• Kontakt
  • Facebook
  • Twitter
  • Youtube
  • Blogger

Unterricht und Leben auf einer Farmschule

Dennis, Südafrika, Republik, 2012/13, weltwärts

Unterricht und Leben auf einer Farmschule

grüne Landschaft in Südafrika

Seit meinem Freiwilligendienst in Südafrika sind nun schon fast 2 Monate vergangen. Diese Zeit konnte ich nutzen, um mich in Deutschland wieder zurechtzufinden und über meine Erfahrungen in Südafrika reflektieren zu können. Ich muss sagen, dass ich mir für mich persönlich kein besseres Projekt als das an der „Hope Valley Farm School“ in Eston gewünscht haben könnte. Dort verbrachte ich 11 Monate als freiwillige Lehrkraft. Gleich an meinem ersten Tag an der Schule wurde ich in die kombinierte Klasse 4 und 5 gebracht und auf einmal stand ich da, ein 19-jähriger Abiturient ohne großartige Vorkenntnisse, was das Unterrichten von Kindern im Grundschulalter betrifft. Vor mir 13 Kinder, die mich erwartungsvoll anschauten.

Die südafrikanische Geschichte hautnah erleben

Die Hope Valley Farm School wurde 1972 von der Stainbank Familie gegründet, da sie sich der Notwendigkeit einer guten Schulausbildung für die Kinder der Farmarbeiter der familieneigenen und der umliegenden Farmen in Eston, KwaZulu-Natal, bewusst waren. Die Schule wurde bis 2001 gut und erfolgreich geleitet. Als jedoch der damalige Schulleiter, Mr. Njapa, in Rente ging fehlte es an der Schule an Führungsqualitäten, womit auch der Bildungsstandard zu sinken begann. Demnach war es absehbar, dass die Kinder mit schlechten Karten in die High School starten würden.

AFS-Freiwilligendienstler mit einer südafrikanischen Schülergruppe

Nigel Stainbank, der jetzige Farmbesitzer, beschloss, sich aktiver in die Verwaltung der Hope Valley Farm School einzubringen. Die Schule wurde erst vor wenigen Jahren privatisiert. Dies war eine Reaktion auf die schlechte Arbeit, die von den Regierungslehrern geleistet wurde. Da es sich jedoch, wie schon beschrieben, um eine Farmschule für Kinder aus wenig begünstigten Verhältnissen handelt, ist die Finanzierung ein großes Problem. In Südafrika gibt es recht viele Privatschulen, an denen Unsummen an Geldern pro Monat gezahlt werden müssen. An der Hope Valley Farm School betragen die Schulgebühren 50Rand im Monat, also unter 5€. Logischerweise kann von diesem Geld keine Schule finanziert werden.

Unterrichten in KwaZulu-Natal

Die Arbeit war wirklich interessant und herausfordernd zugleich. Vor allem das Motivieren der SchülerInnen stellte sich, neben der Sprachbarriere, als eine der größten Herausforderungen heraus. Viele der Kinder kommen aus Haushalten, in denen in der Vergangenheit Bildung eine stark untergeordnete Rolle spielte. Es fehlte also der richtige Input von zu Hause, weswegen viele Kinder nicht wirklich die Notwendigkeit einer möglichst guten Schulbildung verstanden. Ein Teil meiner Arbeit bestand also auch darin, mir tagtäglich Methoden zu überlegen, wie ich bestmöglich die Kinder motivieren kann, was im Laufe der Zeit auch immer besser gelang. 2013 übernahm ich zusätzlich zu meiner Tätigkeit in der Klasse 4/5 auch noch den Geschichte- und Erdkundeunterricht in der neunten Klasse. Zwar war ich sehr froh darüber, auch einmal mit älteren Kindern zu arbeiten, jedoch handelte es sich hierbei um eine High School Klasse, wodurch der Arbeitsaufwand höher war.

Engagement und Leben in Südafrika

Natürlich war das alles recht viel Arbeit, aber man konnte auch sehen, dass die Arbeit etwas bewirkt. Wenn man es schafft, die SchülerInnen zu motivieren und man sieht, wie sich ihre Testergebnisse und Sprachfertigkeiten verbessern, weiß man, dass sich die Arbeit lohnt. Außerdem wurde mir dadurch nie wirklich langweilig. Ich hatte immer etwas zu tun und das war gut so. Ich habe meine Situation in diesem Projekt so gut genutzt, wie es nur ging. Da es noch eine recht junge Schule war, war auch noch vieles im Umbruch. Somit konnte ich maßgeblich den Schulalltag mitgestalten, was wirklich einmalig ist. In meiner Zeit in Hope Valley habe ich mit den anderen 2 Überseefreiwilligen die Bücherei auf Vordermann gebracht, eine Struktur in den Schulalltag gebracht, das Lehrerzimmer umgebaut, Spendenaktionen für Waisenheime in der näheren Umgebung gestartet und vieles mehr. Dafür habe ich auch bereitwillig viele meiner Wochenenden oder Ferienwochen geopfert, was im Nachhinein die vollkommen richtige Entscheidung war. Ich hatte auch so noch genug Zeit zum Reisen und konnte Dinge an der Schule nachhaltig verbessern.

Arbeiten und Leben in Hope Valley

Außerdem war Hope Valley nicht nur mein Arbeitsplatz, sondern auch mein Zuhause. Hier habe ich mit einem anderen deutschen Freiwilligen zusammengewohnt, habe morgens mit bis zu 8 Freiwilligen gefrühstückt, habe jeden Tag mit diesen Leuten verbracht, die letztendlich meine engsten Vertrauten geworden sind. Die wunderschöne Hügellandschaft rund um die Farm war auch der perfekte Ort um laufen zu gehen, zu entspannen. Ich hatte die Chance, für mich zu sein, mit den Freiwilligen etwas zu unternehmen oder etwas mit den Kindern zu machen. Um es kurz zu machen: Ich hätte mir keinen besseren Ort zum Leben und Arbeiten vorstellen können. Dementsprechend schwer ist es mir auch gefallen nach 11 Monaten diesen tollen Ort, der mich persönlich so stark geprägt hat, zu verlassen.

Einleben in eine neue Kultur

Meine Arbeit in Südafrika hat mich also wirklich beeindruckt und positiv geprägt. Jedoch haben mich auch (oder vor allem) das Land Südafrika und die Menschen dort beeinflusst. Mein erster Schock, als ich in Südafrika gelandet bin, war: „Ich bin auf der Autobahn unterwegs und sehe Leute auf der offenen Ladefläche eines Autos sitzen, wie kann das denn sein?!“ Was wohl die deutsche StVO dazu gesagt hätte. Doch schon sehr früh lernte ich, dass dies neben den Minibustaxis (dem üblichsten öffentlichen Verkehrsmittel Südafrikas) eine sehr beliebte Transportalternative darstellte, welche ich auf der Farm auch des Öfteren in Anspruch nahm. Ein Großteil der Bevölkerung hat keinen Führerschein oder nicht das Geld, um sich ein Auto zu kaufen. Die Ladefläche eines Pick Ups stellte hier eine gute Alternative dar, beispielsweise auch für sehr viele der Farmarbeiter, die tagtäglich aus den umliegenden Dörfern zu uns zur Arbeit kamen.

Ich habe auf der Farm in einer sehr kleinen Gemeinschaft gelebt, die mich von Anfang an herzlich aufgenommen hat. Und auch wenn ich nur mit einem kleinen Bruchteil der Gesamtbevölkerung Südafrikas zusammen gelebt habe, glaube ich doch, dass sich darin viele Charakteristika erkennen lassen. Ich habe viele Menschen kennengelernt, die offen auf mich zugekommen sind, Interesse an mir gezeigt haben und mich integriert haben. Demnach fiel es mir auch nicht sonderlich schwer, mich dort einzuleben und wohl zu fühlen, auch wenn man zeitweise auf gewohnten Luxus verzichten musste (wie zum Beispiel immer sauberes und sofort warmes Wasser zu haben). Die Freundlichkeit, die mir von vielen Menschen entgegengebracht wurde, war anfangs wirklich überwältigend. Wenn man jemanden traf, wurde selbstverständlich gegrüßt und nach dem Befinden gefragt. Als ich zurück nach Deutschland zurück gekommen bin, habe ich versucht, dieses Verhalten beizubehalten. Jedoch waren die Reaktionen von Kassiererinnen oder Busnachbarn nur sehr selten positiv, wenn ich sie ansprach mit „Hallo, wie geht es Ihnen?“. Was mich auch wirklich beeindruckte war das Gemeinschaftsgefühl, dass ich kennenlernen durfte. „Sharing is caring“ ist eine Verhaltensweise, die ich wirklich zu schätzen gelernt habe und auch immer noch in Deutschland aktiv betreibe. Teilen wird in Südafrika großgeschrieben.

Mix aus Tradition und Moderne

Am interessantesten fand ich jedoch den Mix aus westlichem Einfluss und Tradition, den ich dort erlebt habe. Was Kleidung und Musik betrifft, findet man nicht allzu große Unterschiede bei Jugendlichen aus Südafrika, den USA oder Deutschland. Trotzdem scheint die Kultur noch stark in den Menschen verankert zu sein. So haben nahezu alle Kinder an der Hope Valley Farm School Narben in ihren Gesichtern. Wie ich erfuhr, handelt es sich hierbei um Stammesmerkmale. Eine bestimmte Narbenkombination steht dementsprechend für eine bestimmte Stammeszugehörigkeit. Auch Feste und Geburtstage werden noch sehr traditionell begangen. Da ich bei Zulus gelebt habe, war hier der traditionelle Zulu-Tanz samt Gesang immer vorne mit dabei.

Hoffnung und Zuversicht durch Religion

Viele Menschen sind auch sehr religiös. Für mich stellte die Kirche die beste Gelegenheit dar, um neue Leute kennenzulernen. Es ist wirklich beeindruckend zu erleben, wie sehr Menschen in ihrem Glauben aufgehen können und wie viel Hoffnung und Zuversicht sie dadurch gewinnen. Auch hier zeigte sich einmal wieder die Freundlichkeit der Menschen, da der Gottesdienst, der normalerweise nur auf Isizulu gehalten wird, speziell für mich und eine andere Freiwillige noch auf Englisch übersetzt wurde, damit wir teilhaben konnten (und nebenbei noch unsere Sprachkenntnisse verbessert konnten).

Auseinandersetzung mit dem Land voller Gegensätze

Eine Wiese mit Bäumen in Südafrika

Südafrika wird oft auch als Land der Gegensätze bezeichnet – Armut und Reichtum direkt nebeneinander. Dies ist meiner Meinung nach auch tatsächlich der Fall. Ein Teil der Bevölkerung profitiert enorm vom wirtschaftlichen Aufschwung des Landes und lebt in gut gepflegten Vororten, die mit einer Neubausiedlung in Deutschland konkurrieren können. Ein Großteil der Bevölkerung sieht von diesem Aufschwung jedoch nicht viel und lebt in ärmeren Verhältnissen. Auf der Farm habe ich das sehr gut mitbekommen. Die Farmbesitzer haben ein wunderbares Haus und führen ein gutes Leben, wobei gleich hinterm Garten die Hütten der Farmarbeiter stehen. Dies soll jetzt nicht als Angriff auf die Farmbesitzer gedeutet werden. Nigel und Trish Stainbank sind meiner Meinung nach das komplette Gegenteil, sie sind wirklich außergewöhnliche Menschen. Sie haben die Nöte der Farmarbeiter und ihrer Kindern erkannt und geben ihr Bestes, um etwas dagegen zu tun. Sie haben eine Schule gegründet, die benachteiligten Kindern eine Chance auf eine bessere Zukunft bietet und haben dies zu einem extrem zeitaufwendigen Lebensziel ausgebaut, wofür sie meinen höchsten Respekt haben.

Streben nach Gleichberechtigung

Ich denke, dass nach und nach ein Wandel in der Denkweise vieler Südafrikaner stattfindet. Die Menschen werden sich immer mehr der Tatsache bewusst, dass soziale Ungerechtigkeit immer noch eines der größten Probleme des Landes ist und dass dagegen etwas unternommen werden muss. Zweifelsohne ist es heutzutage immer noch so, dass ein Großteil der schwarzen Bevölkerung immer noch benachteiligt ist. Jedoch muss man sich vor Augen führen, dass die Zeit der Apartheid noch nicht weit zurückliegt. Und ein Wechsel im Staat, Politik und Gesellschaft braucht nun einmal seine Zeit. Die Abschaffung der Apartheid war sicherlich ein Meilenstein im Streben nach Gleichberechtigung, es steht jedoch noch viel Arbeit vor dem Land, bis es dieses Ziel erreicht.

Südafrika als Land ist bisher das Schönste, das ich kennenlernen durfte. Ich habe in KwaZulu Natal gelebt, der grünsten Provinz Südafrikas, von Zuckerrohrfeldern umgeben. Ich habe in dieser Zeit das ländliche Leben in einer kleinen, familiären Gemeinschaft schätzen und lieben gelernt. Auf meinen Reisen habe ich auch das Südafrika mit dem unglaublichen Naturerbe kennengelernt, den Natur- und Wildreservaten, den wunderschönen Drakensbergen, den weiten Landschaften, dem wunderbaren indischen Ozean, den boomenden Metropolen wie Johannesburg. Das Land bietet so viele verschiedene Facetten, sodass man das Land in jedem Ort neu und aufregend erlebt.

Was habe ich mit meinem entwicklungspolitischen Freiwilligendienst erreicht?

Es war von vornherein klar, dass ich als frischgebackener Abiturient keine wirkliche Entwicklungszusammenarbeit leisten kann. Ich habe jedoch versucht, meine Sicht der Dinge mit anderen Menschen zu teilen, und ihre Ansichten zu hören, zu verstehen und eventuell auch zu verinnerlichen. Ich habe in den 11 Monaten in Südafrika viel über mich selbst, meine Stärken und meine Grenzen gelernt. Außerdem habe ich viel von der Kultur mitgenommen, in der ich gelebt habe, und habe meine eigene Kultur mit ihnen geteilt, um ein besseres gegenseitiges Verständnis zu schaffen und Vorurteile aus dem Weg zu räumen.

Abschließend noch vielen Dank an das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, ohne das ich meinen Aufenthalt in Südafrika niemals hätte realisieren können. Und natürlich auch vielen Dank an AFS, vor allem für die gute Vorbereitung. Ich persönlich kann mir nicht wirklich ein Urteil schaffen über die Betreuung von AFS im Ausland, da ich keinerlei Probleme mit Projekt oder Unterkunft gehabt hätte, die ich nicht selbst oder mit Hilfe meiner wunderbaren Mitfreiwilligen hätte lösen können. Obwohl, vielleicht spricht das auch für die gute Projektvergabe von AFS, da ich mit Hope Valley ein Projekt bekommen habe, in dem ich mich und meine Talente perfekt entfalten konnte, unglaubliche Menschen kennengelernt und sehr viel dazu gelernt habe.

Persönliche Entwicklung

Das weltwärts-Jahr hat für meine persönliche Entwicklung eine extrem wichtige Rolle gespielt, das Jahr war wirklich sehr positiv bereichernd. Ich denke, dass jeder Rückkehrer ein Stück weit auch Botschafter vom weltwärts-Programm ist. Ich werde also weiterhin interessierten Leuten von meinen Erfahrungen im Ausland berichten und ihnen das weltwärts-Programm empfehlen. Ich werde auch weiterhin mit Hope Valley in Kontakt bleiben, da mir dieser Ort wirklich ans Herz gewachsen ist und ich weiterhin Teil der Schule sein möchte, auch wenn dies vorerst nur darin besteht, mit den anderen Freiwilligen in Kontakt zu bleiben, ihnen hilfreiche Tipps zu geben und zu versuchen, die Schule durch Spendenaktionen weiterhin zu unterstützen.