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Czas leci szybko - Die Zeit fliegt schnell

Manuel, Polen, 2007/08, FSJ

Czas leci szybko - Die Zeit fliegt schnell

Fast ein ganzes Jahr in Polen liegt hinter mir. Hier nun mein Abschlussbericht, den ich mit einem etwas seltsamen Gefühl im Bauch schon wieder in Deutschland sitzend schreibe.

Czas leci szybko - Die Zeit fliegt schnell

Die zweite Hälfte meines FSJs verging, eigentlich wie von mir erwartet, wie im Flug. Ich war mir zwar ständig bewusst, dass die Zeit davon rennen würde, doch das Ende kam dann doch irgendwie plötzlich. Nun freue ich mich zwar auch, wieder in Deutschland zu sein, aber es gab einfach noch vieles, was ich noch hätte machen, sehen oder erledigen wollen. Ein Glück, dass es mich diesmal nicht ans andere Ende der Welt verschlagen hat, denn so kann ich häufig und spontan zurückkehren, in dieses Land und in diese Stadt, die mir so ans Herz gewachsen sind.

Der Winter

Den Winter über arbeitete ich noch hauptsächlich im Büro und alles schien etwas langsam vonstatten zu gehen – winterlich eben. Abwechslung gab es aber dennoch: Für etwa zwei Monate ging ich mittwochs nicht zur regulären Arbeit, sondern besuchte stattdessen einen in Krakau lebenden ehemaligen KZ-Häftling namens Pan Antoni. Diese Besuche machte ich im Rahmen der Arbeit des Maximilian-Kolbe-Werkes in Polen, für das auch meine deutschen Mitbewohner in Krakau arbeiteten. Die Treffen mit Pan Antoni waren schön, interessant und anstrengend. Da es ihm, angesichts seines beträchtlichen Alters von fast 90 Jahren gesundheitlich noch relativ gut ging und er mir verbot für ihn zu „arbeiten“, er andererseits aber auch nicht mehr spazieren gehen wollte bzw. konnte, saßen wir meist nur da, tranken Tee (ab und zu auch mit einem Schuss Rum) und unterhielten uns (manchmal schwiegen wir auch). Er erzählte viel von Auschwitz und den anderen Lagern, in denen er als junger Mann gefangen gehalten worden war. Auf so viel Offenheit war ich nicht vorbereitet gewesen, empfand die Gespräche dann aber als sehr wertvoll. In dieser Zeit ärgerte ich mich dann zum ersten Mal, nicht fleißiger Polnisch gelernt zu habe. So einige Details seiner Erzählungen habe ich wohl verpasst.

Projekte, Seminare, Endspurt

Mit dem Sommer kamen auch die Projekte. Ein ganz besonders schönes und lehrreiches Ereignis war das EFIL-/AFS-Seminar „Stop UnderEASTimation“ in Nečtiny, Tschechien. Als Teil einer sehr internationalen und bunten Gruppe von AFS-Freiwilligen und Hauptamtlichen arbeitete ich mit an Lösungsansätzen und Zukunftsplänen für das Problem des geringen Interesses von Austauschschülern an osteuropäischen Ländern. Der Spaß kam dabei nicht zu kurz und rückblickend muss ich sagen, dass ich selten im Leben eine so motivierte, intelligente und harmonierende Gruppe an jungen Leuten kennen gelernt habe. Selbst für AFS-Verhältnisse war das etwas ganz Besonderes. Zurück in Polen ging es dann weiter mit der AFS-Arbeit, denn das End of Stay-Seminar für die deutschen Gastschüler in Polen stand an. Unsere fünf Mädchen wurden von Basia, einer polnischen Freiwilligen, Dorota, einer Fundacja-Hauptamtlichen und mir betreut. Zusammen verbrachten wir vier interessante und schöne Tage. Wir unternahmen einen Ausflug in die Hohe Tatra, redeten viel über Abschiedsfeten und -geschenke und ließen natürlich auch den berühmt berüchtigten Re-Entry Shock nicht außen vor.

Zurück in Krakau ging es weiter mit einem historischen Projekt namens „Wenn das einzige Nest die Flügel sind“, welches mich schon in den Monaten davor beschäftigt hatte. Im Januar war ich mit einer Kollegin in Berlin gewesen, um die Gelder für das Projekt bei der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ zu beantragen und im April hatte wir das Berufsbildungswerk in Waiblingen für ein Vorbereitungstreffen besucht. Das Ziel des Projektes war die gemeinsame Arbeit an historischen Themen mit polnischen und deutschen Schülern. Ein Höhepunkt der Woche waren sicherlich die Begegnungen mit ehemaligen KZ-Häftlingen, die im Rahmen von Zeitzeugengesprächen von ihren Erfahrungen berichteten.

Die Reaktionen der Schüler beider Länder zeigten ganz deutlich, dass das Projekt tatsächlich etwas bewirkte und bei ihnen Spuren hinterließ. Auch, dass mir viele deutsche Schüler am Ende berichteten, wie schwer ihnen der Abschied fiel, und dass sie sich nicht hätten vorstellen können, sich so mit den polnischen Schülern anzufreunden, zeigte mir, dass internationale Projekte wie dieses unschätzbar wertvoll sind und das Potential haben, rassistische Denkmuster im Keim zu ersticken. (Als Schüler einer Sonderberufsschule waren Teile der deutschen Gruppe, zumindest vor dem Projekt, etwas vorurteilsbehaftet und einseitig in ihren Ansichten.)

Als letztes großes Projekt vor meiner Heimreise nach Deutschland stand, nach einer kurzen Verschnaufpause, noch ein zweiwöchiger deutsch-polnischer Tandemsprachkurs an, welchen die Fundacja in Zusammenarbeit mit dem deutsch-polnischen Jugendwerk organisiert hatte. Ein nicht ganz ausgewogenes Verhältnis deutscher und polnischer Teilnehmer führte dazu, dass ich nicht nur als Freiwilliger der Stiftung mit anpackte, organisierte, Energizer veranstaltete und das jeweilige Tagesprogramm vorstellte, sondern auch als regulärer Teilnehmer am Sprachunterricht und den Tandemeinheiten (gemeinsames Lernen in deutsch-polnischen Kleingruppen) teilnahm. So hatte ich Gelegenheit, mich auch am Ende des Jahres noch einmal aktiv mit der polnischen Sprache zu befassen, denn der Sprachkurs, den ich das Jahr über wöchentlich besucht hatte, war aufgrund der Ferienzeit schon abgeschlossen. Die Teilnehmer des Tandemsprachkurses waren in jeder Hinsicht bunt gemischt, aber entgegen meinen anfänglichen Bedenknissen entstand eine positive und entspannte Gruppenatmosphäre. Das Projekt war für mich ein wirklich gelungener Abschluss meines Freiwilligen Sozialen Jahres.

Rückblick

War mein Jahr in Polen ein Erfolg? Ja. Hätte ich noch mehr draus machen können? Auch ja.

Beispiel Sprache: Mit meinen Fähigkeiten auf polnisch zu kommunizieren und dem mir bescheinigten Sprachlevel „B2“ bin ich durchaus zufrieden, wohlwissend dass ich mit etwas mehr Fleiß und Engagement wesentlich größere Schritte hätte machen können. Dafür kann ich auch nicht meine deutschen Mitbewohner verantwortlich machen, die mich dadurch, dass sie mir zu echten Freunden geworden sind, vom Polnisch-Sprechen abgehalten haben.

Beispiel Kultur: In Polens „Kulturhauptstadt“ wohnend, hatten wir ständig vor, die vielen erstklassigen Angebote der Stadt wahrzunehmen. Wir wollten Konzerte und Festivals besuchen, uns Museen anschauen und ins Theater zu gehen. Hin und wieder klappte das auch. Der Großteil unserer Freizeit spielte sich dann aber doch in Kino, Kneipe oder ganz einfach zu Hause in der WG ab. Das sind wohl die normalen Nebenwirkungen des Alltags und wenn ich Krakau in Zukunft als „Tourist“ (das Wort hat so einen scheußlichen Beigeschmack) besuchen werde, dann werde ich das Kulturprogramm bestimmt intensiver wahrnehmen als bisher.

Ich habe auch nicht das Gefühl, die polnische Kultur und die Polen als Menschen richtig kennen gelernt zu haben. Gründe hierfür mögen sein, dass ich eben nicht in einer Gastfamilie, sondern in einer Wohngemeinschaft gelebt habe, und vielleicht, dass elf Monate selten genug sind, um eine Kultur in ihrer Gänze kennenzulernen. Aufgrund der geographischen und der persönlichen Nähe zu Polen (mein Vater ist gebürtiger Pole) habe ich aber nicht das Gefühl hier meine große Chance verpasst zu haben, oder mich jetzt besonders beeilen zu müssen. Vielmehr freue ich mich darauf, Polen, die Polen und die polnische Sprache auch in Zukunft weiter kennenzulernen und „in Kontakt zu bleiben“. Polen ist ein, in meinen Augen, wahnsinnig spannendes Land. Es hat eine unglaublich interessante, größtenteils tragische, Geschichte und entwickelt sich heute in vieler Hinsicht so schnell, dass man die Veränderungen im Grunde live beobachten kann. Die viel gerühmte polnische Gastfreundschaft gibt es wirklich, genauso wie das Gentleman-Tum und die deftige Küche. Die Polen sind sehr offen und tolerant, lassen sich ihre Traditionen und ihren Glauben aber nicht nehmen. In vieler Hinsicht finde ich die polnische Sicht aufʻs Leben entspannter als die deutsche, andererseits gibt es auch Teile der deutschen Mentalität, die ich in Polen vermisse. Eines Tages wieder in Polen zu leben kann ich mir sehr gut vorstellen, aber nun stehen erstmal andere Länder, andere Pläne und andere Pflichten an.

Danke

Bedanken möchte ich mich noch einmal ganz herzlich bei allen Förderern und Unterstützern, die dieses Jahr für mich möglich gemacht haben. Mit eurer Unterstützung habt ihr mir geholfen, einen Traum wahr werden zu lassen und meinen Horizont ganz wesentlich zu erweitern. Dziękuję serdecznie!