"Ich könnte mir vorstellen, dort zu leben"

Tanissa, Philippinen, 2014, Karl-Heinz Frenzen Stiftung

Ich bin voller Freude im Juli 2014 in mein Wunschland Philippinen geflogen. Obwohl ich von Afs gut auf mein Abenteuer vorbereitet wurde, war ich anfangs in Bezug auf Hygiene, Sicherheit und Kultur leicht geschockt, denn es entsprach nicht unbedingt meinen Vorstellungen. Zudem war es sehr heiß und man schwitzte ständig. Der Unterschied zu meinem Heimatland war sehr groß.

 

In Manila, der Hauptstadt, in welcher alle Austauschschüler die ersten drei Tage ein Afs-Vorbereitungscamp hatten, lernte ich die Schüler aus den anderen Ländern kennen. Meine Willkommensfamilie bestand aus beiden Elternteilen und drei älteren Geschwistern. Mit ihnen hatte ich mich so gut verstanden, dass ich dort die ganzen zehn Monate bleiben durfte, worüber ich sehr glücklich war. Natürlich hatte ich auch manchmal Heimweh, aber meine philippinische Familie hat mich immer wieder aufmuntern können. Nach einiger Zeit hatte ich mich schließlich an die Hitze und an die neuen Lebensbedingungen gewöhnt und diese akzeptiert. Ich habe aufgehört meine neue Lebensweise ständig mit meinem Leben in Deutschland zu vergleichen. Ich habe verstanden, dass es anders ist, aber nicht schlecht.

Meine Gastfamilie

In meiner Familie in Deutschland besprechen wir in der gesamten Familie Probleme und treffen Entscheidungen. Auf den Philippinen lebte mein Gastvater aus beruflichen Gründen nicht zu Hause, somit hat meine Gastmutter die Entscheidungen getroffen. Auch wenn der Vater mal zu Besuch war, hatte sie das Sagen. In der philippinischen Familie hat man sehr großen Respekt zu den Eltern und fragt immer um Erlaubnis, hält sich an die Abmachungen, diskutiert nicht und akzeptiert die Entscheidungen der Eltern. Wenn es zu Streit kommt, sollte man immer nachgeben und den Eltern Recht geben. Ich hatte ein super Verhältnis zu meinen Gastgeschwistern, besonders zu der Ältesten. Wir sind oft zusammen Mountainbike gefahren, sind schwimmen gegangen oder haben etwas zusammen mit meiner Gastmama gekocht. Genauso wie meiner jüngeren Schwester in Deutschland, konnte ich mit meiner Gastschwester über alles reden.

Das Schulleben

In Deutschland verhält man sich gegenüber Lehrern angemessen, ist distanziert, es gibt keine freundschaftlichen Beziehungen und man trifft sich auch nicht am Wochenende oder sonstiges. Auf den Philippinen ist das ganz anders. Da wird sich mit den Lehrern nach Feierabend in einem Café getroffen, es wird sich freundschaftlich unterhalten und auch während des Unterrichts ist es entspannt. In der Schule stehen zur Belüftung sämtliche Fenster und Türen offen. Dadurch hört man die anderen Klassen, es ist sehr laut. Es gibt Lesestunden, wo jeder sein Buch mitbringt und liest und man putzt gemeinsam die Klassenräume.

 

Auf Pünktlichkeit legen die Filipinos kaum Wert. Damit hatte ich große Schwierigkeiten, da ich in Deutschland zur Pünktlichkeit erzogen wurde. Es gab mehrere Situationen, bei denen ich pünktlich am Treffpunkt erschien und lange Zeit warten musste bis die ersten eintrafen.

Freundschaften schließen

In Deutschland dauert es bis man eine feste Freundschaft aufgebaut hat und es ist oft kompliziert. Auf den Philippinen nennt dich jeder gleich „mein Freund“ oder fragt, ob man befreundet sein kann. Das ist dann vielleicht noch keine feste Freundschaft, aber immerhin ein Anfang. Filipinos sind in der Regel sehr offen und gesprächsfreudig und auch neugierig. Ich war dort auch etwas Besonderes, da ich blonde Haare habe. Zum Ende hin hat diese starke Neugierde etwas nachgelassen.

 

Ich hatte schon am Tag meiner Ankunft Kontakt zu einem Mädchen in meinem Alter aufnehmen können und bis jetzt schreiben wir noch oft. Filipinos lieben ihr Essen und ich wurde mehrere Male auf große Feiern mit einem riesigen Buffet eingeladen. Immer gab es ein Spanferkel, Frühlingsrollen und viele andere philippinische Spezialitäten und natürlich auch immer Reis, der zu jeder Mahlzeit gegessen wird. Da auf den Philippinen die Männer oft im Ausland arbeiten, sind die Frauen meist zu Hause und kümmern sich um die Kinder und den Haushalt. Der Mann verdient das Geld und die Frau hat in der Familie das Sagen. Dies ist mir nicht nur in meiner Familie, sondern auch in der von Freunden aufgefallen.

 

In meinem Gastland ist es mir leichter gefallen Fremde anzusprechen, auf Leute zuzugehen und Freundschaften aufzubauen. Ich denke, dass das an der freundlichen Ausstrahlung und der Hilfsbereitschaft der Filipinos liegt. Ich bin auf den Philippinen gelassener und auch geduldiger geworden, kann besser mit Streitsituationen umgehen und bleibe in stressigen Situationen lockerer. Vorher war ich schnell aus der Fassung zu bringen, das hat sich gebessert. Außerdem habe ich keine Hemmungen mehr Englisch zu sprechen, was ich besonders gut finde und auch für wichtig halte.

"Zum Flughafen wurde ich von meiner ganzen Nachbarschaft gebracht"

Der Schulabschluss mit meiner Gastmutter und- schwester

Ich fühle mich Deutschland jetzt mehr verbunden als vor meinem Auslandsjahr. Ich habe die Vorteile sowie die Nachteile des Lebens in Deutschland erkannt. Das Lebensniveau ist viel höher. Wir leben in einem schönen Land mit all seinen sozialen Sicherheiten. Auch die Philippinen gefallen mir sehr und ich könnte mir auch dort vorstellen zu leben. Ich mag die Wärme und die tollen Strände, das exotische Essen und die netten Menschen dort.

 

Der Abschied von meinen Freunden und meiner Familie auf den Philippinen fiel mir sehr schwer. Mein Vater ist extra von weit her zwei Tage mit dem Boot angereist um sich von mir zu verabschieden. Meine Familie hat eine große Abschiedsfeier für mich organisiert. Zum Flughafen wurde ich von meiner ganzen Nachtbarschaft gebracht. Meine Familie und ich haben viele Tränen vergossen und es nicht wahr haben können, dass ein Jahr schon um ist. Ich schreibe noch täglich mit meiner Gastschwester und wir skypen wöchentlich. Ich vermisse besonders meine Familie dort, denn die haben einen sehr großen Teil dazu beigetragen, dass ich so ein unvergessliches Jahr hatte. Ich möchte sie sobald wie möglich wieder besuchen.

 

Zu guter Letzt möchte ich noch einen großen Dank an die Karl-Heinz Frenzen Stiftung ausrichten, die mir mein Auslandsjahr mit ermöglicht hat.