• Kontakt
  • Facebook
  • Twitter
  • Youtube
  • Blogger

Für Familien im Einsatz

Tobias, Peru, 2010/11, weltwärts

Für Familien im Einsatz

Land und Leute

Nach anfänglicher Überforderung wegen zu vieler neuer Eindrücke war ich noch nicht sicher, ob ich das unterschiedliche Verhalten der Peruaner verglichen mit dem deutschen Verhalten als persönliche Eigenheiten oder tatsächlich als typisch peruanisch abstempeln kann. Recht früh stellte sich heraus, dass es durchaus normal ist, eine halbe Stunde zu spät zu kommen; bei der Arbeit, bei Familienfesten, bei Verabredungen. Auch der zumindest oberflächlich herzlichere Umgang miteinander fiel mir früh auf. Das weitere Hineintauchen in die fremde Kultur geht mit den sich verbessernden Sprachkenntnissen einher, und deshalb versteht man mit der Zeit auf kultureller Ebene mehr. Ich erkannte, dass Peruaner gerne mal drängeln, viel zu viel Hühnchen und Reis essen und dabei die peruanische Küche als beste der Welt darstellen. Materialismus scheint noch nicht so verbreitet zu sein wie in Europa, doch der westliche Einfluss mit seinen negativen Seiten beeinflusst auch das Denken der Leute. Genauigkeit scheint oft ein Fremdwort zu sein und vieles wird nicht so eng gesehen wie in Deutschland.

Die oben beschriebenen Eindrücke waren anfangs alle ungewöhnlich. Auch waren sie ungewöhnlich, als ich erkannt habe, dass sie typisch für Peru sind. Gegen Ende habe ich gelernt, mich nicht mehr aufzuregen, wenn jemand zu spät kommt; es gehört zur Kultur. Oft habe ich bei diesen Eigenheiten gedacht, dass ich mir ein anderes Verhalten meines Gegenübers wünsche, jedoch wird mit der Zeit auch das Ungewöhnlichste normal. Bei der Arbeit habe ich mich mit allen sehr gut verstanden, vor allem mit dem Gleichaltrigen. In der Freizeit fand ich aber nicht viele Gelegenheiten, etwas mit ihnen zu unternehmen. Meine Gastfamilie war viel im Haus und daher wollte ich mich in diesem Punkt auch anpassen und abends nicht allzu oft weggehen. Ich wurde trotzdem herzlich und freundlich in jegliche Gemeinschaft Gleichaltriger aufgenommen und die gemeinsam verbrachte Zeit war stets schön.

Kulturelle Unterschiede fielen mir wie gesagt in der Pünktlichkeit und der Genauigkeit auf. Eine peruanische Familie ist protektiver und will mehr Zeit mit den eigenen Familienmitgliedern verbringen. Kulturelle Gemeinsamkeiten fand ich oft beim Essen, das wie in Deutschland nicht nur funktional ist, sondern als Grund gesehen wird, die Familie und die Verwandtschaft zu sehen.

Arbeitsplatz

Am Arbeitsplatz hatte ich viele kleine Arbeitsfelder, von denen mir jedes interessante, neue Erfahrung brachte. Anfangs mussten wir viel basteln, weil wir noch Probleme mit der Sprache hatten. Nach ein paar Wochen durften wir dann mit den armen Familien arbeiten, um ihnen zu helfen, ein geordnetes Leben zu führen, in dem Probleme mit Worten gelöst werden. In sogenannten banquitos brachten wir kleinen Kindergruppen bei, wie man spart und wofür man das gesparte Geld verwenden sollte. Im Frühjahr durfte ich beginnen, als Englisch- und Musiklehrer an einer Privatschule zu unterrichten. Auch war ich mit einer kleinen Arbeitergruppe in Städten im Regenwald, um Kurse für Schüler über sexuelle Ausbeutung zu geben. In den letzten Monaten war es noch meine Aufgabe, zehn Mülleimer für die ärmere Region einzubetonieren, in der wir arbeiteten. Darüber hinaus putzten wir auch manchmal das Büro und bereiteten Materialien wie Poster und Bilder für unsere zugeordneten Familien als Anschauungsmaterial vor.

Vorbereitet wurden wir immer direkt am Arbeitsplatz für die konkreten Aufgaben. Natürlich hat uns AFS gewisse Informationen über den Arbeitsbereich gegeben; doch allgemein habe ich eher selbst meine Erfahrungen gemacht, als Vorgekautes und bereits ausführlich Erklärtes abzuarbeiten. Wöchentlich habe ich ungefähr 35 Stunden gearbeitet. Oft bin ich zu spät gekommen, bin dafür aber abends etwas länger geblieben. Wir mussten jeden Samstag ein paar Stunden arbeiten, haben uns aber gegen Ende des Jahres das Recht erlangt, dafür einen Tag unter der Woche frei zu nehmen.

Bei der Arbeit war ich vor allem nachmittags ausgelastet, da wir zu dieser Zeit immer Nachhilfe gegeben haben. Morgens war ich recht oft unterfordert, jedoch besteht dort jederzeit die Möglichkeit, Eigeninitiative zu zeigen. Überfordert war ich manchmal bei neuen Situationen, mit denen ich zuvor so noch nie konfrontiert wurde. Anfangs zum Beispiel war es recht schlimm für mich, die Armut zu sehen, woran ich mich aber recht schnell gewöhnt habe. Ich habe circa 40 Minuten gebraucht, um zur Combi-Haltestelle zu gehen und von dort aus mit dem Combi zur Arbeit zu fahren. Mittags ging ich immer nach Hause zum Essen, so dass ich täglich ungefähr 160 Minuten für den Weg zur Arbeit beziehungsweise für den Nachhauseweg gebraucht habe.

Gastfamilie/Unterkunft

Das Einleben fiel mir bei der ersten Gastfamilie sehr schwer, da ich mich noch nicht gut integriert habe und Probleme hatte, meine Kultur und mein früheres Leben loszulassen, was sich in viel Kontakt zu meiner Familie in Deutschland und meiner Freundin zeigte. Als ich nach einigen Monaten die Gastfamilie wechselte, fiel mir der Abschied recht schwer, weil ich meine Gastschwester sehr ins Herz geschlossen habe und eigentlich nur Probleme mit den Gasteltern hatte. Anfangs war ich noch nach dem Gastfamilienwechsel in Kontakt mit ihnen, der aber abbrach, als ich sah, dass ein neuer Freiwilliger, der bei ihnen wohnte genau die gleichen Probleme wie ich hatte und auch auszog. Gegen Ende des Jahres habe ich dann den Kontakt noch einmal auf mich genommen; der Abschied fiel mir zwar nicht schwer, war aber sehr herzlich.

Das Einleben bei der zweiten Gastfamilie verlief dann problemlos, da ich schon teilweise wusste, was auf mich zukommen wird und auch selbst offener war und alle guten und negativen Aspekte der Kultur kennenlernen wollte. Der Abschied wiederum fiel mir nicht schwer, weil ich zu keiner Person einen sehr guten Kontakt aufgebaut habe. Wir verstanden uns zwar immer gut. Aber die Beziehung war nicht sehr eng. Anfangs verstand ich das protektive Verhalten meiner Gasteltern nicht, da ich von Deutschland sehr viele Freiheiten gewohnt bin. Später erkannte ich dieses Verhalten als einen Teil der Kultur und auch als Ausdruck des Sorgenmachens mir gegenüber an, was mir ermöglicht hat, diesen kulturellen Unterschied viel positiver zu sehen und sogar als angenehm zu erleben.

Anfangs mochte ich das Überangebot an Kartoffeln nicht; es schien mir einfach zu eintönig. Mittlerweile vermisse ich hier in Deutschland angekommen das einfache karthoffellastige Essen Perus, das sehr einfach aber lecker ist. Zu Beginn meines Jahres war es ungewöhnlich für mich, so viel Zeit mit der Familie zu bringen, weil ich in Deutschland sehr viel Zeit für mich habe. Nach ein paar Monaten fand ich es aber sehr schön, mit der Gastfamilie Zeit zu verbringen. Jetzt suche ich viel mehr den Kontakt mit meiner Familie in Deutschland, als es früher der Fall war. Genauso versuche ich die Begrüßungsform des Wangenküsschens zumindest in meinem Freundeskreis durchzusetzen, weil ich es als sehr schön empfinde, sich unter Freunden auf diese Weise zu begrüßen.

Betreuung

AFS hat uns durch stetigen E-Mail-Kontakt die neuesten Informationen gegeben oder auch geholfen. Beim Lokalkomitee hatten wir regelmäßige Treffen, bei denen wir über Probleme und Schwierigkeiten diskutierten oder einfach nur einen schönen Abend miteinander verbracht haben. Sie organisierten mehrere Ausflüge, bei denen wir die anderen AFS-Teilnehmer sowie deren Gastfamilien kennenlernen sowie auch unsere Beziehung zu den Betreuern verbessern konnten. Auch über Probleme haben wir geredet.

Ich habe beim Mid-Stay- und End-of-Stay-Camp teilgenommen sowie bei mehreren Treffen des Lokalkommitees, das sehr engagiert war, uns das Gefühl zu geben, dass wir bei AFS Huancayo wie eine Familie sind und jemand für uns da ist, wenn es Probleme gibt. Von AFS Deutschland habe ich nur erwartet, dass sie für uns da sind, wenn wir in besonderen Fällen AFS Peru nicht um Rat bitten konnten. Ich bin voll und ganz zufrieden mit der Betreuung, die ich während meines Auslandsaufenthaltes von Deutschland erfahren habe. Ich wollte zum Beispiel meinen Flug verschieben, weil meine Familie noch mit mir Peru bereisen mochte. AFS Peru wusste nicht genau, wie das mit dem Flugverschieben funktioniert und vermittelte mich mit AFS Deutschland, womit ich dann sehr zufrieden war.

Bei meiner ersten Gastfamilie wurde einer direkten Konfliktkonfrontation aus dem Weg gegangen. Vielmehr rannte meine Gastmutter zu der AFS-Präsidentin und lästerte dort förmlich über mich. Zum Beispiel störte es sie, dass ich mich so viel mit meiner Familie und Freundin in Deutschland im Internet unterhielt. Meine erste Gastfamilie war oft der Auffassung, dass ich in Form von Haushaltshilfe und Hausaufgabenhilfe einen erheblichen Anteil meiner Freizeit opfern sollte, da ich ja bei ihnen wohnen durfte. Ich tat es ihnen bei der Konfliktkonfrontation gleich und schaltete AFS als Mediator ein, die erfolgreich vermittelten.

Bei meiner zweiten Gastfamilie wurde über Probleme sofort geredet und somit vermieden, dass sich diese anhäufen. Dadurch war auch der Kontakt zu AFS nicht unbedingt nötig, was die Probleme in meiner Gastfamilie anging. Sie akzeptierten anfangs mein Vegetarierdasein nicht, bis ich dann in vielen Gesprächen zumindest eine Akzeptanz ihrerseits erreichte. Bei der Arbeit hatten wir oft Probleme mit der Chefin, wenn wir um Urlaub gebeten haben. Sie störte es, wenn wir unsere Urlaubstage in Anspruch nahmen und reisten, aber wir insistierten, weil wir unser Recht auf Urlaub hatten und hatten auch AFS informiert, sodass unsere Chefin glaubwürdig aufgeklärt wurde.

Sprache und Kommunikation

Ich habe mich vorwiegend in Spanisch verständigt, wobei ich bei Anreise so gut wie kein Spanisch reden konnte. Da meine Gastfamilien ein bisschen Englisch konnte, wurde das ein oder andere Wort für mich auch übersetzt. Jeden einzelnen Tag bis zu meiner Abreise habe ich noch dazugelernt; ich spreche nun Spanisch auf hohem Niveau in Wort und Schrift. In den ersten Wochen hatten wir einen Spanischkurs, der uns oft direkt mit bestimmten Sprachsituationen konfrontierte. Dabei wurden zu oft trockene Grammatikkapitel durchgekaut als alltägliche Sprachszenarien zu üben. Nichtsdestotrotz hatten wir eine sehr nette Lehrerin, die uns jedoch nur befriedigend auf das bevorstehende Jahr vorbereitet hat. Wenn ich bei der Arbeit oder in der Familie etwas nicht verstanden habe, waren alle stets darum bemüht, mir die Wörter zu definieren und mich zu verbessern, falls ich etwas falsch sagte, was die anfänglichen Sprachschwierigkeiten für mich nicht unangenehm machte.

Entwicklungspolitik

Ich habe gelernt, dass Entwicklungszusammenarbeit oft ein sehr harter Job ist, da man immer mit alteingesessenen Verhalten konfrontiert wird, die es zu verändern und entwickeln gilt. Trotzdem war es schön zu sehen, wie bei entsprechender Mühe eine anfangs noch verschlossene und in sich gekrümmte Blüte langsam zu blühen und gedeihen beginnt. Ich habe während des Jahres zu schätzen gelernt, was Entwicklungshelfer auf der ganzen Welt leisten und mit eigenen Augen gesehen, wie viele Schritte noch fehlen, um aus einem sich entwickelnden Land Armut und Unbildung soweit auszulöschen, bis ein Land aufleben kann.

Globales Lernen bedeutet für mich ein Lernen, das von Erfahrungen genährt wird, die man aus weltweiten Problemen schließen kann. Dieses erworbene Wissen soll dann zu Weltoffenheit und zu einem ganzheitlichen Grundverständnis der Probleme auf der Welt führen. Meine Erfahrungen gebe ich so gut wie an jeden sozialen Kontakt weiter, den ich habe. Dabei ist die Mehrheit auch sehr interessiert und zeigte auch stets Freude, wenn ich meine Erfahrungen über Rundmails während dem Jahr weitergegeben habe. Ich mache bei den Gesprächen oft deutlich, welche Probleme und Unterschiede es in Peru gibt und veranschauliche dies oft mit Bildern.

Ich habe vor meiner Abreise viele Kirchenkonzerte mit meiner Marimba gegeben und somit ein Spendengeld von über 2000 Euro erarbeitet. Bereits eine Woche nach meiner Ankunft habe ich ein Konzert gegeben, bei dem ich weitere Spendengelder gesammelt habe.

In tiefer Dankbarkeit, dass mir diese Erfahrungen ermöglicht wurden.