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Mein Freiwilligendienst in Peru

Annika, Peru, 2013/14, weltwärts

Mein Freiwilligendienst in Peru

Es ist denke ich normal, dass man seine Reise mit bestimmten Ideen von Land und dessen Bevölkerung antritt. Da ich aber nicht im Bergland oder an der Küste Perus, sondern im Regenwald gelebt habe, kam ich in ein ganz anderes Peru, als ich zunächst erwartet hatte. Ich habe schnell gemerkt, dass ich meine Idee von Peru oder Peruanern über Bord werfen kann. Das hat mir geholfen, die Menschen und deren Kultur offen kennenzulernen. Allerdings gab es auch viele Situationen, in denen ich nicht verstehen konnte, warum jetzt z.B. schon wieder so lange in der Gruppe auf etwas gewartet wird und nicht nachgefragt wird oder Initiative ergriffen wird. Aber mit der Zeit habe ich durch Beobachten dazu gelernt und konnte Handlugen besser nachvollziehen. Zum Beispiel wurde so lange gewartet, weil auch durch Nachfragen nichts passiert wäre. Ich habe zudem gelernt, Dinge einfach zu akzeptieren und erstmal hin zu nehmen, auch wenn ich sie nicht von Anfang an verstanden habe.

Kulturelle Unterschiede und Gemeinsamkeiten

Straßenessen in Peru

In der peruanischen Kultur wird im Vergleich zur deutschen Kultur sehr viel mehr Wert auf „genieße den Tag“ gelegt, während in der deutschen mehr „nutze den Tag“ im Vordergrund steht. In Deutschland wird sehr viel Wert auf Qualität und Langlebigkeit gelegt, was in Peru nicht so ist. Viel wird improvisiert, was vermutlich auch aufgrund finanzieller Mittel notwendig ist. Obwohl nicht alle Peruaner in geregelten und finanziell abgesicherten Verhältnissen leben, was ich auch in meinem Projekt sehr deutlich gemerkt habe, ist trotzdem eine Grundzufriedenheit und Freude zu erkennen, die ich so aus Deutschland nicht kenne. Was im Vergleich von deutscher und peruanischer Kultur sehr auffällt ist ist, dass ein Großteil der Peruaner sehr konservative Meinungen vertritt. Themen wie Homosexualität, Emanzipation und generelle Andersartigkeit (Frauen mit Tätowierung, etc.) werden nicht gerne gesehen und sehr wenig Raum gelassen. Machismo und Gewalt innerhalb der Familie hingegen werden meist stillschweigend geduldet.

Arbeitsplatz

Ich habe in einem Kinderheim mit 70 Kindern im Alter von 3 bis 18 Jahren gearbeitet. Dort habe ich Aufgaben übernommen wie die Kinder von der Schule abzuholen, bei der Essensausgabe zu helfen, mit den Kindern gemeinsam zu essen und nachmittags den Kindern 3 Stunden mit ihren Englisch Hausaufgaben zu helfen. Sonst habe ich dort ausgeholfen, wo ich gebraucht wurde wie z.B. Betreuung der Kindergartenkinder, Teilnahme an schulischen Aktivitäten einzelner Kinder oder Begleitung von Ausflügen an Wochenenden. In einer normalen Woche habe ich in etwa 33 Stunden gearbeitet, in einigen Wochen habe ich zudem samstags gearbeitet.

 

Am ersten Arbeitstag habe ich auf meiner Arbeit einen stündlich durchgetakteten Plan bekommen. Das hat mich ehrlich gesagt etwas überrascht, aber nach einigen Tagen habe ich gemerkt, dass das meiste sowieso anders läuft und ich musste mir viel selbst überlegen, wie ich meine Zeit am sinnvollsten einteile.

Meine Gastfamilie

Das Einleben war ein bisschen schwierig, da ich zunächst in einer Übergangsgastfamilie war, mich dort dann nach 5 Tagen eingelebt hatte und unerwartet in eine andere Gastfamilie gewechselt bin. Letzten Endes bin ich dann doch nach 2 Wochen wieder zu meiner ersten Gastfamilie zurückgekommen. Emotional ein großes Durcheinander.

 

Der erste Eindruck von meiner Gastfamilie (ich werde mich auf die Gastfamilie beschränken, in der ich letztendlich geblieben bin) war positiv. Ich wurde zwar etwas kühl von meinem Gastvater eingeführt, „Hier ist dein Bad, dein Zimmer, hier die Waschmaschine, du darfst alles benutzen und achja, Herzlich Willkommen!“, habe mich jedoch schnell eingelebt und mich mit meiner Gastfamilie gut verstanden. Leider, wie schon angemerkt, gab es dem Ende hingegen einige Meinungsverschiedenheiten und Missverständnisse, die zu einer etwas angespannten Stimmung geführt haben.

Betreuung durch AFS

Die Betreuung im Gastland bestand aus zwei Teilen: der Betreuung in Lima und der Betreuung vor Ort in meiner Stadt. Ich bin mit der Betreuung sehr zufrieden! Ich konnte mit allen Personen offen sprechen und wusste, dass, wenn ich Probleme oder Fragen habe, Hilfe bekomme. Am Anfang meines Auslandsaufenthalts gab es ein dreitägiges Treffen in Lima. Wir haben uns ein wenig von der Reise ausgeruht, uns um die Verlängerung des Visums gekümmert und letzte Informationen bezüglich des Programms bekommen.

 

Mit der gleichen Gruppe haben wir uns dann in der Mitte unseres Aufenthalts zum Midstay in Lima getroffen. Dort haben wir unsere Projekte und Gastfamilie vorgestellt und über Verbesserungsvorschläge und Problemlösungen gesprochen, was ich als sehr sinnvoll empfunden habe. Am Ende unseres Aufenthalts haben wir am End-of-stay teilgenommen. Zwei Tage an denen wir noch einmal hauptsächlich über unsere Projekte gesprochen haben und organisatorische Dinge erledigt wurden.

 

Die Betreuung durch AFS in meiner Stadt war nicht monatlich, aber wir konnten als Freiwillige immer ein gemeinsames Treffen vereinbaren, wenn wir es für nötig hielten. Am Anfang wurden ein paar Treffen von unseren Koordinatoren bestimmt, um zu sehen wie wir uns eingelebt haben. Wir haben ein Weihnachtstreffen und ein Muttertagstreffen gemacht und am Ende eine Abschiedsrunde, in der wir kulturelle Unterschiede und neu erlernte Fähigkeiten reflektiert haben. Alles in allem war ich sehr zufrieden mit dieser Art der Betreuung.

Sprache und Kommunikation

Ein Markt in Iquitos

Ich bin gleich am Anfang meines Aufenthalts an eine Sprachschule vermittelt worden, wo drei andere FSJler und ich gemeinsam Unterricht bekommen sollten. Da wir jedoch allen ein sehr unterschiedliches Spanischniveau hatten, haben wir individuelle Förderung bekommen. Ich habe dann in einer, der hier entsprechenden 11ten Klasse, den „normalen“ Spanischunterricht mitbesucht.

 

Da ich vor meinem FSJ schon ein Auslandsjahr in Argentinien gemacht habe, hatte ich vorher schon sehr gute Spanischkenntnisse und hatte keine Probleme mich zu verständigen. Da ich in Argentinien zur Schule gegangen bin und in meinem Jahr in Peru wenig schriftliches Spanisch dazugelernt habe, habe ich vielleicht in dieser Hinsicht sogar einiges verlernt. Dafür habe ich gelernt, verschiedene Akzente Lateinamerikas zuzuordnen und mehr nebenbei, ohne volle Aufmerksamkeit, verstehen zu können.

Entwicklungspolitik

Ich habe eher indirekt Erfahrungen zu diesem Thema in meinem Freiwilligenjahr in Peru gemacht und daraus gelernt. Zum einen ist mir noch einmal mehr bewusst geworden, dass Entwicklungszusammenarbeit einen langen Prozess der Vorbereitung und des Umdenkens bei den Einheimischen bedarf und sehr vorsichtig vorgegangen werden muss. Zum Beispiel habe ich eine Gastfamilie kennengelernt, in der die Tochter (21) durch das Mutmachen der Freiwilligen sich einen Job gesucht hat und plötzlich sehr viel Geld im Verhältnis zu der Familie verdient hat. Der Vater war zunächst dagegen, dass seine Tochter arbeitet, aus keinem wirklichen Grund, einfach aus Prinzip. Durch viele Gespräche hat sich der Vater überzeugen lassen, seine Tochter arbeiten zu lassen. Die Mutter in der Familie hat an der Straße Frühstück verkauft, sehr viel Aufwand für wenig Geld. Durch Zufall hatte sich ein Jobangebot für die Mutter ergeben, gut bezahlt in einem Fitnessstudio, leichte Arbeit und nur ein paar Stunden. Obwohl es ein gutes Angebot war und sie bei ihrer Tochter Vorteile sah, wollte sie dort nicht arbeiten. Da ist mir aufgefallen, dass es viel Geduld und Verständnis braucht und zunächst die Angst der Veränderung genommen werden muss.

Wie geht es für mich weiter?

Ich werde Humangeographie studieren und hoffe, dort meine Erfahrungen gut einbringen zu können und darauf zurückgreifen zu können. Durch persönliche Kontakte, Referate etc. werde ich meine Erfahrungen an andere weitergeben können. Zunächst werde ich durch das Studium vermutlich nicht viel Zeit haben, um mich in NGOs oder anderen Hilfsorganisationen einzusetzen, jedoch werde ich durch mein Studium dort vielleicht noch andere Möglichkeiten kennenlernen und später beruflich in diesem Bereich tätig sein.