibt es in Nepal ohnehin nicht viel „Nachtleben“. Eine Ausnahme bildet Thamel, das Touristenviertel, aber selbst dort schließen viele Bars und Restaurants um 22 Uhr. Wenn wir mal etwas länger wegbleiben wollten, haben wir einfach in einem Hotel in Thamel übernachtet.

Arbeitsplatz

Gearbeitet habe ich bei einer Menschenrechtsorganisation. Etwas geschockt war ich, als eine Verantwortlichen der Organisation mir zu Beginn mitteilte, dass ich Sonntag bis Freitag jeweils von 10 bis 17 Uhr arbeiten solle. Sonntag ist in Nepal nämlich ein ganz normaler Arbeitstag. Schließlich habe ich jedoch mit ihnen abgesprochen, dass ich stattdessen am Ende einige Tage freinehmen kann, um etwas länger herumzureisen.

In den ersten Tagen erhielt ich zusammen mit einem Freiwilligen aus Finnland eine Einführung in die Arbeit der Organisation und wir besuchten einige Outreach-Centers (ORCs). Sogenannte „Child Domestic Workers“, Kinder die in anderen Haushalten arbeiten und oft auch dort wohnen, sie erhalten in den ORCs für zwei Stunden am Tag Schulunterricht.

Eigene Projekte

Anschließend bekamen wir eigene Projekte zugeteilt. Ich studiere in Deutschland Psychologie, deshalb wurde ich der „Psychosocial Counseling“-Abteilung zugewiesen. Die Abteilung bietet psychologische Beratung für Child Domestic Workers und sexuell missbrauchte Kinder an. Außerdem führt sie Trainings für Lehrer durch, die anschließend psychologische Beratung an Schulen anbieten. Darüber hinaus setzt sie sich dafür ein, dass in Polizeistationen, Krankenhäusern und Gerichten kinderfreundliche Umgebungen eingerichtet werden.

Die „alte“ Psychologin der Organisation hatte gerade den Job gewechselt und eine andere Psychologin hatte neu angefangen. Zusammen mit ihr sollte ich die vergangenen Aktivitäten der „Psychosocial Counseling“-Abteilung evaluieren und Verbesserungsvorschläge machen. Zunächst haben wir daher alte Berichte, Handbücher, Fragebögen etc. analysiert und überlegt, wie wir sie verbessern können. Ich war außerdem viel mit Internetrecherche beschäftigt, um herauszufinden, welche Praktiken aus anderen Ländern sich auf die Arbeit der Organisation anwenden ließen. Anschließend habe ich Interviewleitfäden erstellt und zusammen mit einer nepalischen Praktikantin, die übersetzt hat, Interviews mit Lehrern und Kindern geführt. Aus all diesen Ergebnissen habe ich dann einen Abschlussbericht erstellt.

Ich fand das Projekt sehr spannend und war vor allem am Anfang sehr motiviert. Allerdings muss man sich darauf einstellen, dass in Nepal meist nichts so funktioniert wie geplant. Zum Beispiel sprach die Psychologin, mit der ich zusammenarbeiten sollte, nur wenig Englisch, weshalb es sehr schwierig war, Dinge mit ihr zu besprechen. Oft gab es keinen Strom im Büro und daher auch kein Internet. Außerdem hatten die meisten Mitarbeiter immer nur sehr wenig Zeit für die Freiwilligen. Manchmal dauerte es Wochen, bis sie z.B. Interviewleitfäden korrigierten. Da half nur hartnäckig zu bleiben und immer wieder nachzufragen. Die Interviews selbst haben aber viel Spaß gemacht. Wir sind kreuz und quer durch Kathmandu gefahren, haben alle möglichen Schulen besucht und dort die Lehrer interviewt. Die meisten Lehrer waren sehr herzlich und einige haben uns zum Beispiel gleich zum Essen zu sich nach Hause eingeladen.

Land und Leute

Der kulturelle Unterschied ist in Nepal wirklich überall spürbar und kann vor allem am Anfang ein wenig verwirren. Oft kam es z. B. vor, dass wir einen Nepalesen gefragt haben, ob es links oder rechts zum Tempel geht, und er hat einfach gelächelt und „Yes“ geantwortet. Wenn man fragt, wann der Bus kommt, kommt die Antwort: „Oh, it comes“. Anderseits nehmen Nepalesen aber auch alles ein bisschen gelassener. Es bringt einfach nichts, zu weit vorauszuplanen, weil ja ohnehin immer etwas dazwischen kommt, ob es Stromsperren sind, „bandh“ (Generalstreik) oder ein Busunfall. Jeden Tag begegnet man auf der Straße Leuten, die einen ansprechen und neugierig sind, woher man kommt und vor allem, wie es einem in Nepal gefällt. Nicht selten passiert es, dass sie einen zu sich nach Hause einladen oder sich einfach mehrere Stunden mit einem unterhalten, ohne in Eile zu sein, ohne woanders hinzumüssen. Ich war noch nie in einem Land, in dem so viele Leute über sich selbst gesagt haben: „I’m so happy, Nepalis are happy, you know“. Und das, obwohl sich in Kathmandu die Müllberge türmen, es nicht genügend Wasser gibt, der Strom öfter mal für 14 Stunden am Tag ausfällt und einige Menschen unglaublich arm sind.

Nepal ist also wirklich ein glückliches Land, voller Kultur, Farben, Festen und Lebensfreude. Es hat immer sehr viel Spaß gemacht, am Wochenende herumzureisen. Es gibt so viel zu entdecken! In Kathmandu selbst gibt es unglaublich viele uralte Tempel und Stupas. Im Süden des Landes liegt der Chitwan National Park, in dem man vom Kanu aus Krokodile beobachten kann, auf dem Elefantenrücken durch den Dschungel schaukelt und Nashörner sieht und, mein persönliches Highlight, mit Elefanten baden kann. Sehr beliebt ist auch Pokhara, eine achtstündige Busfahrt von Kathmandu entfernt. Pokhara ist der Ausgangspunkt für die meisten Wandertouren in der Annapurna Conservation Area. Die Stadt ist viel ruhiger als Kathmandu, weniger verdreckt und liegt direkt an einem See. Zusammen mit einer anderen Freiwilligen aus Schweden, habe ich einen kurzen 5-Tages-Trek nach Poon Hill gemacht, wovon aus man eine tolle Aussicht auf die Berge hatte. Darüber hinaus ist die Auswahl an Outdoor-Aktivitäten unbegrenzt, ob Mountainbiking, Paragliding, Bungee-Jumping, Rafting oder vieles mehr.

Der Abschied war nicht einfach

Der Abschied von meiner Gastfamilie am Ende meines Aufenthalts fiel mir wirklich schwer! Sie schenkten mir zum Abschied Abschiedskarten, Geschenke und gaben mir eine Mala (Blumengirlande) und Tikka (rote Farbe auf der Stirn) als Segen mit auf den Heimweg. Zudem musste ich versprechen, sie auf jeden Fall wieder zu besuchen und meine ganze Familie aus Deutschland mitzubringen.

In den drei Monaten in Nepal habe ich sowohl positive als auch negative Erlebnisse gehabt, aber ich habe unglaublich viele tolle und nette Menschen getroffen und Dinge gelernt, die ich in meinem ganzen Leben nicht vergessen werde. Ich bin sehr froh über alle Erfahrungen, die ich gemacht habe, auch über die schlechten, weil man wirklich einiges daraus lernt und ein bisschen weiser nach Hause fährt als man es vorher war.