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Mein Freiwilligendienst in Paraguay

Solvejg, Paraguay, 2013/14, weltwärts

Wo warst du 2013? In San Antonio, direkt am Ufer des Rio Paraguayo, 100 km südlich von Asunción. Man nennt den Bereich auch rote Zone, weil es dort so viele Drogen und Kriminalität gibt. Ich habe mich in San Antonio unglaublich wohlgefühlt. Zwar nicht ganz wie eine Guarani (indigene Völker Südamerikas) – dafür war ich zu blond und zu groß – aber nach ein paar Monaten war ich wie ein weiteres Kind meiner Gastfamilie Pizzani. Und dann doch wieder wie ein Fremdkörper.

Mein Projekt

Ich habe in einer Organisation gearbeitet, die für ärmere Kinder (3-14 Jahre) aus der Stadt eine Art Hort war. Da gab es gratis Frühstück und Mittagessen. Der Rest des Tages im Hort hatte keine wirkliche Struktur. Am Anfang konnte ich auch nicht viel helfen, außer Tisch decken und kehren. Die Profe (Betreuerin) dort war zum Glück unglaublich freundlich zu mir und hat mich jeden Morgen mit Cosido begrüßt. Das ist warmer Matetee mit Milch und Zucker. Ich sollte einfach kommen und da sein. Für die Kinder war ich die ersten Tage die Komische, die nicht spricht, und war schon damit total überfordert. Also haben sie mir erst mal Spanisch und Guarani, der Mix heißt Jopará, beigebracht und mir dann ihre Gruselgeschichten erzählt, über Pombero, Jasy Jatere und andere Monster, die es dort wirklich gibt. Alle glauben daran und die Monster sind auch Grund dafür, warum Kinder in der Mittagshitze nicht im Maisfeld spielen sollten. Es gab tausende Geschichten.

 

Als ich erzählen konnte, dass ich aus Deutschland komme, wo man nicht Spanisch spricht und dass man da nicht hinlaufen kann, haben sie angefangen mir zuzuhören und mir Fragen zu stellen. Das waren die interessantesten Fragen, die ich je gehört habe aus den neugierigsten Kindermündern. Und ich habe gelernt Kindern zuzuhören und sie dabei zum Sprechen und Denken gebracht. Irgendwie war ich dann doch eine Art Autoritätsperson für die Kinder, und sie kamen mit ihren Problemen zu mir.

 

Wenn Kinder nicht zu Schule gehen, dann gibt es für sie auch keine lästigen Hausaufgaben und wenn Geldverdienen Priorität Nummer eins ist, dann geht ein Kind auch nicht immer zur Schule. Viele Kinder hatten kein Zuhause, wie wir es kennen. Ein selbstgebautes Holzhüttchen mit Wellblechdach war das, wo sie schliefen.

Meine Gastfamilie

Der Vater meiner Gastfamilie, Nelson, war Ingenieur und dadurch war die Familie für die Gegend ziemlich reich. Sie hatten ein kleines Haus mit 3 Zimmern und richtigen Betonwänden. Man hat so viel Zeit wie möglich zusammen in einem Zimmer verbracht, auch wenn es nur ums Fernsehen ging. Zuni, meine Gastmutter, hat zwar nicht gearbeitet, aber es gab trotzdem eine Haushälterin und ihre Tochter, die immer da waren. Dann wurde geputzt, gewaschen, gebügelt, gekocht – irgendwas war immer los, zuhause.

 

Meine zwei Gastschwestern, Gianina (21) und Giuliana (15), hatten unglaublich viel Spaß daran mir noch nachts, nach Schule und Arbeit ihre Story zu erzählen. Dafür mussten sie mir aber erst mal Spanisch beibringen. Wir saßen stundenlang zusammen in der Küche und wurden zu Königen der Pantomime. Eine bessere Art eine Sprache zu lernen, gibt es nicht. Ich hatte wirklich Glück mit meinen Gastgeschwistern, für die ich nicht die erste Freiwillige aus Deutschland war. Ein Jahr vorher hatte schon Patrick, ein anderer Deutscher, bei ihnen gewohnt. Das war auch schwierig für mich, weil es so viele Vorurteile und Erwartungen gab und ich immer mit ihm verglichen wurde. Es war ganz und gar nicht leicht mich in so eine fremde Familie einzuleben und sie zu verstehen. Eigentlich gab es täglich Missverständnisse. Und jedes Mal, wenn ich dachte, ich hätte endlich verstanden wie es „funktioniert“, waren die Gesichter am nächsten Morgen trotzdem wieder lang. Das war dann immer das Zeichen dafür, das ich irgendwas falsch gemacht hatte und selbst darauf kommen sollte.

 

Es gab auch große Auseinandersetzungen und ich erinnere mich an viele Situationen, in denen ich mich unfair behandelt gefühlt habe oder wie eine 14-Jährige, der nicht zugehört wird. Das führte soweit, dass ich die Familie wechseln wollte. Am Ende haben wir uns dann aber doch zusammengerauft und ich bin trotzdem das ganze Jahr bei der gleichen Familie geblieben und hab mich angepasst. Heute weiß ich, dass ich dabei unglaublich viel für mich verstanden habe: nicht nur ihre Art, sondern auch meine eigene.

Die Idee einer Gastfamilie ist genial und wahrscheinlich die einzige Möglichkeit wirklich tief in die Kultur „einzutauchen“. Allerdings habe ich gemerkt, dass das in der Praxis oft viel schwerer ist. Vor allem, wenn man schon älter ist und in Deutschland alleine gewohnt hat. Man hat sich an viel mehr Freiheiten gewöhnt, die man nur ungerne aufgeben möchte. Trotzdem würde ich nicht sagen, dass ich einen Schritt „zurück“ gemacht habe, dadurch, dass ich diese Freiheit aufgegeben habe. Es hat sich in dem Moment so angefühlt, als dürfe man nichts und muss immer nur tun, was die Eltern einem sagen, um sie nicht zu enttäuschen. Das versteht man nicht, wenn man sich nicht vorstellen kann, dass der Zusammenhalt der Familie das Allerwichtigste ist. Ich glaube viele andere Freiwillige haben jedes Jahr ähnliche Probleme.

Was war einer der schönsten Momente?

In der Arbeit gab es ein Kind, Keila, mit der ich viele tolle Momente geteilt habe. Wir haben uns vom ersten Tag an gut verstanden. Auf dem Zettel, den ich vor der Abreise in Deutschland ausfüllen musste, hatte ich noch ausdrücklich den Wunsch geäußert, nicht mit Kindern arbeiten zu müssen.

 

Das hat scheinbar nicht geklappt und ich bin so froh darum: manchmal muss man einfach nehmen, was man bekommt und das Beste daraus machen. Keila hat mir so viel von ihrer Welt gezeigt und mich so nah an sich rangelassen. Dabei hab ich verstanden, wie wertvoll die Energie von Kindern sein kann. Zum Beispiel wenn wir zusammen in den Fluss gesprungen sind und nebeneinander unsere Kleidung darin gewaschen haben. Oder wenn sie mir morgens den neusten Tratsch über ihre Nachbarin erzählt hat, oder ihren Plan Millionärin zu werden, weil sie so professionell Supermärkte ausraubt.

 

Ich hatte wirklich großes Glück mit meinen Freunden in Paraguay, mit denen ich so viel Zeit wie möglich verbringen wollte. Mit fast allen habe ich bis heute Kontakt und manche habe ich danach auch nochmal getroffen. In diesen Freundeskreis bin ich schon am Anfang reingerutscht und das ganze Jahr über immer fester zusammengewachsen. So einen Zusammenhalt habe ich in Deutschland leider selten erfahren. Obwohl die meisten von ihnen in Asuncion gewohnt haben, war es kein Problem eine Stunde in die Stadt zu fahren, um sich zu treffen. Asuncion ist dabei eine meiner Lieblingsstädte geworden. Jeden Tag gibt es neue Ideen von Jugendlichen ihre Stadt zu verschönern, mit Flohmärkten oder Essensmärkten, Konzerten und viele machen auch oft gemeinsame Ausflüge in die wunderschöne Natur Paraguays. Dadurch habe ich wirklich viel vom Land mitbekommen.

Wie habe ich mich verändert?

Nichts vorher hat mich so stark verändert wie meine Erlebnisse in dem Jahr in Paraguay. Ich habe immer noch so viele Erinnerungen an dieses Land, meine Freunde dort, das Lebensgefühl dort. Und ich bin viel sensibilisierter, zum Beispiel auf die Probleme, die es immer gibt, wenn zwei grundsätzlich verschieden denkende Menschen zusammentreffen. Die Erfahrungen aus dem Jahr sind wie ein Grundgerüst für mich, an dem ich seitdem weiterbaue. Meine Vorstellung von der Welt war vorher sehr begrenzt und ich habe mich gefragt, wieso ich mich um politische Themen aus der Welt groß kümmern sollte. In acht Jahren Gymnasium bin ich weniger gewachsen als dort, in einem Jahr. Da fragt man sich doch, wer sich die Art wie wir lernen oder was wir lernen, ausgedacht hat, oder? Einer steht vorne und erzählt und alle anderen sitzen still nickend davor. Für mich klingt das jetzt schräg, aber eigentlich ist es doch ganz normal.