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Lebensfreude und Gelassenheit

Johannes, Philippinen, 2012/13, weltwärts

Lebensfreude und Gelassenheit auf den Philippinen

Im Nachhinein betrachtet fühlen sich die 11 Monate, die ich auf den Philippinen gelebt habe, extrem kurz an. Meine Befürchtung, dass es doch eine sehr lange Zeit weit weg von meiner Familie und meinen Freunden ist, war nach den ersten Wochen verflogen und ich hatte ein wirklich tolles Jahr mit einmaligen Erlebnissen, die man eigentlich nicht beschreiben kann, ich versuche es trotzdem. Im Juli 2012 ging meine Reise los.Nach einem 4-tägigen Camp in der Hauptstadt Manila ging es weiter ganz in den Süden der Philippinen, nach Cagayan de Oro City. Dort lebt meine Gastfamilie Ampit und befindet sich mein Projekt bei der Organisation ‚Gawad Kalinga‘ (= „sich kümmern“).

Land und Leute auf den Philippinen

Natürlich ist am Anfang erst einmal alles neu, ungewohnt und spannend. Die philippinische Mentalität unterscheidet sich in vielen Dingen sehr stark von der deutschen und es braucht eine gewisse Zeit, sich einzuleben. Viele Situationen, die mich am Anfang verwirrt und auch gestört haben, waren am Ende meines Auslandsjahres normal geworden. Ein Beispiel ist die Gelassenheit und Langsamkeit, mit der Filipinos arbeiten, essen, Auto fahren, zur Schule gehen und auch Probleme lösen. In Deutschland nimmt man viele dieser Dinge sehr viel ernster und es wird ganz anders mit Zeit umgegangen. „Zeit ist Geld“ gibt es auf den Philippinen nicht.

Nach einer gewissen Zeit habe ich all dies besser verstanden und angenommen. Ich muss zugeben, dass es mir jetzt nach dem Jahr schwer fällt, mich wieder an das hektische Deutschland anzupassen, und ich glaube, ich bin im Allgemeinen gelassener geworden. Eine weitere Sache, die mich überrascht hat, ist die extreme Gastfreundschaft und Lebensfreude der Filipinos. Ob arm oder reich, man sieht kaum jemanden traurig oder alleine. Es ist immer etwas los. An jeder Ecke läuft Musik und überall sind spielende Kinder und lachende Menschen, egal wohin man kommt. Besonders überrascht hat mich auch, wie einfach man in das Leben auf den Philippinen aufgenommen wird. Insbesondere meine Gastfamilie hat es mir sehr leicht gemacht, mich als Teil der Familie zu fühlen, und hat von Anfang an viel mit mir unternommen.

Ein Projekt – Viele Einsatzmöglichkeiten

Das Arbeiten in meinem Projekt lief etwas schleppend an. Ich musste öfters nachfragen bis ein Termin feststand und in dem ersten Monat gab es wenig zu tun. Aber mit etwas Eigeninitiative konnte ich ab dem 2. Monat 5 Tage in der Woche in einer Grundschule von ‚Gawad Kalinga‘ arbeiten. Es hat Spaß gemacht, mit den Kindern zu arbeiten, und manche sind mir zum Ende richtig ans Herz gewachsen, auch wenn einige doch sehr wild und laut im Klassenzimmer waren. Den Unterricht habe ich gemeinsam mit einer Lehrerin gestaltet und habe sie so gut es geht unterstützt. Das heißt, zum größten Teil habe ich mit den Kindern gebetet, gesungen und ihnen bei schriftlichen Aufgaben geholfen.

Etwas enttäuscht war ich von den ‚House Building‘-Aktionen. Dies ist eigentlich die Hauptbeschäftigung von Gawad Kalinga. Sie bauen Häuser für Obdachlose und Menschen, die z.B. durch eine Flutkatastrophe ihr Haus verloren haben. Leider konnte ich bei diesem Projekt nur an 3 Wochenenden mithelfen, was mir aber immer großen Spaß gemacht hat. Doch die Organisation von so etwas war leider immer etwas schwer.

Mein eigenes Sportprojekt

Am besten war ein Sportprojekt, was ich mit der Erlaubnis von Gawad Kalinga in einer Schule außerhalb der Stadt durchführen konnte. Mit weiteren AFS Austauschschülern aus Belgien und Indonesien haben wir Spenden gesammelt und Sportgeräte davon gekauft. Zusammen haben wir ein Sportfest in der Schule veranstaltet und mit den Kindern die neuen Sachen für den Sportunterricht ausprobiert. Ich habe noch nie so viele lachende Kinder auf einen Haufen gesehen und der Tag war wirklich lustig. Es war eine super Erfahrung, so etwas zu organisieren.

Familienleben auf philippinisch – Zwei Seiten kennenlernen

Ich habe mich von Anfang an willkommen gefühlt in meiner Gastfamilie. Die Eltern sind „typisch“ philippinisch: die Mutter sehr fürsorglich und liebenswert und der Vater immer am Witze machen und ein großer Basketballfan. Ich konnte mit ihnen über alles reden, auch wenn es Probleme gab, und wir hatten einen wirklich guten Draht zueinander, insbesondere zum Ende meines Jahres dort. Der Abschied fiel mir sehr schwer, besonders von meinen 3 Gastgeschwistern. Wir hatten viel Spaß zusammen. Mit der ältesten Tochter (17) habe ich viel bei Gawad Kalinga unternommen und Angeline (11) habe ich Schwimmen beigebracht und mit ihr Basketball gespielt. Auch mit dem 15-Jährigen Bruder habe ich zu Anfang viel unternommen.

Reisen in eine andere Welt

Ein großes Highlight waren die zahlreichen Reisen mit meiner Familie. Sie nahmen mich mit nach Singapur, Malaysia, Thailand und Kambodscha. Das waren Reisen in eine andere Welt und super spannend. Ich bin meiner Familie unendlich dankbar dafür. Natürlich kann sich nicht jeder Filipino solche Reisen leisten. Meine Familie gehörte zu den besser gestellten Familien der Stadt, was mir manchmal etwas unangenehm war. Der Unterschied zwischen den Kindern, die ich unterrichtet habe (zum Teil Straßenkinder), und meiner Familie war doch sehr krass, viel größer als er in Deutschland zwischen arm und reich besteht. Das hat mir viel zu Denken gegeben.

Sehr schön war deshalb auch die Erfahrung, die ich in meiner anderen Gastfamilie sammeln durfte. Ich habe für eine Woche bei einer Familie gelebt, die von Gawad Kalinga ein Haus bekommen hat. Mein Koordinator hatte mir dies vorgeschlagen und es war eine der besten Zeiten meines Jahres. Die Familie lebt sehr bescheiden in einem 2-Zimmer-Haus in einem sehr bunten Dorf außerhalb der Stadt. Morgens konnte ich den Vater bei seiner Arbeit begleiten, er erntet Kokosnusswein und ist Motorrad-Taxifahrer, ganz anders als mein normaler Gastvater, der Geschäftsmann ist. Wieder einmal war die philippinische Gastfreundschaft in dem Dorf einmalig und wir haben viel zusammen gelacht, obwohl wir uns gerade erst kennengelernt hatten.

Betreuung durch AFS

Die Betreuung durch AFS Cagayan de Oro war sehr gut. Zwischendurch haben wir mit den Freiwilligen und den Austauschschülern aus Belgien und Indonesien kleine Ausflüge gemacht. Probleme konnten wir in den monatlichen Treffen besprechen, die getrennt für die Schüler und die Gasteltern stattfanden. Es war sehr wichtig, manchmal über Probleme innerhalb der Gastfamilien zu reden. Das konnte man am besten in dieser Gruppe tun. Kontakt mit AFS Deutschland hatte ich fast gar nicht, war auch nicht nötig denke ich.

Sprache und Kommunikation

Es war leicht, sich auf Englisch zu verständigen, insbesondere mit meiner Gastfamilie. Alle drei Kinder besuchen sehr gute Schulen und ihr Englisch ist zum Teil besser als meins. Auch wenn man auf Reisen oder zum Einkaufen ging, war die Sprache kein Problem. Anders war es allerdings in meinem Projekt oder im Gawad Kalinga Dorf. Die ärmeren Menschen können nur sehr wenig Englisch und dort habe ich mich so gut es ging auf Visayan verständigt, dem Dialekt im Süden der Philippinen. Beigebracht hat mir dies zum größten Teil meine Gastfamilie, aber auch durch das ständige Hören und Sprechen in der Schule habe ich viel gelernt. Zum Ende meines Aufenthalts klappte es schon echt gut mit dem Verstehen und es hat immer Spaß gemacht, so viel wie möglich zu sprechen, da es ungewöhnlich für einen Ausländer ist, den Dialekt zu sprechen. Es gab viele witzige Situationen mit erstaunten Menschen.

Entwicklungspolitik hautnah erleben

Über Entwicklungspolitik habe ich gelernt, dass gemeinsames Lernen über Kulturgrenzen hinweg viel Spaß machen kann und man seinen Horizont viel besser erweitern kann, wenn ganz unterschiedliche Menschen aufeinandertreffen. Ich habe Erfahrungen und Geschichten mit so vielen neuen Freunden ausgetauscht, die auch untereinander verschieden sind. Außerdem habe ich viel von meinem Projekt Gawad Kalinga gelernt. Die Menschen, die dort als Freiwillige Arbeiten, tun dies mit einer riesigen Freude und haben unheimlichen Spaß daran, ihren Mitmenschen zu helfen. Diese Erfahrungen und natürlich die Erinnerungen an meine philippinische Familie und meine philippinischen Freunde möchte ich versuchen mit nach Hause zu nehmen.