Interview mit AFSerin Heike Rochell: „Wir müssen im Austausch bleiben, sonst stagnieren wir!“
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Interview mit AFSerin Heike Rochell: „Wir müssen im Austausch bleiben, sonst stagnieren wir!“

Heike Rochell

 

Mittlerweile ist Heike Rochell bei AFS angestellt, doch jahrelang war sie ehrenamtliche Mitarbeiterin aus Leidenschaft und bewegte viel in der regionalen Vereinsarbeit im Landkreis Celle. Nun hat die waschechte AFSerin eine ungewöhnliche Aktion realisiert: in ihrem Heimatort Hermansburg dekorierte Heike das Schaufenster eines lokalen Handarbeitsladens im AFS-Design. Gerade in Zeiten von Corona ein kreatives Lebenszeichen der Jugendaustauschorganisation an die Außenwelt. Wir haben mit Heike darüber gesprochen, was sie dazu motiviert, sich immer wieder mit Herz und Seele für AFS zu engagieren.

Wie ist der Kontakt zu dem Geschäft in Hermansburg entstanden und wie ist es zu der Idee einer Schaufenstergestaltung gekommen?

Den kleinen Handarbeitsladen kenne ich schon lange. Er verkauft Schulbedarf, Handarbeitsutensilien, Stoffe und Ähnliches. Derzeit nähen die Ladenbesitzer auch eigenhändig Mund-Nasen-Schutzmasken und verkaufen sie. Eines ihrer Schaufenster stellen sie regelmäßig gemeinnützigen Einrichtungen aus der Umgebung zur Verfügung, damit sie sich präsentieren können. Das Format heißt „Fenster des Monats“. Da habe ich gleich eine schöne Möglichkeit für AFS gewittert, sich auf eine kreative und ungewöhnliche Art und Weise in Hermansburg zu präsentieren.

Was hat dich zu der Aktion bewegt?

Ursprünglich war die Gestaltung des Schaufensters rund um die Gedenkfeier zum 75. Jahrestag der Befreiung des KZ Bergen-Belsen im April geplant. Die Veranstaltung hätte für AFS große Bedeutung gehabt, da die Geschichte und die Identität des Vereins eng mit der Befreiung des Konzentrationslagers damals verbunden sind. Viele zur Gedenkfeier geladene Gäste sollten in Hermansburg untergebracht werden – wir wollten mit dem AFS-Schaufenster einen kreativen Willkommengruß für die Besucher schaffen.

 

Dann erreichte uns die Corona-Pandemie und die Dinge änderten sich schlagartig. Nicht nur wurde die Gedenkfeier abgesagt, auch wurden alle laufenden Programme von AFS im In- und Ausland beendet. Davon war auch meine Tochter betroffen, die aus ihrem Austauschjahr in Argentinien vorzeitig nach Hause kommen musste. Ich habe für sie und für jeden einzelnen Betroffenen, der seinen Austausch wegen Corona abbrechen musste, mitgeheult. Das alles hat mich sehr bewegt und betroffen gemacht.

 

Also dachte ich mir: Ich ziehe die Schaufenster-Aktion trotzdem durch, ich sende ein Lebenszeichen von AFS an die Außenwelt. Kurzerhand stellten mir die Ladenbesitzer das Schaufenster bis Ende Juni zur Verfügung.

Du bist ja sozusagen ein alter Hase bei AFS. Wie weit reichen deine AFS-Wurzeln zurück und woher kommt deine Leidenschaft, dich für den Verein zu engagieren?

Ja, ich bin eine waschechte AFSerin und meine Familie ist eine AFS-Familie durch und durch. Ich bin 1981/1982 selbst mit AFS nach Australien gegangen. Diese Erfahrung war und ist bis heute eine der prägendsten und wichtigsten Etappen in meinem Leben. Seitdem ist AFS in meinem Leben und daraus nicht mehr wegzudenken: Meine beiden Kinder sind ebenfalls mit AFS ins Ausland gegangen, wir nehmen als Gastfamilie immer wieder Austauschschüler*innen bei uns auf und ich habe mich viele Jahre ehrenamtlich für den Verein engagiert. Ich habe hier in der Südheide beispielsweise das Komitee Celle mitgegründet und lange die regionale Pressearbeit für AFS betreut.

Du und deine Familie wart bereits drei Mal Gastfamilie für eine/-n Austauschschüler*in. Was motiviert euch immer wieder dazu?

Ich liebe es, mein Zuhause für andere Kulturen zu öffnen und andere Menschen bei mir zuhause Willkommen zu heißen. Wenn du Gastfamilie bist, kommst du ganz unmittelbar in Kontakt mit einer anderen Mentalität, einer anderen Perspektive. Man schaut über seinen Tellerrand hinaus, das finde ich unglaublich bereichernd! Es war immer spannend im Kontakt mit unseren Gastkindern zu sehen, wo die Schwerpunkte in einer anderen Kultur sind. Dieser Austausch zwischen zwei unterschiedlichen Kulturen fördert letztlich auch gegenseitiges Verständnis.

Warum das alles?

Weil ich die Mission hinter der Arbeit von AFS so wichtig und wertvoll finde! Jugendaustausch kann wie kaum etwas anderes dazu beitragen, dass unterschiedliche Kulturen einander zuhören und verstehen. Ein friedvoller und friedlicher Umgang zwischen Menschen und Staaten wird nicht nur von der Politik entscheiden, sondern zwischen Menschen wie dir und mir immer wieder verhandelt. Ich finde, wir müssen offen bleiben für andere Kulturen, uns anschauen, wie andere Menschen ihr Leben gestalten, andere Bräuche und Blickwinkel kennenlernen, im Dialog bleiben. Wenn wir uns nur um uns selber drehen, stagnieren wir. Dann wird die Welt seltsam!

Was bedeutet für dich die ehrenamtliche Arbeit für AFS?

Mittlerweile bin ich zwar beim Verein angestellt, doch lange war die ehrenamtliche Mitarbeit für AFS Normalzustand für mich. Die Bedeutung dieser Arbeit liegt für mich wirklich im Wort selber: Es ist mir eine Ehre, den Job zu machen, weil die Sache so wertvoll ist. Natürlich ist ehrenamtliches Engagement auch eine Menge Arbeit und kann unglaublich stressig sein. Aber das ist für mich persönlich positiver Stress, den ich gerne in Kauf nehme.

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