AFS-Erfahrungsbericht Schüleraustausch Russland

Es fühlt sich an, als hätte ich schon mein ganzes Leben hier verbracht

Jacqueline, Russland, 2014, Schuljahr im Ausland mit Bürgerstiftung Leverkusen-Stipendium

Die Hälfte meines Austauschjahrs ist schon vorbei. Ich weiß nicht, wie ich es einschätzen soll, ob es schnell vorbeiging oder auch nicht. Es fühlt sich an als hätte ich schon mein ganzes Leben hier verbracht. Alles, was am Anfang für mich neu war, fühlt sich jetzt „normal“ an. Ich denke, ich fange einfach an zu erzählen, wie es hier ist.

Warum im Austauschjahr nach Russland?

„Warum Russland?“ Das ist die Frage, die mir immer wiedergestellt wird. Selbst hier in Russland wird sie mir unablässig gestellt. Es ist irgendetwas an dem Land, was mich fasziniert hat, aber sich bis jetzt noch nicht in Worte fassen lässt. Irgendwas hat mich dahin gezogen. Ich hatte einfach nur diesen einen Wunsch auf meinen Wunschzettel „Russland!“.
 
Ich konnte es bis zum letzten Tag in Deutschland nicht begreifen, dass ich wirklich für ein Jahr weggehe und habe die ganze Zeit überlegt, ob ich nicht doch nicht etwas vergessen habe. Man darf schließlich nur 20 kg Gepäck und ein kleines Handgepäck mitnehmen. Es war wirklich nicht einfach zu entscheiden, was ich wirklich brauche und was nicht. Ich habe mir gedacht: „Ein ganzes Jahr? Da brauch ich doch mein ganzer Kleiderschrank!!“  Aber jetzt bemerke ich, dass man wirklich nicht viele Anziehsachen braucht. Theoretisch nur die Schuluniform, die aus einem schwarzen oder grauen Rock bzw. Hose besteht und einer weißen Bluse (Jungs tragen Anzüge).

Ein heißer Tee nach einem Spaziergang in der Kälte wärmt mich wieder auf

Woran ich mich am Anfang erst mal gewöhnen musste ist, dass man in Russland drei warme Mahlzeiten am Tag isst. Das hängt vermutlich damit zusammen, dass es hier sehr kalt ist (bis -40°). Und man trinkt nach jedem Essen oder wenn man von draußen reinkommt, übersüßen heißen Tee mit Gebäck oder Schokolade. Mittlerweile ist das für mich Normalität geworden und ein heißer Tee nach einem Spaziergang in der Kälte wärmt mich wieder auf.
 
Am Anfang waren auch die Transportmittel für mich sehr ungewohnt, da es in meiner Stadt vier verschiedene davon gibt: Ein Bus, der mit Strom fährt, ein normaler Omnibus, der etwas kleiner ist als unsere deutsche Busse und Taxis, wie ich sie auch aus Deutschland kenne. Aber ein Transportmittel war anfangs sehr gewöhnungsbedürftig für mich: Es ist der Schnellbus Marschrutka. Es ist ein kleiner weißer Transporter mit getönten Scheiben. Wenn man mit ihm fahren möchte, muss man sich an den Straßenrand stellen und seine Hand ausstrecken und wenn man aussteigen möchte, muss man laut durch den Bus rufen „Halten Sie bitte an der nächsten Haltestelle!“ Außerdem ist in jedem dieser Busse ein Fahrer und eine Frau, die Tickets verkauft. Am Anfang war es sehr komisch, durch den Transporter zu  schreien, dass man aussteigen möchte, da ich das aus Deutschland natürlich nicht kannte.

Schule – auch am Samstag

An was ich mich noch gewöhnen muss, ist, dass man hier auch am Samstag zur Schule gehen muss. Am Anfang saß ich samstags im Klassenraum und habe mir immer gedacht „meine Freunde schlafen jetzt noch schön und ich sitze hier“. Aber um ehrlich zu sein, muss ich zugeben, dass ich es mittlerweile sogar gut finde, da der Sonntag meistens der langweiligste Tag in der Woche ist. Die meisten denken jetzt wahrscheinlich, dass das an den Öffnungszeiten der Geschäfte liegt und man nicht shoppen gehen kann. Aber, nein! Viele Russen sitzen am Sonntag meistens einfach nur zuhause und unternehmen nichts. Ehe ich mich langweile, gehe ich doch lieber zur Schule!
 
Was für mich auch sehr ungewöhnlich war: Das Essen in der Schule und die sehr kurzen Pausen. Die Schüler schaffen es hier, in 20 Minuten zu essen, den Raum zu wechseln und sich noch auf den Unterricht vorzubereiten.
 
Und auf der Straße stehen Männer, die Zugtickets für Fahrten in die Großstädte verkaufen. Am Anfang hatte ich wirklich Angst vor ihnen, da ich sie am Anfang nicht verstanden habe und sie mir sehr nah kamen.
 
Ich habe ja schon erwähnt, dass die Russen sehr viel Tee mit Schokolade trinken. Deshalb ist auch selbstverständlich, dass es spezielle Geschäfte für Süßigkeiten gibt. Bemerkenswert sind aber auch die Dächer der Kirchen: die Kirchen mit den Zwiebeldächern sehen einfach toll aus. Am Anfang dachte ich, dass ich so etwas nur in großen Städten wie Moskau sehe, aber nein, in meiner Stadt Cheboksary gibt es diese Dächer auch.
 
Was man in Russland sehr gerne macht, ist ein Besuch in einer Sauna, Banya genannt. Männer und Frauen gehen getrennt rein. Im Winter legen sie sich nach der Sauna in den Schnee.

Bildung ist in Russland sehr wichtig

Außerdem legt man großen Wert auf Bildung, also jedes kleines Kind in Russland geht zum Schachunterricht, zum Tanzen oder Klavierunterricht. Meine kleine Gastschwester geht sogar zur allen drei. Mädchen in meinem Alter lesen sehr gerne Bücher. Jungs in meinem Alter gehen gerne zum Boxen. Man trifft sich nicht wie bei uns in Deutschland zuhause, sondern meistens in Cafés, wo man Törtchen essen und dazu übersüßen Tee trinken kann. Viele Jugendliche gehen aber auch regelmäßig ins Kino oder ins Theater, da die Karten hier sehr günstig sind. Die meisten Jugendlichen hören lieber Rock als Rap. Im Winter geht man aber auch Schlittschuhfahren (was umsonst ist, wenn man seine Schuhe hat) oder Skifahren.
 
Was ich zudem sehr faszinierend finde, ist der Winter in Russland. Mir wurde gesagt, dass der Schnee dieses Jahr sehr gering ist, aber ich finde ihn schon viel, da ich aus Deutschland kaum Schnee sehe. Der Schnee ist auch nicht, wie in Deutschland, eine Mischung aus Regen und Schnee. Nein! Der Schnee ist so fein wie Sand und, wenn die Sonne scheint, glitzert er wunderbar. Als hätte jemand die Straßen mit Glitzer bestreut. Und die ganzen Eis Statuen, es sind Statuen aus Eis. Wenn jemand Russland besuchen möchte, dann würde ich eindeutig den Winter empfehlen! Im Sommer ist es natürlich auch schön, da ich aber aus Deutschland kaum Schnee kenne, finde ich den Winter am besten.
 
Was ich aber bislang am Besten fand, war Neujahr. In Russland feiert man Neujahr ähnlich wie bei uns Weihnachten. Wir sind morgens aufgestanden und haben gefühlt 100 verschiedene Salate zubereitet. Und alle Frauen im Haus haben Plimeni gemacht, das sind mit Fleisch gefüllte Teigtaschen. Kurz vor Mitternacht haben wir eine Rede des Präsidenten angehört. Und genau um 24:00 Uhr hat jeder mit Geld geschüttelt, damit man im nächsten Jahr mehr Geld hat. Der ganze Abend war ein unvergessliches Erlebnis.
 
Zum Schluss möchte ich die Gelegenheit nutzen, um mich bei der Bürgerstiftung Leverkusen zu bedanken. Sie haben mir geholfen, meinen Traum zu erfüllen, und dafür bin ich sehr, sehr dankbar. Die Zeit hier wird mir immer in besonderer Erinnerung bleiben!