AFS-Erfahrungsbericht Schüleraustausch Peru

Meine Gastfamilie hat mich vom ersten Tag an mit offenen Armen empfangen

Nele, Peru, 2015, Schuljahr im Ausland mit AFS-Stipendium
AFS-Austauschschülerin Nele mit ihrer peruanischen Klasse
Nele mit ihrer peruanischen Klasse

Der Entschluss ein Auslandsjahr zu machen entstand bei mir erst recht spät, auch wenn ich schon immer das Reisen sehr gemocht habe. Und als eine Lehrerin meiner Schule uns auf die Möglichkeit eines Austauschjahrs hinwies, konkretisierte sich mein Wunsch und ich bewarb mich bei AFS. Damals bin ich mit den Motivationen eine neue Sprache zu lernen und eine neue Kultur zu erleben in das Jahr gestartet obwohl ich nie sonderlich lange darüber nachgedacht habe, was ein Jahr in einem anderen Land wirklich bedeuten könnte. Für mich ist mein Auslandsaufenthalt nun eine Zeit gewesen in dem ich mehr tolle Menschen kennen lernen und mehr Eindrücke als je in meinem Leben sammeln konnte und mich selber ein Stück weiter entwickelt habe. Nun bin ich aus diesem einzigartigen Jahr in Peru, gefüllt mit verschiedenen guten als auch nicht ganz so guten Momenten wiedergekommen. Die meisten meiner Erwartungen sind in Erfüllung gegangen, andere werden vielleicht irgendwann einmal erfüllt.

Mein Leben in Peru

AFS-Austauschschülerin Nele und andere AFSerinnen und AFSer auf einer Reise durch den Norden Perus
Reise durch den Norden Perus

Gelebt habe ich in Peru in einer großen Familie, bei der ich das ganze Jahr ohne einen Wechsel verbrachte. Meine 4 Geschwister und meine Gasteltern haben mich vom ersten Tag an mit offenen Armen empfangen, so wie die meisten Menschen in diesem Land. Auch in meiner Schule, einer Mädchenschule die noch nicht sehr viel Erfahrung mit Austauschschülern hatte, fand ich schnell Freunde und Menschen die mir halfen Spanisch zu sprechen und mir mit einem Lächeln im Gesicht über Fehler hinweghalfen. In meiner Freizeit habe ich oft mit den Leuten des Komitees Dinge unternommen, zusammen haben wir Ausflüge geplant, sind ins Kino gegangen und konnten stets zusammen sprechen, da man sich in der gleichen Situation befand und gemeinsam viele kleinere Fragen lösen konnte. Zu meinen peruanischen Freunden hatte ich wiederum nur in der Schulzeit Kontakt, da diese selten freie Nachmittage hatten, was dazu führte, dass man oft nur die Zeit nach der Schule, in der man auf seine Mitfahrgelegenheit wartete, zusammen verbrachte, Hausaufgaben machte oder sich einfach im Park gegenüber ein wenig unterhielt. Mein Jahr war geprägt von viel Sonnenschein, internationalen Freunden und Spanischsprechen mit einem Hauch zu viel Freizeit, wenn man das so ausdrücken kann.

Unterschiede Peru-Deutschland

AFS-Austauschschülerin Nele auf einer Reise durch den Süden Perus
Unterwegs im Süden Perus

Von Anfang an sind mir in Peru kulturelle Unterschiede aufgefallen, da zum Beispiel meine Gastmutter nicht arbeitete, sondern für das Haus zuständig war und andererseits mein Gastvater nur an Sonntagen wirklich Zeit für die Familie fand. Dies war für mich eine kleine Umgewöhnung, da meine Mutter in Deutschland sehr viel arbeitet und ich es nicht gewohnt war, dass ständig jemand in dem Haus war. Zwar war dies nicht in jedem peruanischen Haushalt so, die Mütter vieler Freunde übten kleinere Nebenjobs aus, aber es kam mir doch so vor, als seien die Arbeitsteilungen der Menschen in Peru schon von Anfang an Recht bestimmt und klar aufgeteilt. So sagte mir jedes Mädchen meiner Schule, dass sie mal einen Mann und eine Familie haben wollen würden, wobei die Frage, ob sie Karriere machen wollten nur selten im Raum stand. Schließlich war es in Peru üblich, dass der Mann die Karriere machte und die Frau für Kinder und Haus zuständig war, was in Deutschland ebenfalls üblich ist, jedoch nicht in dem Maße. Aufgefallen ist mir unter anderem auch, dass die Erziehung von Jungen und Mädchen in meinem Gastland Unterschiede hatte, so traute man dort Jungen mehr Selbstständigkeit zu als Mädchen, doch Mädchen lernten schon deutlich früher kochen und wuchsen ein Stück behüteter auf. In Deutschland gibt es zwar auch kleine Unterschiede in der Erziehung, die aber im Allgemeinen eine relativ gleiche Basis haben. Es war in meinem Gastland noch schlechter angesehen als in Deutschland, wenn ein Mädchen sehr früh schwanger wurde, oder zu oft feiern ging und führte oft zu langen Gesprächen zwischen meinen Gasteltern, die die Meinung vertraten, dass man doch besser auf das Kind hätte aufpassen müssen.

Was habe ich in meinem Austauschjahr gelernt?

peruanische Speisen
Neue kulinarische Eindrücke

In meiner Zeit in Peru habe ich begriffen, dass man oft sehr viel mehr Spaß haben kann, wenn man sich aufrafft und seine Freizeit selbstständig plant. Leider ist mir das wohl eher spät aufgefallen und im Nachhinein würde ich sagen, dass ich mir etwas Langeweile hätte nehmen können, wenn ich mich öfter für Unternehmungen oder Hobbys wirklich eingesetzt hätte. Trotzdem habe ich gelernt, nicht zu versuchen, jedes Problem gutzureden, sondern darüber mit anderen zu reden, sodass man eine Lösung finden konnte. Da ich mit wenigen Spanischkenntnissen in meinen Auslandsaufenthalt gestartet war, und mich in meiner Gastfamilie ausreichend in Englisch verständigen konnte, bin ich in die Sprache nicht gut hineingekommen. Daraufhin habe ich meine Klasse gebeten, mich bei Fehlern zu korrigieren, und mit meiner Betreuerin darüber geredet, die dieses Problem schon kannte, und mir Spanischunterricht anbot.
 
Ein Jahr in einem anderen Land zu sein hat manchmal Herausforderungen mit sich gebracht, die mir gezeigt haben, wie wichtig es für einen selber seien kann, seinen eigenen Standpunkt zu vertreten. Ich kann nun für mich persönlich sagen, dass meine Erfahrung mir ein besseres Selbstvertrauen geschenkt hat, das ich vermutlich in Deutschland nicht entwickelt hätte. So ist es in Deutschland normal, dass es auch Mädchen mit kurzen Haaren gibt, dort hingegen eher selten. Oft führte das zu Fragen oder Kritik, die mich aber im Endeffekt davon überzeugt haben, für meine eigene Meinung einzustehen.
 
Außerdem habe ich vieles meines Herkunftslandes zu schätzen gelernt, wie zum Beispiel die Sicherheit auf der Straße und das Schulsystem, aber auch kleinere Dinge, wie Spülmaschinen und warmes Wasser. Mit einer anderen Deutschen in meiner Stadt konnte ich oft über die Unterschiede von Peru und Deutschland reden, wobei man dabei in gewisser Art sein Land, als auch das fremde Land zu schätzen gelernt hat. Mit der deutschen Kultur habe ich mich in meinem Jahr nicht sehr verbunden gefühlt, da ich weder typisch deutsche Rezepte kochen noch die Nationalhymne singen kann und dies vielen Menschen in Peru komisch vorkam. Andererseits würde ich sagen, dass ich mich nun, da ich wieder in Deutschland bin, mehr mit meinem Heimatland identifizieren kann, da das Gefühl anzukommen, alle zu kennen und wirklich zu verstehen einen doch sehr an ein Land bindet.

Was hat sich durch meinen Schüleraustausch verändert?

AFS-Austauschschülerin Nele mit ihrer peruanischen Schule bei einem Choreographiewettbewerb
Barras: Welche Schule hat die kreativste Choreographie?

Viele Menschen in Deutschland haben mich gefragt ob ich mich verändert hätte während dieses Auslandsjahrs. Ich selber habe mich äußerlich wenig verändert, aber ich denke meine Einstellung gegenüber vielen Themen ist nun anders. Mein eigener Standpunkt ist mir wichtiger geworden, sowie das Durchsetzen meiner Ziele. Unter anderem finde ich den herzlichen und freundschaftlichen Umgang, den man mir in Peru gezeigt hat, und diese Art, jeden mit offenen Armen zu empfangen, etwas, das ich gerne mit nach Hause genommen habe und ebenfalls gerne an andere weitergebe. Manchmal denke ich darüber nach, ob ich nicht besser nur ein halbes Jahr weggegangen wäre, oder ob ein anderes Land vielleicht besser zu mir gepasst hätte, da mir der Lebensstil der Peruaner zwar zusagt, aber nicht sehr viel Action bieten konnte, oder was ich hätte anders machen können während meiner Zeit in Piura. Trotzdem hat mir Peru viele einzigartige Eindrücke geboten, sowohl auf Reisen, mit Freunden und Familie, als auch im Alltag, welche mein Jahr zu einem Ereignis in meinem Leben machen, das ich niemals in meinem Leben vergessen oder gar bereuen werde.
 
Mein Fazit zu einem Jahr in Peru ist, dass, auch wenn ich mir vieles anders erträumt hatte, das Ergebnis rückblickend doch eins ist, von dem ich mit Freude berichten kann. Grade nach Peru würde ich aber eher älteren Reisenden empfehlen, da diese dort mehr Freiheiten hätten (weil man aus meinen Erfahrungen dann von Peru und den vielen Teilen der Kultur deutlich mehr zu sehen bekommt), doch das Land selber muss man als neugieriger Mensch auf jeden Fall mal erlebt haben.
 
Mein Dank für die Unterstützung und Ermöglichung dieses Projekts, gilt besonders meinem Stipendiengeber AFS Stipendienfonds und der Organisation AFS. Ohne euch wäre für mich dieses Jahr vielleicht ein ganz anderes geworden. Vielen Dank für die Vorbereitungen und die Hilfe vor und während meiner Zeit in Peru, vielen Dank für alle Kontakte, die ihr mir ermöglicht habt zu finden. Ich bin froh, in dieser wunderbaren Gemeinschaft aufgenommen worden zu sein, und lade gerne andere Menschen dazu ein, ebenfalls ihre eigene Erfahrung mit AFS zu machen.