Erfahrungsbericht Auslandsjahr
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Filipinos sind die glücklichsten Menschen, die ich je gesehen habe

Agnetha, Philippinen, 2014, Schuljahr im Ausland mit AFS-Stipendium

Ein Jahr leben unter Palmen, zwischen Pazifik und Regenwald, das ist ein Traum den viele haben, aber nur wenige wirklich erleben dürfen. Einige dieser Abenteurer werden Austauschschüler genannt, und ich habe die Ehre, mich als eine von ihnen zu sehen. Aber was macht man in solch einem Jahr eigentlich?

 

Austauschschüler haben nicht nur die Ehre, als Repräsentant ihres Landes und des Weltfriedens auf „die“ Reise ihres Lebens zu gehen, sondern auch das Glück für meist 10 Monate in eine neue Kultur einzutauchen und sich von Sitten und den neuen Speisen beeindrucken zu lassen. Nun soll aber niemand denken, dass Austauschschüler nur ein Jahr Urlaub machen. Besondere Privilegien erfordern besondere Arbeit. Es kann manchmal hart sein, eine neue Sprache zu lernen, sich an eine neue Umwelt zu gewöhnen, mit einer fremden Familie zu wohnen, bei der du die nächsten 10 Monate leben wirst, neue Freunde zu finden, all die gewöhnlichen Fettnäpfchen zu überstehen und vorallem das wahrscheinlich erste Mal komplett auf sich alleine gestellt zu sein, ohne Familie oder Freunde, die einem mal schnell helfen können.Viele Länder stehen einem offen und meine Wahl waren die Philippinen.

7 Monate auf den Philippinen haben mich komplett verändert

Viele haben mich in Deutschland gefragt, warum ich auf die Philippinen will. Warum sollte auch jemand freiwillig in einer dritten Welt wohnen, wo auf 7107 Inseln Armut so hoch wie die Gewaltrate ist. Wo Taifune und Überschwemmung etwas Normales sind. Wo Kinder arbeiten, um ihre Familie zu ernähren.
Für die Erfahrung und den Austausch der Kulturen.

 
Alleine die sieben Monate, die ich hier schon auf den Philippinen lebe, haben mich komplett verändert. Wer in Deutschland lebt und noch nie außerhalb von Europa war, weiß nicht was Armut ist, weiß nicht, was harte Arbeit ist. Ich durfte bisher Erfahrungen sammeln, die ich vielleicht in meinem ganzen Leben nicht gesammelt hätte. Mein Denken über Geld hat sich auch verändert. Jetzt denke ich mir, warum habe ich vor einem Jahr Geld für Sachen und Schminke ausgegeben, die ich eigentlich gar nicht brauchte? Warum habe ich Essen weggeschmissen, was man noch hätte essen können? Warum mochte ich Schule nicht, wo ich mich doch glücklich schätzen kann, dass ich in einem Land wohne, wo es jeder Person versichert wird, Bildung zu erlangen? Weil ich es nicht besser wusste.

 
Das mag jetzt alles etwas negativ klingen, aber offensichtlich gab es einen Grund, dass ich hier geblieben bin und nicht eher zurückkommen werde, als ich muss.

Glück auf den Philippinen

Geld, Erfolg im Beruf und das Ansehen im Freundeskreis ist hier nicht wichtig. Filipinos sind die glücklichsten Menschen, die ich je gesehen habe. Ja, in 17 Jahren hat man noch nicht viel von der Welt gesehen, trotzdem habe ich genug Erfahrung, um diese Aussage zu machen. Man ist glücklich, wenn man Familie hat. Man ist glücklich, wenn man Essen hat, auch wenn es nur eine Hand voll Reis ist. Man ist glücklich, wenn man auf der Straße gegrüßt wird und man ist glücklich, wenn man in der Kirche ist. Die meisten Filipinos sind Katholiken und jeder geht mindestens ein Mal in der Woche zum Gottesdienst.

 

Essen scheint manchmal das Wichtigste in dieser Kultur zu sein. Egal welchen der 171 Dialekte man spricht, wenn man etwas zum Essen gibt, sind alle Freunde, ob sie sich sprachlich verstehen oder nicht, ein Lächeln sagt auch viel. Daher sind auch Fiestas beliebt, ein Fest, wo Familien in ihren Häusern so viel Essen wie möglich bereitstellen und jeder, der vorbei kommt, das Haus betritt und sich davon nehmen kann. Da jeder mit jedem verwandt zu sein scheint oder man befreundet ist, ist es sehr selten, dass wirklich mal ein Fremder in das Haus kommt. Und wenn, dann ist er spätestens beim Abschied ein Freund der Familie.

Ich habe gelernt, das Gute in einer Situation zu sehen

Die Zufriedenheit steckt an. Ich hatte kein perfektes Jahr. Kaum ein Austauschschüler kann das von sich behaupten, aber obwohl ich meine Familie gewechselt habe, weil es Missverständnisse gab, zum Teil auf kultureller Basis, habe ich gelernt, immer das Gute in einer Situation zu sehen, egal wie schwierig sie im Augenblick ist. Die ersten sechs Monate habe ich auf einer kleinen Insel direkt am Pazifik und mit 85% Regenwald gelebt. Seit Januar wohne ich in der Landeshauptstadt und durfte daher beide Seiten dieses Landes erleben.

 

Austauschschüler sein heißt, zu leben, neue Freunde und eine neue Familie zu finden, eine neue Sprache und Kultur zu erlernen, aber auch weinend nachts im Bett zu liegen, weil man nach Hause will. Weil nichts läuft, wie man es sich gewünscht hat. Weil man täglich an die eigenen Grenzen stößt. Doch jeden neuen Tag erwacht man mit dem Gefühl, in einem Traum zu leben, in dem man sich den Wunsch erfüllt hat, eine Reise zu machen, die man nie wieder so machen wird. Man ist nicht einfach ein Tourist. Man wird ein Teil des neuen Landes. Man denkt anders, man spricht anders, man sieht manchmal sogar anders aus. In einem Jahr wird man erwachsen. Man lernt mit Geld umzugehen. Man lernt, Probleme selbst zu lösen, und vieles mehr.

Danke!

Alleine hätten meine Mum und ich es nicht geschafft, den Preis für dieses Jahr aufzubringen, daher danke ich jeder einzelnen Person, die mir geholfen hat. Die sich die Zeit genommen hat, meine Anfragen zu lesen, zu bearbeiten, weiter zu reichen. Die mir eine Hilfe zugesagt hat und jetzt der Grund ist, dass eine glückliche Cottbuserin 11.000 km entfernt, das Jahr ihres Lebens haben darf.

Danke an alle Beteiligten. Danke, dass Sie mir geholfen haben, meinen Traum zu verwirklichen.