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Entwicklungshilfe mit Techo

Florian, Panama, 2013/14, IJFD

Von August 2013 bis Juli 2014 war ich AFS-Freiwilligendienstler in Panama. Im Folgenden werde ich versuchen meine Erfahrungen Revue passieren zu lassen, obgleich es schwierig ist, so ein Auslandsjahr in Worte zu fassen.

Land und Leute

In meiner Gastfamilie und in meinem Projekt wurde ich sehr herzlich aufgenommen und nahezu jede Person, die ich traf, war neugierig auf mich und wollte mehr über mich und Deutschland erfahren. Dabei wurde ich stets respektvoll und freundlich behandelt, obwohl ich es schade finde, dass dieser Kontakt in den meisten Fällen recht oberflächlich bleibt. Mir ist aufgefallen, dass viele eine lockere Einstellung und einen entspannten Lebensstil haben. Wenn etwas heute nicht klappt, wird es halt morgen oder nächste Woche erledigt. Ein bis zwei Stunden Verspätung sind die Norm, häufig macht man sich erst nach dem verabredeten Zeitpunkt auf den Weg. Gerne verbringt man das ganze Wochenende im Bett vor dem Fernseher und genießt einfach den Augenblick und macht sich keine Gedanken um morgen. Diese Einstellung prägt das gesamte gesellschaftliche Miteinander.

All diese Angewohnheiten waren für mich in den ersten Tagen und Wochen nach meiner Ankunft natürlich ungewohnt. Mit der Zeit wurden die Dinge aber dann immer ,normaler‘ für mich. Am Ende sehe ich vieles auch aus einem anderen Blickwinkel und kann es so nicht nur viel besser verstehen sondern auch akzeptieren. So ist ein Fernsehsonntag eben nicht (oder nicht nur) ein völlig verlorener Faulenzertag, sondern auch ein Tag der Familie, welche in Panama nun mal einen extrem hohen Stellenwert genießt.

Arbeitsplatz

Meinen Freiwilligendienst habe ich im Büro von „Techo Panama“ abgeleistet. Techo (dt. Dach) ist eine Nichtregierungsorganisation (NGO), deren Ziel es ist die Armut in Lateinamerika zu besiegen und eine gerechtere Gesellschaft zu fördern, in der alle Mitglieder die gleichen Chancen und Pflichten haben. Techo arbeitet in ganz Lateinamerika und seit Kurzem gibt es sogar Büros in England, Spanien, Deutschland und weiteren Ländern.

Mein Arbeitsplatz war also das Büro in Panama Stadt, welches aus etwa acht Festangestellten besteht. Jeder dieser Festangestellten leitet einen bestimmten Bereich, so gibt es beispielsweise Bereiche wie Kommunikation, Freiwilligenorganisation und -koordination, Gemeindeevaluierung, Konstruktion und Finanzen. Diese verschiedenen Bereiche ziehen logischerweise ein breites Spektrum an möglichen Tätigkeiten nach sich, sodass wirklich für jeden irgendetwas dabei sein sollte. Ich war vor allem in der Gemeindeevaluierung und in der Konstruktion tätig.

Die Gemeindeevaluierung ist sehr wichtig, da Techo somit sehen kann, was genau die Probleme in den Gemeinden sind (z.B. in der Infrastruktur) und die Familien, die am meisten Hilfe benötigen auswählen kann. Außerdem ist es einfach notwendig den direkten Kontakt mit den Bewohnern zu halten, um Techo ein vertrauensvolles Gesicht zu geben. Alle paar Wochen sind wir in verschiedene Gemeinden gefahren, um mit den Familien dort ins Gespräch zu kommen und um zu sehen, wo die Bedürfnisse und Probleme liegen. Das Ganze läuft etwa folgendermaßen ab: Jeweils zwei Leute gehen mit ein paar Fragebögen und von Haus zu Haus. Sie reden mit den Familien über deren Familienkonstellation und über deren finanzielle und gesundheitliche Situation. In den folgenden Tagen und Wochen müssen dann die Ergebnisse der Fragebögen in das Computersystem eingegeben werden, eine Aufgabe, die ich das ganze Jahr über immer mal wieder übernommen habe.

Etwa alle sechs Wochen finden construcciones (Konstruktionen) statt. Einer der Haupttätigkeitsfelder – und wofür Techo auch bekannt geworden ist – ist der Bau von Notunterkünften. Techo will sein Ziel, die Beseitigung der Armut, in drei Schritten erreichen. Der erste Schritt dahin ist der Bau von Notunterkünften, da eine feste Behausung einer Familie zumindest wortwörtlich schon einmal ein Fundament für eine bessere Lebensqualität gibt. Vor einer Konstruktion gibt es natürlich jede weitere Menge Arbeit.

Eine andere Aufgabe ist es z.B. die Familien auszuwählen, für die eine Notunterkunft erbaut wird. Dafür geht man gemeinsam in der Gruppe die Fragebögen durch und versucht eine Rangliste zu erstellen von ,braucht unbedingt ein neues Zuhause‘ bis ,braucht nicht so dringend Hilfe‘. Auch wenn die Informationen aus den Fragebögen einem die Arbeit erleichtern, ist dieser Arbeitsschritt jedoch extrem mühselig. Da man natürlich jeder Familie ein neues Zuhause schenken will und sich immer wieder Gedanken macht, ob es die richtige Entscheidung war, eine Familie als weniger hilfsbedürftig einzuordnen, haben wir damit nicht selten ganze Abende im Büro verbracht.

Generell kann man sagen, dass ich schon ziemlich gut ausgelastet war, gerade zum Ende des Jahres konnte ich auch verantwortungsvollere Aufgaben wie die Führung eines Bautrupps oder die Kontaktperson für eine Firma, welche Techo unterstützt, übernehmen. Es gab zwar Phasen, in denen es etwas weniger zu tun gab, aber die haben wir stets sinnvoll (wie z.B. mit Bürostreichen) überbrückt. Mein Weg zur Arbeit war leider ziemlich mühselig, da ich recht weit außerhalb von Panama Stadt gewohnt habe, das Büro von Techo jedoch relativ zentral liegt. Da es in Panama Stadt jeden Tag ein unvorstellbares Verkehrschaos gibt, habe ich nicht selten ein, zwei oder sogar mal drei Stunden (und mehr) im Stau verbracht. Glücklicherweise konnte meine Gastmutter mich meist mit zurücknehmen, sodass ich mich nur immer morgens mit dem überfüllten Bus ins völlige Verkehrschaos stürzten musste.

Meine Gastfamilie und Unterkunft

Ich habe in einem Haus etwas außerhalb von Panama Stadt gelebt. Da meine Gastmutter AFS-Freiwillige ist, war ich nicht der erste Austauschschüler in der Gastfamilie, somit waren alle schon an einen Austauschschüler gewohnt. Zudem sind meine Gasteltern, meine Gastbrüder und auch die Nachbarn herzensgute Menschen, sodass mir das Einleben echt leicht gemacht wurde.

Die meisten Fenster haben keine Verglasung, sodass theoretisch alles, was vier, sechs, oder acht Beine hat, reinkrabbeln kann. Mit Vierbeinern hatte ich keinerlei Probleme, im Gegenteil, die Geckos, welche in Panama zu jeder Hauseinrichtung zählen, waren sehr hilfreich, um weniger willkommene Sechs- und Achtbeiner wie Kakerlaken und riesige Spinnen zu fressen. Nach wenigen Wochen hatte ich mich jedoch daran gewöhnt, immer seltener vermisste ich die aus Deutschland gewohnte Sauberkeit. Nachdem ich mehr Spanisch konnte, verstand ich mich auch mit meinen Gastbrüdern und meinem Gastcousin immer besser, sodass ich mich echt glücklich und wohl zuhause fühlte. Daher fiel mir der Abschied am Ende doch recht schwer, aber ich bin mir sicher, dass ich in möglichst naher Zukunft meine panamaische Familie besuchen werde.

Betreuung

Im Allgemeinen muss ich sagen, dass ich während meines Aufenthalts kaum schwerwiegende Probleme in der Gastfamilie oder im Projekt hatte, sodass es nicht nötig war AFS Panama um Hilfe zu bitten. Nach unserer Ankunft wurden wir von AFS Panama am Flughafen abgeholt und für zwei Nächte in ein Hotel einquartiert. Dies sollte neben der gemeinsamen Visabeantragung wohl vor allem der Jetlag Bewältigung dienen, bevor es in die Gastfamilien ging. Nach etwa einem Monat hatten wir dann für etwa drei Tage unser On-arrival Camp. Hier hatten wir einige Programmpunkte zum Thema interkulturelle Anpassung und jeder führte ein Einzelgespräch mit der Freiwilligenkoordinatorin. Davon abgesehen hatten wir viel Freizeit und konnten uns mit den anderen über erste Erfahrungen austauschen, was sehr schön war. Nahezu identisch verliefen die zwei weiteren Camps, das Mid-Stay Camp im Februar und das End-of-Stay Camp im Juni. Von AFS Deutschland erwartete ich eigentlich nur, dass sie im Notfall einfach gut zu erreichen waren. Diese Erwartung erfüllte sich, selbst bei weniger dringlichen Fragen, erhielt ich innerhalb weniger Stunden eine freundliche und brauchbare Antwort.

Sprache und Kommunikation

Da ich schon etwas Spanisch in der Schule gelernt hatte, begann ich im Prinzip vom ersten Tag an sowohl in meiner Gastfamilie als auch im Projekt spanisch zu reden. Vor allem meine Gastmutter war sehr geduldig mit mir und hat sich gerne mit mir unterhalten. Ich lernte relativ schnell, sodass ich nach ein paar Wochen nahezu alles verstand und mich etwas später auch gut ausdrücken konnte. Natürlich machte ich immer wieder Fehler bei der Aussprache, jedoch waren nicht nur die Gastfamilie und meine Arbeitskollegen da sehr tolerant, sondern auch die Leute auf der Straße. Häufig erntete ich beeindruckendes Lob für mein Spanisch und über kleinere Fehler sah man hinweg, oder es wurde über sie gescherzt, wenn sie lustig waren. Am Ende meines Aufenthalts sprach ich die Sprache dann fließend.

Zum Thema globales Lernen

Ich hatte in meiner Gastfamilie und bei meiner Arbeit in den Gemeinden und im Büro mit den verschiedensten Menschen unterschiedlichster Herkunft und sozialen Milieus zu tun. Dabei war es natürlich unabdingbar allem gegenüber offen und tolerant zu sein, um neue Leute kennenzulernen und zu verstehen. Auch wenn ich viele meiner deutschen Angewohnheiten schätze und beibehalten will, habe ich auch viel von anderen Menschen gelernt.

Betrachten wir etwa das Beispiel Religion. Vor meinem Aufenthaltsjahr hat Religion für mich wenn überhaupt nur eine untergeordnete Rolle gespielt. Heute bin ich nicht religiöser als damals, aber ich habe gelernt, dass für viele Menschen die Religion einfach eine extrem wichtige Rolle in ihrem Leben einnimmt. Nur durch Neugier, Offenheit und Toleranz kommt man zu solchen und anderen Erkenntnissen, nur so ist globales Lernen möglich.

Nachhaltiges Engagement

Meiner Ansicht nach, ist Entwicklungspolitik bzw. ein entwicklungspolitischer Freiwilligendienst ohne Nachhaltigkeit nicht wirklich zielführend. Daher habe ich vor in Zukunft weiter bei AFS zu arbeiten, um meine Erfahrungen an zukünftige Freiwilligendienstler weiterzugeben. Zudem will ich mich im Rahmen des neu gegründeten Vereins „Techo Deutschland“ auch von meiner Heimat aus für die globale Entwicklung einsetzen. So habe ich etwa letzte Woche im Zuge des Kölnmarathons an einem Spendenlauf für Techo Deutschland teilgenommen, bei dem wir auf und neben der Strecke Spenden für drei neue Notunterkünfte in der dominikanischen Republik gesammelt haben.