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Mein Einsatz als Freiwillige in Peru

Jessica, Peru, 2009/10, weltwärts

Mein Einsatz als Freiwillige in Peru

Im Rahmen des weltwärts-Programmes absolvierte ich ab August 2008 einen vom AFS Deutschland organisierten einjährigen Freiwilligendienst in Peru.

Dort lebte und arbeitete ich in der etwa 300 km südlich von Lima gelegenen 56 000 Einwohnerstadt Chincha. Ein Heim für junge Mütter im nahegelegenen Condorillo Alto stellte meinen Hauptarbeitsplatz dar. Untergebracht wurde ich bei einer Gastfamilie in Chincha. Die „Albergue“ beherbergt derzeit 15 junge Frauen und wurde vor etwa 4 Jahren von einer spanischen Nichtregierungsorganisation namens „Camino a la Solidaridad“ (Weg zur Solidarität“) ins Leben gerufen und seither gefördert. Meine Hauptaufgabe innerhalb des Heimes bestand in der Ausbildung und Unterstützung der Mütter und ihrer Kinder sowie in der Betreuung einer kleinen Gruppe Waisenkinder. Daneben gab es ab und an Aufgaben im Rahmen der NGO – Leitung, wie zum Beispiel die Mitarbeit an der Website-Gestaltung und der jährlich aufgelegten Zeitung.

Arbeit im Heim für Teenager-Mädchen

Ein Heim für Teenager-Mädchen mit Nachwuchs ist in dieser Form in Peru fast einzigartig. Im ganzen Land gibt es insgesamt nur zwei Anlaufstellen für minderjährige Mütter. So kommen die jungen Frauen aus ganz Peru, teilweise von weit entfernten Orten im Regenwald oder aus den Anden an die Küste nach Chincha. Die Altersspanne der Mädchen liegt zwischen zwölf und achtzehn Jahren, ihre Babys sind wenige Wochen bis 3 Jahre alt. Traurige Wahrheit ist, dass die Mehrheit der Mädchen bereits sehr schwere Lebenswege hinter sich hat, in der Vergangenheit sexuell misshandelt wurde und die Kinder oft Produkt dieser traumatischen Erfahrung sind. Dementsprechend viel Feingefühl und Diskretion wird im Umgang mit den Heimbewohnerinnen vorausgesetzt. Oft müssen sich die Mädchen erst an ihr Neugeborenes gewöhnen und lernen ihr Kind zu akzeptieren. Auch die Trennung bzw. das Verstoßen durch ihre eigene Familie - Eltern, Großeltern – stellt nicht selten einen seelischen Schock dar. Für die Arbeit benötigte ich daher viel Fingerspitzengefühl und Geduld. Zwei Fähigkeiten, die ich während der letzten zwölf Monate wesentlich vertiefen konnte.

Zu meinen täglichen Aufgaben zählte unter anderem das Unterrichten der „Primaria“ und „Secundaria“. Gemeinsam mit einer weiteren Weltwärts-Freiwilligen aus Deutschland gab ich der kleinen Gruppe von Waisenkindern Stunden im Lesen, Schreiben und Rechnen. Die Mütter erhielten Unterricht in Englisch sowie in verschiedenen anderen Fächern. Ebenfalls gehörte Nachhilfe in Form von Einzelbetreuung und die Unterstützung bei den Hausaufgaben zu meinen Arbeiten. Eine Herausforderung bei der Lehrtätigkeit stellten vor allem die extremen Unterschiede im Wissensstand der Mädchen und Kinder dar. Alle lagen unter dem ihrem Alter entsprechenden Ausbildungsstand, wobei einzelne selbst mit sechzehn Jahren noch nicht die vier Grundrechenarten beherrschten.

Sowohl Herausforderung als auch viel Spaß

Weitere Aktivitäten waren Sportunterricht, die Organisation und Betreuung von Ausflügen sowie die Frühstimulation der Babys. Bei letzterem ging es vor allem darum ein gewisses Verantwortungsgefühl und Interesse der Mütter für ihre Kinder zu wecken. Viele sprachen und spielten nicht ausreichend mit ihrem Nachwuchs und so blieb auch der natürliche Lerneffekt der Kleinkinder auf der Strecke. Kurz, die Arbeit mit den Kindern und jungen Frauen stellte mich nicht selten vor Herausforderungen, vor allem aber machte sie mir unheimlich viel Spaß. Durch die Unterstützung der kleinen Heimbewohner bekam ich sehr viel zurück und flossen auch manchmal Tränen, war das nächste Kinderlachen nicht fern.

u meinen Erfahrungen durch das Leben in Peru: Die Ankunft in „meiner Stadt“ Chincha gestaltete sich zunächst wie ein kleiner Schock. Zwar wusste ich bereits aus Berichten, dass Chincha im August 2007 im Epizentrum eines schweren Erdbebens lag, was sich dann aber meinem Auge bot, ließ mich dennoch verstummen. Wer schon mal ein erdbebenerschüttertes Gebiet gesehen hat, kann dies vielleicht nachvollziehen. Es muss ein absolutes Durcheinander gewesen sein! Ein Jahr danach sah man noch immer allerorts die Spuren des Bebens. Unzählige fehlende Gebäude. Lücken in den Häuserreihen soweit das Auge reichte. In der ganzen Stadt sind die Leute noch immer mit dem Wiederaufbau beschäftigt. Allerdings stiegen die Preise für Baumaterial in die Höhe und die Mehrheit der Einwohner kann es sich nach wie vor nicht leisten ihr Heim wieder neu zu errichten. Folglich gibt es sehr viele arme Viertel wo Menschen einfach nur behelfsmäßig in Basthütten hausen oder auch nur unter Planen bzw. im Zelt. Gerade in den Vororten sieht es dramatisch aus. Für mich wurde Chincha auch nach zwölf Monaten nicht schöner, jedoch aber herzlicher und ich lernte es in seiner Hässlichkeit zu akzeptieren. Jedes Mal wenn ich die Stadt für kleinere Ausflüge verließ, wurde mir bewusst, dass es vielerorts in Peru schönes und weniger schönes zu sehen gibt. Das Land besitzt unzählige Gesichter und die kleine staubige Kleinstadt an der Pazifikküste ist ein Teil davon.

Riesige gesellschaftliche Unterschiede

Für mich war es faszinierend um nicht zu sagen erschreckend zu sehen wie unterschiedlich das Leben der Menschen in Peru sein kann. Die Gegensätze zwischen der Mittelschicht und der armen Bevölkerung könnten wohl größer kaum sein. Das Leben in manchen Gemeinden, vor allem aber in den Berg- und Regenwaldgebieten stellt sich so dar wie in Dörfern Deutschlands vor vielleicht hundert Jahren, während die Mittelschicht ihre Kinder in Privatschulen schickt und mit ihren großen Autos in eigens für sie errichtete Einkaufszentren fährt. Was wohl aber alle Peruaner gemein haben, ist ihre Energie und Lebensfreude, ihr Stolz auf das vorzügliche peruanische Essen, ihr Familiensinn und nicht zuletzt die Leidenschaft für Musik und Tanz. Daneben ist in Bezug auf geschichtliches Erbe, Naturphänomene und schöne Landschaften näheres Hingucken ein unbedingtes Muss.

Was das Schließen von sozialen Kontakten angeht, gestaltete sich dies trotz anfangs geringer Spanischkenntnisse nicht allzu schwer. Aufgrund des Zusammenlebens mit einer peruanischen Familie wurde man gleich mit vielem Neuen oder typischen peruanischen Verhaltensweisen vertraut gemacht und durch die offene Art der Peruaner ergaben sich schnell Bekanntschaften und auch die sprachlichen Fortschritte kamen rasch. In Peru spielt sich das Leben im Gegensatz zu Deutschland auf der Straße ab, und gerade in meiner Kleinstadt, wo es kaum kulturelle Sehenswürdigkeiten gab, gehörten die privaten „fiestas“ wohl zu den Höhepunkten des Alltags. So wurde auch schnell deutlich, dass die von den Deutschen so geliebte Ruhe, von Peruanern durchaus nicht ebenso erwünscht ist. Die Straßen waren zumeist nicht nur gefüllt von dreirädrigen Mototaxis und anderen Autos, sondern auch von Geschrei, Gelächter und Gesprächen. Bei Partys blieb keiner ohne Tanzpartner. Jung wie alt war auf den Beinen. In der Familie galt lautes Rufen durchaus nicht als Streit sondern als normale Konversationen. Geschwiegen wird in Peru nur selten. Der Lärmpegel gehörte sicher zu den Dingen, an die ich mich übers Jahr hinweg zunächst gewöhnen musste, umso erstaunlich leise erscheint mir nun wiederum nach der Rückkehr mein Heimatland.

Herzlicher Empfang

Ansonsten wurde ich in meiner Gastfamilie vor allem von den Frauen des Hauses sehr herzlich empfangen und als Familienmitglied behandelt. Sicher war es anfangs ungewöhnlich in einer für mich noch fremden Familie zu leben, aber gerade das stellte sich bald als großer Vorteil heraus, da man auf diese Art und Weise mit ein wenig Glück Land und Leute, Traditionen und Eigenheiten der Peruaner und nicht zuletzt die fremde Sprache schneller und intensiver kennenlernt.

Künftigen Freiwilligen kann ich nur ans Herz legen den Schritt zu wagen. Sicher gehört eine gute Portion Selbstbewusstsein dazu, aber es ist eine Erfahrung an der man langfristig nur wachsen kann und die einem keiner mehr nimmt. Wichtig ist die Fähigkeit auf andere Menschen offen zuzugehen, fremden Meinungen und Lebensweisen mit Toleranz zu begegnen sowie die Geduld und Bereitschaft sich auf eine andere Kultur einzulassen. Viele Dinge laufen möglicherweise zunächst nicht so wie man es sich vorstellt, nichts verändert sich so schnell wie man es sich vielleicht wünscht. Jeden Tag ist etwas Flexibilität gefragt. Aber dies ist eine Herausforderung, der es sich zu stellen lohnt und die Lust daran etwas zu bewegen sollte deshalb nicht verschwinden.