• Kontakt
  • Facebook
  • Twitter
  • Youtube
  • Blogger

Willkommen in Paraguay

Paul, Paraguay, 2010/11,

Willkommen in Paraguay

Genauso begann mein elfmonatiger AFS-Aufenthalt in Paraguay. Gerade noch hatte ich im Flugzeug mit anderen Austauschschülern krampfhaft versucht, mir die wichtigsten Spanisch-Floskeln in Erinnerung zu rufen, um an der Pass- und Zollkontrolle möglichst problemlos durchzukommen, und dann die Überraschung: eine Begrüßung durch den Zollbeamten in nahezu akzentfreiem Deutsch. Ich bekam erstmal kein einziges Wort über die Lippen, was ihn dann zu einer Erklärung veranlasste: „Ich war mit so einer Austauschorganisation ein Jahr in Deutschland ... AFS!!!

AFS-Spirit im Arrival-Camp

Unseren ersten „Paraguay-Tag“ verbrachten alle AFSer gemeinsam in einem Camp und die ersten Eindrücke von unserem Gastland prasselten schon auf der Fahrt dorthin auf uns ein: die schwüle Hitze (und das im Winter), die total andere Vegetation und eine Menge Gegensätze. Es gab viel zu staunen. Fast unwirklich wirkte es, als wir im modernen, klimatisierten Reisebus durch heruntergekommene Stadtteile fuhren und letztendlich in einem Feriencamp ankamen. Doch viel Zeit zum Wahrnehmen und Nachdenken blieb kaum, denn wir hatten ein volles Programm: Formalien klären, kleine Landeskunde, Schnellkurs in der Guarani-Sprache und viele schöne Erlebnisse mit anderen Austauschschülern aus aller Welt, die sofort Freunde wurden. Dazu ein babylonisches Sprachengewirr – der AFS-Spirit war fast greifbar.

Auf nach Ciudad del Este

Eindrücke von Paul von seinem Schüleraustausch in Paraguay

Einen Tag später begann endlich das Abenteuer: Wir wurden im Bus-Terminal von Asunción in einen Schnellbus ins 350 Kilometer entfernte Ciudad del Este gesetzt. Es folgten fünf Stunden, die wir AFSer mit Staunen verbrachten: Über die nicht erkennbaren Verkehrsregeln, die unendlich vielen Fahrzeuge, die total andere Landschaft und einen Tiger auf einem offenen Anhänger.

Dann war es endlich soweit: Das erste Treffen mit der Gastfamilie, die mich am Bus abholte. Eine euphorische Begrüßung, Umarmungen und plötzlich waren alle Bedenken vergessen. Die Fahrt in mein neues „Zuhause“ war eine einzige Katastrophe. Ich verstand kein Wort und alle redeten auf mich ein: Mein Gastvater, der mir seinen Mercedes zeigen wollte; meine Gastmutter, die einfach nur wissen wollte, wie die Reise war; und meine zwei Gastbrüder (9 und 16 Jahre), die mir schon mal die paraguayischen Fußballclubs vorstellen wollten. Und ich verstand kein Wort.

Der erste Schultag

Kaum einen Tag angekommen, ging es gleich mit Schule los: Um sechs Uhr aufstehen, mit meinen Gastbrüdern zum „Colegio“ fahren, und dann zu allererst eine katholische Messe mit Morgenappell, wo ich vor allen Schülern vorgestellt wurde. Darauf ging es direkt in meine neue Klasse und ich wurde freundlich von unglaublich offenen und neugierigen Menschen empfangen, die den ganzen Tag dazu nutzten, mich über alles auszufragen.

Alles so anders...

Das in Paraguay vieles anders sein würde als in Deutschland, war mir von Anfang an klar. Nicht zu vergleichen mit Deutschland ist vor allem die Schule beziehungsweise das gesamte Schulsystem. Anders ist auch die Gesellschaft, das „Land an sich“ mit all seinen Städten, Landschaften und besonders der Kultur, die in Paraguay noch sehr durch Tradition und Religion geprägt wird. Doch genau dieser krasse Unterschied hat mir, meiner Meinung nach, die Umstellung und Eingewöhnung unglaublich erleichtert, da ich am Flughafen alles zurücklassen und mich voll und ganz auf Paraguay einlassen konnte.

Abenteuer Sprache: Spanisch, Guarani und Portugiesisch

Eines der größten Abenteuer eines Austauschjahres ist immer das Erlernen einer neuen Sprache. Aber wer konnte wissen, dass es gleich drei werden würden? Spanisch ist, ganz klar, die hauptsächlich genutzte Sprache. Allerdings gibt es in Paraguay noch eine Besonderheit: Es gibt noch eine zweite offizielle Landessprache, das Guarani. Guarani ist die native Sprache der Guarani-Indianer, von denen bis heute noch einige im Westen des Landes leben. Guarani wird von über 90 Prozent der Einwohner gesprochen, vor allem als Umgangssprache gemischt mit Spanisch. Portugiesisch ist eine Ausnahme von Ciudad del Este. Dadurch, dass hier so viele Brasilianer leben und einkaufen, sprechen sehr viele Menschen auch Portugiesisch. Alles zu lernen wird wahrscheinlich sehr schwer für mich, aber ich bemühe mich zumindest um Grundkenntnisse. Allein schon wegen der vielen lustigen Erlebnisse, die das Erlernen einer neuen Sprache bietet: Der „Aha-Effekt“ bei der Entdeckung von Gemeinsamkeiten verschiedener Sprachen, witzige Missverständnisse oder Versprecher und nicht zuletzt die Freude an der Verständigung mit Menschen aus aller Welt.

Voll akzeptiert als Familienmitglied

„Zuhause“ habe ich mich in meiner Gastfamilie ab der ersten Minute gefühlt. Mir wurde sofort genauso vertraut wie ich ihnen vertraute, sie halfen mir mit der Sprache, zeigten mir Land und Leute und akzeptierten mich als volles Familienmitglied - mit allen Rechten und Pflichten. Genauso lief es bei den zahlreichen Onkels, Tanten, Cousins und Cousinen, die in Paraguay oft sehr zahlreich sind. Ich fühlte mich ein richtiges Stück stolz, als mir zwei Wochen nach meiner Ankunft gesagt wurde, dass mein paraguayischer Gast-Cousin in seiner Schule herumerzählt hatte, er hätte einen deutschen Cousin. Mittlerweile sehe ich das genauso. Ich brauchte aber etwas mehr Zeit für diese Selbstverständlichkeit, mit der mein Cousin mich als Verwandten betrachtete.

Unvergessliche Erlebnisse

Natürlich gehört zum Austauschjahr auch das Entdecken von ein paar Sehenswürdigkeiten. Zwar gibt es hier in der Nähe nicht viele davon, dafür aber echte Superlativen, wie zum Beispiel der Itaipú-Staudamm, wo mein Gastvater arbeitet, oder die nahe gelegenen Iguazú-Wasserfälle. Die sind einfach unglaublich groß und beeindruckend schön!

Fazit: Eine neue Familie und Heimat am anderen Ende der Welt

Es ist kaum zu glauben, aber die erste Halbzeit dieser unglaublichen Erfahrung ist schon vorbei. Ein halbes Jahr voller Herausforderungen und Erfahrungen, Erkenntnisse und Erlebnisse. Ich habe mich von meiner Familie und Heimat in Deutschland für ein Jahr verabschiedet und eine neue Familie und Heimat am anderen Ende der Welt gefunden.

Jetzt bleiben mir noch sechs Monate, um meine Sprachkenntnisse zu verbessern und noch mehr Eindrücke und Erfahrungen zu sammeln, über Land und Leute und über mich selbst.

Weiter geht's, ohne Halbzeitpause!