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Der Schnee ist die Kuchenglausur des Landes

Sarah, Russische Föderation, 2009/10,

Der Schnee ist die Kuchenglausur des Landes

“Es ist kalt. Richtig kalt. Saukalt, verstehst du?!” “Warum um alles in der Welt würdest du ein Jahr dahin gehen wollen?” “Schickst du mir ne Flasche Wodka?” “Wie willst du das mit der Schule regeln?” “Das ist keine Sprache, das ist eine Halskrankheit! Wie willst du das denn in einem Jahr lernen?”

Warum Russland?

…und so weiter! Dies, in Kombination von Verwunderung/Unverständnis/Entsetzen/Erstaunen geweiteten Augen, sind meine Erinnerungen an die Reaktionen die ich bekomme habe, wenn in einem Gespräch das Thema aufkam, wo ich mein nächstes Jahr verbringen werde. Die immer wiederkehrende Frage ist selbstverständlich „Warum Russland?“. Selbst hier bin ich sie noch tausende Male gefragt worden, und bekomme sie auch jetzt noch praktisch wöchentlich gestellt. Und was ist die beste, ultimative Antwort, die ich mir erdacht habe nachdem ich ein halbes Jahr hier gelebt und unzählige Male alleine oder mit den andern Austauschülern darüber philosophiert habe? „Warum nicht!“ Es war irgendetwas dort, was uns fasziniert hat, und sich bis jetzt noch nicht in Worte fassen ließ. Die große Mutter Russland hat uns gerufen und in ihr Haus aufgenommen. Wir, ein Teil von uns, ist jetzt hier zu Hause.

Ich erinnere mich außerdem noch daran, wie ich auf der Seite von AFS zum ersten Mal den kurzen „Steckbrief“ von Russland gelesen habe: „Russland ist das größte Land der Welt. Auf einem Quadratkilometer leben 8,5 Menschen.“. 8,5 Menschen. Das ist mir im Kopf hängen geblieben. So unwahrscheinlich viel Platz. Mir fuhren leichte Schauer den Rücken hinunter, wenn ich daran dachte, dass wenn ich nur weit genug laufe, ich irgendwo stehen könnte wo vorher noch nie jemand stand. Im russischen Winter ein kleines, eigenes Stück verschneites Nirgendwo entdecken. Für jemanden wie mich, der in Räumen mit niedriger Decke und wenig Licht wahnsinnig wird, ist so viel Platz, so unglaublich VIEL Platz natürlich eine unbeschreibliche Verlockung. Und Russland hat gehalten was es verspricht. Während meiner längsten Zugfahrt bis jetzt (von Kirov nach Jekaterinburg, fünfzehn Stunden – natürlich im Schlafabteil) konnte man stundenlang einzig und allein den weißen Horizont, schneebedeckte Hügel, Bäume und wahrscheinlich auch das Ende der Welt vorbeiziehen sehen.

Verzaubernde Schneelandschaft

Den kniehohen Schnee, der uns zum ersten Mal Ende Oktober besucht hat, habe ich natürlich nicht nur aus der Ferne bestaunt. Als wagemutige Entdecker sind wir Austauschüler durch die knietiefe Masse gestapft, haben eine Armee von Schneeengeln hinterlassen, Saltos geschlagen und sind sogar wieder zu kleinen Kindern geworden und durch sie auf allen Vieren gerast, nur um zu sehen wer es schneller kann. Im Allgemeinen ist der russische Schnee so verzaubernd, man muss praktisch wieder zum Kleinkind werden. Der Schnee ist wirklich die Kuchenglasur des ganzen Landes. Obwohl wir uns doch nun nach vier Monaten im Winterwunderland alle einig sind, dass es jetzt doch langsam tauen könnte. Aber selbst die Temperaturen zwischen null und minus vier Grad, die momentan bei uns herrschen, lassen uns schon alle in Jubel und Frühlingsstimmung ausbrechen.

Alles, was weniger als 500 Kilometer entfernt ist, liegt praktisch in der Nachbarschaft

Abgesehen von dem Schnee, gibt es noch andere signifikante Dinge in Russland. Mich. Gut, das klang jetzt völlig narzisstisch und selbstverliebt. Was ich natürlich meinte war: die Art und Weise in der mich dieses vollkommen verrückte Land (zum Guten) verändert hat. Viele Punkte währen da zu nennen: die Art, in der ich mit mir selbst umgehe, meine Einschätzung von dem was „weit weg“ ist und was „nah“, die selbstverständliche Voraussetzung gewisser Annehmlichkeiten, die Art wie ich mit anderen umgehe, die Fähigkeit sich an unmenschliche Temperaturen anzupassen, mehr Selbstständigkeit, ein komplettes Umdenken über meine Zukunft Über alle diese Veränderungen kann ich lange sprechen. Manche sind einfach Teil meiner Anpassung an das Leben hier gewesen. So habe ich zum Beispiel die russische Denkweise „Alles, was weniger als 500 Kilometer entfernt ist, liegt praktisch in der Nachbarschaft“ übernommen und sehe eine Zwölfstundenfahrt im Zug nicht mehr als Wahnsinn an. Außerdem kommt mir Deutschland einfach nur lächerlich klein vor, und wie konnte ich überhaupt jemals denken das irgendetwas innerhalb Deutschlands „weit weg“ ist. Sechs Stunden Zugfahrt nach Berlin? Ein Wimpernschlag. Nur die 7 Tage Reisezeit von Moskau nach Wladiwostok scheint mir doch noch etwas ungemütlich, aber wie alle Austauschüler träumte ich davon, auch diese Spinnerei irgendwann nochmal mitzumachen. Sieben Tage im Zug… oh Gospardin, bohje moi! (= Oh Herrje, mein Gott!)

Dann gibt es auch noch die Anpassung ans Wetter. Ich erinnere mich an den Morgen meines ersten minus 30 Tages. Meine Gastmutter kam an mein Bett und meinte: „Zieh alles an was du hast, es ist KALT heute!“ Leider habe ich sie nicht richtig verstanden und dachte zuerst, es wären -13,2° Grad draußen, bis mir nach einem Blick aufs Thermometer erschrocken klar wurde dass sie von -32° Grad gesprochen hatte. Nachdem ich mich in Kleidungsschichten eingewickelt hatte und fast bewegungsunfähig war, wagte ich mit meiner Gastschwester den ersten Schritt vor die Tür. „Ok,“ dachte ich mir, „ruhig bleiben und tief durchatmen…“ und fing an zu husten und keuchen.“ Atme durch die Nase!“, empfiehl mir meine Schwester. Ich glaube es gibt kaum ein merkwürdigeres Gefühl als das Einfrieren der Nasenschleimhäute. Die nächsten zwei Wochen verbrachte ich draußen mit dem Schal vorm Gesicht, bis ich mich an das Irrsinnswetter gewöhnt hatte.

Aber das waren ja bloß die physikalischen Anpassungen. Die psychischen sind die, die den Aufenthalt in einem andern Land interessant machen. Es fängt damit an, wie einem die Leute begegnen. In Deutschland begegnet man Leuten die man nicht kennt freundlich, aber reserviert. Immer. Russland ist in dieser Beziehung erfrischend bipolar. Ein Fußgänger auf der Straße, der Kellner im Café, die Verkäuferin, Kassiererin, etc., solange diese Leute einen nicht anschreien, weiß man, dass man alles gut gemacht hast. Sollte man aus Gewohnheit auf der Straße einem fremden ein Lächeln schenken, wird man durch hochgezogene Augenbrauen oder die gleichbleibende grimmige Mine schnell wieder daran erinnert werden, dass diese Person jetzt vermutet man wäre schwachsinnig bzw. dass man dies hier als Zeichen von Schwäche ansieht. Und sollte irgendjemand, den man nicht kennt einen schlechten Tag haben und man ihm dann aus Versehen in irgendeiner Art und Weiße auf die Füße treten… dann bekommt man das Gefühl, man wäre persönlich für das Elend dieser Person verantwortlich. Allen voran die Kondukteure im Bus (man muss im Bus bei ihnen bezahlen, weil es keine Ticketautomaten gibt). Jede/r Austauschüler/in kann mindestens eine furchtbare Geschichte, die eine Konfrontation mit eben diesen beinhaltet, erzählen.

Essen

Andererseits jedoch kann man Leute besuchen, die man in seinem ganzen Leben noch nie gesehen hat (oder umgekehrt) und wird aufgenommen wie die lang verlorene Tochter. „Tee?“ Aber sicher doch. Russischer Tee deckt etwa 70% des täglichen Kalorienbedarfs eines erwachsenen Mannes. „Wie viele Stücke hättest du denn gerne dazu?“ „Ach egal, ich nehm gleich das Ganze!“ Und obendrauf dann noch ein Sortiment aller möglichen Naschereien, und wo wir schon dabei sind, kippen wir doch einfach den Kühlschrank über dem Esstisch aus. Es steht keiner auf solange er noch dazu in der Lage ist! Es geht soweit, dass ich mich bis heute noch manchmal unwohl fühle, wenn meine Gastmutter mir so viel Essen macht, dass ich beinahe am Küchentisch ohnmächtig werde, oder das ich mittlerweile zum Essen mindestens eine volle Stunde einplane.

Am allerwichtigsten fand ich jedoch wie sich meine Einstellung gegenüber anderen und mir selbst verändert hat. Am Anfang war ich hier natürlich sehr offen und alles andere als schüchtern. Natürlich, in einem Land wo einen zu Anfang niemand kennt, es keinen gibt, mit dem man schon gemeinsam zur Grundschule gegangen ist und überhaupt keine Leute, die Phasen im eigenen Leben gesehen haben, die man selbst gerne vergessen würde, bewegt man sich erst einmal viel unbeschwerter und freier. Mittlerweile bin ich zwar wieder etwas schüchterner geworden, aber ich bin kaum noch so furchtbar unsicher wie noch im letzten Jahr. Der Unterschied ist zwar für Leute die mich kennen schwer zu sehen, aber früher konnte ich jede noch so kleine Bemerkung stunden- oder sogar tagelang analysieren und mich von ihr in den Wahnsinn treiben lassen. Mittlerweile interessiert mich nur noch, was meine Freunde sagen, und auch das muss nicht mehr ewig analysiert werden.

Meine Zeitwahrnehmung hat sich geändert

Ein anderer Faktor ist die viele Zeit, die man in der neuen Umgebung alleine oder besser gesagt „mit sich selbst“ verbringt. Habe ich mich sonst schon nach mindestens einer Stunde gelangweilt und angefangen die Wände hochzulaufen, genieße ich es jetzt doch von Zeit zu Zeit „allein“ zu sein. So ungern ich auch momentan nach Hause gehen möchte, ich weiß, dass sich dort wahrscheinlich vieles bessern wird. Ich habe zwar eine noch ungeringere Vorstellung meiner Zukunft, aber das kümmert mich auch noch viel, viel weniger als zuvor.

Zum Ende noch eine Sache: ich habe bevor ich abgereist bin an einer Studie über nationale Identität teilgenommen, deren Fragen ich in der Mitte des Jahres noch einmal beantworten musste. Eine Frage war „Wie fühlst du dich mit Deutschland verbunden?“ Vor meiner Abreise habe ich „Ich fühle mich nicht mit Deutschland verbunden.“ und beim letzten Mal „Weil mein Herz dort hängt.“ Gewählt. Obwohl mir das Konzept von Nationalität lächerlicher erscheint als zuvor, habe ich gelernt meine Heimat zu lieben.